Am Anfang war das Geschlecht

Stanisław Przybyszewski

(* 7. Mai 1868 in Lojewo; † 23. November 1927 in Jaronty bei Inowrocław)

Aus: Totenmesse

[…] Am Anfang war das Geschlecht. Nichts außer ihm – alles in ihm.
Das Geschlecht war das ziel- und uferlose Apeiron des alten Anaximander, als er Mir den Uranfang träumte, der Geist der Bibel, der über den Gewässern schwebte, als noch nichts war außer Mir.
Das Geschlecht ist die Grundsubstanz des Lebens, der Inhalt der Entwicklung, das innerste Wesen der Individualität.
Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, das Umgestaltend-Zerstörende.
Es war die Kraft, mit der Ich die Atome aufeinander warf – die blinde Brunst, die ihnen eingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente und Welten schaffen ließ.
Es war die Kraft, die den Aether in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle in Welle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzte und zu Licht werden ließ.
Es war die Kraft, die den elektrischen Strom in sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinander prallen ließ – und so ist das Geschlecht Leben, Licht, Bewegung.
Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Es schuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße, um die ganze Welt in sich hineinzuschlürfen; es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, um sich zu befriedigen.
Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es streckte sich aus in zahllosen Formen und konnte sich nicht befriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten, es wieherte nach Genuß in der ersten Metazoe, als es das Urwesen in zwei Teile zerriß und sich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam, brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um ein neues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das eine kompliziertere Befriedigungsorgie für die ewig hungrigen Dämonen seiner Wollust erfinden könnte.
Und so schuf sich das Geschlecht endlich das Gehirn.
Das war das große Meisterwerk seiner Wollust. Es fing an ihm zu kosten und zu winden an und drehte an ihm und stülpte es aus in Sinnesorgane, zerteilte Das, was ganz war, in tausend Modifikationen, differenzierte Gemeingefühle zu distinkten Sinneseindrücken, zerschnitt ihre Verbindungen untereinander, daß ein und derselbe Eindruck in verschiedenen Sensationen kostbar würde, daß die einheitliche Welt als fünf- und zehnfache Welt erschiene, und wo früher eine Kraft sich sättigte, wühlten nunmehr Tausende.
Das war die Geburt der Seele.
Das Geschlecht liebte die Seele. (…)

Vom Autor 1893 in deutscher Sprache veröffentlicht (er schrieb anfangs Deutsch, später Polnisch). .Das Buch ist mit der Widmung versehen: „Meinem Freunde, dem Dichter der ‚Verwandlungen der Venus‘, Richard Dehmel gewidmet.“

Aus: Jahrhundertwende. Die Literatur des Jungen Polen 1890-1918. Mit 76 zeitgenössischen Abbildungen. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1979, S. 201f

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