47. Morphome des Wissens

Kölner Kongress gibt Einblick in neue Erkenntnisse über antike Weltkarten, Stadtpläne und topografisches Urwissen

Ob alte Wandmalereien der türkischen Siedlung Çatal Hüyük, Hinweise in namibischer Dichtung oder die präzise Beschreibung der Schiffsflotten bei der Eroberung Trojas in Homers „Ilias“ – vielerlei Funde verraten etwas über ihren geographischen Ort.

Wissenschaftler verschiedener Universitäten aus dem In- und Ausland haben ihre neuesten Erkenntnisse zu ihren Funden zusammengetragen und stellen diese nun bei einem Kongress an der Universität zu Köln vor. Das Internationale Kolleg “Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen” veranstaltet den Kongress vom 15. bis 17. Juli unter dem Titel „Morphome des Wissens: Geographische Kenntnisse und ihre konkreten Ausformungen“. Ob Ethnologen, Archäologen, Japanologen, Althistoriker oder Altphilologen, der Kongress versammelt Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen unter einem Dach und ist so auch ein Ort der Begegnung für den wissenschaftlichen Austausch. / Informationsdienst Wissenschaft

46. Die 158. Ausgabe der Literaturzeitschrift „Wespennest“

Immer, wenn man die Zeitschrift Wespennest aufschlägt, staunt man über das breite Themenspektrum, die Qualität der Texte (der abgedruckten Lyrik auch, diesmal beispielsweise Hagaar Peeters) und die Radikalität, mit der die Zeitschrift ihren eigenen hohen Ansprüchen treu geblieben ist – auch in der 158. Nummer.

Franz Josef Czernin schreibt über ein Interview mit Wolfgang Schüssel und andere Populismen in österreichischen Qualitätsmedien, Jasmin Herold weist nach, warum Heidi Klum und die Feuchtgebietvermesserin Charlotte Roche Gesinnungsschwestern sind, Michael Hammerschmid stellt ein Dossier „ohne Titel“ mit Gedichten von Friederike Mayröcker und einem Essay von László F. Földény zusammen, und Ilija Trojanow schreibt über „Weltbürgertum heute“ . / steg,  DER STANDARD 10./11.7.

Wespennest, Heft 158, € 12,-. Erhältlich im Fachhandel und unter www.wespennest.at

45. Gegen Tempeldienst

Als Chemiestudent veröffentlichte Andreas Okopenko seine ersten Gedichte, und als Lyriker ist er einer kleinen Leserschaft auch zuerst bekannt geworden. In Bänden wie «Warum sind die Latrinen so traurig» griff er heiteren Sinnes Traditionen des Bänkelsanges, des Limericks, der Nonsens-Verse auf. In anderen Gedichten erprobte er alle möglichen Vers- und Reimformen, den Telegrammstil und das weit ausschwingende Langgedicht: So avantgardistisch diese Lyrik anmutete, Okopenko hat sich gegen den «Tempeldienst am leeren Wort» verwahrt und betont, dass sich seine Kunst immer auf die reale Welt bezog. / Karl-Markus Gauss, NZZ 29.6.

44. Ausgezeichnet

Als Anfang Juni die Preisträger des „Jokers-Lyrikpreis 2010“ bekannt gegeben wurden, war der bekennende „Quartalsliterat“ Jürgen Flenker hoch erfreut. Der umtriebige Autor aus Sprakel gewann den mit 1000 Euro dotierten ersten Preis. „Natürlich hat so ein Preis nicht den Stellenwert des Bachmann-Preises“, scherzt Flenker im Gespräch mit den WN. / Münsterländische Volkszeitung

43. Büchnerpreis für Reinhard Jirgl

Darüber freue ich mich sehr sehr sehr:

Der 57-jährige Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl bekommt den Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Freitag (9.7.) in Darmstadt mit. Der mit 40.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. / Die Berliner Literaturkritik 9.7.

Jirgl in L&Poe hier

42. Es lebe der Widerspruch

Volker Sielaff

Es lebe der Widerspruch
Über die polnische Lyrikerin Julia Hartwig
(aus Sprache im technischen Zeitalter Heft Nr. 194, S. 250-251)
Die 1921 in Lublin geborenen polnischen Lyrikerin Julia Hartwig, die in ihrem Heimatland in einem Atem mit Autoren wie Wislawa Szymborska, Czeslaw Milosz oder Tadeusz Rózewicz genannt wird, hierzulande aber noch nahezu unbekannt ist, hat viele Jahre ihres Lebens im Ausland verbracht. Von 1947 bis 1950 lebte sie als Stipendiatin in Paris, in den siebziger Jahren kam sie mehrmals in die USA, zuerst als Teilnehmerin an einem International Writing Program, dann als Gastprofessorin an der Drake University und schließlich auf Einladung des State Departments. Die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Aufenthalte hat sie in ihrem Amerikanischen Tagebuch, aber immer wieder auch in Gedichten, etwa dem Zyklus „Americana“, verarbeitet.

In einem ihrer jüngsten Gedichte geht der Blick der Dichterin zu der Lücke, die der Anschlag auf die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers im Jahre 2001 gerissen hat, es ist ein Blick, der sich „mit der Leere nicht abfinden“ will. So arbeiten in der Imagination der Dichterin die Computer unverdrossen weiter und läuten die Telefone, doch die „vom Brand unversehrten Dokumente“ werden nicht von Menschenhand, sondern nur von „durchsichtigen Schatten“ weitergereicht, was der Szenerie etwas Schwebend-Irreales verleiht.

Außerdem im gerade erschienenen neuen Heft Nr. 194, Juni 2010:

Erst die Bankenkrise, dann die Schuldenkrise ganzer Staaten und eine Leitwährung, die ins Rutschen geraten ist: Sechs Krisenbegleittexte aus Russland, Litauen, Bulgarien, Island, Ungarn und Deutschland bilden den Schwerpunkt dieses Heftes (u.a. Eugenijus Ališanka, F.C. Delius)

Lyrik: Lutz Seiler und Serhij Zhadan

41. Kopflos

Der Schriftsteller Hermann Hesse ( 2.7.1877 – 9.8.1962 ) , einer der meistgelesenen und meistübersetzten deutschen Schriftsteller des 20.Jahrhunderts, schrieb 1947 sein humoristisches „Spar-Gesundheitspaket“ ? – (Kopflos). Mit Augenzwinkern zu lesen / Gießener Zeitung

40. Soziale Lage der Künstler

Zwischenbericht der Arbeitsgruppe zur sozialen Lage der Künstler.

37 Prozent aller Künstler leben unter der Armutsgrenze.

Wien. Der Schrecken vieler Eltern: Ihr Sprössling möchte sein Leben der Kunst widmen. Der sprichwörtlich brotlosen Kunst, die schon lange als Berufsfeld einen umstrittenen Ruf genießt. So bemerkte Salomon Heine über seinen Neffen Heinrich: „Hätten gelernt machen Geschäfte, hätten nicht brauchen schreiben Gedichte.“

Und Gotthold Ephraim Lessing schuf in seinem Trauerspiel „Emilia Galotti“ das bekannte Zitat auf die Frage „Was macht die Kunst?“, indem er den Hofmaler Conti antworten lässt: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Auch Martin Luther wird zitiert mit: „Kunst gehet itzt nach Brot, aber Brot wird ihr wieder nachlaufen und nicht finden.“  …

Das mittlere Nettoeinkommen von Kunstschaffenden in Österreich beträgt rund 1000 Euro monatlich und liegt damit nur knapp über der Armutsgefährdungsgrenze, 37 Prozent liegen sogar darunter (gegenüber 12,6 Prozent der Gesamtbevölkerung und sieben Prozent der Erwerbstätigen). …

Besonders dramatisch ist die Situation von Künstlerinnen: „Zwei Drittel aller weiblichen Kunstschaffenden können von ihrem künstlerischen Einkommen nicht leben – dieses beträgt weniger als 6657 Euro pro Jahr“, heißt es in der Studie. / Verena Franke, Wiener Zeitung

39. Der Karl May der Lyrik

Ein weiteres Thema dieser Sonntagsmatinée war der 200. Geburtstag des Dichters und Übersetzers Ferdinand Freiligrath (1810 bis 1876) – neben Heinrich Heine und Georg Herwegh populärster Lyriker seiner Zeit und laut Krausnick Lieblingsdichter von Marlene Dietrich.

Krausnick gab einen biographischen Abriss von Freiligraths Schaffen und reichert Informatives mit Auszügen aus den Gedichten an. „O lieb, solang du lieben kannst!“ trieb nicht nur der Dietrich die Tränen in die Augen, vor allem seine Zeitgenossen waren von den „romantischen Gedichten des Karl May der Lyrik“ begeistert. So stieg Freiligrath schnell zu einem erfolgreichen Dichter auf, „der von seiner Lyrik sogar leben konnte“, wie Michail Krausnick betonte. / Südwest Presse

38. Josef Eberle al. Sebastian Blau al. Peter Squenz

Josef Eberle erhielt am 17. September 1945 die Lizenz der amerikanischen Militärregierung zur Herausgabe der Stuttgarter Zeitung. Nach mehrfachen Wechseln bei den Mitherausgebern wurde Eberle von 1954 bis 1971 alleiniger geschäftsführender Herausgeber der Zeitung, die er zu einer der profiliertesten Zeitungen Deutschlands und der bedeutendsten Zeitung in Südwestdeutschland auf- und ausbaute. Seit 1928 veröffentlichte Eberle regelmäßig Gedichte. Nach dem Berufsverbot 1933 durch die Nationalsozialisten gab er unter dem Pseudonym Sebastian Blau schwäbische Lyrik heraus. 1933 erschien sein erster Gedichtband „Kugelfuhr“, 1934 „Feierobed“, 1942 der „Rottenburger Bilderbogen“, 1946 „Die schwäbischen Gedichte des Sebastian Blau“ und die „Rottenburger Hauspostille“. In seiner Zeitung veröffentlichte Eberle hochdeutsche Gedichte unter dem Pseudonym Peter Squenz. Seit 1954 verfasste er zudem Gedichte in Latein. 1973 erschienen weitere Dialektgedichte unter dem Titel „Schwäbischer Herbst“ und 1981 „Sebastian Blau·s Schwobespiagel“. 1986 verstarb er. / Eva Herschmann, Stuttgarter Zeitung / Fellbacher Zeitung 8.7.

37. Im Beiläufigen

Der 1948 im schlesischen Wałbrzych geborene Lyriker, Übersetzer und Essayist Piotr Sommer, der heute als Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Literatura na Świecie“ (Literatur in der Welt) in der Nähe von Warschau lebt, mag ein ernstes Gesicht haben, wie er einmal schreibt, doch dahinter brütet die Ironie. Mit feinem Gespür für die Kraft der Einzelheiten findet er das Wesentliche im Beiläufigen: in ironischen Pointen, sprachlichen Vorlieben, absurden Details oder kleinen Erinnerungen – eine Kunst, mit der er als Gast des Berliner Künstlerprogramms 2007 auch hierzulande viele Freunde fand. Ein scheinbar harmloses Ereignis aus der Vergangenheit kann Anlass sein zu einer Erzählung, in der das Kleinste zum wichtigsten Ding der Welt wird. Es ist wie mit jenen Lieblingsgeschichten, die einmal beschworen werden: „In dreißig Jahren, denken wir, wird niemand / Grund haben, auf diesen Augenblick / zurückzukommen, und doch wird der schamlos / Jüngste, der daneben stand, ihn von da an / vor Augen haben, als wäre es gestern gewesen“. / Nico Bleutge, Tagesspiegel

Piotr Sommer:
Im Dunkeln auch.
Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Matthes & Seitz, Berlin 2010. 216 Seiten, 24,80 €.

36. Dreiländeroper

Der erste Akt des grenzüberschreitenden trinationalen Multimediaprojekts „Dreiländeroper“ spielte im elsässischen Saint-Louis, der zweite auf einer Bootsfahrt im Basler Hafen, der dritte Akt war ein „Widerhall im Stimmenland“ und führte in den Burghof Lörrach. …

Die beiden Schauspieler, die Straßburgerin Christine Wolff und der Schweizer Stephan Bürgi, lesen Textauszüge aus Hölderlins spätem hymnischem Gedicht „Der Rhein“ von 1808 und den Notizen einer Rheinreise des französischen Dichters und Romanciers Victor Hugo von 1839/40, die mehr als nur ein Reisebericht sind und in bilderreichen Beschreibungen Stimmungen wiedergeben. / Südkurier Hochrhein

35. American Life in Poetry: Column 276

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I live in Nebraska, where we have a town named Homer. Such a humble, homely name and, as it happens, the poet Donal Heffernan is from Homer, and here’s his hymn to the town and its history. Long live Homer. And while we’re celebrating Nebraska towns, let’s throw in Edgar, too.

My Hometown

Oh, Homer!
Your village sleeps near the Missouri River
With your cousin Winnebago, both children of Lakotaland.
You kept your town at two stories, as flat as the surrounding prairie.
You taught the Iliad and Odyssey in honor of your namesake poet.
Your spirit outlasted the bleached fields of the Depression, and
Bravely swam against the raging Omaha Creek floods.
On warm, wet spring Saturday nights,
You provided dark places for your young
To launch your next generation
In pickups, unlighted.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Donal Heffernan, whose most recent book of poetry is Duets of Motion, Lone Oak Press, 2001. Poem reprinted by permission of Donal Heffernan. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

34. Meine Anthologie 52: Georg Heym, Der Dichter

DER DICHTER

Einem Dichter müssen spenden
Alle, die sich ihm gesellen,
Daß ihm aus gefüllten Händen
Wiedrum wunderbar entquellen
00Die Gesänge sonder Zahl.

Und er weiß es nicht, von wannen
Ihm die Stimme seltsam tönet,
Doch er kann sie nimmer bannen,
Bis sie sich zum Lied verschönet
00Und sich bildet sonder Qual.

Ewig geht er voller Freuden,
Und der Seele Schmerzen fügen,
Und der Liebe tiefste Leiden
Sich in ihm, auf daß sie trügen
00Ihn in ein erhöhtes Reich.

Keins kann ihn so tief verwunden,
Daß es nicht Genesung trage
In sich schon in schwersten Stunden,
Ewig schwebt des Schicksals Waage
00Ihm mit beiden Schalen gleich.

Und er rastet in den Städten
An der Frommen trautem Herde,
Lächelnd naht er ungebeten,
Doch er weilet ohn Beschwerde,
00Und er schuldet keinen Dank.

Früh des Tages zieht er weiter.
Doch es söhnen gern sich wieder
Aus die lang verhaßten Streiter,
Und es ist, als ob die Lieder
00Um den Herd noch tönen lang.

(Oktober 1906)

Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe. Hg. Karl Ludwig Schneider. Bd. 1: Lyrik. Hamburg und München: Heinrich Ellermann 1964, S. 630.

33. Afrika Wunderhorn

Wer damit gerechnet hatte, dass deutsche Verlage die Fußball-WM in Südafrika zum Anlass für zahlreiche Neuerscheinungen nehmen würden, sieht sich weitgehend enttäuscht. … Neu sind lediglich südafrikanische Krimis, die die Verlage auf den Markt werfen.

[sagt der Autor, ergänzt dann aber:]

Der Heidelberger Wunderhorn Verlag startet eine neue Reihe AfrikaWunderhorn und eröffnet diese mutig mit einem Lyrikband der Johannesburger Poetin Lebogang Mashile. Schon angesichts der frappant fest gefügten Männlichkeitsposen in der Krimiliteratur wirkt Mashiles weibliche Perspektive angenehm erfrischend. Die Autorin schont dabei nicht mit Kritik am neuen Südafrika, in dem etliche Hoffnungen und Erwartungen noch uneingelöst blieben, weist den Individuen dabei aber ein hohes Maß an Eigenverantwortung zu. / Manfred Loimeier, Mannheimer Morgen

Lebogang Mashile bei L&Poe hier

8 Gedichte von der Autorin auf Englisch gelesen bei lyrikline