Das hebräische Sonett

Seit rund anderthalb Jahrtausenden leben Juden in Deutschland, sie haben natürlich auch gedichtet. Manche auf Deutsch, wie vielleicht als Erster der einzige jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg (ob er Jude wahr oder sich nur so maskierte, ist umstritten). Obwohl die meisten neueren Dichter wie Heine oder Lasker-Schüler Deutsch schrieben und wohl kaum Hebräisch konnten, gibt es vielfältige unterirdische Strömungen. Einigen davon kann man in einer wunderbaren dreibändigen Edition des im Russischen Reich, in der heutigen Ukraine geborenen hebräischen Dichters Saul Tschernichowski nachgehen, nachzugehen beginnen. Er wurde im gleichen Jahr wie Rilke geboren und war mit russischen Dichtern befreundet, Wladislaw Chodassewitsch übersetzte ihn ins Russische, er war ein Neuerer, ein Modernist, wenn man so will, aber in einer völlig anderen Lage als die französischen oder deutschen Dichter der Zeit. Er entschloß sich, auf Hebräisch zu dichten und buchstäblich eine moderne Literatursprache für das seit Äonen nur sakral lebendige Hebräisch mit zu entwickeln. Also las und übersetzte er die Weltliteratur, teilweise aus deutschen Fassungen (Gilgamesch, die Edda), aber auch Shakespeare, Horaz, Homer, Molière und auch Goethe. Das erste Gedicht des ersten Bandes ist ein formstrenges Sonett, es adaptiert die europäische Klassik. Aber sieh da, es gab einen Dichter, Immanuel von Rom (Immanuel ben Schlomo ha-Romi, Manouello Romano oder Manoello Giudeo, geboren um 1261 in Rom; gestorben um 1335), der Jahrhunderte vor dem ersten deutschen Sonett bereits hebräische Sonette schrieb!

Saul Tschernichowski

(שאול טשרניחובסקי)

(* 20. August 1875 in Michailowka, Russland / Ukraine; † 14. Oktober 1943 in Jerusalem)

Auf das hebräische Sonett

Wie teuer du mir bist, Sonett, oh Lied aus Gold!
Schon seit der Renaissance bist du uns eine Weisung.
Immanuel von Rom verehrte deinen Klang,
zu seiner Zeit war er der einzige, unsterblich.

Verdichtetes Gedicht, ein Ausdruck rein wie Gold,
so fein umfasst in dir das Große selbst das Kleinste,
der Strophe höchster Kunst ist Klang von Kraft und Stolz,
und dein Gedankengang das Licht von klaren Blitzen.

Mein Denken ist in dir auf einen Punkt gebracht.
Was wähle ich als Bild? Das Gusseisen, das fließt,
sich Formen unterwirft und klanggetränkt erstarrt.

Bist nicht auch du wie dies: als Zeichnung eingeritzt
in eng umgrenzte Form der Überlieferung,
Gedanken eng gepresst und Worte weit gespannt.

Odessa 5680 (1919/20)

Deutsch von Jörg Schulte. Aus: Saul Tschernichowski, Dein Glanz nahm mir die Worte. Band I: Sonette, Idyllen, Gedichte. Berlin: Rugerup, 2020, S. 25.

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