«Wir wollen endlich lieben!»

Alexander Solschenizyn

( * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek, heute vor 100 Jahren; † 3. August 2008 in Moskau)

Gespräch zweier Insassen einer Krebsstation im asiatischen Teil der Sowjetunion 1955 – kein gewöhnliches Krankenhaus, vielmehr Teil des riesigen Archipels der Gulag, der sowjetischen Straflager:

« … Wer jahrelang vor Haß geglüht hat, kann nicht eines Tages sagen: basta, heute habe ich ausgehaßt, nun werde ich nur noch lieben. Nein, er bleibt voller Haß und wird so bald wie möglich wieder jemanden zum Hassen finden. Sie kennen das Gedicht von Herwegh:

Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen ——»

Oleg fiel ein:

«Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wie soll ich das nicht kennen. Das haben wir in der Schule gelernt.»

«Richtig, richtig, das haben Sie in der Schule gelernt! Aber so etwas ist doch schrecklich! In der Schule hätte man Ihnen das Gegenteil beibringen müssen: Zu des Teufels Großmutter mit eurem Haß. Wir wollen endlich lieben! — So soll der Sozialismus aussehen.»

Aus: Alexander Solschenizyn: Krebsstation. Roman in zwei Bänden. Band 2. Reinbek: Rowohlt, 1971, S. 137

Hier Herweghs Gedicht:

Das Lied vom Hasse
1841

Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß
Dein Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuß,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein Jüngst Gericht,
Brich du, o Haß, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn Unterlaß,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Haß
Als unsre Liebe werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

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