Dem Michel ins Stammbuch

Heinrich Heine

(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Michel nach dem März.

So lang ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.

Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverräthern.

Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie mährchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.

Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn’,
Der alt germanische Plunder,
Aufs Neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Mährchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn* –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nah’n
Und für den Kaiser streiten.

Die Burschenschaftler allesammt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.

Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –

Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vier und dreißig Monarchen.

Erstdruck: 1851

*) Ich hörte AfD-Frauen im Fernsehn und einen (übrigens erfolglosen) Provinz-Pegidisten auf dem Marktplatz zu Greifswald Heine zitieren: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um dem Schlaf gebracht“. Die Damen und Herrn haben das Gedicht gar nicht gelesen, oder es interessiert sie einen Scheiß – es ist ja ein privates Gedicht von der Sehnsucht des Flüchtlings Heine nach der in Deutschland verbliebenen Mutter. Und Heine ist nicht ihr Gewährsmann, für all die Mucker, Heuchler, Frömmler, Nationalisten, Burschen, Michel und Untertanen hatte er nichts als ätzenden Spott.

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