Jakob van Hoddis
Der Morgen des Philosophen
Er spricht: »Nicht ängstlich an Gestaden
Auf offnem Meere will ich baden
(Ha! der Vergleich ist ein gewagter!):
Ich werde frei vom Frohn der Zeiten
Zum kosmisch-schöpferischen schreiten.« –
(Kosmisch, sagt er.)
Er wandelt kühn um seinen Tisch, er wandelt schon die ganze Nacht
Wohl in dem gelben Lampenlicht
Das jetzt am blauen Tag zerbricht
(Die ganze Nacht hat er umgebracht!
So ein Kerl!)
Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 30
Jakob van Hoddis
(* 16. Mai 1887 in Berlin; ermordet 1942 in Sobibór, Generalgouvernement)
Nachlassfassung, Marbach
Varieté XI
Draußen
Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuhter stellt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-
pitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte
Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte knackte.
Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 15
Sturm-Fassung (Erstdruck, Der Sturm Nr. 47, 21. Januar 1911)
Varieté X
Draußen
Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuhter stelzt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-
pitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte
Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte kackte.
Aus: Ebd. S. 20
Wilhelm Klemm
(* 15. Mai 1881 in Leipzig; † 23. Januar 1968 in Wiesbaden)
Asia
Komm näher, mein Asien! Durch deine Klüfte
Galoppieren noch immer die Reiter der Makedonen,
Alexander ist nicht gestorben! Und die trüben Geister der Lüfte
Verlassen dich nicht, noch die Träume, die wonnig im Opium wohnen.
Du fliegst daher auf den Flügeln der Steppen,
Deine goldenen Brüste baden sich in den lauen
Meeren, und deine herrlichen, blauen
Nächte funkeln über Chinas Ebenholztreppen.
Wiege der Götter bist du. Das Paradies thront.
Menschengeschlechterkaskaden rauschen und heilige Schriften,
Hier sind Lotosblume, Kreuz und halber Mond.
Heimat der Seuchen bist du und furchtbaren Gifte!
Rauchmäuler öffnen sich, ungeheure Umarmung der Toten,
Götter und Vizegötter, mythenverwachsener Wald,
Bodenlose Süßigkeit von all dem, was verrucht und verboten
Birgst du, und was in Menschenherzen sich ahnungsvoll ballt,
Leidenschaften, auf Allmacht gerichtet,
Offenbarung, die vom Leiden befreit,
Süßeste Urfetische, und der Liebe zehntausend Gesichter,
Und ein ewiges Lächeln, schön, wie ein Bild aus alter Zeit:
Im Azurtempel, am Fuß des Gebirges war
Der Ort, wo die letzte Weisheit erkannte der Weise –
Die Berge grünten in ihrem Lockenhaar,
Und die Lilien blühten neben dem Eise.
Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam 1991 (1. Aufl. 1966), S. 123f. Zuerst in: Wilhelm Klemm, Aufforderung. Berlin: Verlag Die Aktion 1917.
Martin Winter
es
es ist alles die geschichte
es ist alles ein gedicht
es ist alles bei tabori
es ist alles einfach nicht
es ist alles sarajewo
es ist alles tiananmen
es ist alles Srebrenica
es ist alles nicht so schoen
es ist alles gute arbeit
es ist alles fremdenrecht
es sind alles die Pensionen
es ist alles konkurrenz
es ist alles Stadtentwicklung
es ist alles Zuckerbrot
es ist manches ungeheuer
es ist manches ziemlich tot
es ist alles gazastreifen
es ist alles engagement
es hofft alles auf obama
es ist alles kompliziert
es ist alles die Vererbung
es ist alles das geschlecht
es ist alles die Umgebung
es ist alles nicht so schlecht
es ist alles in der zeitung
es ist alles im journal
es ist alles in der Werbung
es ist alles kapital
es ist alles in der erde
es ist alles in der luft
es ist alles in den Sternen
es ist alles in der gruft
es ist alles gazastreifen
es ist alles israel
es ist alles schoener wohnen
es ist alles ein befehl
es geht alles immer weiter
es bleibt alles wieder stehen
es wird alles wieder heiter
es wird alles untergehen
Aus: Martin Winter: Der Mond muss perfekt sein. She has to be perfect. Mit 27 Übersetzungen von Yi Sha. Wien: Literatur- und Kunstverein fabrik.transit, 2016
Seit rund anderthalb Jahrtausenden leben Juden in Deutschland, sie haben natürlich auch gedichtet. Manche auf Deutsch, wie vielleicht als Erster der einzige jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg (ob er Jude wahr oder sich nur so maskierte, ist umstritten). Obwohl die meisten neueren Dichter wie Heine oder Lasker-Schüler Deutsch schrieben und wohl kaum Hebräisch konnten, gibt es vielfältige unterirdische Strömungen. Einigen davon kann man in einer wunderbaren dreibändigen Edition des im Russischen Reich, in der heutigen Ukraine geborenen hebräischen Dichters Saul Tschernichowski nachgehen, nachzugehen beginnen. Er wurde im gleichen Jahr wie Rilke geboren und war mit russischen Dichtern befreundet, Wladislaw Chodassewitsch übersetzte ihn ins Russische, er war ein Neuerer, ein Modernist, wenn man so will, aber in einer völlig anderen Lage als die französischen oder deutschen Dichter der Zeit. Er entschloß sich, auf Hebräisch zu dichten und buchstäblich eine moderne Literatursprache für das seit Äonen nur sakral lebendige Hebräisch mit zu entwickeln. Also las und übersetzte er die Weltliteratur, teilweise aus deutschen Fassungen (Gilgamesch, die Edda), aber auch Shakespeare, Horaz, Homer, Molière und auch Goethe. Das erste Gedicht des ersten Bandes ist ein formstrenges Sonett, es adaptiert die europäische Klassik. Aber sieh da, es gab einen Dichter, Immanuel von Rom (Immanuel ben Schlomo ha-Romi, Manouello Romano oder Manoello Giudeo, geboren um 1261 in Rom; gestorben um 1335), der Jahrhunderte vor dem ersten deutschen Sonett bereits hebräische Sonette schrieb!
Saul Tschernichowski
(שאול טשרניחובסקי)
(* 20. August 1875 in Michailowka, Russland / Ukraine; † 14. Oktober 1943 in Jerusalem)
Auf das hebräische Sonett
Wie teuer du mir bist, Sonett, oh Lied aus Gold!
Schon seit der Renaissance bist du uns eine Weisung.
Immanuel von Rom verehrte deinen Klang,
zu seiner Zeit war er der einzige, unsterblich.
Verdichtetes Gedicht, ein Ausdruck rein wie Gold,
so fein umfasst in dir das Große selbst das Kleinste,
der Strophe höchster Kunst ist Klang von Kraft und Stolz,
und dein Gedankengang das Licht von klaren Blitzen.
Mein Denken ist in dir auf einen Punkt gebracht.
Was wähle ich als Bild? Das Gusseisen, das fließt,
sich Formen unterwirft und klanggetränkt erstarrt.
Bist nicht auch du wie dies: als Zeichnung eingeritzt
in eng umgrenzte Form der Überlieferung,
Gedanken eng gepresst und Worte weit gespannt.
Odessa 5680 (1919/20)
Deutsch von Jörg Schulte. Aus: Saul Tschernichowski, Dein Glanz nahm mir die Worte. Band I: Sonette, Idyllen, Gedichte. Berlin: Rugerup, 2020, S. 25.
Am 12. März 1918 wird der Dichter Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München) begraben.
Bertolt Brecht
Zu Wedekinds Begräbnis
Sie standen ratlos in Zylinderhüten.
Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben.
Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten:
Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.
Aus; Bertolt Brecht, Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. XIII: Gedichte 3. Aufbau/Suhrkamp, 1993, S. 115
Frank Wedekind stirbt am 9. März 1918 in München. Brecht nimmt an der Beerdigung am 12. März teil. Es kommt dabei zu Zwischenfällen: Zaungäste, Prostituierte, Halbwüchsige und Vagabunden bringen den Trauerzug durcheinander. Der Schriftsteller Heinrich Lautensack stürzt an der offenen Grube nieder und gibt einen verwirrten Nachruf von sich.
Ebd. S. 440
Bertolt Brecht: Frank Wedekind
Seine Vitalität war das Schönste an ihm. Ob er einen Saal, in dem Hunderte von Studenten lärmten, ob er ein Zimmer, eine Bühne betrat, in seiner eigentümlichen Haltung, den scharfgeschnittenen, ehernen Schädel etwas geduckt vorstreckend, ein wenig schwerfällig und beklemmend: es wurde still. … Er sang vor einigen Wochen in der Bonbonniere zur Gitarre seine Lieder mit spröder Stimme, etwas monoton und sehr ungeschult: Nie hat mich ein Sänger so begeistert und erschüttert. Es war die enorme Lebendigkeit dieses Menschen, die Energie, die ihn befähigte, von Gelächter und Hohn überschüttet, sein ehernes Hoheslied auf die Menschlichkeit zu schaffen, die ihm auch diesen persönlichen Zauber verlieh. Er schien nicht sterblich.
Ebd., Bd. XXI: Schriften 1, 1992, S. 35
Rose Ausländer
(* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf)
Folg mir nicht nach, mein Bruder
[Nach Itzik Manger. Aus dem Jiddischen]
Ich bin der Weg ins Leere,
das blonde Sonnensinken,
die braune Hirtenflöte,
das müde Abendwinken.
Folg mir nicht nach, mein Bruder –
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn!
Ein Dolch ist meine Schönheit,
der tief sich gräbt ins Herz.
Zwei blaue Lippen über
dem Kruge Wein: mein Schmerz.
Mein Sehnen: ein Zigeuner
in windgepeitschter Steppe.
Eine tote, bleiche Mutter
auf dunkler Abendtreppe.
Folg mir nicht nach, mein Bruder,
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn!
Meine Gier: eine nackte Nonne,
vor dem Altar gebeugt,
die ihre heißen Brüste
dem blonden Narren neigt.
Meine Luft: ein Regenbogen,
der an der Sonne reift
und in der Hand verflüchtet,
die gierig nach ihm greift.
Mein Haß: ein wilder Reiter,
in seiner Hand ein Strick,
doch statt den Feind erwürgt er
im Wahn sein eignes Glück.
Folg mir nicht nach, mein Bruder –
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn.
(1985)
Aus: Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Herausgegeben von Klaus Werner. Frankfurt/Main, Leipzig: Insel, 1991, S. 55f
Jaroslav Seifert
(* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda)
Die Pestsäule
In die vier Weltrichtungen wendet sich
die Vierzahl demobilisierter Fürsten
des Engelheeres.
Und alle vier Seiten der Welt
sind zugeschlossen.
Auf dem sonnigen Wege taumelt
der alte Säulenschatten
von der Stunde der Fesseln
zur Stunde des Tanzes.
Von der Stunde der Rose
zur Stunde des Schlangengifts.
Von der Stunde des Zorns
zur Stunde des Lächelns.
Von der Stunde der Hoffnung zur
Stunde Niemals,
von der es nur noch eine Fußbreit ist
zur Stunde Hoffnungslosigkeit
und zum Drehkreuz des Todes.
Deutsch von Peter Lotar
Aus: Stunde namens Hoffnung. Almanach tschechischer Literatur 1968-1978. Mit Collagen von Jiří Kolář. Herausgegeben von Jiří Gruša, Milan Uhde und Ludvík Vaculík. Frankfurt/Main: S. Fischer Taschenbuch Verlag, 1978, S. 7
Mascha Kaléko
(* 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów, Österreich-Ungarn; † 21. Januar 1975 in Zürich)
Inventar
1
Haus ohne Dach
Kind ohne Bett
Tisch ohne Brot
Stern ohne Licht.
2
Fluß ohne Steg
Berg ohne Seil
Fuß ohne Schuh
Flucht ohne Ziel.
3
Dach ohne Haus
Stadt ohne Freund
Mund ohne Wort
Wald ohne Duft.
4
Brot ohne Tisch
Bett ohne Kind
Wort ohne Mund
Ziel ohne Flucht.
Aus: Lyrik des Exils. Hrsg. Wolfgang Emmerich u. Susanne Heil. Stuttgart: Reclam, 1985, S. 159
Gregor Laschen, geboren 1941 in Paris, steht im Anhang der Anthologie „Kristallisationen“. In anderen Büchern steht: 1943 in Samarkand; 1941 in Casablanca; 1943 in Alexandria. Auch 1942 wird als Geburtsjahr genannt. Tatsächlich stammt er aus Vorpommern. Er ist rechtzeitig weggekommen, aber er wollte wohl nicht daran erinnert werden.
(* 8. Mai 1941 in Ueckermünde, Vorpommern; † 2. Juni 2018 in Lingen (Ems))
Fragment
Die schöne Geschichte der alten Gedichte,
genaues Aus- und Einatmen.
Und tanzende Wirklichkeit vor soviel Puppen,
Tage zurechtgeprügelt
im sauren Schweiß der Herrschaft.
(Wir drehen die Sprache um und nachhaus
ins Versprechen, wir kommen – sagen wir – nicht
durch, Eisläufer im Sommer, nicht an.
Wir stehen von Kindesbeinen an
im geschmeidigen Ruhm der Sprache
und reden noch, gelassen reden wir.)
Die schöne Geschichte der alten Gedichte
kennen wir inwendig. Genaues Aus- und Einatmen.
Windstille augenblicklich immer, während
die Herrschenden die Luft anhalten.
Aus: Kristallisationen. Deutsche Gedichte der achtziger Jahre. Herausgegeben von Theo Elm. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 94f
Stanisław Przybyszewski
(* 7. Mai 1868 in Lojewo; † 23. November 1927 in Jaronty bei Inowrocław)
Aus: Totenmesse
[…] Am Anfang war das Geschlecht. Nichts außer ihm – alles in ihm.
Das Geschlecht war das ziel- und uferlose Apeiron des alten Anaximander, als er Mir den Uranfang träumte, der Geist der Bibel, der über den Gewässern schwebte, als noch nichts war außer Mir.
Das Geschlecht ist die Grundsubstanz des Lebens, der Inhalt der Entwicklung, das innerste Wesen der Individualität.
Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, das Umgestaltend-Zerstörende.
Es war die Kraft, mit der Ich die Atome aufeinander warf – die blinde Brunst, die ihnen eingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente und Welten schaffen ließ.
Es war die Kraft, die den Aether in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle in Welle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzte und zu Licht werden ließ.
Es war die Kraft, die den elektrischen Strom in sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinander prallen ließ – und so ist das Geschlecht Leben, Licht, Bewegung.
Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Es schuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße, um die ganze Welt in sich hineinzuschlürfen; es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, um sich zu befriedigen.
Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es streckte sich aus in zahllosen Formen und konnte sich nicht befriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten, es wieherte nach Genuß in der ersten Metazoe, als es das Urwesen in zwei Teile zerriß und sich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam, brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um ein neues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das eine kompliziertere Befriedigungsorgie für die ewig hungrigen Dämonen seiner Wollust erfinden könnte.
Und so schuf sich das Geschlecht endlich das Gehirn.
Das war das große Meisterwerk seiner Wollust. Es fing an ihm zu kosten und zu winden an und drehte an ihm und stülpte es aus in Sinnesorgane, zerteilte Das, was ganz war, in tausend Modifikationen, differenzierte Gemeingefühle zu distinkten Sinneseindrücken, zerschnitt ihre Verbindungen untereinander, daß ein und derselbe Eindruck in verschiedenen Sensationen kostbar würde, daß die einheitliche Welt als fünf- und zehnfache Welt erschiene, und wo früher eine Kraft sich sättigte, wühlten nunmehr Tausende.
Das war die Geburt der Seele.
Das Geschlecht liebte die Seele. (…)
Vom Autor 1893 in deutscher Sprache veröffentlicht (er schrieb anfangs Deutsch, später Polnisch). .Das Buch ist mit der Widmung versehen: „Meinem Freunde, dem Dichter der ‚Verwandlungen der Venus‘, Richard Dehmel gewidmet.“
Aus: Jahrhundertwende. Die Literatur des Jungen Polen 1890-1918. Mit 76 zeitgenössischen Abbildungen. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1979, S. 201f
Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol)
Das Knie
Ein Knie geht einsam durch die Welt …
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wär’s ein Heiligtum.
Seitdem geht’s einsam durch die Welt …
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Aus: Christian Morgenstern, Galgenlieder. Berlin: Bruno Cassirer, 1905, S. 30

Jehuda Amichai
(hebräisch יהודה עמיחי )
(* 3. Mai 1924 in Würzburg, † 22. September 2000 Jerusalem)
Jerusalem*
Auf einem Dach in der Altstadt
Wäsche, beleuchtet vom letzten Tageslicht:
das weiße Laken einer Feindin,
das Handtuch eines Feindes
für den Schweiß eines Angesichts.
Und im Himmel der Altstadt
ein Drachen.
Und am Ende der Kordel
ein Kind,
das nicht sah,
wegen der Mauer.
Wir hißten viele Fahnen,
sie hißten viele Fahnen.
Damit wir denken, daß sie fröhlich sind.
Damit sie denken, daß wir fröhlich sind.
Übersetzt von Almuth Lessing Aus: Ariel. Zeitschrift für Kunst und Literatur in Israel. 111, Jerusalem 2001, S. 21
Li Tsching-dschau
(starb wahrscheinlich zwischen 1151 und 1155 im Alter von über siebzig Jahren in Dschin-Hua)
Über Poesie
Gleichen Gedanken, die poetisch sind, denn nicht
der Elster, wenn es Nacht wird? – Sie umkreist
dreimal den Baum, den rechten Zweig zu finden –
und findet ihn – und findet doch nicht Ruh …
Aus: Chinesische Frauenlyrik. Tzi-Lyrik der Sung-Zeit von Li Tsching-dschau und Dschu Schu-dschen. Aus dem Chinesischen von Ernst Schwarz. München: dtv, 1985, S. 15
Jens Peter Jacobsen
(* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 ebenda)
Fortsetzung und Ende des Gedichts Arabeske, dessen Anfang hier am 30. April zu lesen war. Sechs Zeilen vom Anfang der Strophe sind hier erneut eingerückt, um den Kontext verständlich zu machen. Die deutsche Fassung stammt von Rainer Maria Rilke.
Glühende Nacht.
Langsam brennst du hin über die Erde.
Der Träume seltsam wechselnder Qualm
wallt und wirbelt auf deiner Spur dir nach,
glühende Nacht.
– Die Willen sind Wachs in deiner weichen Hand,
und Treue biegt wie Schilf in deinem Wehen,
und was ist Einsicht, lehnt sie sich an dich,
und was ist Unschuld unter deinem Blick,
der zwar nichts sieht, doch wild den roten Strom
in allen Adern so zur Sturmflut ansaugt,
wie es der Mond tut mit des Meeres Wassern.
– Glühende Nacht.
Gewaltige blinde Mänade.
Her durch das Dunkel blitzen und schäumen
seltsame Wellen von seltsamem Laut,
Anklingen von Bechern
und des Stahls hurtiger singender Klang,
austropfendes Blut und Röcheln von Blutenden
und das schwere Brüllen des Wahnsinns vermischt
mit dem heiseren Schrei purpurroter Begier.
– Aber der Seufzer, glühende Nacht?
der Seufzer, der anschwillt und stirbt,
stirbt, um neu zu erstehn,
der Seufzer, du glühende Nacht!
Sieh, die seidne Welle der Gardine teilt sich,
eine Frau, hoch und herrlich,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab.
– Heiliges Leid in deinem Blick,
Leid, das Hülfe nicht kennt,
hoffnungsloses
brennendes, zweifelndes Leid.
– Nächte und Tage schwirren über die Erde.
Jahreszeiten wechseln wie Farben auf Wangen,
Geschlecht auf Geschlecht in langen dunklen Wogen
rollt über die Erde,
rollt und vergeht,
indes die Zeit langsam stirbt.
Wozu das Leben?
Wozu der Tod?
Wozu leben, wenn wir doch sterben sollen?
Wozu kämpfen, wissend, daß das Schwert
dennoch uns entwunden wird einmal?
Dieser Scheiterhauf von Qual, wozu?
Tausend Stunden Lebens langsam leidend,
langsam ausgehn in des Todes Leiden.
Ist dies dein Gedanke, hohe Frau?
Ruhig stumm steht sie auf dem Baikone,
hat kein Wort, kein Seufzen, keine Klage,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab
wie ein Schwert durchs Herz der Nacht.
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A. Reitzels Boghandel, 1978, S. 571ff
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