135. Das Reich der Lyrik

Wer hätte das gedacht: Georg Kreisler, den wir alle von den Tango tanzenden Tanten und den toten Tauben im Park her kennen, entpuppt sich im fortgeschrittenen Alter allen Ernstes als veritabler Lyriker.

Aber was heißt hier „allen Ernstes“? Es heißt: Eigentlich war er schon immer, als er noch Chansons und Couplets fürs Kabarett schrieb, ein Lyriker. Nur: Wir haben es bisher nicht gemerkt. Er selbst wohl auch nicht. Denn er sagt: „Liedertexte sind mit Gedichten nicht zu vergleichen.“ Welch ein Irrtum! Das Reich der Lyrik ist größer, als ihre Verweser sich das träumen lassen. / Wulf Segebrecht, FAZ 25.6.

134. Unverständlichkeit

Ich hatte ja bislang immer gedacht, wir Lyriker wären die Weltmeister der Unverständlichkeit, aber Löws Wechsel sind unverständlicher als jedes Gedicht, als jeder Wortwildwechsel. / Albert Ostermaier, Die Welt 25.6.

133. Jean Kriers neuer Lyrikband „Herzens Lust Spiele“

Wer frische Luft atmen will, braucht Jean Kriers neues Buch „Herzens Lust Spiele“. So etwas hat man hierzulande noch nicht gelesen. Besser gesagt: So etwas liest man hierzulande nicht. Kein Wunder – der deutschsprachige Dichter lebt in Luxemburg. Dabei sind seine Texte gar nicht so froh und sorglos und dennoch strahlen sie bei aller Ernsthaftigkeit eine unbeschwerte, lebensbejahende Fröhlichkeit aus. Diese Fröhlichkeit ist fragil und aus vielen authentisch anmutenden Krisen gewachsen.

Sprachlich gesehen werden kunstfertig Wortfindlinge, Textsplitter, Zitatsprengsel und Satzstummel aus allen möglichen Kontexten zu einer völlig neuartigen Textur verwoben. Jean Kriers Sprache wirkt jedoch nicht nur recycelt: Alles, was er findet, wird auf äußerst reizvolle Art eingebaut, verwertet und eingearbeitet in einen erfrischenden Sprach-Kosmos, bei dessen unerwarteten Schwenks einem die Spucke wegbleibt. / Armin Steigenberger, Die Berliner Literaturkritik 11.6.

KRIER, JEAN: Herzens Lust Spiele. Gedichte. Poetenladen Verlag, Leipzig 2010. 88 S., 15,80 €.


132. Ein FREIES GEDICHT VOM SOWIESO UNGESCHÜTZTEN

… URHEBER, WEIL DIE ANDEREN SIND JA EHER INDUSTRIEHEBER

Von Rainer Wieczorek

Gedicht zur Straßenverkehrsordnung

Ein autofahrender Fahrradfahrer
du Arsch
Pisssack
eines fahrradfahrenden Autofahrers.

Arschloch
hoffentlich nehmense dir bald den Führerschein ab

Wichser
Mißgeburt
Penner
Schwein
Affenarsch
Idiot und Vollidiot
Et cetera
e t c Punkt
u s w Punkt

StVO und die Gewaltigkeit im deutschen Sprachraum
für fahradfahrende Fahrradfahrer.

Da sagt der Gammler prost und kifft sich einen auf zwei Rädern,
rot über rote Ampeln dem Morgenrot entgegen,
locker bleiben
Kommandierer.

Gedroht zurück flucht euch impulsisches Villon:
Dieses stinkende Weltverpester Pack
verteert bis in den Verstand
geleicht – gerast
Freiheit plappernd, so ein Quatsch
deutsche Automobilindustrie meisterlich am pupsen
bis zur Blähung
bis es platzt
empatieloses Geblech
da vergeht mir alle Höflichkeit, dem Rainerllon.

Rainer Wieczorek am 25.6.2010 zu Schnauzlin


Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de

POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030 61 3456 2

„Evolutionsbüro“ Greifswalderstr. 20
mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“

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131. Neu im pomlit-Blog

… ein Brief von Angelika Janz an das Schweriner Kulturministerium und eine Rede von Peter Wawerzinek zur Eröffnung einer Ausstellung des Rügener Künstlers Walter G. Goes.

Hier: http://pomlit.wordpress.com/

Peter Wawerzinek liest morgen, Sonnabend, 10.00 – 11.00 Uhr in Klagenfurt, live auf 3sat, auch im Internet, Text und Film im Netz abrufbar.

130. Dichter ausgestellt

Handschriften, Drucke, Erstausgaben: Zum 200. Geburtstag von Ferdinand Freiligrath (1810-1876) wird am Dienstag in der Universitäts- und Landesbibliothek der Heine-Uni eine Ausstellung über Werk und Leben des Dichters eröffnet. Die Exponate stammen vom Hermann-Smeets-Archiv der Heimatfreunde Bilk. / Die Welt

(Bis 12.8.)

129. SELBSTGEWOLLTE AMPUTATION

Hör- und Lesefehler. „Seid furchtbar und mehret euch“. Eben lese ich im Spiegel online:

Weltweit leiden Tausende Menschen unter BILD – einer Störung, bei der sich Gesunde um jeden Preis eine Amputation wünschen.

Hirnamputation? – Erst auf den zweiten Blick die Enttäuschung. Nicht BILD heißt die Krankheit, sondern BIID.

Apropos BILD. Der neue Koeppenpreisträger Joachim Lottmann las gestern im Koeppenhaus aus einem Text über die Fußballeuropameisterschaft, erlebt in Kreuzberg: Deutschland gegen Türkei. Und hielt die BILD von gestern hoch: DEUTSCHLAND GHANA SCHICKSALSSPIEL.

Aber sind die andern besser? Im Spiegel lese ich:

„England ist rachedurstig“

Die englischen Medien jubeln über den Sieg gegen Slowenien, doch „die schlechte Nachricht ist: Nächster Gegner ist Deutschland.“ In der Schweiz wartet man nun auf ein „episches Duell“ und auch die spanische Presse freut sich auf den Klassiker: „Zwei Züge treffen aufeinander.“

Geistige Gummibärchen ist eine sehr gelegentliche Kolumne über die Poesie des Medienspeak.

128. „Tage der Poesie“ in Leipzig

In Sachsen gibt es erstmals „Tage der Poesie“. Vom 24. bis 26. Juni treffen sich rund 50 Autoren im Leipziger Haus des Buches. Sie wollen bei diesem Podium der Begegnung anhand zahlreicher Beiträge darüber diskutieren, was zeitgenössische Lyrik ausmacht.

Ein „Worttreffen“ soll es nach Auskunft von Initiator Ralph Grüneberger werden, eine Begegnung von Dichterinnen und Dichtern, von Poesie und Positionen, vor allem aber eine Begegnung von Sprache*. / Leipziger Volkszeitung

*) also vmtl: Sprache trifft Sprache. Ob Zuhörer erwünscht sind, wird nicht mitgeteilt.

127. „Think globo, act loco“

heißt so ein Sprüchlein. Er gefällt mir. Vor allem weil er zweideutig ist. Spricht man das „o“ im Wort loco kurz, wirds Spanisch und bedeutet verrückt. Ein bißchen verrückt muß schon sein, mancher findet die Grenze nicht. Loco, immer wieder Gedichte zu schreiben, die nicht nur nichts ändern, was man verschmerzen könnte, sondern es ist auch nicht sicher, ob sie überhaupt eineR findet. (Auch das R ist ja vielleicht loco). Loco, immer neue Verlage und Zeitschriften zu gründen, immer neue Blogs, obwohl immer wieder welche eingehen („als ob die alten nicht gelanget hätten“, Brecht), das Geld in den Sand setzen, obwohl die Zahl der Leser oder User kaum mitwächst. Loco, 10 Jahre lang jeden Tag ein paar Lyriknachrichten in die Welt zu setzen in der Hoffnung auf den unbekannten Klicker. (Immerhin, 20 im Schnitt warns zuerst pro Tag, heute im Schnitt zwischen 400 und 600 laut WordPress-Zähler (der meine eigenen Klicks rausrechnet). Also mache ich weiter für meine Leser in Argentinien oder Liechtenstein. Loco, loco. Und dann und nur dann sozusagen globo.

Verrückt, werden 70-80 Prozent der Passanten gedacht haben, als sie mich zehn  Wochen im Frühjahr auf einen Schuttberg am Karl-Marx-Platz in Greifswald Erde und Pflanzen auftragen sahen. (Einer aber, der mir sagte, daß er mich jetzt hier sehe, habe seinen Tag gerettet, sei hier umarmt. Willkommen, Bruder.) Mein Guerillagarten wuchs und blühte gelb rot blau weiß lila und so, aber vor 2 Wochen kamen Bagger und fraßen alles weg. Nur Trümmer sind  noch da, ich hoffe mal, sie machen meine Arbeit weiter und tragen am Ende Erde und Gras drauf.

Loco 1 und loco 2: seit 4 Wochen hat die sozusagen globale Lyrikzeitung einen kleinen lokalen Bruder. Auf http://pomlit.wordpress.com/ gibts es da lokale Nachrichten. Klar, daß Lyrik dabei ist (aber es gibt noch mehr im Leben, auch in Pommern). Klicken Sie mal rein.

126. Rough auf seiner Bahn

„Glücklich, wer einst sagen kann / es war rough auf meiner Bahn“ – so begrüßt der Dichter Christian Filips sein erstes, bei Urs Engeler verlegtes „Roughbook“ („Heisse Fusionen“) mit einem Ständchen. Mit der Reihe im fast quadratischen Westentaschen-Format beschreitet Engeler in Zeiten der Krise neues Terrain: Neben dem neu gegründeten Engeler Verlag, in dem in unregelmäßiger Folge Bücher mit größerem ökonomischem Potenzial über den Buchhandel vertrieben werden, verlegt Engeler unter dem Label „Rough Books“ Broschuren, die ihre Leser direkt via Internet finden sollen. Halbjährliche Verlagsprogramme wird es nicht mehr geben, nach guter alter Manufaktur-Art wird Engeler einfach Buch nach Buch produzieren. Und siehe da: Die Arbeit scheint ihm wieder Spass zu machen.

Als wir vor einem Jahr über Ihren Verlag sprachen, haben Sie das Wort „Schließung“ bewusst vermieden. Nun soll es weiter gehen…
Urs Engeler:
Das ist die Crux des Wörtchens: Wenn man „Weitermachen“ sagt, denken alle, es geht weiter wie bisher (lacht). Das ist es eben nicht! Es ist alles anders. Es bleibt nichts beim alten. Ich habe seit langer Zeit den Eindruck gehabt, dass die konventionelle Form des Büchermachens, die Form, wie Verlage üblicherweise zu arbeiten versuchen…

Vorschauen im Halbjahresrhythmus…
Engeler:
… Vertreter in den Buchhandel schicken, Presseexemplare versenden, all diese Dinge sind mir zunehmend so ärgerlich, frustrierend und lästig geworden, dass ich buchstäblich jeden Spass am Büchermachen verloren habe. Nur hat es mir lange an Konsequenz gefehlt, zu sagen: So, jetzt ziehe ich meine Schlüsse da raus und mache die Sachen so, wie ich sie gut finde – und schere mich nicht mehr um die Standards, die Buchhändler oder Rezensenten für notwendig erachten.

/ Gespräch mit Urs Engeler, Börsenblatt

Siehe auch Engelers roughblog

125. Mail-Art=DENK-Art=Kampf-Art=daß-mail-DADA-Projekt-2010

Von Rainer Wieczorek, Berlin

Sklaverei und sklavische Tendenzen im Heute

Dass die Sklaverei als abgeschafft gilt, ist ein Schriftstück, annehmend von voreilig sich menschlich fühlender Eliten, auch braver Demokraten, unsere uniformierten Weltherrschaften im bunten gräulich blauem Anzug (sich in der Mehrheit wähnend) und diversen Trachtengruppen, wozu auch Frauen gezählt werden können. Da sind dann noch die Nichtherrscher und so etwas wie partizipierende Gaukler der Kritik. Ich und sicherlich viele Wir´s, sind Euch dankbar bis zu unseren Kindern die noch gar nicht da sind, das Ihr die Menschenrechte verteidigt, mehr noch, diese praktiziert in den qkm Eurer Staaten und Euch findungsreich, kraftvoll bis bissig zeigt gegenüber den Verächtern und Einschränkern der allgemeinen Menschenrechte. Vollkommen unabhängig ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer lächerlichen bis grausamen Macht. Ich Erwarte und Erwarte das WIR Erwarten von Euch, den Organisationseliten der Allgemeinen Menschenrechte, das Ihr überlebensfähige Verteidigungskonzepte erarbeitet gegen Tyrannei und Sklaverei. Auch Ihr Kleinen, Arbeiter, Angestellte, Unterschicht, Ausgegrenzte, Eure weiteren tausend Namen zum täglichen Überlebenskampf der Existenzen, Ihr tragt eine Verantwortung für diese Welt, denn es ist nicht selbstverständlich das die Sklaverei in Reinform als abgeschafft gilt, und es so bleibt. Es ist eine historische Errungenschaft, ein Kampf durch die Jahrtausende, das es keine Staaten mehr gibt die Sklaverei durch ihre Gesetze legitimieren. Täglich werden es mehr Menschen die in Unfreiheit geraten und durch diese Bedrohung reduziert sich die motivierende Kraft der Allgemeinen Menschenrechte. Versagt jeder Tyrannei Eure Gefolgschaft. Forscht und Erwehrt euch krimineller Machenschaften, auch juristischer, politischer, arbeitsrechtlicher Machenschaften die sklavische Tendenzen eröffnen. Räumt auf in Euren Kulturen, da wo sie die Tendenz zeigt im Anderen eine Abwertung seines Menschseins daher zu philosophieren. Ein Aristoteles war auch bereits vor 2377 Jahren ein Verächter der Menschlichkeit, denn so sollte man jeden nennen der herum philosophiert zum zwecke der Rechtfertigung von Sklaverei. Auch ein Schwätzer vor aller Philosophie und Wissenschaft, wenn er Klimazonen mit moralischen und geistigen Fähigkeiten kombiniert und bewertet und dann die einen Menschen nennt und Andere degradiert zu Sklaven als Nichtmenschen. In solchen Gedankenverwirrungen lebt der tägliche Rassismus im heutigen fort, ganz schnell kann es jeden treffen, rutscht ein Mensch in eine empathielose Statistik wegen eines angedichteten Merkmals. Und dann wird befunden was zu geschehen hat, mit Dir Mensch. Auch über Dich wird befunden: Konstantin, Margarete, Ahmed oder vielleicht Yasmin, es ist das Gewohnheitsmäßige das dem Menschen zur zweiten Natur wird und in der Gewöhnung liegt eine Ursache der freiwilligen Knechtschaft oder Andere Empathielos darin zu belassen. „Was geht mich deren Schicksal an !“ Sehr viel sag ich Euch, Ihr bornierten Bübchen mit Euren sexy Mädchen, Günstlinge und Schlauen, Staridioten, Modeaffen der schnellen Gewinne, alle die Selbstherrlich meinen alles mein Verdienst und diejenigen, die da wissen ein Gott richtet mir das Wohlgefallen: Ihr alle wisst wenig bis nichts von Ursache und Wirkung im Gesellschaftlichem. Woher auch? Getrimmt von den Weisungsgewalten aus Jahrtausenden steckt ein jeder Mensch im Morast des Warenfetisch. Der Mensch ist sich selbst Unbekannt, er ist ein Universum dessen Abgründe, dessen Gipfel er nicht kennt. Die einen kommen darin um bevor sie laufen konnten, andere erwirkt nie eine Befreiung oder Jahre, Jahrzehnte zerrinnen vor einer Ahnung zum Glück. Die Knechtschaft liegt in uns, der Mensch muß sich von innen befreien und von außen geht er in die Offensive, wie die Abolitionisten die Sklavenbefreier im 18. Jahrhundert. Vor dem Einzelschicksal ist es blanker Zynismus, ihn zu einer statistischen Größe zu machen. Wer den Schmerz in der Statistik nicht begreift, es nicht weiß, ist bereits auf dem Weg ins Unmenschliche. Wenn in wissenschaftliche Abhandlungen das Leben der Einzelnen verredet wird, seine Unfreiheit von einem Tag in den nächsten anwächst, er also stirbt von Tag zu Tag, da Versagen Wir an der Menschlichkeit. Wenn Internationale Verhandlungen Jahrein – Jahraus ihr Dasein erwirtschaften und derweilen sterben sie weg, benutzt, ausgebeutet, erniedrigt, bornierten Patriotismus anderer geopfert: Kindersoldaten – Zwangsprostitution – Zwangsarbeit – Kinderarbeit – Nötigung – Schuldknechtschaft – Freiheitsberaubung – Leibeigenschaft – Verdingung – Forced apprenticeship – Chattel Bondage – Chattel Slavery – Menschenhandel! Tausend Namen Dir Deine Würde zu nehmen, tausend Schlauheiten in sklavische Tendenzen hinein. Dann haben WIR Versagt. Soll es wirklich heißen vor der Menschheitsgeschichte: „Das wars, sie hatten versagt“.

Und schaut hinein, in unser eigenes Land, Deutschland. Wie soll man es nennen, eine Privatisierung, ein Verkauf von Wohnungen, Wasserwerken, Verkehrsbetrieben an die international agierenden Finanzmärkte und immer hula hop des schnellen Geldes wegen um den Eliten ihren Wohlstand zu sichern. Das deutsche Establishment versagt an der Herstellung eines Arbeitsmarktes das der Gesamtbevölkerung es ermöglicht ein anspruchsvolles Allgemeinwohl zu erhalten, oder gar ihren Wohlstand zu sichern. Für immer mehr Menschen wird es unmöglich sich jemals einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten. Hier wird Knechtschaft vorbereitet durch Sklavenlöhne. Zu bezahlende Bildungsprivilegien, ins gehetzte hinein, auf Kreditbasis, erzwingt doch geradezu erpressbare Untertanen. Steigende Abgaben und steigende Preise als Selbstverständlich organisiert, ohne Selbstverständlich höhere Einnahmen überhaupt zu ermöglichen, erzeugt Angst. In welchem Ausmaß vermag ich nicht einzuschätzen, die Konsequenzen liegen im Bereich einer lähmende Starre, Depression, Aggression, Ausflucht ins kriminelle, Selbstmord, Amok, Auswanderung. Der Begriff des Klassenkampf ist tabuisiert, aber dennoch stattfindend, zur Zeit von „Oben“ angetrieben, von der Journaille immer als sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich benannt, ist eine treibende Kraft in die Veränderung, die kommt. Die Medien transportieren als öffentliche Meinung Herrschaftswissen,-manipulationen,-interpretationen und ihre eigene Medienmeinungskorrektur dazu, gemaßregelt durch den Herausgeber. Unsere Medien verkaufen wesentlich mehr Meinung, das ist billiger als teure Recherche zu gesellschaftlichen Fakten. Dieser Umstand erbringt mehr „Rendite“ und wird somit Teil des Problems. Da entsteht ein Bild von Gesellschaft, von gesellschaftlicher Weltdeutung, der eingeschränkten Art. Es muß einer ein maßloser Dummkopf sein, der den kleinen Horizont da nicht erkennt. Der Job der Öffentlichen Meinung bewegt sich hier ein Stück weit in die Traumdeutung. Es wird ins sträfliche führen, das Gesellschaftsprozesse jenseits der Eliten keine Medien haben die über sie berichten. Und dann wäre da noch eine Frage an Frau Bundeskanzlerin Angela Dorothea Merkel, auch an den Stellvertreter der Bundeskanzlerin Herr Guido Westerwelle, auch an Euch den Funktionären der Verbände, Parteien, die Wirtschaft, das Establishment – was für ein Deutschland wollt Ihr? Privilegiennation! – Nation der Gewinnspiele und Stars! – Der lange Marsch in die Sklaverei! – Wenn da keine Antworten kommen die Überzeugen, wenn da keine Handlung möglich wird für die ausgegrenzten Massen, dann werdet ihr privilegierte Parallelgesellschaft bis zu dem historischen Punkt der Sinnlosigkeit. Demokratie steht für Würde, jedes ihrer Mitglieder und die Würde muß Schön sein, im menschlichen ankern.

Sende mir Deine Mail Art: Rainer Wieczorek, Reuterstraße 85, 12053 Berlin. Bitte bis Ende Januar 2011, Juryfrei, Technikfrei, Dokumentation und Ausstellung in der Galerie „R31“ hier in Neukölln.

Infos zur Person www.rainerwieczorek.de und auch 030/ 61 3456 2

Rainer Egon Oscar zu Heinrich von de la Boétie (1530-2010)

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) http://www.rainerwieczorek.de

POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030 61 3456 2

„Evolutionsbüro“ Greifswalderstr. 20

mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“

124. Abraham Lincoln, Dichter

Die Vereinigten Staaten hatten einen Staatschef, der auch ein großer Schriftsteller war. Nur Marc Aurel kann ihm das Wasser reichen: Abraham Lincoln. Wie viele Prosameister las und schrieb er auch Gedichte. Sein Gedicht „My Childhood-Home I See Again“  vereint geschmeidige, wenn auch konventionelle Passagen im Balladenmaß mit einem anderen Element, kräftig in der Phantasie und wild. Es stellt auch interessante Fragen an die Lyrik selbst – ihre Fähigkeit, die Bedeutung der Wörter mit der Kraft körperlicher Gesten zu verbinden.

Robert Pinsky: Meet Abraham Lincoln, Poet

SOURCE: Slate (6-22-10)
[Former Poet Laureate Robert Pinsky’s latest book of poems is Gulf Music.]

/ History News Network

Als Kind schrieb er dieses Gedicht in ein Schulheft:

Abraham Lincoln,
His hand and pen:
He will be good but
God knows When.

Kein schlechter Anfang. Der erste Abschnitt des von Pinsky erwähnten Gedichts lautet so:

My Childhood Home I See Again

By Abraham Lincoln (1809-1865)

I

My childhood’s home I see again,
And sadden with the view;
And still, as memory crowds my brain,
There’s pleasure in it too.

O Memory! thou midway world
‚Twixt earth and paradise,
Where things decayed and loved ones lost
In dreamy shadows rise,

And, freed from all that’s earthly vile,
Seem hallowed, pure, and bright,
Like scenes in some enchanted isle
All bathed in liquid light.

As dusky mountains please the eye
When twilight chases day;
As bugle-tones that, passing by,
In distance die away;

As leaving some grand waterfall,
We, lingering, list its roar–
So memory will hallow all
We’ve known, but know no more.

Near twenty years have passed away
Since here I bid farewell
To woods and fields, and scenes of play,
And playmates loved so well.

Where many were, but few remain
Of old familiar things;
But seeing them, to mind again
The lost and absent brings.

The friends I left that parting day,
How changed, as time has sped!
Young childhood grown, strong manhood gray,
And half of all are dead.

I hear the loved survivors tell
How nought from death could save,
Till every sound appears a knell,
And every spot a grave.

I range the fields with pensive tread,
And pace the hollow rooms,
And feel (companion of the dead)
I’m living in the tombs.

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123. „symbol than / Wimbledon“

Die Worte hüpfen über das Zeilenende: „For the game of lawn tennis there’s no better symbol than / Wimbledon“. Es ist ein kleiner, augenzwinkernder Reim, der eine große Tradition auf den Punkt bringt. Er stammt aus einem Gedicht des Autors Matt Harvey, der das diesjährige Turnier als offizieller „Championship Poet“ begleiten wird. / Tagesspiegel

122. Liebesfest

Fast zur gleichen Zeit erschienen im Frühjahr 2010 zwei Bücher mit Liebesgedichten: Raoul Schrotts Anthologie mit Texten altägyptischer Liebeslyrik und Michael Lentz’ Gedichtband „Offene Unruh“. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Während die fast 3.500 Jahre alten Gedichte in hochpoetischer Sprache ein wahres Liebesfest aus Sehnsucht und Liebesglück feiern, werden die Lentz-Gedichte von einem sachlich-kühlen, „unruhigen“ Sprachton geprägt. Die ungetrübte Liebe dort wird in den modernen Texten von einem gebrocheneren Bild der Gefühle verdrängt. Die Liebe ist „ein wort das auf der stelle tritt“, „ein zuviel gesungenes lied“, so heißt es bei Lentz. Seine Verse handeln auch von der Unvollkommenheit der Liebe und dem Misstrauen gegenüber einer verbrauchten Sprache der Gefühle.

Diese skeptische Haltung fehlt in den altägyptischen Texten, die Schrott in seinem Band vorstellt, völlig. Die Texte, entstanden um 1300 v. Chr., aufgeschrieben auf Tontafeln, Vasen, Tonscherben und Papyrusrollen, durch Zufall erhalten, sind beeindruckende literarische Zeugnisse, heute fremd in ihrer ungebrochen romantisierenden Verklärung von Liebe, aber zugleich faszinierend darin, dass sie Liebe so ausschließlich und selbstverständlich zum Mittelpunkt des Lebens machen. …

Vergleiche der Geliebten, der „einzigen schwester“, mit dem „funkelnden sirius der am horizont aufsteigt / zum beginn eines guten jahres“ mit Lapislazuli oder mit Lotosknospen stehen am Beginn der Entwicklung einer poetischen Bildersprache. Sie wird um 1300 v. Chr. aufregend neu gewesen sein. Im „Hohen Lied“ beispielsweise, das vierhundert bis sechshundert Jahre später entstand, oder in den Gedichten der Sappho um 600 v. Chr. waren die sprachlichen Möglichkeiten, die in den altägyptischen Gedichten noch „erfunden“ und erprobt wurden, bereits Allgemeingut lyrischen Sprechens und wurden in immer neuen Formen belebt und erweitert.

/ Herbert Fuchs, literaturkritik.de

Raoul Schrott: Die Blüte des nackten Körpers. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten.
Carl Hanser Verlag, München 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234857

121. Meine Anthologie 45: Adolf Endler, Besuch aus Moskau 1955

Besuch aus Moskau 1955

Fadejew! – Paustowski! – Korneitschuk!
Issakowski! – Bashan! – Schtipatschtow*!
Ketlinskaja! – Kassyl! – Katajew!

>>Ach, lebt die Achmatowa noch?«

Bek! – Lebedew-Kumatsch! – Sjomuschkin!
Scholochow! – Polewoi! – Lugowskoi!
Surkow! – Schaginjan! – Libedinski!

»Und lebt die Achmatowa noch?«

Perwomaiski! – Fedin! – Lukonin!
Ja, sie lebt!, nun hören Sie doch!
Assejew! – Ashajew! – Fadejew!

»Sie lebt, die Achmatowa, noch?«

Adolf Endler, Der Pudding der Apokalypse. Gedichte 1963 – 1998. Frankfurt am  Main: Suhrkamp 1999, S. 68.
10 Gedichte können Sie lesen und sich vom Autor vorlesen lassen bei www.lyrikline.org

Zum Verständnis des Gedichts muß man nur wissen, daß die große russische Lyrikerin Anna Achmatowa fast 50 Jahre „vor den Augen ihres Lands“ verborgen wurde.

*) Schtschipatschow, beliebter sowjetischer Lyriker. Vgl. das Gedicht „Der Engel“ von Jewtuschenko:

Jewgeni Jewtuschenko

Der Engel

Ich trinke nicht! Ich liebe meine Frau.
Ausschließlich meine, ich betone das.
Ich bin ein Engel. Fehlte nur noch, dass
ich Stschipatschows Gedichte wiederkau.

Das ist ein Leben! Ich bin müd und matt:
Verhüllt, ihr Fraun, die Täler und die Hügel.
Da ruckt es doch und zuckt im Schulterblatt,
aha, s’ist der linke Flügel.

Was tun? Was tun? Ich lebe so dahin.
Die Flügel wachsen, es kursieren Witze:
„Schon gehört, der Schneider macht ihm in
die Hemden, Jacken, Mäntel jetzt die Schlitze.“

Ich schlucke das. Weil ich ein Engel bin,
halt ich dem Schläger auch die zweite Backe hin.
Ich bin ein Engel. Daß ich rauch
beweist nichts andres als: die Engel rauchen auch.

Ich wiege nichts mehr. Ich bin reiner Geist.
Ich schwebe überm Pflaster wie ein Hauch.
Ich schwebe, schwebe. Niemand dreht sich um.
Was können die Frauen schon an mir sehen.
Ich bin ein Engel. Ich muss vorerst stumm
erdulden, wie sie lustlos weitergehn.

Mein Dienstgrad ist im Himmel eingetragen,
als Engel bin ich höhern Orts bekannt.
Jedoch bedenkt: Zu dem sie Satan sagen,
der war als Engel Luzifer benannt.

(Ungefähre Mitschrift von der Schallplatte „Jazz, Lyrik, Prosa„, 1967. Die meist satirischen Texte dieser Platte, vorgetragen und gesungen von bekannten Schauspielern wie Manfred Krug und Eberhard Esche, kennen viele bis heute fast auswendig.)