Die hohnvolle Stadt

Filippo Tommaso Marinetti

(* 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten; † 2. Dezember 1944 in Bellagio, Italien)

DER ABEND UND DIE STADT
(Aus »La Vie Charnelle«)

Die Stadt stand gemauert in Stolzes Wonne und Sonne …

Die hohnvolle Stadt für den Schauder der Nacht,
der aus der Ferne stieg zum Kampf mit der Helle,
sträubte plötzlich mit der Hand, brunstentfacht
der Türme erklingend Bündel gen Himmel,
und die Türme, gezückt wie schwarze Speere,
zerrissen des Abends Fleisch, das schlaffe und hehre.

Und der Abend ward wund; und seine Goldstimme schwieg …
Und sein schlotterndes Fleisch, überwältigt von Weh,
sank über die Stadt, bei der Holztauben sanftem Lied.

Und den biedren Türmen kamen blaue Tränen.
Weinen um ihrer Spitzen übereilter Missetat.
Und die Stadt, von Stolz berauscht und von Hohn,
ganz verängstet, des Abends fernes Geweine zu hören,
lehnte sich auf die Ebene, harrend der Nacht.
Und ihr Antlitz, geschminkt mit Blut und Grauen,
tränkt sich im Fluß, der melancholisch rinnt
und großer Wolken Geschmeide wälzt
und der Speere Reflex, den seine Flut verdünnt.

Sodann hob der verletzte Abend, keuchend unter der Schwere
unendlicher Finsternis, sein traurig Gesicht
stadtwärts und dachte, ob wohl am andern Tag ob der Sünde
die entsetzte Armut ihre Stimme in Raunen verkehre,
wenn ihr Blick sein rotes Blut am erhabnen Gemäuer finde.

Über die Gießbäche geneigt, die sich entfärben,
füllte mit kläglichem Wasser der Abend seinen güldenen Becher
und wusch großmütig weg die Spur der verbrecherischen Tat,
denn der Abend verzieh der grausamen Stadt.

Und zerschunden ging er hin, in der Augen Grunde
höchstes Mitleid … und sein Schritt ward sacht,
auf daß sein Tritt am Himmel nicht Sterne verwunde.

Und mit blauen Tränen starben die Türme in der Runde.

Aus: Die Aktion 1911-1918. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Herausgegeben von Franz Pfemfert. Eine Auswahl von Thomas Rietzschel. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1986, Sp. 230 – Nr. 37, 1913, Sp. 330)

Originalausgabe: Die Aktion 37 / 1913. Sondernummer. ANTHOLOGIE JUENGSTER FRANZOESISCHER LYRIK. Gedichte von Henri Martin Barzun, Nicolas Beauduin, Blaise Cendrars, Jean Clary, Tristan Derème, Léon Deubel, Fernand Divoire, Henri Hertz, Louis Mandin, P. T. Marinetti, Alexandre Mercereau, Florian Parmentier, Lucien Rolmer, Jean Royère, Valentine de Saint-Point, Theo Varlet. Ausgewählt und übersetzt von Hermann Hendrich (Auderghem-Bruxelles) (so auf der Titelseite).

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