Li Bifeng war einmal Steuerbeamter in Mianyang, einer Stadt in der Provinz Sichuan, aber seit ihm das Gefängnis zur Heimat wurde, ist er nur mehr Dichter.
Kein bekannter, nein. Li Bifeng ist eine jener armen Seelen, nach denen kein Hahn kräht, eigentlich. Es ist 1989, das Frühjahr der Rebellion in China, als der junge Beamte Li sich auf die Seite der Studenten schlägt. Dafür kassiert er die ersten fünf Jahre Haft. Er wird entlassen, bekommt einen Sohn. Dann springt er einer Gruppe protestierender Textilarbeiter zur Seite, welche die Autobahn blockieren. 1998 das zweite Urteil: sieben Jahre Haft.
„Er war immer in Eile und immer am falschen Ort.“ Liao Yiwu hat das geschrieben, der Schriftsteller, dem die Flucht ins Berliner Exil gelungen ist. Die beiden hatten sich im Gefängnis kennengelernt. Sie waren dort nicht die einzigen Politischen, aber die einzigen Poeten, so ließen sie sich, schreibt Liao „in aller Heimlichkeit viel Wärme zukommen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinander reiben“. / Kai Strittmatter, Süddeutsche Zeitung
Nâzım Hikmet zählt zu den berühmtesten Dichtern der Türkei, und doch war er ein ungeliebter Sohn seines Vaterlands. 1950 hatte man ihn ausgebürgert, nachdem der glühende Kommunist in die Sowjetunion geflohen war. Erst 2009 gab ihm der türkische Staat posthum seine Staatsbürgerschaft zurück.
Nicht drei oder vier
Nicht fünfzehn –
Dreißig Millionen
Hungernde
Haben wir!
Wir haben sie!
Sie
Haben uns!
…
Diese Verse schrieb Nâzım Hikmet 1921. Das Gedicht „Die Pupillen der Hungernden“ markiert den Beginn der modernen türkischen Lyrik. Nâzım Hikmet befand sich auf dem Weg von Anatolien nach Russland und sah überall in den Dörfern die ungeheure Armut der Menschen. Irgendwo auf dem langen Marsch nach Norden bekam er eine russische Zeitung in die Finger. Da fielen ihm die treppenförmigen Gedichte des russischen Futuristen Wladimir Majakowski auf. Nun vermochte sich Nâzım Hikmet vom traditionellen Versmaß zu lösen. Die osmanische Dichtung – meist Liebesgedichte oder religiöse Lobpreisungen – war höfisch, artifiziell, das Vokabular zu einem Großteil arabisch und persisch. Nâzım Hikmet schrieb über die menschlichen Sorgen, in türkischer Alltagssprache. „Kerem gibi“ heißt eines seiner berühmtesten Gedichte:
Die Luft ist schwer wie Blei.
Ich
schrei
und schrei
und schrei.
Los,
ich rufe,
um
das Blei
zu schmelzen …
/ Tobias Mayer, DLR
Poetische Begegnung der Kulturen
Adonis zu Gast in Bonn — Gemeinschaftslesung in Köln
Seit 2006 veranstaltet der von dem deutsch-syrischen Dichter Fouad El-Auwad gegründete „Lyrik-Salon“ regelmäßig hochrangige literarische Abende in verschiedenen deutschen Großstädten. In der kommenden Woche ist der „Lyrik-Salon“ gleich zweimal im Rheinland zu Gast. Für Mittwoch, den 5. Juni, wurde der aus Syrien stammende, heute in Paris lebende Dichter Adonis zu einer Lesung in Bonn verpflichtet. Adonis gilt seit Jahrzehnten als der bedeutendste Dichter der arabischen Welt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2011) und dem Petrarca-Preis (2012). Er wird seine Gedichte auf Arabisch lesen; die Übersetzungen liest Fouad El Auwad. Die Soiree findet statt um 20 Uhr im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (Bonngasse 18-26, 53111 Bonn). Musikalisch wird der Abend umrahmt von dem Lauten-Virtuosen Raed Koshaba; als Übersetzer fungiert Hasan Husain; die Moderation übernimmt Christoph Leisten. – Am darauffolgenden Donnerstag, dem 6. Juni, ist der „Lyrik-Salon“ mit einer Gemeinschaftslesung im Köln zu Gast. Hier lesen neben dem Gastgeber Fouad El-Auwad Franco Biondi, Suleman Taufiq, Gabriele Frings, Francisca Ricinski, Dragoslav Dedoviv (Serbien), Nedjo Osman (Makedonien), Burhan Schawi (Irak), Hussein Habasch (Syrien), Emad Fouad (Ägypten) und Belqis Hasan (Irak). Diese zweite Begegnung der Kulturen findet statt um 6. Juni um 19.30 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28, 50678 Köln. Auch dieser Abend wird musikalisch begleitet durch Raed Khoshaba. Der Eintritt zu den beiden Abenden beträgt jeweils 10 Euro. – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de.
Viele Lobredner beweisen die Größe ihres Abgottes antithetisch, durch die Darlegung ihrer eignen Kleinheit.
Athenäum-Fragmente. Nr. 65. 1. Band, 2. Stück. 1798
Die Wirkung von Worten
läßt sich schwer ermessen.
Guten Tag – das begreifst du noch,
aber daß der Tag trotzdem nicht
besser wird, setzt dich
in Erstaunen.
Günter Kunert, in: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1975, S. 32.
Anmerkung 2013: Mitte der 70er Jahre, als ich alles von Kunert las, war ich Bautypen auf der Spur. In mehreren Bänden finde ich über jedem Gedicht eine mit Bleistift geschriebene Formel, deren Bedeutung mir leider entfallen ist. Aber sie hatten eine. Mad professor? Weder Professor noch mad, nur daran interessiert, Strukturen zu lesen, damals wie heute.
Die Formel für dieses Gedicht lautet:
Z ⋀ →
(Z könnte bedeuten: Zustand. In einem Gedicht Kunerts heißt es: „Gedicht ist Zustand, / den das Gedicht zerstört / indem es / aus sich selbst heraustritt“). Der Pfeil wäre dann auch klar, aber der Winkel? Vielleicht entziffere ich es noch einmal.)
Das einzige bekannte Exemplar der Zeitung „Le Progrès des Ardennes“, in dem 1870 ein Text von Rimbaud erschien, könnte demnächst zum Verkauf stehen. Die rimbaldische Welt (monde rimbaldien) bebt.
Am 25.11. 1870 hatte er unter dem Pseudonym Jean Baudry den satirischen Text „Le Rêve de Bismarck“ (Der Traum Bismarcks) veröffentlicht.
Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht, heißt es in einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet. Das, was in Istanbul passiert, trifft uns deutsche Türken mitten ins Herz. Es ist mehr das Wie als das Was. Proteste gibt es in Istanbul tagtäglich gegen alles und jeden, aber die Unverfrorenheit, friedliche Bürger im Schutznebel von Tränengas krankenhausreif zu prügeln, war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. (…) In fast jeder Familie arbeitet jemand in der Verwaltung, als Lehrer, als Handwerker, ist jemand in der Armee, hat Nichten und Neffen, die studieren und Verwandte in Deutschland. Das politische Spektrum reicht von nationalistisch rechts bis anarchistisch links, von AKP über CHP, bis in alle Splittergruppierungen hinein. Auf Familienfesten wahrt man den Burgfrieden, man streitet, aber am Ende bleibt man eine Familie. Diese „Familie“ wurde nun durch das harte Vorgehen der Polizei verunglimpft. Deshalb protestieren sie, die Linken, die Rechten, die Alten, die Jungen, die Türken und Kurden und sagen: Es reicht uns! Wir wollen von unserer Regierung nicht länger vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir glücklich zu sein haben./ Hatice Akyün, Tagesspiegel
… „ist ein professioneller Newsletter in Zusammenarbeit mit LYRIKwelt.de. Hier gibt es 4x im Jahr interessante Neuigkeiten aus dem deutschsprachigen Literaturbetrieb, Buchvorstellungen und Hinweise zu Neuerscheinungen, Kurzbesprechungen und Wettbewerbshinweise, aber auch Text/Leseprobe und sonstige interessante Überraschungen.“
In der aktuellen Ausgabe u.a.
Junge Lyrikerin mit monströsen Gedichten
titelt die Deutsche Welle, und schreibt u.a. dies:
Nora Gomringer ist der Star unter den jungen deutschen Dichtern. Ihr neuester Gedichtband „Monster Poems“ erhielt prompt einen Preis. Auch ihre Art, Gedichte vorzutragen ist anders – und sorgt für Aufsehen.
Wenn Nora Gomringer Lyrik vorträgt, dann wird aus Literatur Unterhaltung pur: Sie stampft, flüstert, brüllt und haucht die Worte. Die Zuschauer lauschen nicht angestrengt mit krauser Stirn, vielmehr angeregt und belustigt. So auch an diesem Abend: Die junge Dichterin sitzt am Tisch, neben ihr der Komponist Franz Tröger. Zusammen bringen sie Lyrik zu Gehör: mit Spieluhr, Trillerpfeife und Flöte. Zwischendurch verteilen sie Marshmallows ans Publikum.
(…)
Nora Gomringer irritiert selber sehr gern. Ihre Auftritte sind eher Performance als Lesung. Dafür bezieht sie mitunter Schelte. „Dass man einen Text vom Blatt hebt und ihn mündlich macht, das ist für viele schon ein Affront. Wir in Deutschland haben eine bestimmte, sehr starke Rezeptionskultur und bestimmte Vorlieben im Ohr und wir reagieren dann stark auf Abweichungen von Normen, die wir uns überlegt haben.“
(…) die Liste der Literaturpreise ist lang, die Nora Gomringer in ihrem noch jungen Dichterleben gewonnen hat. Über die jüngste Auszeichnung, den Poesiepreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft, hat sie sich sehr gefreut. Begründung der Jury: Gomringers neuer Zyklus „Monster Poems“ sei das Ergebnis des Suchens und Findens des Menschlichen, das nie ganz beendet und immer auch zum Schmunzeln sei.
(…) Zudem es gibt eine lange Liste von Terminen: Lesungen, auf denen Nora Gomringer Monströses zum Besten geben wird. / Birgit Goertz
“Translations of Sappho, until recent years, have been fantastically inappropriate. . . . Today a sufficient number of literal translations by modern poets may enable the reader of English to envelop Sappho and measure her as we do distant stars by triangulation from more mundane objects. It then becomes apparent that we are not deluding ourselves. There has been no other poet like this. Wherever enough words remain to form a coherent context, they give one another a unique luster, an effulgence found nowhere else. Presentational immediacy of the image, overwhelming urgency of personal involvement — in no other poet are these two prime factors of lyric poetry raised to so great a power.”
Kenneth Rexroth, Classics Revisited
Im
zur Probe 30 Übersetzungen von Sapphos „Poem of Jealousy“ in verschiedene Sprachen, darunter Latein (Catull), Französisch (Ronsard) und Englisch (Phillip Sidney, George Byron, William Carlos Williams, Louis & Celia Zukovsky, Robert Lowell, Anne Carson und viele andere).
Auch deutsche Übersetzungen, die dort fehlen, gibts nicht zu knapp, so von Emil Staiger, Manfred Hausmann, Thomas Kling oder Dirk Uwe Hansen
Es handelt sich um Fragment Voigt 31, als Titel findet sich auch: Liebessymptomgedicht (Tusculum-Ausgabe)
In Hansens Band „Sappho: Scherben – Skizzen“. (Potsdam: udo degener, 2012) stehen neben Übersetzungen jeweils freie Nachdichtungen.
Ich rücke hier mit freundlicher Erlaubnis beider Autoren Byrons Übersetzung und Hansens freie Fassung ein.
Equal to Jove that youth must be —
Greater than Jove he seems to me —
Who, free from Jealousy’s alarms,
Securely views thy matchless charms.
Ah! Lesbia! though ’tis death to me,
I cannot choose but look on thee;
But, at the sight, my senses fly,
I needs must gaze, but, gazing, die;
Whilst trembling with a thousand fears,
Parch’d to the throat my tongue adheres,
My pulse beats quick, my breath heaves short,
My limbs deny their slight support;
Cold dews my pallid face o’erspread,
With deadly languor droops my head,
My ears with tingling echoes ring,
And life itself is on the wing,
My eyes refuse the cheering light,
Their orbs are veil’d in starless night:
Such pangs my nature sinks beneath,
And feels a temporary death.
George Byron, um 1820
Könnte ein Gott sein, der Mann, du
lächelst, er guckt nur, ich weiß nicht
(werde stumm,
Herz bleibt stehen,
taub auf beiden Augen,
schwillt mir die Zunge,
unter der Haut verbrannt,
bleicher als Gras) bin ich
ganz tot oder nur
halb lässt sich manches ertragen.
Dirk Uwe Hansen, 2012
Bekannt wurde Mario Wirz durch sein Anfang der 1990er Jahre veröffentlichtes Prosa-Debüt „Es ist spät, ich kann nicht atmen“. In diesem „nächtlichen Bericht“ schrieb er schonungslos offen gegen seine Ohnmacht nach dem positiven Testergebnis an und schuf damit eines der wichtigsten literarischen Werke zum Thema Aids im deutschsprachigen Raum.
Lebensfreude und Tod sind überhaupt die beiden roten Fäden seines Œuvres. Erst vor wenigen Wochen erschien sein Buch „Unwiderruflich glücklich“, in dem er zusammen mit Christoph Klimke „40 heitere Texte über das Glück und den Tod“ veröffentlichte (queer.de berichtete).
In jüngster Zeit schrieb Wirz vornehmlich Gedichte. Sein letzter Lyrikband „Jetzt ist ein ganzes Leben“ wird nun am 17. Juni posthum erscheinen. / queer.de
nachts Fenster auf Kipp, Nasenflügel geweitet – im Schlaf atmet die Welt durch deinen Leib ein und aus, aus und ein
Hansjürgen Bulkowski
Freunde der Kultur!
Vom 7. bis 16. Juni 2013 findet das erste Literaturfestival in Berlin Prenzlauer Berg unter dem Namen WEISSENSEE 2 statt. An vier Orten werden ca. 30 Veranstaltungen von kompetenten, kompromißlosen Kulturschaffenden präsentiert, die größtenteils in Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee zu Hause sind. Mehr als 60 Künstlerinnen und Literaten stellen sich der »freiwilligen Aufgabe«: sie bieten der Gemeinde den Gegenwert für die Aufmerksamkeit, die gegenwärtig in Pankow für 4 Euronen pro Kopf und Jahr zu haben ist. Ihre Spontaneität ist ihre wirksamste Kraft, die Muskulatur einer utopischen Kultur, die bereits heute auf bargeldlosem Zahlungsverkehr beruht:
auf Poesie.
Aus dem Programm:
Freitag, 7. Juni
21 Uhr, Rumbalotte
Elke Erb
Das Hündle kam weiter auf drein
Lesung
Sonntag, 9. Juni
18 Uhr, staatsgalerie
Depesche auf Rädern.
Dichtungen des tschechischen Poetismus 1923–1939.
Eine Vorstellung von Peter Ludewig mit einem poetistischen Spezialgast.
20 Uhr, Rumbalotte
Kohle auf Papier
Ilia Kitup stellt seinen Propeller Verlag vor.
Montag, 10. Juni
19 Uhr, BAIZ
Über die Klebrigkeit von Sprengstoff
Andreas Paul und Denis Faneitis proben den Aufstand mit Gedichten & Slam
Poetry.
19 Uhr, Rumbalotte
Women are hungry
Henryk Gericke, Cornelia Jentzsch, Sarah Marrs, Robert Mießner, Bert Papenfuß
Rückblickende Buchvorstellung von Slam! Poetry (Druckhaus Galrev, 1993)
Illustrationen: Sarah Marrs
21 Uhr, Rumbalotte
Batterie Bolu
Deutsch-serbische Texte von Silke Galla und Zoran Naric plus vaterlandslose
Geräuschmusik von Helko Reschitzki
Dienstag, 11. Juni
19 Uhr, Rumbalotte
Rothahndruck präs.:
Engel- und Türklopfer
Alexander Krohn und Kai Pohl lesen aus dem Siebdruck.
www.distillerypress.de
www.pappelschnee.de
Mittwoch , 12. JUNI
19 Uhr, Rumbalotte
Tone Avenstroup
ineinandersetzung
Lesung, Hintergrundmusik von Krohn/Kenner/Gabriel
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