Veröffentlicht am 16. November 2020 von lyrikzeitung
Weiter im Celanjahr zwischen 50. Todes- (um den 20. April) und 100. Geburtstag (23. November). Ein Prosagedicht in rumänischer Sprache aus der Zeit bis Ende 1947, übersetzt von der Herausgeberin, sie schreibt darüber: „Die Übersetzungen der rumänischsprachigen Vers- und Prosagedichte (Hg.) (…) wollen Verständnishilfen geben, ohne poetischen Anspruch zu erheben“ (Die Gedichte, 2020, S. 615).
Partizan al absolutismului erotic, megaloman reticent chiar şi între scafandri, mesager, totodată, al halo-ului Paul Celan, nu evoc petrifiantele fizionomii ale naufragiului aerian decât la intervale de un deceniu (sau mai mult) şi nu patinez decât la o oră foarte târzie, pe un lac străjuit de uriaşa pădure a membrilor acefali ai Conspiraţiei Poetice Universale. E lesne de înţeles că pe-aici nu pătrunzi cu săgeţile focului vizibil. O imensă perdea de ametist disimulează, la liziera dinspre lume, existenţa acestei vegetaţii antropomorfe, dincolo de care încerc, selenic, un dans care să mă uimească. Nu am reuşit până acum şi, cu ochii mutaţi la tâmple, mă privesc din profil, aşteptând primăvara.
Als Anhänger des erotischen Absolutismus, als sogar unter Tauchern zurückhaltender Größenwahnsinniger und gleichzeitig als Botschafter des Halos Paul Celan, rufe ich die versteinernden Erscheinungen des Luftschiffbruchs nur alle zehn (oder mehr) Jahre hervor, und ich laufe nur zu sehr später Stunde Schlittschuh, auf einem See, der von dem riesigen Wald der hirnlosen Mitglieder der Welt-Dichter-Verschwörung bewacht wird. Es ist leicht einzusehen, daß man mit den Pfeilen von sichtbarem Feuer hier nicht durchdringt. Ein unendlich großer Amethyst-Vorhang verbirgt, an der Grenze zur Welt, die Existenz dieser menschengestaltigen Vegetation, jenseits derer ich, selenenhaft, einen Tanz versuche, der mich in Staunen versetzen soll. Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, und mit den an die Schläfen gerückten Augen betrachte ich mich im Profil, den Frühling erwartend.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp 2020 , S. 382
Das Gedicht entstand am 11. März 1947 in Bukarest. Erstdruck: Transilvania (Sibiu) H. 7 / 1982, S. 24. Laut Herausgeberinnenkommentar der einzige Text im Werk, in dem der Autor seinen eigenen Namen einbringt. „Des Luftschiffbruchs / Ich laufe … Schlittschuh“ ist möglicherweise eine Anspielung auf Jean Pauls Flegeljahre. Die „hirnlosen Mitglieder der Welt-Dichter-Verschwörung“ spielen auf den Surrealismus und möglicherweise auf die von Georges Bataille 1936 gegründete Zeitschrift Acéphale und die gleichnamige, ebenfalls von Bataille gegründete Geheimgesellschaft an.
Veröffentlicht am 15. November 2020 von lyrikzeitung
Anna de Noailles
(* 15. November 1876 in Paris; † 30. April 1933 ebenda)
(COMTESSE MATHIEU DE NOAILLES)
JUGEND
O Jugend, eines Tages wirst du gehn, —
wirst gehn und hältst die Liebe in den Armen,
ich werde leiden, weinen, — du wirst gehn
und nichts in dir wird meiner sich erbarmen.
Mit dunklem Mund, mit schreigefüllten Blicken
will ich dich rufen, so von Schmerz bewegt,
daß bald der Tod, um meinen Ton zu sticken,
mein armes Herz in seine Hände legt.
O traurig schöne Liebe, ist es denkbar,
daß, die dich hielt in so getreuer Pflege
einst wandern wird auf dem verdorrten Wege,
wo deiner Füße Schatten nicht mehr sichtbar?
Wie kann ich ohne dich den Frühling schaun,
die Märzsonntage, die die Luft vergolden,
Drehorgelklang und Mengen in den Aun, —
die Glutmusik von Tristan und Isolden,
Wie kann ich ohne dich den Lärm der Fahrten,
der Züge Pfiff und lautes Rasen tragen, —
ganz wie in heimlich übervollen Tagen,
als deine Augen Länder offenbarten.
O Liebe, soll ich fern von dir die Ufer,
die feuchten Quais, weiß, überblaut betreten,
auf denen einstmals die verliebten Rufer
Leander — Hero zueinander spähten?
Dir fern, den Mond schaun, der in Zedern blüht,
die Wollust weißer Orientnächte sehn,
Vergangenheit im Herz daneben stehn,
wenn Phaedra und Hermione erglüht?
Indessen reifer Sommer Gluten breitet
ewig dir fern, in diesem Buche lesen,
wie Ronsard die Geliebte sich erlesen,
die lächelnd ihm aufs Ruhmeslager gleitet?
Und wenn der Herbst auf roten Buchenpfaden,
das Laub, — wo Rousseaus Liebste saß, — jetzt fegt, —
die Alte sein mit Spindel und mit Faden
die jungen Mädchen Schicksalskarten legt… ?
O daß der Tag kommt, der von dir mich stieß,
von deinen Träumen, Tränen, deinem Glück,
von Freude und von Liebe, — welch Geschick
für Jene, welche nichts ersehnt als dies!
(L’ombre des Jours, 1902)
Aus: Die lyrische Bewegung im gegenwärtigen Frankreich. Eine Auswahl von Otto und Erna Grautoff. jena: Eugen Diederichs, 1911, S. 28f
JEUNESSE
Pourtant tu t’en iras un jour de moi, Jeunesse,
Tu t’en iras, tenant l’Amour entre tes bras,
Je souffrirai, je pleurerai, tu t’en iras,
Jusqu’à ce que plus rien de toi ne m’apparaisse.
La bouche pleine d’ombre et les yeux pleins de cris,
Je te rappellerai d’une clameur si forte
Que, pour ne plus m’entendre appeler de la sorte,
La Mort entre ses mains prendra mon cœur meurtri.
Pauvre Amour, triste et beau, serait-ce bien possible
Que vous ayant aimé d’un si profond souci,
On pût encore marcher sur le chemin durci
Où l’ombre de vos pieds ne sera plus visible ? …
Revoir sans vous l’éveil douloureux du printemps,
Les dimanches de mars, l’orgue de Barbarie,
La foule heureuse, l’air doré, le jour qui crie,
La musique d’ardeur qu’Yseult dit à Tristan.
Sans vous, connaître encore le bruit sourd des voyages,
Le sifflement des trains, leur hâte et leur arrêt,
Comme au temps juvénile, abondant et secret
Où dans vos yeux clignés riaient des paysages.
Amour, loin de vos jeux revoir le bord des eaux
Où trempent azurés et blancs des quais de pierre,
Pareils à ceux qu’un jour, dans l’Hellas printanière,
Parcoururent Léandre et la belle Héro.
Voir sans vous, sous la lune assise au haut du cèdre,
La volupté des nuits laiteuses d’Orient,
Et souffrir, le passé au cœur se réveillant,
Les étourdissements d’Hermione et de Phèdre ;
Toujours privé de vous, feuilleter par hasard,
Tandis que l’âcre été répand son chaud malaise,
Ce livre où noblement la Cassandre française
Couche au linceul de gloire et sourit à Ronsard.
Et quand l’automne roux effeuille les charmilles
Où s’asseyait le soir l’amante de Rousseau,
Être une vieille, avec sa laine et son fuseau,
Qui s’irrite et qui jette un sort aux jeunes filles…
— Ah ! Jeunesse, qu’un jour vous ne soyez plus là,
Vous, vos rêves, vos pleurs, vos rires et vos roses,
Les Plaisirs et l’Amour vous tenant, — quelle chose,
Pour ceux qui n’ont vraiment désiré que cela…
Veröffentlicht am 14. November 2020 von lyrikzeitung
Jean Paul
(* 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825 in Bayreuth)
»Ah ça!« wandt’ er sich zu Walten (mehr französisch konnt’ er nicht), »Ihre Polymeter!« – »Was sinds?« fragte Knoll trinkend. »Herr Graf,« (sagte Schomaker und ließ die Pfalz weg) »in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schülers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlängert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter.«
Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war ich, den Polymeter: ›Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne.‹ Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mußte ihm unser Dorf zeigen; da sagt’ ich kühn den Polymeter: ›Sehet, wie sich alles schön verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume.‹ Da sagt’ er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig über ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewöhne; Gefühle, sagt’ er, sind Sterne, die bloß bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten.
Er tats zu Hause, die Flötentöne des Bruders fielen schön in das Rauschen seiner Gefühle ein – er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm zwei Polymeter über den Tropfstein bei, dessen Säulen und Bildungen bekanntlich aus weichen Tropfen erstarren.
Erster Polymeter
Weich sinkt der Tropfe im Höhlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf verewigt er sich. Schöner ist die Menschen-Träne. Sie durchschneidet das Auge, das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge sieht sich um nach ihm, und er ist der Tau in einer Blume.
Zweiter
Blick’ in die Höhle, wo kleine stumme Zähren den Glanz des Himmels und die Tempelsäulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Tränen und Schmerzen, o Mensch, werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler.
Veröffentlicht am 13. November 2020 von lyrikzeitung
Philipp von Zesen
(* 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau; † 13. November 1689 in Hamburg)
Di Lustinne* rädet selbst. i. Aus däm Mehre bin ich kommen / aus däs bitren salzes kraft hab' ich dises sein gewonnen; dässen schaum an meinen lokken wi gefrohrne wasser-flokken annoch** haft. ii. Meinen krum-gekrüllten hahren hat di wild-erbohste Se (wi di hohlen wällen waren) gleiche krümmen eingetrükket / da des schaumes silber blikket in di höh. iii. Als Kluginn' und Himmelinne*** dis mein bildnüs sahen hihr / sprachen si; es kan Schauminne* / ja Schauminne kan mit rächte schahm-roht machen ihr geschlächte durch di Zihr.
Aus: Philipp von Zesen: Adriatische Rosemund, Erstes Buch. (1645). Hier nach: Deutsche Lyrik 1600-1700, hrg. v. Christian Wagenknecht. (Deutsche Lyrik 4). München: dtv, 2001, S. 158.
Veröffentlicht am 12. November 2020 von lyrikzeitung
Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
1917
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.
Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.
Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
Einer Mutter, die ihre Kleinen trug
Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
Das Unglück ist nicht von dir gemacht.
Heran zu dem elenden Leichenschrein,
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.
Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
Falle nieder, du, sei angeklagt.
Empfange die ungeliebte Qual
Aller Verstoßnen in diesem Mal.
Ein letztes Aug‘, das am Äther trinkt,
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;
Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
Den rohen Stoß in die kalte Gruft.
Wenn etwas in deiner Seele bebt,
Das dies Grauen noch überlebt,
So laß es wachsen, auferstehn
Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.
Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!
Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:
Daß in der Menschen Mord, Verrat
Einst wieder leuchte die gute Tat;
Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
Schweb am gestirnten Himmel hin.
Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
Durch soviel Ströme der Welt geweint,
Gepulst durch unser aller Schlag,
Einst wieder strahle gerechtem Tag.
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.
Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 207f
Veröffentlicht am 11. November 2020 von lyrikzeitung
MARTINA HEFTER
Essay
Dass ich das alles geschrieben, also
dass ich sowas harmlos Weiches wie Schreiben gemacht hab,
während alle Leute draußen einfach so – zack:
der Fakt, dass ich zu Hause fein auf dem Bettchen liege,
während alle Leute draußen: Zack;
der Fakt, dass ich so fein schreibe, singe, tanze,
während ihr: oje, und ich – ohweh, einfach geendet bin,
und ach, wieder jemand, und da
und da und da,
was macht das mit mir?
Und das ist auch schon wieder in einer Haltung formuliert
die zu meinem Fächer aus Haltungen gehört.
Es ist dahingedudelt
Ich bin kopflos das Sprechen runtergetrudelt.
Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Hg. Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 662
Veröffentlicht am 10. November 2020 von lyrikzeitung
Werner Söllner
(* 10. November 1951 in Horia, Rumänien; † 19. Juli 2019 in Frankfurt am Main)
Was bleibt
Das Haus der Welt ist schlecht gebaut,
ich sitze krumm und schief darin.
Ach Sprache, meine stumme Braut,
sag mir, wo ich zuhause bin.
Hier steht ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch,
da ist noch Brot und dort ist Wein.
Was bleibt? Versteinertes Gemisch
aus Sätzen vom Lebendigsein.
Der Sinn der Wörter ist die Haut,
die langsam auseinanderfällt.
Ach Sprache, meine stumme Braut –
das Aug weint, was die Silbe hält.
Aus: Werner Söllner, Der Schlaf des Trommlers. Gedichte. Zürich: Ammann, 1992 (2. Aufl.), S. 78
Veröffentlicht am 9. November 2020 von lyrikzeitung
Karin Kiwus
(* 9. November 1942 in Berlin)
Hommes à femme
Wenn eine kleine unscheinbare Frau
lange kluge und ein wenig
lispelnde Reden hält
über Don Juan und Casanova
dann stehen so Männer auf
und zischen Herrgottnochmal
was soll das überhaupt
die ist doch viel zu fipsig dafür
Aus: Karin Kiwus, 39 Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1984, S. 12

Veröffentlicht am 8. November 2020 von lyrikzeitung
Iwan Bunin
(10. Oktober jul./ 22. Oktober 1870 greg. in Woronesch; † 8. November 1953 in Paris)
Hoch oben …
Hoch oben auf dem eingeschneiten Gipfel
Steht mein Sonett, mit Stahl perfekt graviert.
Die Zeit vergeht. Mag sein, daß meines Griffels
Spur, aufbewahrt vom Schnee, einst lesbar wird.
In jener Höhe, wo die Bläue leuchtet,
Das kalte Licht in seiner Heiterkeit,
Ist nur die Sonne da, um zu bezeugen,
Wie ich die Verse meißelte auf Eis.
Daß nur ein Dichter auch zu schätzen weiß,
Was ich geschrieben habe, ist mir Freude.
Erfolg hienieden zählt für seinesgleichen nicht!
Hoch oben, wo die Bläue leuchtet,
Gravierte ich zu Mittag mein Gedicht
Für den, der diese Höhe auch nicht scheute.
1901
Иван Бунин
На высоте …
На высоте, на снеговой вершине.
Я вырезал стальным клинком сонет
Проходят дни. Быть может, и доныне
Снега хранят мой одинокий след.
На высоте, где небеса так сини.
Где радостно сияет зимний свет.
Глядело только солнце, как стилет
Чертил мой стих на изумрудной льдине.
И весело мне думать, что поэт
Меня поймет. Пусть никогда в долине
Его толпы не радует привет!
На высоте, где небеса так сини.
Я вырезал в полдневный час сонет
Лишь для того, кто на вершине.
Aus: Felix Philipp Ingold, „Als Gruß zu lesen“. Ruwwische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, 269
Veröffentlicht am 7. November 2020 von lyrikzeitung
Zwei – wiewohl einander widersprechende – Kurzgedichte andalusischer Dichter über das Thema:
Ibn Zarqun
(11. Jahrhundert)
Allah wird mir sicherlich verzeihn,
Denn ein Dichter wird der Lüge nicht verklagt,
Ist sein Vers nur klangvoll, bunt und rein,
Ist es gleich, ob er die Wahrheit sagt.
Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg/Br.: Klemm, 1955, S. 134
Al-Mutamid
(1040-1095)
Du suchst dir Verse, Freund, als Wüstenfracht?
Du kannst sie dir nicht keltern und nicht braten!
Sie sind ein Zehrpfennig aus Wind gemacht
Und nähren allenfalls die Literaten.
Aus: Ebd. S. 139
* notabene: allenfalls!
Veröffentlicht am 6. November 2020 von lyrikzeitung
Jerome Rothenberg
(* 11. Dezember 1931 in New York City)
A Book of Histories
Ein Buch der Geschichten
eine geschichte der juden ist erstens eine geschichte der vorbestellungen zweitens eine geschichte davon als letzter den stall zu betreten & sich zu erleichtern drittens eine geschichte schlechtsitzender knöpfe & viertens überhaupt keine geschichte sondern ein dokument nicht erwähnenswerter vorfälle + auf so ziemlich dieselbe weise die ich ihn bat darüber zu schreiben nachlässig zunächst aber mit wachsender reue war ich in derselben lage wie diese ungebildeten stämme hatte ich keine mittel es in erinnerung zu behalten + neunzehneinunddreissig ist nichts anderes + ich bedaure die belastung mit der es unsere mittel strapazierte uns selbst an einen ort versetzt zu finden wo es unsere mittel strapazierte + aber da ich als erster entwischte war ich fortan bekannt als henry der erste was tatsächlich auch mein name sein sollte + andere wurden ähnlich benannt nach vorfällen aber die abfolge ihrer mittel war weniger als hilfreich + bald hielten sie sich nicht mehr an den plan + nicht bald genug + bald hörten sie auf zu gewinnen schneiden weben lernen punkten oder sich an den plan zu halten + ich lernte jedes davon in ungefähr derselben abfolge + er lernte in ungefähr derselben weise was ich lernte & ebenso in ungefähr derselben abfolge + das machte uns praktisch zu brüdern machte uns aber nichts + das machte uns ungefähr zu denen die praktisch brüder waren denen es nichts machte + es machte ungefähr nichts dass es brüdern nichts machte + ich sagte ihm er solle erstens eine passende geschichte der juden erfinden zweitens sich an die abfolge halten drittens stets erfinderisch sein & viertens es überhaupt nicht sein + er war nur in einem der zuvorgenannten punkte nachlässig aber kurze zeit später wurde das ding abgeblasen
Aus: Jerome Rothenberg, Poland/1931 / Polen/1931. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Lange, roughbook 049. Berlin, Encinitas und Schupfart: Mai 2019, S. 187
Veröffentlicht am 5. November 2020 von lyrikzeitung
Eins der bekanntesten Gedichte der Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz (deren 400. Geburtstag im nächsten Jahr groß begangen wird) heißt „Ein Gesang wieder den Neidt“. Es ist eine Verteidigung der Poesie gegen ihre Verächter. 4 seiner 23 Strophen verteidigen das Recht des weiblichen Geschlechts auf Partizipation an der Kunst und Poesie. In der ersten als trotzige Behauptung, in der 2. wird daran erinnert, „daß selbst die Musen Mägde sein“. Die beiden anderen Frauenstrophen gelten konkreten weiblichen Poeten. Namentlich genannt werden zwei antike Autorinnen, Cleobulina und Sappho – diese hat quasi die europäische Poesie vor 28 Jahrhunderten mit erfunden, jene ist „nur“ für ihre Rätsel bekannt, die bei Aristoteles und Plutarch zitiert wurden. Zuerst aber ist von einer Gegenwartsdichterin die Rede, die nur indirekt genannt wird:
Ganz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen Tag und Nacht ;
Herrn Catzen magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekant gemacht.
Nein, es geht nicht um holländische Tulpen (die waren da noch gar nicht eingeführt). Es geht um eine holländische Dichterin (die Niederlande waren da noch nicht abgefallen): Anna Maria von Schürmann, auch van Schu(u)rman wurde am 5. November 1607 in Köln geboren, sie starb am 4. Mai 1678 in Wieuwerd, Westfriesland und war eine niederländische Universalgelehrte, genannt »der Stern Utrechts« und eben auch „Hollands Blume“. (Schau an, sie haben sich mit ihr geschmückt). Sie war durchaus nicht unangefochten als eine der ersten Studentinnen Europas, eine Pionierin. Sie nahm in Utrecht versteckt in einem Holzverschlag an Vorlesungen teil, aber sie lernte. Sie sprach und schrieb Niederländisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Syrisch/Aramäisch und Äthiopisch, brillierte in vielen Künsten und Wissenschaften und schrieb neben Gedichten gelehrte Bücher. Sibylla Schwarz las von ihr bei dem damals hochberühmten holländischen Dichter Jacob Cats (sie schreibt ihn Catz).
Mehr bei FemBio.
In der Lyrikzeitung heute zwei Ehrengedichte auf Anna Maria Schurman aus einem ihrer Bücher. Das erste ist ein Epigramm unter einem Bildnis der Autorin.
(Die letzte Zeile ist offenbar so zu verstehen, dass das Werk dieser Frau die Männer beschämt und ihnen Hohn spricht – vgl. auch das zweite Gedicht.)
Hier siehstu Jun(g)fern Schürmans bild Dern Lob die gantze Welt erfüllt. Sie ist der Tugend schönste Bluhm Aller Jungfraun Pracht und ruhm. Aller Frauwen Ehren Krohn. Aller Männer spott und Hohn.

Eine größere Ansicht siehe hier pid_87531-2
Das zweite Ehrengedicht stammt von Jaob Cats. Man beachte den Doppelpunkt nach „gantz und gar“ in der Gedichtmitte, der hier einen Perspektivwechsel anzeigt: „Sie“ nach dem Doppelpunkt ist nicht die unwürdige Jugend, sondern sie, die Jungfrau, die die Männer beschämt und belehrt.
JACOB CATS
über
Jungfr. Annen von Schürmans
Vortreffliches Werck / worinnen das alte und
wolbedenckliche Frag-stücke
Ob die Zeit des menschlichen Lebens
veränderlich / oder fest gesetzt sey?
verhandelt / und
Durch den Hochgelahrten Herrn Johann von
Beverwyck der Medicin Doctorn,
Allken gelahrten Leuten zum Probierstein
vorgestellet wird.
OB GOTT durch seinen Schluß dem Menschen zu sei’m Leben
Ein gewisse Zeit und Ziel gesetzet gnau und eben/
Ob/ oder/ man durch Witz den ungewissen Tag
Abkürzen oder ihn verlängern kan und mag:
Ist frey ein harter Streit ? der nun so lang getrieben /
Davon auch mit der Zeit viel Bücher sind geschrieben/
Viel Federn gar verstümpfft / viel Geister hievon matt/
Und gleichwol dieser Zanck annoch kein Ende hat.
In dem nun dieses Werck die klügste Geister treiben/
So ist ein Jungfrau her / gantz treflich auch zuschreiben
Von dieser Heimligkeit ; weil jetzt der Jugend Schahr
Auff schlüpffrig’r Tugendbahn laufft irrig gantz und gar:
Sie steigt biß in die Lufft mit ungemeinen Flügeln/
Durchstreicht Athen und Rom / beschaut dern hohe Hügeln/
Und alles was ein Mensch in alten Schrifften fand:
Doch ist das heilig Buch ihr bester Grund und Pfand/
Und hieruff geht sie fest; Wer wils ihr wiederstreiten ?
Die Tochter unser Zeit / die Fam’* steht ihr zur Seiten ;
Drumb schrey ich überlaut ; O aller Jungfrau’n Krohn!
Und aller Frauen Ehr ! der Männer Spott und Hohn.
Aus: Der HochEdlen/ Hochgelahrten/ Tugend-vollenkommen/ Jungfrauen/ Annen Marien von Schürmann/ Märck-Stein/ Von der Zeit und Ziel unsers Lebens / Erstlich in Lateinischer Sprache gar zierlich beschrieben/ und Aus derselben nachmahls zu jedermännigliches Nachricht in Niederländischer und Hochteutscher Sprache übergesetzet, 1679 (Digitalisat)
Nachtrag: Der erste Band (von zweien) der ersten Werkausgabe von Sibylla Schwarz seit 1650 ist derzeit in der Drucklegung und sollte rechtzeitig zum Weihnachtsfest beim Verlag Reinecke & Voß oder in der Buchhandlung Ihres Vertrauens zu haben sein.
Sibylla Schwarz
(1621-1638)
Werke, Briefe, Dokumente
Kritische Ausgabe
Band 1: Briefe, Sonette, Lyrische Stücke, Kirchenlieder,
Ode, Epigramme und Kurzgedichte, Fretowdichtung.
Mit den Worterklärungen für beide Bände
Herausgegeben von Michael Gratz
Reinecke & Voß, Leipzig, ca. 270 Seiten
Veröffentlicht am 4. November 2020 von lyrikzeitung
Robert Jentzsch
(4. November 1890 Königsberg – 21. März 1918 gefallen in Nordfrankreich)
Aus: Romantiker-Bildnisse
Herrn John Höxter gewidmet
4.
Ich aber las, wo keine Nacht mehr leuchtet,
Der schwarzen Blumen Schimmer und Verderb.
Ich fuhr auf breiten Winden, meer-gefeuchtet,
Auf zu den Sternen, einsam, fern und herb.
Griff der Gewitterwolken Feuerschwere,
Hielt schon den Raub. Da stürzt‘ ich in die Not..
Gelähmt in öden Tagen ohne Ehre
Wart ich auf schales Alter, blöden Tod.
6.
Ich höre mehr Geräusche, als mir frommt,
Und meine Sinne buhlen mit zu vielem.
Denn jedes Bild und jeder Ton, der kommt,
Begehrt – derb oder zart – auf mir zu spielen.
Der mich beherrschte einen Augenblick,
Läßt gleich mich wieder tausend Diadochen,
Ich beiße mich ihm ein, umklammre ihn..
Und gleite ab, ein Tier, winselnd, zerbrochen.
8.
Ein Tier, das manchmal brüllt und manchmal lacht,
Das durch die Straßen wackelt, wie der blinde
Zufall es wälzt,.. bist du mir. Weiter nichts.
Nun sage, lieber Freund, was uns verbinde..
Nacht peitscht mit Wolken tot der Sterne Licht,
Ihr Hochmeer reibt der Rand der Häuser krumm..
Ich – wenn ihr Sturm wie Orgelbrausen wächst –
Bin Höhle, welche dumpf ihm wiederdröhnt.
Aus: Robert Jentzsch, Versensporn 29, Jena: Poesie schmeckt gut 2017, S. 10f
Veröffentlicht am 3. November 2020 von lyrikzeitung
Georg Trakl
(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)
Am Rand eines alten Wassers
Am Rand eines alten Brunnens 1. Fassung
Dunkle Deutung des Wassers: Stirne im Mund der Nacht
Seufzend in schwarzen Kissen des Menschen rosiger Schatten,
Röte des Herbstes, das Rauschen des Ahorns im alten Park,
Kammerkonzerte, die auf verfallenen Treppen verklingen.
Am Rand eines alten Brunnens
2. Fassung
Dunkle Deutung des Wassers: Zerbrochene Stirne im Munde der Nacht
Seufzend in schwarzem Kissen des Knaben bläulicher Schatten,
Das Rauschen des Ahorns, Schritte im alten Park,
Kammerkonzerte, die auf einer Wendeltreppe verklingen,
Vielleicht ein Mond, der leise die Stufen hinaufsteigt.
Die sanften Stimmen der Nonnen in der verfallenen Kirche,
Ein blaues Tabernakel, das sich langsam auftut,
Sterne, die auf deine knöchernen Hände fallen,
Vielleicht ein Gang durch verlassene Zimmer,
Der blaue Ton der Flöte im Haselgebüsch – sehr leise.
Aus: Georg Trakl, Das dichterische Werk. München: dtv 1987 (72.-79. Tsd.), S. 175f
Veröffentlicht am 2. November 2020 von lyrikzeitung
Johannes Urzidil
(* 3. Februar 1896 in Prag; † 2. November 1970 in Rom)
LIED DES ENTSPRUNGENEN
(Aus der symphonischen Dichtung „Die Straße“)
Ein Irrer, langhaarig, schiefen Mundes, eine Geige in der Hand
Will mich Hand des Wärters halten,
werd’ ich mich zusammenfalten
wie Papierchen, sanft umfassen,
durch die Gitter wehen lassen.
Wie das Kätzchen giebelschleichend,
auf den Mauersimsen streichend,
bin ich auf dem First geritten
an der Ulme abgeglitten.
Hab’ mir auf dem Fiedelbogen
weiße Zwirne aufgezogen.
Will mir keiner Saiten schenken,
muß ich mir die Saiten denken.
(Macht einige Striche durch die Luft)
Herrlich klingt auf meinem Cello
Arie von Paesiello.
Wärtershand ist hinterm Hügel,
faßt sie mich, so droht sie Prügel.
Ehmals war doch alles helle,
war nicht Riegel, war nicht Zelle,
nun ist alles mir zersplittert,
bin gefesselt, bin vergittert.
Leib ist dunkel eingewunden,
aufgeschwollen, unentbunden.
Bin ich nicht als Lamentoso,
Pizzikato, Furioso,
halb gespielt und halb gesungen
einer Partitur entsprungen?
Ehmals war ich ein Andante,
das auf einer Flöte brannte.
Herrgott sprach zu mir sein Werde
und ich ballte mich zur Erde.
Nun seit fünfzighundert Jahren muß ich um die Sonne fahren,
bis ich mich zu Nichts zertöne, irgendwo zu Ende stöhne.
(Schlägt sich ins Gebüsch.)
Aus: Johannes Urzidil, Sturz der Verdammten. Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff. In: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu hrsg. v. Heinz Schöffler. Band 2. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 41f [791f]
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