Asia

Wilhelm Klemm

(* 15. Mai 1881 in Leipzig; † 23. Januar 1968 in Wiesbaden)

Asia

Komm näher, mein Asien! Durch deine Klüfte
Galoppieren noch immer die Reiter der Makedonen,
Alexander ist nicht gestorben! Und die trüben Geister der Lüfte
Verlassen dich nicht, noch die Träume, die wonnig im Opium wohnen.
Du fliegst daher auf den Flügeln der Steppen,
Deine goldenen Brüste baden sich in den lauen
Meeren, und deine herrlichen, blauen
Nächte funkeln über Chinas Ebenholztreppen.
Wiege der Götter bist du. Das Paradies thront.
Menschengeschlechterkaskaden rauschen und heilige Schriften,
Hier sind Lotosblume, Kreuz und halber Mond.
Heimat der Seuchen bist du und furchtbaren Gifte!
Rauchmäuler öffnen sich, ungeheure Umarmung der Toten,
Götter und Vizegötter, mythenverwachsener Wald,
Bodenlose Süßigkeit von all dem, was verrucht und verboten
Birgst du, und was in Menschenherzen sich ahnungsvoll ballt,
Leidenschaften, auf Allmacht gerichtet,
Offenbarung, die vom Leiden befreit,
Süßeste Urfetische, und der Liebe zehntausend Gesichter,
Und ein ewiges Lächeln, schön, wie ein Bild aus alter Zeit:
Im Azurtempel, am Fuß des Gebirges war
Der Ort, wo die letzte Weisheit erkannte der Weise –
Die Berge grünten in ihrem Lockenhaar,
Und die Lilien blühten neben dem Eise.

Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam 1991 (1. Aufl. 1966), S. 123f. Zuerst in: Wilhelm Klemm, Aufforderung. Berlin: Verlag Die Aktion 1917.

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