wien, zärtlich
Von Heidi Pataki
(* 2. November 1940 in Wien; † 25. April 2006)
das schlagstockerl
das lenkwafferl
das bomberl
das kaffeetscherl
das stacheldrahterl
das betonbunkerl
das hakenkreuzerl
das knöderl
das stahlhelmerl
das kameraterl
das wolfshunterl
das achterl
das massengraberl
das lagerl
das wehrsportgrupperl
das glaserl
das schluckerl
schluckerl
schluckerl
schluckerl
Aus: Heidi Pataki, Amok und Koma. Salzburg: Otto Müller, 1999
Ilse Aichinger
(* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda)
Briefwechsel
Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weißen Gewändern
und stünden still im Flur.
Aus: Ilse Aichinger: „Verschenkter Rat“, Gedichte; FT 5126, Frankfurt/Man: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981
Hier das Gedicht in ungarischer Übersetzung
Egon Schiele
(* 12. Juni 1890 Tulln, Niederösterreich, † 31. Oktober 1918 Wien)
Musik beim Ertrinken
In Momenten jochte der schwarze Fluß meine ganzen Kräfte, ich sah die kleinen Wasser groß und die sanften Ufer steil und hoch. Drehend rang ich und hörte die Wasser in mir, die guten schönen Schwarzwasser – dann atmete ich wieder goldene Kraft, der Strom strömte starr und stärker.
Aus: Egon Schiele, Versensporn 22. Edition Poesie schmeckt gut. Jena 2015, S. 15
Claire Goll
(* 29. Oktober 1890 in Nürnberg; † 30. Mai 1977 in Paris)
Du bist zart
Wie die Fingerabdrücke
Der Vögel im Schnee.
Du bist traurig
Wie die Pinie am Berg
Mit dem zerzausten Haar.
Du bist süss
Wie die Datteln
Biblischer Palmbäume.
Und ich betrüge dich,
Gerade weil du so sanft bist
Und so vollendet traurig.
Aus: Claire Goll: Ich liege mit deinen Träumen, Liebesgedichte. Göttingen: Wallstein Verlag, 2009.
Sylvia Plath
( * 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)
Totgeboren
Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Dabei wuchsen sie gut, ihre Zehen- und Fingertriebe.
Ihre kleinen Stirnen schwollen vor Konzentration.
Wenn sie es nicht schafften herumzulaufen wie Menschen,
Lag’s nicht an einem Mangel an Mutterliebe.
Ach, ich kann nicht verstehn was mit ihnen passiert ist!
Sie sind richtig in Form und Anzahl und allem Drumrum.
Sie sitzen so nett in der salzigen Flüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln und lächeln mir zu.
Und doch füllen die Lungen sich nicht und das Herz bleibt stumm.
Sie sind keine Schweine, sie sind noch nicht einmal Fische,
Obwohl sie ein schweiniges, fischiges Wesen haben—
Es wär besser, wären sie lebendig, und das ist’s‚ was sie waren.
Doch sie sind tot, und die Mutter fast tot vor Verzweiflung,
Und sie starren blöde und wollen nichts von ihr sagen.
Aus: Sylvia Plath: Übers Wasser. Nachgelassene Gedichte zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: Luxbooks, 2013, S. 61
Andrej Belyj
(Андре́й Бе́лый; eigentlich Бори́с Никола́евич Буга́ев/Boris Nikolajewitsch Bugajew; * 14. Oktober alten / 26. Oktober 1880 neuen Stils. in Moskau; † 8. Januar 1934 ebenda)
Aus: Glossolalie. Poem über den Laut (1922)
Unter dem deutschen Text der russische Originaltext der Erstausgabe Berlin 1922, danach Anmerkungen; alles aus: Andrej Belyj: Glossolalie / Glossolalia / Глоссолалия. Poem über den Laut. Russische Originalfassung mit deutscher und englischer Übersetzung. Aus dem Russischen von Maka Kandelaki. Translated from the Russian by Thomas R. Beyer, Jr. Hrsg. Taja Gut. Dornach: Pforte Verlag im Rudolf Steiner Verlag, 2003, S. 154f
Alfonsina Storni
(* 29. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien)
Borrada
El día que me muera, la noticia
ha de seguir las práticas usadas,
y de oficina en oficina al punto
por los registros seré yo buscada.
Y allá muy lejos, en un pueblecito
que está durmiendo al sol en la montaña,
sobre mi nombre, en un registro viejo,
mano que ignoro trazará una raya.
—
Ausradiert
Am Tag an dem ich sterbe, wird die Nachricht
ganz sicher den üblichen Weg gehen,
und man wird von Büro zu Büro
in den Meldestellen umgehend nach mir fahnden.
Und, fernab von hier, in einem kleinen Dorf
in den Bergen, das in der Sonne schläft,
wird eine fremde Hand in einem alten Register
einen Strich durch meinen Namen ziehen.
Aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Spanisch-deutsch. Übers. Reinhard Streit. Zürich: teamart, 2009, S. 97
Denise Levertov
(* 24. Oktober 1923 in Ilford, Essex, England; † 20. Dezember 1997 in Seattle, USA)
Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. München: Lyrik Kabinett, 2006, S. 147
Anmerkung aus dem Buch:
Vgl. Wordsworth‘ „The world is too much with us“, „Um uns zu viel Welt“, in einer Übersetzung von Werner von Koppenfels. – Vgl. Psalm 34:9 „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“.
Jaroslav Seifert
V
Laßt euch nur nicht einreden,
daß die Pest ausgerottet ist in der Stadt.
Noch sehe ich viele Särge
durch dieses Tor fahren‚
das nicht das einzige ist.
Die Pest wütet bis auf den heutigen Tag, doch die Ärzte
geben der Krankheit offenbar andere Namen,
damit keine Panik entsteht.
Es ist immer derselbe alte Tod,
nichts anderes,
und er ist so ansteckend‚
daß ihm keine Menschenseele entkommt.
Sooft ich aus dem Fenster sehe,
ziehen die dürren Klepper den unheilverkündenden Wagen
mit dem dürftigen Sarg.
Aber heutzutage läutet man nicht mehr so oft‚
malt keine Kreuze an die Häuser
und räuchert sie nicht aus mit Wacholder.
Aus dem Zyklus »Die Pestsäule«
Aus: Jaroslav Seifert: Im Spiegel hat er das Dunkel. Tschechisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Olly Komenda-Soentgerath. Frankfurt/Main: Heiderhoff, S. 27
Jaroslav Seifert (* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda), Nobelpreis für Literatur 1984
Olly Komenda-Soentgerath, eigentlich Olly Komendová-Soentgerathová (* 23. Oktober 1923 in Prag; † 8. Juni 2003 in Köln)
Elisabeth Grube
(geb. Diez, * 22. Oktober 1803 in Netphen; † 21. April 1871 in Düsseldorf)
Dichternetze
Sei still mein Herz, die Morgennebel schwinden,
Mit leisen Tritten kommt der milde Tag,
Trau deinem Stern! du wirst die Liebste finden;
Gib nur dem sanften Zug der Seele nach.
Die Spinne hat ihr künstlich Netz gehangen
Mit kühner Zuversicht auf Strauch und Baum,
Sie wob es still mit eifrigem Verlangen –
Der Fliegenfang ist ihrer Nächte Traum!
O, könnt auch ich ein Zaubernetz dir weben,
Kind meines Herzens, d’rin gefangen du. –
Wie würde deine Lieb‘ die Haft beleben!
Beglückt säh ich dem süßen Spiele zu!
Die Liebe ist Instinkt der Menschenseele,
Ihr Geisterhauch bewegt die Lebensuhr,
Und wenn ich muthig sie zum Leitstern wähle
Folg‘ ich der Gottheit segenvoller Spur. –
Doch neidisch tritt die Welt mit Hindernissen
Der Lieb‘ entgegen und als Leidenschaft
Bricht sie dann Bahn – wie durch die Finsternissen
Des Felsenthals die volle Stromeskraft. –
O höre du des Liedes sanfte Stimme
Und schenke, schenke deinen Anblick mir –
Wie nach dem Blüthenstaub die fleiß’ge Imme
So sehnsuchtvoll verlangt mein Herz nach dir! –
(1852)
Aus: Gedichte von Katharina Diez und Elisabeth Grube, geb. Diez
Stuttgart: Gebr. Scheitlin, 1857, S. 200f
Oskar Pastior
(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)
Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.
Aus: Oskar Pastior, Francesco Petrarca: 33 Gedichte. München, Wien: Hanser. 1983, S. 18
(Friedrich Hebbel)
Andre schaffen, damit sie das Leben sich sichern; dem Dichter Muß es gesichert sein, eh' er zu schaffen vermag.
Neueste Kommentare