32. Fahrtenschreiber

In dieser Sichtweise – einer poetologisch-geographischen – ähnelt Oliver großen Kollegen wie zum Beispiel T. S. Eliot, Josif Brodski oder Czeslaw Milosz: Alle drei waren auf der Suche nach dem Arkadien unserer Tage. So auch Oliver: Mit dem feinen Unterschied, dass der Hausacher die Sprache vor allen Dingen wie eine Videokamera benutzt – da nimmt einer lyrisch-buntscheckige Momente auf, da wird nach Bildern gesucht, die unsere Augen und unsere Vorstellungskraft reizen.

Dabei handelt es sich um eine entpersonalisierte, vom Ego des Autors befreite Lyrik, die es dem Leser ermöglicht, die Welt zwar wie gewohnt, aber doch durch eine poetische Brille zu betrachten. Insofern ist José Oliver in erster Linie ein beschreibender und erzählender Dichter, der die Leser und die Welt nicht durch seine eigenen Gedanken und Urteile manipuliert. Mögen sie hier und da auch ans Licht kommen, so sind sie frei vom Schmerz eines enttäuschten Weltverbesserers, eines leidenden Ichs. / Artur Becker, FR 7.7.

José F.A. Oliver
„fahrtenschreiber“,
edition suhrkamp
D: 12,00 €
A: 12,40 €
CH: 21,70 sFr
Erschienen: 15.03.2010
edition suhrkamp 2604, Broschur, 135 Seiten
ISBN: 978-3-518-12604-2

31. Großes Wörterschießen!

Das Misstrauen, die Sprachskepsis erreicht um 1900 in Philosophie und Literatur einen Höhepunkt; der berühmteste aus solcher Skepsis hervorgegangene Epochentext ist Hofmannsthals Chandos-Brief 1902. Heute weniger bekannt, doch der Erinnerung durchaus würdig ist das radikale Sprachdenken von Fritz Mauthner. Ein hübsches Denkmal hat der von Mauthner zutiefst beeinflusste Christian Morgenstern dem Lehrmeister errichtet, und zwar in der satirischen Montage ‚Aus dem Anzeigenteil einer Tageszeitung des Jahres 2401‘. Auf Mittelachse gesetzt erscheint hier folgende Ankündigung: ‚Vorankündigung / 22. November Fritz-Mauthner-Tag 22. November / Spectaculum grande / Großes Wörterschießen! Preise bis zu 1000 M! / Mittelpunkt der Veranstaltung: / Zehnmaliges Erschießen des Wortes / ,Weltgeschichte“ / durch je zehn Scharfschützen / zehn deutscher Stämme. / Das Festcomité / der Vereinigung zur ordnungsgemäßen Erschießung / verurteilter Wörter.‘

Dies drückt sehr schön den Impuls des Mauthnerschen Misstrauens aus, die Wendung gegen den leeren, mehr noch: den faulenden, korrupten Begriff. Die Sprache muss gesäubert werden. Das rabiat Anarchische dieses Destruktionsvorhabens, in dem sich schon der Dadaismus anzukündigen scheint, hat aber nichts gemein mit völkischen Bestrebungen zur ‚Sprachreinigung‘, nicht das Fremde soll eliminiert werden, sondern das Dummgewordene, nicht das Undeutsche, sondern das Antisprachliche, das der vernünftigen Kognition Entgegenstehende. Die dreiste Simulation von Sinn durch die abgehalfterte Phrase, das ist es, was ‚erschossen‘ werden soll. …

In einem bekannten Gedicht, das der vierten der zu den Galgenliedern zusammengeschlossenen Sammlungen den Titel gab, ‚Der Gingganz‘, lässt Morgenstern zwei Gegenstände in einem Wandergespräch agieren: ‚Ein Stiefel wandern und sein Knecht /von Knickebühl gen Entenbrecht.‘ Bei der Unterhaltung zwischen einem Stiefel und dessen Stiefelknecht erwächst die Figuration des ‚Gingganz‘ aus der vom Stiefel gesprochenen Zeile: ‚Ich ging ganz in Gedanken hin.‘ Der Sammlung setzt Morgenstern nun den Satz voraus: ‚Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe‘, was die Entschuldigung des Stiefels unnachgiebig kommentiert. Denn Versunkenheit in Gedanken heißt genau deren Kontaminierung durch die trügerische Logik der Sprache: ‚Urplötzlich auf dem Felde drauß / begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!‘ / Joachim Kalka, SZ 28.6.

30. EEE-Teil 5: VON DER ALLMÄHLICHEN VERFERTIGUNG EINES GEDICHTES BEIM SPRECHEN: LIVE-LYRIK „ON BOAT“ WAR TROTZ LIVE-FUßBALL EIN GROßER ERFOLG!

De Toys improvisierte über den Sonnenball als „große Schwester“ beim 12. Kunst- und Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ 2010

„So habe ich fast jeden Morgen beim ersten Erwachen das Gefühl, daß mir der Sinn des Lebens vollkommen klar ist, daß ich selbst und daß das Universum ein Ding höchster Einfachheit ist. ‚ICH‘ und ‚DAS, WAS IST‘ sind dasselbe. (…) Ich könnte sagen, daß ich aus demselben Stoff gemacht bin wie das Universum und daß es einfach nichts gibt, was besonders erlangt, verwirklicht oder ausgeführt werden muß. (…) Ich habe Leute vor den Kopf gestoßen, die meine Seminare besuchten, weil sie einen international berühmten Philosophen hören wollten, und statt dessen nur aufgefordert wurden, natürlich zu atmen und zu summen, damit ihre Stimme den Weg des geringsten Widerstands gehe wie fließendes Wasser.“
Alan Watts (1915-73), in: ZEIT ZU LEBEN (1972)

G&GN-INSTITUT BERLIN-NEUKÖLLN / Am Sonntag, den 27.6.2010 legte die Spree-Prinzessin um 18 Uhr letztmalig ab, um den Berliner Landwehrkanal auf der Höhe Dreiländereck (Neukölln-Kreuzberg-Treptow) eine Stunde lang im Rahmen des diesjährigen 12. Kunst- und Kulturfestivals „48 Stunden Neukölln“ mit einer Lesung der ungewöhnlichen Art zu beschallen: Gemäß seiner Totalimprovisationsmethode Free Word Jam (Theorie: www.freewordjam.de) „channelte“ der frühere Slampoet & Ex-Socialbeat-Dichter Tom de Toys auf quasi-telepathische Weise ein spontanes hochgradig esoterisches Live-Gedicht zum vorgegebenen Motto „Erinnerung“. Bereits 2007 hatte er den irdischen Ozean in der Lyrikmail #1502 anläßlich des „Internationalen Tages des Wassers im UNO-Jahr des Delfins“ (22.3.2007) als Schwester bezeichnet und dabei eine kybernetische Dissoziation mit der Metapher der Leere als omnipräsente Mitte gewagt:

„…ozean oh meine große / schwester ozean / wir trinken dich / wir trinken uns / wir atmen diese leere / mitte überall…“
Auszug aus dem 40.Jubiläums-E.S.-Beispiel: „ÜBER(ARM)ENDE“
(c) De Toys, 16.+24.8.2006; Quelle:
http://www.lyrikpost.de/blog/category/alle-autoren-bei-lyrikmail/tom-de-toys/page/2/

In der Live-Improvisation vom 27.6.10 erweitert Tom de Toys das Thema Ozean vier Jahre später hin zum alles durchdringenden überblauen kosmischen Urmonster und benennt nun in der Minute 2:17-3:09 den Lichtball Sonne als „große Schwester“, während ein synchrones Autohupkonzert auf der Straße vom Ufer her an das soeben siegreich beendete Fußballspiel erinnert:

„…und es gibt ein feuer in diesem wasser / eine feuer das glüht mehr in den herzen / als jeder andere ball / dieser ball ist aus reinem licht / und er leuchtet für uns / seit jahrmilliarden lichtjahren / auf dem weg auf dem weg / in sein eigenes vergessen / / ja du meine große schwester sonne / auch du wirst dich eines tages vergessen / du wirst dich verschlucken an dir selbst / und es wird kalt werden / in dieser galaxie / so kalt wie es schon vor anbeginn war / als wir noch gar nicht wußten / daß wir kommen würden / aber jetzt sind wir da / meine damen und herren / das ist der planet erde / links das blau / und rechts das blau / und unten blau / und oben blau / wir sind durchdrungen von dem kosmischen wasser…“
Exklusives L&Poe-Preview aus: „DAS KOSMISCHE URMONSTER (JEDER MENSCH IST EIN ENGEL)“
(c) De Toys, 27.6.2010, 18:16-18:34h; Quelle:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=483273196&blogId=536740275

Dank des kongenialen Filmmitschnitts im Stile der „Mobilen Meditationen“ (Sammlung: www.mobilemeditation.de), die der Dichter in seiner Freizeit selber von Wasserreflexionen dreht, liegt nun eine vollständige 3-teilige Video-Dokumentation des stimmgewaltigen 18-minütigen Auftritts vor, ohne die der live kreierte Text nicht mehr existieren würde. Der Anfang des Sprechspektakels (Teil 1) ist auch auf YouTube zu erleben:


http://www.youtube.com/watch?v=9q7GnFEUwRo

Die komplette Abschrift des Textes erscheint im Laufe der nächsten Tage im myspace-Blog der Band „Das Rilke Radikal“ (www.NEUROLYRIK.de), weil sich die Lesung bzw „Sprechung“ als heimlicher Überraschungsgig des DR2-Urduos entpuppte, als sich plötzlich der Neurotrompeter Dr. Christoph Beringar alias Dr.B neben De Toys platzierte und ihn mit melodischen Effekten begleitete… Zwei Tage nach der Bootsfahrt schrieb Tom de Toys noch eine Art Nachspann zu den Stichwörtern „Sonne“ und „Ball“, wobei sein altes Thema der „leeren Mitte“ (sämtliche Materialien:www.TRANSRELIGIOSITAET.de) als Loch wieder auftaucht und den überblauen Bogen als Trilogie rund macht:

(c) Tom de Toys, 29.6.2010 (23:46h) gewidmet Hugo Ball, als
exklusive Erstveröffentlichung für GratZENs Lyrikzeitung:

WELTFORMELFREIER GESANG VOM GANZEN

(DIE INFLATION DER MATHEMATIK OHNE MYSTIK)

Die Erde ist rund
Der Mond ist rund
Die Sonne ist rund
Das Loch in der mitte der galaxie…
sogar Der Stein am strand
ist rund!
Der Hauptgedanke im hirn: ist rund.
Das Wort ist rund
Die Liebe ist rund
Der Ball und Der Deckel
sind ebenfalls rund
was sich ergänzt wird doppelt rund
denn alles WAS IST
ist sowieso rund
ein jedes bißchen
IST RUND
auch bißchen mehr ist richtig rund
und trotzdem bleibt Die Wahrheit
ein grenzenloser schlund
Die Erde ist rund
Der Mond ist rund
besonders Das Runde
IST IMMER schon rund
Die Sonne ist rund
Das Loch in der mitte der galaxie…

29. Poetry International Web

Die erste von zwei Juliausgaben von PIW (Poetry International Web) ist erschienen mit Dichtern aus Kolumbien (zweisprachig) und den USA. Es sind

aus Kolumbien

  • Eduardo Cote Lamus
  • Margarita Cardona

und aus den USA

  • Amy Beeder
  • Kay Ryan
  • Ron Silliman

Außerdem mit 45 Poetry Clips vom Poetry International Festival 2010 in Rotterdam.

Clip of the Month: THE CRY OF A MARE ABOUT TO BECOME A BUTTERFLY von Kamran Mir Hazar (Afghanistan)

28. DIE UNVERZICHTBARKEIT DER ZEITSCHRIFT

MICHAEL  BRAUN

Laudatio auf Andreas Heidtmann und den POET, anlässlich der Verleihung des Calwer Hermann-Hesse-Preises

In Wahrheit sind solche Zeitschriftenmenschen nur noch Randfiguren des literarischen Betriebs, literaturverrückte Einzelgänger und Sturköpfe, die sich von mageren Renditen nicht von ihrer Leidenschaft für die Literatur abbringen lassen und sich einen hartnäckigen Entdeckerehrgeiz für literarische Begabungen und vergessene Texte bewahrt haben. Zeitschriftenmacher wie Andreas Heidtmann aus Leipzig – das sind die letzten Abenteurer des Geistes, unterwegs nicht nur auf allen Kontinenten der Weltliteratur, sondern auch in den Winkeln der Provinz, um dort die unentdeckten Talente der Gegenwartsdichtung aufzuspüren. Andreas Heidtmann, der heute für sein Literaturmagazin POET mit dem Hermann-Hesse-Preis der Stadt Calw ausgezeichnet wird, hat seit 2005 gleich zwei literarische Horchposten errichtet, die zur Verbesserung unserer literarischen Infrastruktur beigetragen haben: Er hat mit dem „Poetenladen“ im Internet eine gut besuchte Plattform für Gegenwartsliteratur geschaffen, die einen im Getümmel der Newcomer, Novizen und ambitionierten Talente einen verlässlichen Überblick liefert. Und er hat 2007 mit dem Literaturmagazin POET eine Zeitschrift  gegründet, die auf jeweils rund 200 Seiten den allerjüngsten Metamorphosen der vielversprechenden Jungen Literatur auf sehr inspirierte Weise nachspürt.

Lesen Sie hier Michael Brauns Rede im Wortlaut

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27. Achim Wagner liest

Der Lyriker Achim Wagner schuf seinen „Galata-Gedichtzyklus“ in Istanbul. Dort verbrachte er sechs Monate als Stipendiat der Kunststiftung NRW. Erstmals wird der Kölner Lyriker heute um 19.30 Uhr im Heine Haus an der Bolkerstraße 53 aus seinem Werk lesen. / Rheinische Post

26. „Erinnert euch an Chaibar, Chaibar!“

So friedfertig, wie sie vorgaben, waren viele Gaza-Aktivisten nicht. Die türkische Hilfsorganisation IHH hatte ganz eigene Ziele, schreiben DORIS AKRAP UND PHILIPP GESSLER, taz 1.7.

Auf dem Schiff wurde auch gesungen („wo man singt….“):

Wie der arabische Sender al-Dschasira zeigte, wurde die „Mavi Marmara“ am 23. Mai in Istanbul mit antisemitischen Gesängen verabschiedet. Dabei wurde ein Lied über den jüdischen Ort Chaibar gesungen, der als angeblich letzte jüdisches Oase auf der Arabischen Halbinsel im Jahr 629 von dem Propheten Mohammed erobert wurde. Im Lied heißt es: „Oh Juden, erinnert euch an Chaibar, Chaibar! Die Armee Mohammeds wird zurückkehren!“ Nach einem Video, das israelische Behörden von einem der Gaza-Aktivisten konfisziert haben, wurde dieses Lied auch auf der „Mavi Marmara“ gesungen. Bei Verabschiedung der „Mavi Marmara“ wurden zudem Fahnen der Hamas geschwenkt. Al-Dschasira interviewte eine Aktivistin, die sagte, für sie wäre auch der Märtyrertod ein Erfolg. Ein Video, das die israelische Armee von einem Aktivisten beschlagnahmte, zeigt einen Passagier, der vor dem Entern der „Mavi Marmara“ verkündete, er wünsche sich, als Märtyrer zu sterben.

25. Zum 80. Geburtstag von Hans-Jürgen Heise

Das Örtchen Fuente Vaqueros, in dem der Lyriker Federico Garcia Lorca 1898 geboren wurde, liegt etwa 15 Kilometer westlich von Granada. Heute befindet sich dort die „Casa Museo Lorca“, in der man neben Gegenständen aus Lorcas Besitz auch das 1968 von Hans-Jürgen Heise verfasste Gedicht „Fuente Vaqueros“ bestaunen kann – als Dauerexponat.

Den Weg, auf dem es in Lorcas Geburtshaus fand, muss man sich ungefähr so vorstellen. Ein 1930 im pommerschen Bublitz, dem heute polnischen Bobolice geborener Mann aus bescheidenen Verhältnissen, liest, was ihm zwischen die Finger kommt. Nach dem Krieg besucht er regelmäßig die Bibliothek des Berliner Amerikahauses. Ein Versuch, beim Tagesspiegel unterzukommen, für den er heute gelegentlich schreibt, schlägt fehl. 1949, da ist er gerade 19, druckt „Die Neue Zeitung“ erstmals ein Gedicht von ihm. Heise wird Volontär in der Redaktion des Ostberliner „Sonntag“. Im Nachkriegsberlin ist er kurze Zeit später einer der jüngsten Feuilletonjournalisten.

Irgendwann im Lauf seiner Lektüren muss er dann mit den Werken des andalusischen Dichters García Lorca Bekanntschaft geschlossen haben – wie er im deutschen Sprachraum auch immer ein wichtiger Anwalt für andere Schlüsselfiguren der spanischen Moderne wie Rafael Albert wurde. Das Interesse war erwacht, lange bevor er selbst seinen Fuß auf spanischen Boden setzte und, zusammen mit seiner zweiten Frau, der Dichterin Annemarie Zornack, Fuente Vaqueros, Granada und die Gebirgsdörfer Viznar und Alfacar besuchen konnte. 1968 war das, damals ist auch das erwähnte Gedicht entstanden. / Volker Sielaff, Tagesspiegel

Zuletzt erschienen im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist: Luftwurzeln. Ausgewählte Gedichte aus sechs Jahrzehnten. 240 Seiten, 20 €. – Ein Sommertag extra. Achtzig Short Cuts. 118 Seiten, 15,45 €. – Federico Garcia Lorca: El canto quiere ser luz / Das Lied will Licht sein. Gedichte zweisprachig. 184 Seiten, 20 €. Außerdem: Brieftauben im Internet. Neue Gedichte. 40 Seiten, 6,90. Verlag im Proberaum, Klingenberg.

24. Klar sehender Europäer

Weil sich der Selbstmord Carl Einsteins, eines der wenigen Europäer – denn ein Deutscher war er ja nicht –, die im letzten Jahrhundert interessant über Kunst geschrieben haben, zum 70. Male jährt, erlaubt sich die Frankfurter Rundschau ein wenig Ironie:

„Bei Kurt Tucholsky fand sich eine freche Bemerkung. 1931 zitierte er aus einer Rezension Einsteins – offenbar zu Gedichten Gottfried Benns – einen peinlich pompösen Satz. Dessen einziger Sinn, so Tucholsky, bestehe offenbar darin, auszuloten, was einer Redaktion alles zuzumuten sei. Tucholskys Methode ist fies, aber leider funktioniert sie stets, wie die Blattkritik täglich beweist. In diesem Fall kann man daraus aber einen versöhnlichen Schluss ziehen: Ein Schriftsteller muss kein guter Journalist sein und eine Zeitungskolumne keine Literatur.“

Der Satz, den Tucholsky für unzumutbar und die Rundschau für „peinlich pompös“ hält, lautet:

„Nach den beschreibenden Gedichten der Jugend bemerkt man im Gedicht ‚Karyatide‘ das Eindringen eines stärker dynamisierenden Wortvorgangs; das Motiv schwindet, zerrinnt fast in den zeitflutenden Verben; das zeithaltige funktionsreiche Ich läßt das Motiv vibrieren und aktiviert den Dingzustand im Prozeß; nun lebt das Motiv stärker, doch nur in der Zentrierung in das Ich; die Bedingtheit der Welt durch das lyrische Ich wird gewiesen.“

Er ist Teil einer klar sehenden Kritik.* Aber es geht gar nicht um einen Satz. Tucholsky hatte Einstein und die moderne Kunst schon Jahre zuvor auf dem Kieker. In dem von Einstein und Paul Westheim herausgegebenen „Europa-Almanach“ von 1925, in dem neben vielen anderen Werke von Alexander Blok, Constantin Brancusi, Georges Braque, Bertolt Brecht, Blaise Cendrars, Le Corbusier, Otto Dix, James Ensor, Lionel Feininger, André Gide, Juan Gris, Sergej Jessenin, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Fernand Léger, El Lissitzky, Wladimir Majakowski, Kasimir Malewitsch, Amedeo Modigliani, Benjamin Péret, Pablo Picasso, Pierre Reverdy, Arthur Rimbaud, Erik Satie, Tatlin und Melchior Vischer erschienen sind, wollte Tucholsky einzig und allein ein Berliner Icke-Gedicht („Ick sitze da un esse Klops“) und ein paar Zeichnungen von George Grosz gelten lassen. / STEFAN RIPPLINGER, Jungle World

* C.E., „Gottfried Benns ‚Gesammelte Gedichte‘“ in Die Neue Rundschau, Oktober 1927, S. 446f., erneut in ders., „Werke“, Bd. 2, hg. v. Marion Schmid, Berlin 1981, S. 369-372. Die Besprechung endet mit „Vor Leistung ist Lob töricht; ich stelle meine Bewunderung fest“. Die „Abneigung gegen die teleologische Dynamik des Entwicklungs- und Kausalitätsnepps“ versteht sich aus der Ästhetik des jungen Einstein von selbst, die Bewunderung von Benns „objektentbundenem Subjektivismus“, seinen „zerebralen Halluzinationen” und seiner „autistischen Beschwörung“ wird von Einsteins posthumer Schrift „Die Fabrikation der Fiktionen“ widerrufen. Aber dass er so glasklar diagnostiziert hat, was seiner späteren Kritik verfallen musste, ist nur ein weiterer Beweis für die Stärke seiner Analyse.

23. Meine Anthologie 51: Manfred Peter Hein, Musikdampfer

MUSIKDAMPFER

Das ist erstaunlich
diese Träume
dies Bild
dies Ende

Gips an den Augenrändern
Sinter, Schaum: Sieben Tage geleichtert die Woche
vor einem herrenlosen Brett
mitten im ultramarinblauen Meer

das in Visionen spielt:

Schmetterlingen wie Bücher
Steinen wie Kreise
Häusern wie Fenster und Türen

wo die Schwedin zu ihrem Deutschen sagt:
Und wieder geht ein schöner Tag…
Und er: Meine Liebe Mon amour

Wo ist der Sinn der nicht Unsinn verbreitet

und hat es Sinn danach zu fragen

Warum eine Woche mit sieben Köpfen aus Gischt, Gips
warum nicht das Meer
warm ist das Meer eine schlechte Vokabel

Mit schäumenden Augenrändern Warum?

Die letzte Pier meiner traumverlorenen Kindheit heißt
Wabern Zennern Fritzlar
Ungedanken Wega
Bad Wildungen Böhne
sinnlos und ohne Zusammenhang

wie sieben Köpfe aus Gips
wie eine Woche auf einem Dampfer aus Musik
im ultramarinblauen…

Dies Bild ist erstaunlich

dies Bild ohne Ende:

Tango ein Käse aus Dänemark
Alice kommt   kommt ata-neu
bestimmt für die Sonnenstunden des Lebens
Und soviel wieviel Frauen!
Und eins und zwei mein Freund kommt mit
Euer Sandmann wünscht euch
eine recht gute Nacht!

Diese Dunkel Rote Flamme
Im Zeichen des roten Oktober
trifft die Flamme der Revolution ein

Dies Bild
diese Träume

dies Ende

Wieder ein schöner Tag…
Mon amour

mitten im ultramarinblauen…

die Häuser wie Fenster und Türen
die Steine wie Kreise
die Schmetterlinge wie Bücher
Ultramarin- Ultramarin-

Blaue Kosmische Senkrechtsonde

Aus: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. Zürich: Ammann-Verlag 1993, S. 66-69.

Zusatz 2010:

Zuletzt erschien:

Manfred Peter Hein: Im Dunkel unter den Brauen. Gedichte aus der Sammlung Weltrandhin. Mit einem Holzschnitt von Hubert Scheibe. Erstveröffentlichung. Meran: Offizin S, 2009  (Lyrik aus der Offizin S, Heft 12)

Hein in L&Poe:

https://lyrikzeitung.wordpress.com/tag/manfred-peter-hein/

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22. Glühende Verse

Heute in der Lettrétage

Montag, 5. Juli 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,-•
Glühende Verse
Matthew Zapruder und Ron Winkler lesen Gedichte und präsentieren die Graphic Novel Der Pyjamaist von Martina Hoffmann

Mit einem freundlichen Augenzwinkern durchstreift der 1967 geborene Matthew Zapruder eine durch die Grausamkeit der Conditio Humana häufig trostlos wirkende Welt. Seine Gedichte sind nie statisch, sie sind auf dem Weg „fortwohin“. Ron Winkler, einer der wichtigsten Vermittler US-amerikanischer Gegenwartsdichtung, hat seine Gedichte übersetzt. Die beiden lesen aus dem bei luxbooks erscheinenden Band ausgewählter Gedichte und präsentieren gemeinsam die auf einem Prosagedicht Zapruders basierende Graphic Novel Der Pyjamaist von Martina Hoffmann.

Matthew Zapruder (*1967) hat bisher die beiden Gedichtbände American Linden (2003) und The Pajamaist (2006) veröffentlicht. Er studierte in Amherst und Berkeley und lehrt heute in Amherst. 2007 wurde er für The Pajamaist mit dem William Carlos Williams Award ausgezeichnet. Er ist Mitgründer und Cheflektor des Independent Verlags Wave Books, der sich auf Lyrik spezialisiert hat, und unter anderem James Tate, Arielle Greenberg und Rachel Zucker verlegt.

Ron Winkler lebt und arbeitet als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Er wurde 1973 in Jena geboren und studierte Gemanistik und Geschichte. Mit seinen Gedichtbänden vereinzelt Passanten (kookbooks, 2004), Fragmentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) und Frenetische Stille (Berlin Verlag, 2010) sowie durch seine zahlreichen Herausgeberschaften (Schwerkraft, Jung und Jung, 2007; Hermetisch offen, Verlagshaus J. Frank, 2008; Neubuch, yedermann, 2008) hat er sich als einer der wichtigsten Vertreter der jüngeren deutschen Lyrik ausgewiesen und ist mit Jan Wagner einer der bedeutendsten Vermittler zeitgenössischer deutscher und amerikanischer Lyrik. Zu seinen Auszeichnungen gehören der Leonce-und-Lena-Preis (2005) und der Mondseer Lyrikpreis (2006).

Martina Hoffmann lebt und arbeitet als freie Graphikerin und Illustratorin in Berlin. Ihre wundervollen Bilderwelten zieren Magazine, Plakate und Platten-Cover. Seit 2005 kreiiert sie Jahr für Jahr den beliebten Mädchenkalender. Ihr Animationsfilm Lotta und der Zauber in der Nacht ist als Buch mit dazugehöriger DVD bei luxbooks 2008 erschienen.

21. Minette a tout

Hier war gelegentlich von Körpertexten die Rede. Hier ein Zufallsfund, der die Körperteile einer gewissen Minette betrifft, von Kopf bis Leber (zugleich ein Kommentar zur Abstimmung in Bayern gestern, oder wars Polen? Ach!)

Les aventures de Minette Accentiévitch du serbe Vladan Matijevic, premier roman érotique publié chez Les Allusifs en 2007 Mehr

20. „Die ganze Zeit”

Egger schreibt ganz im Sinne Queneaus und Pastiors, wenn er in seinem neuen und üppig ausgestatteten Buch „Die ganze Zeit” auf 740 Seiten wenig Literatur im herkömmlichen Sinn, dafür aber Übungen zum Gebrauch von Literatur liefert. Es ist der Leser, der wie ein Hauer im Buchbergwerk „elfunddreißig Ichs” und Stabreime aufspüren muss. Es ist harte Arbeit, dieses lesende Stolpern: „Kolosse fiebern und schockern über die holprigen Bodenwellen.”

Musikalischer Rhythmus hilft wieder auf die Beine. „Ich wittere Blut, warmes Fleisch verheißt es. Zum ersten Mal aber tauchten Windgespenster auf, die hier, in üppigen Matten, zu Tausenden die Luft beeggten, Wespen: so langsam steifen die Branten vor.” Als Kommentar steht am Seitenrand: „Harter Regen / und Schneefall, / und der Weg / war klebrig.” Auch das ist Lesestoff für 190258751 Jahre, „die ganze Zeit” eben. / Peter Angerer, tt.com

Oswald Egger. Die ganze Zeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010. 740 Seiten, 46,10 Euro.

19. „Die Sprache ist als Poesie erfunden worden“

Wilhelm Fink schreibt:

Die Geschichte, der Text, die story, ist immer besser als jede Notiz, als jeder Brief, jeder Essay. In der Erzählung lebt ein Stück Welt, in der story bleibt ein Stück von dir. Proust bemerkte sogar, dass er sich selbst gar nicht mehr unmittelbar erlebte, sondern dass „es“ ihm aus seiner Literatur entgegentrat.

Karl Kraus: Künstler ist einer, der aus einer Lösung ein Rätsel macht. – – Belächelte Realität: Das Wirkliche wirkt ja überhaupt immer leicht aufdringlich. Robert Walser.

Unterbewußtes, Träume: Hellsichtig spürte Jean Paul, dass die Beiligung des Ich an Träumen stärker ist als an Wachuzuständen. Dem Traum-Denken räumt er entscheidende Bedeutung ein. Weg vom Realismus: Die Poesie soll überhaupt nicht den Frühling mühsam aus Scholllen und Stämmen hervorpressen. – – Wirklich ist das Erinnerte: Die Erinnerung erzeugt das wesentlich Wirkliche. Der Traum führt auch zur Kindheit zurück. Alles kann nur von neuem erlebt werden durch die Sensibiltät der Person, die wir damals waren. Schriftsteller sind Kinder und Träumer mit dem magischen Weltbesitz. Poesie als letztes Mundstück: – – Die Sprache ist als Poesie erfunden worden, zusammen und mit den Schritten, den Schwüngen und Sprüngen des Tanzes.

Thomas Mann an der Ostsee: „Ich ließ mich bereden, meine Schreiberei an den Strand zu verlegen. Ich rückte den Sitzkorb nah an den Saum des Wassers, das voll von Badenden war, und so, auf den den Knien kritzelnd, den offenen Horizont vor Augen, der immerfort von Wandelnden überschnitten wurde, mitten unter genießenden Menschen, besucht von nackten Kindern, die nach meinen Bleistiften griffen, ließ ich es geschehen, dass mir aus der Anekdote die Fabel, aus dem Privaten das Ethisch-Symbolische unversehens erwuchs, – während immerfort ein glückliches Staunen darüber mich erfüllte, wie doch das Meer jede menschliche Störung zu absorbieren und in seine geliebte Ungeheuerlichkeit aufzulösen vermag.“

Die Leute, die den Ton angeben, sie wollen uns heiter haben. Aber die Ursachen, heiter und aufgeweckt zu sein, wollen sie uns nicht gestatten. (Robert Walser)

18. Wo die Wahrnehmung der Halluzination weicht

Spiegel verzerren sich, Gesichter verschwimmen, und ganze Welten zerfasern, sobald die Wahrnehmung der Halluzination weicht. Fragil und detailverliebt schildert Marion Poschmann in ihrem neuen Lyrikband „Geistersehen“, wie das Sichtbare in Vorstellung übergeht und die Ränder unserer Wirklichkeit verschwimmen. Wahrheit und Vernunft werden relativ, verblassen im Unkenntlichen. Mal ist es die Autobahnraststätte, ein andermal das Schwimmbecken – all ihre Bilder entführen den Leser in einer geradezu funkelnden und verzaubernden Sprachmelodie vom ursprünglich Gegenständlichen hin zu den Grenzen der Erkenntnis. / Björn Hayer, Die Welt

Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, Berlin. 126 S., 17,80 Euro.