Arabeske (Fortsetzung)

Jens Peter Jacobsen

(* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 ebenda)

Fortsetzung und Ende des Gedichts Arabeske, dessen Anfang hier am 30. April zu lesen war.  Sechs Zeilen vom Anfang der Strophe sind hier erneut eingerückt, um den Kontext verständlich zu machen. Die deutsche Fassung stammt von Rainer Maria Rilke.

Glühende Nacht.
Langsam brennst du hin über die Erde.
Der Träume seltsam wechselnder Qualm
wallt und wirbelt auf deiner Spur dir nach,
glühende Nacht.
– Die Willen sind Wachs in deiner weichen Hand,
und Treue biegt wie Schilf in deinem Wehen,
und was ist Einsicht, lehnt sie sich an dich,
und was ist Unschuld unter deinem Blick,
der zwar nichts sieht, doch wild den roten Strom
in allen Adern so zur Sturmflut ansaugt,
wie es der Mond tut mit des Meeres Wassern.
– Glühende Nacht.
Gewaltige blinde Mänade.
Her durch das Dunkel blitzen und schäumen
seltsame Wellen von seltsamem Laut,
Anklingen von Bechern
und des Stahls hurtiger singender Klang,
austropfendes Blut und Röcheln von Blutenden
und das schwere Brüllen des Wahnsinns vermischt
mit dem heiseren Schrei purpurroter Begier.
– Aber der Seufzer, glühende Nacht?
der Seufzer, der anschwillt und stirbt,
stirbt, um neu zu erstehn,
der Seufzer, du glühende Nacht!
Sieh, die seidne Welle der Gardine teilt sich,
eine Frau, hoch und herrlich,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab.
– Heiliges Leid in deinem Blick,
Leid, das Hülfe nicht kennt,
hoffnungsloses
brennendes, zweifelndes Leid.
– Nächte und Tage schwirren über die Erde.
Jahreszeiten wechseln wie Farben auf Wangen,
Geschlecht auf Geschlecht in langen dunklen Wogen
rollt über die Erde,
rollt und vergeht,
indes die Zeit langsam stirbt.
Wozu das Leben?
Wozu der Tod?
Wozu leben, wenn wir doch sterben sollen?
Wozu kämpfen, wissend, daß das Schwert
dennoch uns entwunden wird einmal?
Dieser Scheiterhauf von Qual, wozu?

Tausend Stunden Lebens langsam leidend,
langsam ausgehn in des Todes Leiden.

Ist dies dein Gedanke, hohe Frau?

Ruhig stumm steht sie auf dem Baikone,
hat kein Wort, kein Seufzen, keine Klage,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab
wie ein Schwert durchs Herz der Nacht.

Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A. Reitzels Boghandel, 1978, S.  571ff

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