„Die Welt wird von Meinungen regiert“. Eine Klage von 1704

525 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Manches scheint erschreckend aktuell. Schon vor über 320 Jahren beklagten Ärzte und Gelehrte die Ausbreitung von Halbwissen, selbsternannten Heilkundigen und medizinischer Desinformation. In der gelehrten Zeitschrift „Nova literaria Maris Balthici et Septentrionis“ erschien 1704 ein Bericht über einen tragischen Fall von Kurpfuscherei. Der Herausgeber fügte einen leidenschaftlichen Kommentar hinzu, in dem er gegen Scharlatane, unwissenschaftliche Heilverfahren und die Verbreitung fragwürdiger medizinischer Ratgeber polemisierte.

Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen die Kurpfuscher selbst. Besonders scharf greift er Ärzte an, die aus Ruhmsucht medizinische Lehrbücher und Rezepturen in deutscher Sprache veröffentlichen und dadurch – so seine Ansicht – „unwissenden Händen Waffen“ in die Hand geben.

Zur Bekräftigung seiner Argumentation zitiert der Herausgeber die Bibel, den Historiker Tacitus und medizinische Fachliteratur. Er schließt mit einem humoristischen Gedicht, welches den Weg eines Kranken durch das damalige Gesundheitswesen mit einem Gerichtsprozess vergleicht. (Nur das Gedicht original deutsch).

Auszug (automatisch übersetzt):

Wäre es doch so, dass dieser verderblichen Brut nicht gerade die Ärzte unseres eigenen Faches Nahrung gäben! Um sich den Ruf besonderer Gelehrsamkeit zu verschaffen, speien sie ganze medizinische Systeme, mit Formeln und Rezepten karrenweise beladen, in deutscher Sprache aus dem Papier in den Druck und liefern dadurch unwissenden Händen Waffen aus, die zum Verderben des Menschengeschlechts bereitet sind.

„Wenn aber jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben.“ (1 Kor 3,17.)

Es ist ein Missstand, den man nicht ohne Schande für unsere Kunst hinnehmen muss, auch wenn er sich wohl nicht mehr ändern lässt.

Hierauf passt auch die Klage des Tacitus über die Astrologen:

„Eine solche Art von Menschen wird zwar immer wieder verboten, aber ebenso immer wieder geduldet.“

Ebenso wird wohl für alle Zeiten das bekannte Wort gelten:

„Die Welt wird von Meinungen regiert.“

Hat sich dieses Geschlecht von Dämonen erst einmal eingenistet, so lässt es sich nur mit größter Mühe wieder vertreiben.

Es gleicht den Filzläusen, die sich so tief festsetzen, dass sie sich nicht mit leichter Mühe ausrotten lassen, wie Rosinus Lentulus in seinen Miscellanea medico-practica (Teil 2, S. 610) bemerkt.

Dessen scherzhaftes Gedicht, das einst von einem Medizinstudenten in ein Stammbuch eingetragen wurde und sich am angegebenen Ort (Teil 1, S. 98) findet, soll hier als passender Schluss angefügt werden.

Das Gedicht ist eine kleine medizinische Gerichtssatire, die den Gang eines Kranken durch das damalige Gesundheitswesen mit einem Gerichtsverfahren vergleicht.

Freund / fragst du / wem doch ähnlich sey 
Das arme Practiciren?
Jch sage der Juristerey,
Und dem Processe-führen.
Wanns Händel giebt / so hängt mans an.
Bey niederen Gerichten:
Was diese Banck nicht heben kan /
Das müssen höh're schlichten;
So geht es mit der Medicin !
Wann sich der Krancke leget /
Meynst du / daß ihm die Zuflucht hin
Zum rechten Doctor träget?
Ach nein ! es hat die erst Instanz
Der Schmierer / Scherer / Kratzer /
Das alte Weib der Praler-Hans /
Der Lügner und der Schwätzer.
Schiebt der den Karren in den Koth /
Der Krancke will marchiren /
So will man in der letzten Noth
Zum Doctor appelliren.
Das laß mir eine Praxin seyn :
Es gilt der Haut der Armen.
&c. &c.

Der Schluss besagt etwa: „Eine schöne Praxis ist das: Man experimentiert auf Kosten der armen Kranken.“

Quelle: Nova literaria Maris Balthici et Septentrionis, Lubecae ; Lipsiae ; Hamburgi 1704 (Maiausgabe), S. 152f

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