91. Gerd-Peter Eigner erhält den diesjährigen Nicolas-Born-Preis

Thomas Kunst schickt diesen Gruß an den Preisträger:

Eigner traf ich 2003 zum ersten Mal im Goethe-Institut in Rom. Ich verließ nach etwa fünf Minuten eine Lesung von Wladimir Kaminer. Eigner auch. Wir machten uns bekannt und gingen Bier trinken, kamen sehr schnell zu den Hauptthemen: gute, schlechte und mittelmäßige Literatur. In der Bibliothek der Villa Massimo waren gottseidank alle bis dahin erschienenen Romane von ihm zu finden. Ich begann mit „Golli“ und konnte gleich auf der ersten Seite mit ansehen, wie waidgerecht er es verstand, einen Kugelschreiber zu zerlegen.

Eigenartigerweise war diese Kugelschreiberszene der Moment, in dem mir klar wurde, es mit einem außergewöhnlichen, sturen und besessenen Dichter zu tun zu haben.  Danach las ich die restlichen Romane. Brandig: ein sinfonischer Felsen. Mitten entzwei: Brackwasser und sexuelle Zuversicht. Lichterfahrt mit Gesualdo: Roadmovie mit Kind auf der Ladefläche. Die italienische Begeisterung: Vater-Tochter-Verlorenheit, die Verzweiflung als eine Form der negativen Begeisterung, wie es Emile Cioran einmal so treffend formulierte.

Mein Gott, warum kannte ich ihn vorher noch nicht. Natürlich würde ich ihn nie wieder mit Aigner verwechseln. Seine Romane zu lesen, glich einem Suchtverhalten. Ich wollte sie alle zuhause haben. An einem der nachhaltigsten Nachmittage meines Lebens tranken wir schweren, bernsteinfarbenen Wein aus blauen, elementaren Flaschen und sahen von seiner Terrasse auf das Tal von Olevano. Noch heute denke ich gern an seinen Satz: “ Ein Roman, in dem kein Schwan vorkommt, kann kein guter Roman sein.“ Es gibt nicht viele deutsche Dichter, die ich verehre. Eigner gehört zu diesen wenigen.

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