Seit Bleutges erstem Gedichtband ‚klare konturen‘ (2006) schlägt man sein Werk der Landschaftslyrik zu. Auch sein drittes Buch – ‚verdecktes gelände‘ – hält es mit Farnen, Fischen, Seen, Erdreich, Luft und Wasser – doch Landschaftslyrik ist dies wohl nur, wenn man den Begriff so weit dehnt, dass er nichts Genaues mehr bezeichnet. ‚Geländelyrik‘ bietet sich an, denn von Streifzügen im Gelände ist hier die Rede und von den Schwierigkeiten, seine Atmosphäre zu erfassen, etwas also, das sich entzieht, sobald man es zu benennen, zu begreifen versucht: Geländelyrik, Atmosphärendichtung statt Landschaft und Bild. / Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung 1.6.
Nico Bleutge: verdecktes gelände. Gedichte. Verlag C.H. Beck, München 2013. 75 Seiten, 14,95 Euro.
Das Gedicht ist Teil eines Zyklus’ mit dem Titel „schmetterlingssäge.doc“, in dessen Nachfolge der 1975 in Polen geborene, in Leipzig aufgewachsene Andre Rudolph mehrere Preise gewann. Einen Schmetterling zu zersägen ist eine grässliche Vorstellung, die Metapher schließt Schönheit und ihre Vernichtung zusammen. Die gegeneinander versetzten Zeilen nehmen das Hin und Her der Sägebewegung auf, folgen einer bewegten, dennoch stabilen Form. Sie lässt genug Raum für das Irrlichtern jenseits fester Grenzmarken. Liebe kann bedrängen, Gewalt kann sich in Sanftheit wandeln.
In der Psychologie bezeichnet „das innere Kind“ die Summe der in der Kindheit gemachten Erfahrungen. Waren sie glücklich, ist uns das innere Kind lieb und vertraut, dominierte der Schmerz, spalten wir es ab und verdrängen es. Aber hier, im Gedicht und so lässig geschrieben wie gesprochen, ist das „innre kind“ ein Bote aus einer anderen Welt. Es erinnert an Märchenfiguren, an das Schwesterchen beispielsweise, dessen Brüderchen in ein Reh verzaubert wurde. Die Bedrohung durch die Geschosse kann es nicht hindern, auch Märchen spielen in einer grausamen Welt. Dennoch ist sein Erscheinen ein Trost. Und obgleich im Raum des Textes alles in der Schwebe bleibt, immer nur „wie“ und nicht „so“, entlässt uns die Wandlung am Schluss in ein Sfumato der Hoffnung. / Gisela Trahms, FAZ / Frankfurter Anthologie, über ein Gedicht von Andre Rudolph
Er selbst, so bekennt Egger, wandert „auf den Schleichwegen und Schmugglerpfaden der Sprache, Wort für Wort“, jenseits der breiten Straßen des prosaischen Standarddeutsch. Dessen Elemente rekombiniert er, weist ihnen zum Teil andere Funktionen zu oder generiert schlichtweg neue Worte, Neologismen, die etwas beschreiben, „was es vielleicht nicht mehr oder noch nicht gibt.“
Etwa den Kladderbausch. „Aber ich mache nichts Besonderes“, sagt Egger und verweist auf kleine Kinder, für die die Sprache noch eine Spielwiese ist, ein riesiger Experimentierkasten. Die erhalten dafür allerdings weder den H.C. Artmann- noch den Oskar-Pastior-Preis. „Ich habe eben ein größeres Publikum, als ich ursprünglich dachte“, gesteht Egger da. Eines, dem beim Lesen Bilder in den Kopf kommen, Assoziationen, Ideen. Klaren Interpretationen verweigert sich der 50-Jährige, der von Literaturwissenschaftlern gerne zu den Vertretern experimentell-hermetischer Lyrik gezählt wird, dagegen bewusst: „Meine Gedichte sind für jeden und alles offen.“ / Thomas Kölsch, General-Anzeiger
Autor Walle Sayer ist kein Trosttexter, kein Erbauungslyriker oder pantheistischer Panegyriker. Seine Gedichte schleichen sich auf leisen Titeln an: „Psalm“, „Tagesanfangsverse“, „Poesiealbumzeilen“, das klingt so betulich-besinnlich und täuscht doch gewaltig. Dieser Dichter ist ganz im Hier und Jetzt, beim „Hörgerät“, der „Bettpfanne“, dem „Schafsmist“, dem „Geldscheißer“, und seine Assoziationsarrangements sind komplexer:
Kahle Astversalien
Am Fenster des Klassenzimmers.
Vor seiner Kurzsichtigkeit
erstreckt sich das Absehbare.
Durch solch ein Kassengestell gesehen,
sind die unerreichbaren Mädchen
noch unerreichbarer.
Ein angehender Jüngling
und die Tümpel seiner Augen.
Eisschicht oder Einsicht:
liest er von der Tafel ab.
„Brillenverordnung“ heißt dieses Gedicht, das nur scheinbar harmlos vor sich hindöst. Spätestens beim zweiten Lesen erkennt man plötzlich die Tiefe der Komposition, diese Rösselsprünge im Wortfeld „Sehen“, die Tragikomik einer entstellenden Sehhilfe, die in einen Verleser mündet, der nicht nur Freudianer anrühren dürfte.
/ André Hatting, DLR
In diesem Moment erleben Jugendliche auf dem Taksim Platz die Begeisterung ihres Erfolgs, und im Fernsehen versuchen eine Reihe von Greisen, das zu deuten. Ich möchte keiner von ihnen sein. Ich möchte keiner von ihnen sein, weil die Alten, die auf den Taksim Platz und den Gezi Park blicken, nicht verstehen. Sie schauen durch ihre eigenen Brillen. Nach wie vor verwenden sie untereinander die gleichen Begriffe. Nach wie vor stellen sie ihre veralteten Sichtweisen zur Schau. Nach wie vor sind ihre Sätze behutsam, jeder ihre Kommentare ist bedacht auf Ausgewogenheit.
Wenn die Alten gegen jene sind, die sich auf dem Platz befinden, sprechen sie ihre vernünftig klingenden Sätze und singen 40 Jahre alte Volkslieder. Wenn sie auf der Seite der Protestierenden stehen, singen sie 40 Jahre alte Hymnen. (…)
Ich nahm an, sie würden sich nicht dafür interessieren, was in der Welt geschieht. Ich nahm an, dass sie keine anderen Welten außer ihren Smartphones kennen würden. Ich nahm an, dass sie nicht gerne lesen würden. Ich nahm an, dass ihnen das seit Jahrtausenden angesammelte kulturelle Wissen der Menschheit egal sei. Ich nahm an, dass sie sich für nichts interessierten, das sich außerhalb ihrer engsten Freunde und Verwandten abspielt. Ich habe mich geirrt. Und wie ich mich geirrt habe! / Celil Oker, Die Welt
Junge Muslime treten beim I, Slam gegeneinander an, ein Informatiker trägt Verse vor und auch in der Wagenburg Lohmühle wird gedichtet: Am Freitag beginnt das 14. Poesiefestival in Berlin.
Das Adjektiv „schwierig“ möchte Thomas Wohlfahrt nicht im Zusammenhang mit Gedichten hören. Er lässt auch das Argument nicht gelten, dass Lyrikbände sich schlecht verkaufen. „Genau da liegt doch das Problem!“, sagt er und holt aus: „Seit fünftausend Jahren macht das Gedicht zum Gedicht, was es im Innersten zusammenhält: die Musikalität der Sprache. Der Rhythmus und die Klanglinien werden doch erst beim Vortrag wirklich lebendig.“ Er benutzt einen schönen Vergleich: Das gedruckte Gedicht sei bloß die Partitur. Man könne es mit Verstand lesen, bekomme auch einen Eindruck von seiner Güte. Doch erst durch die Interpretation einer Stimme entfalte sich seine ganze Qualität. Und so hat der Chef der Berliner Literaturwerkstatt ganz nebenbei die Frage beantwortet, warum die Poesie ein Festival braucht: Damit sie lebt. / Cornelia Geissler, Berliner Zeitung
Vierzig Jahre tot, ist das ein Grund zu feiern? Nein, aber ein Grund, sich an Christine Lavant zu erinnern, das schon. Gerade für sie, die dem Tod immer ganz nah war, ist der 7. Juni der richtige Gedenktag.
Als Christine Lavant am 7. Juni 1973 in der Geriatrie im LKH Wolfsberg starb, hatte sie die Dichtung schon lange hinter sich gelassen. Die Gedichte waren nur eine Etappe auf ihrem Lebensweg, wenn auch eine, die ihr Glück gebracht hat. Das Schreiben rettete sie in der Depression und hielt sie davon ab, in letzter Verzweiflung selbst gewaltsam den Weg in den Tod anzutreten.
Die Sache ist also ernst, zu ernst, um sie dem Deutschunterricht und Universitätsseminaren zu überlassen. (…)
Christine Lavant schrieb um ihr Leben, und deshalb, jenseits aller Kunstfertigkeit, rauben uns diese Texte heute noch den Atem. Wie einst Werner Berg können auch wir der Dichterin verfallen. Werner Berg lernte Christine Lavant am Tonhof in St. Veit kennen. Dort, unter den aufstrebenden und wichtigen Schriftstellern und Malern, sah er eine ausgemergelte Frau, große Augen, Finger gleich Spinnenbeinen. / Wilhelm Kuehs, Kleine Zeitung
Theo Czernik ist tot. Der Lyrik-Verlag Edition L und dessen Verleger Theo Czernik waren und sind im deutschsprachigen Raum ein Begriff. Seine edlen Bucherscheinungen sind Meilensteine anspruchsvoller Lyrik-Literatur. (…)
Der charmant-freundliche ältere Herr mit der ruhigen Stimme und der sympathischen Ausstrahlung war ein Verfechter – mehr noch: ein Kämpfer für die Lyrik. „Lyrik muss Botschaft sein, empirisches Anschauungsmaterial für andere und keine Darstellung abstrakter Gedanken. Lassen wir den Himmel blau sein und die Liebe rot. Haben wir den Mut, uns an den Nächsten mit Worten heranzutasten, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu finden.“ Seine Worte und Gedanken zur Lyrik können auch als sein Vermächtnis angesehen werden. / Hockenheimer Tageszeitung 6.6.
Amerikanische Forscher haben die Fossilien von einer der größten Echsen der Welt untersucht. Die etwa 1,80 Meter großen und rund 30 Kilogramm schweren Tiere lebten vor rund 40 Millionen Jahren und wurden nach The-Doors-Sänger Jim Morrison benannt. Die Reptilien mit dem wissenschaftlichen Namen Barbaturex morrisoni („Morrisons bärtiger König“) lebten in den heißen Tropenwäldern von Südostasien und konkurrierten dort mit Säugetieren um Nahrung und andere Ressourcen, wie die Forscher im britischen Wissenschaftsjournal „Proceedings of the Royal Society B.“ schreiben. / N24
Dead president’s corpse in the driver’s car
The engine runs on glue and tar
Come on along, not going very far
To the east to meet the CzarRun with me, run with me, run with me
Let’s runSome outlaws live by the side of a lake
The minister’s daughter’s in love with the snake
Who lives in a well by the side of the road
Wake up, girl! We’re almost homeSun, sun, sun
Burn, burn, burn
Moon, moon, moon
I will get you soon…soon…soon!I am the Lizard King
I can do anything
Es gibt ihn noch, den abgerissenen Notizblock-Zettel, auf dem der 21-Jährige Hans Leip mit einem Bleistift fünf Verse notierte. Sie sollten zu einem der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts werden – und zu einem Lied, das weltweit als das Soldatenlied für den Zweiten Weltkrieg steht: „Lili Marleen“. Ein Lied, das ihn sein Leben lang verfolgen und sein weiteres Werk in den Schatten stellen würde. / NDR
Und jetzt, endlich: „Die nennen das Schrei“, Thomas Braschs „Gesammelte Gedichte“ im Suhrkamp Verlag. 1030 Seiten, eine Wucht von Buch. Ein Ereignis auch das. 1030 Seiten Gedichte und historisch-kritische Kommentare, ein Lyrikband, der 49,95 Euro kostet und sie wert ist – es gibt kaum einen ähnlichen Beweis in diesen Tagen für das, was man so unverwechselbar ein Stück „Suhrkamp-Kultur“ nennen kann. (…)
Und jetzt im Buch manche Überraschung. Eine frühe Hymne an die spanische Torwartlegende Enrico Zamorra „Der Mann, / an dem der Ball nicht vorbei kam“). Übersetzungen von Poemen aus dem Polnischen (Adam Mickiewicz) und Ungarischen (György Dalos). Widmungen an die Thalbach oder überraschenderweise an Jutta Lampe. Und Kritisches über Heiner Müller, der keinem rät, der vielleicht verrät, eine deutsche Sphinx. Daneben immer mal wieder der Post- oder Neoromantiker mit seiner machohaft kitschnahen Verehrung für Gangstertypen und tragisch behauchte Frauenmörder. Anyhow.
Wichtiger: Viel Tolles. Abgründiges. Auch Gewitztes. Am schönsten aber sind die Liebesgedichte, manchmal liedhaft, balladesk, „gemischt in Dur und Moll“. Und einmal, beim Jugend-Poem „Anna, du“ von 1967, ist die im Anhang mitgelieferte Variante sogar besser als die verknappte Fassung im Hauptteil: „Anna komm, mein warmer Stein / leg dich in mein Kissen / trink von mir und meinem Wein / morgen werd ich nicht mehr sein.“ / Peter von Becker, Tagesspiegel
Actually, none of the works by Li Bifeng I have read up to now sound very dissident at all. They are “just art”, so to speak. He could have published them, as a different person.
I am currently translating a long poem by Li Bifeng into English, and have translated several small texts into German. Two of these will appear in the literary journal Wienzeile this summer in bilingual fashion. The artist Sara Bernal is supporting the reading on June 3rd with a display of paintings.
What other texts will be read at Vienna University on June 3rd?
On May 3rd, 2013, we had a very interesting workshop and discussion at Vienna University’s East Asia Institute, on literature in Korea, China and Japan. It was initiated by Lena Springer, who invited Zhang Chengjue 張成覺, expert on the year 1957 and the so-called Anti-Rightists-Campaign in China. Zhang and Springer were inspired by Lu Xun expert Qian Liqun from Peking University, who called for research on the late 1950s in China across disciplines. The workshop in Vienna was about censorship, political changes, publishing conditions and (self-)perceptions of artistic quality. Professor Schirmer told us about a debate in South Korea 45 years ago, in 1968. A big-wig critic who became culture minister later published an essay, lamenting the lame state of Korean literature. A poet responded and said he had poems that could not be published, and his friends also had literature that could not be published because it would be considered dangerous, unstable, unsettling. 不穩。The critic said he didn’t understand. Surely good art would be independent of politics and would only need imagination and talent? Not so, the poet replied. Art is potentially unsettling, if it is powerful art at all. The critic didn’t get it again. Sounded very much like Prof. Kubin and his friends in China. Also like Taiwan 30 years ago, of course. / 中国大好き
Achim Wagner wurde 1967 in Coburg geboren. Er veröffentlicht seit 1997 Gedichte, Erzählungen, Romane und Libretti. 2009 führte ihn ein Stipendium nach Istanbul. Das Interesse an der türkischen Lyrik hielt ihn im Land. Seit 2010 wohnt er in Ankara und pendelt zwischen der türkischen und deutschen Hauptstadt. Am 12. Juli wird der Autor zu Gast sein in Stuttgart, im Literarischen Salon des Schriftstellerhauses. In der Stuttgarter Zeitung berichtet er aus Ankara.
„Womit versüßt man Tage, wenn nicht mit Gedichten“, heißt es in einem Vers des israelischen Lyrikers Natan Zach.
Seit 1955 versüßt der 1930 in Berlin geborene Zach nun die Tage – wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Sein Werk, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, in Israel und international mehrfach ausgezeichnet, hat ihn zum Erneuerer und Wegbereiter der modernen hebräischen Lyrik gemacht. Zach prägt sie bis auf den heutigen Tag: als „bitterer, sehr kalter Romantiker“, so die Selbstcharakterisierung des streitbaren Zeitgenossen. Seine gefühlvollen, aber unsentimentalen Gedichte, Teil der israelischen Alltagskultur, sind – vielfach vertont – auch als Lieder populär. Hin und wieder thematisieren sie in poetischer Form politische Ereignisse – weitaus subtiler als es ein Günter Grass vermag.
Vor wenigen Tagen erst erinnerte Zach in der Tageszeitung Haaretz mit einem Gedicht an den erschossenen Palästinenserjungen Muhammed al-Dura.
Umso mehr wundert es, dass erst jetzt, im dreiundachtzigsten Lebensjahr des Dichters, ein Buch erscheint, das es dem deutschen Leser erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt aus Zachs jahrzehntelangem Schaffen bekannt zu machen.
„Verlorener Kontinent“ lautet der Titel dieser mit 87 Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1955 bis 2008.
Zach, Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer italienischen Mutter kam als Kind in das Mandatsgebiet Palästina. In der Familie sprach man Deutsch. Hebräisch, die Sprache, in der Zach sich künstlerisch ausdrückt oder auch an der Universität Haifa unterrichtet hat, erlernte er als Fremdsprache. / Carsten Hueck, DLR
Natan Zach: Verlorener Kontinent
Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner
Jüdischer Verlag, Berlin 2013
87 Seiten, 19,95 Euro
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