Şafak Sarıçiçeks Gedichtband hat von der ersten Zeile („Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis“), ja eigentlich vom Titel an eine ausgesprochen west-östliche Ausrichtung. Kommen 200 Jahre nach Goethe Dichter, die Osten und Westen auf neue Weise zusammenführen? Man kann es so lesen. Eine frühe Kritik monierte zu viele „östliche Kostbarkeiten“ und mythische Namen, „verschiedenste und zu viele Urkulturen“. Meines Erachtens ein Mißverständnis, aber durchaus symptomatisch und nicht ohne Parallelen zur Rezeption von Goethes lyrischer Ost-Erweiterung. Lange kaum verstanden und noch weniger gekauft – 100 Jahre nach Erscheinen war die Erstausgabe des Diwan noch nicht vergriffen –, heute mitunter spiegelverkehrt von manchem Westler orientalistisch verklärt, während sein Verfasser von manchem Moslem und mancher Muslima zum Moslem erklärt wird, als wäre das alles, was sie suchen. Sitzt immer noch jeder auf seinem Pott?
Schon Goethe sah ja das Problem. Selbst Freunde begegneten den Proben aus seiner west-östlichen Produktion ratlos, und er ging soweit, den 150 Gedichtseiten zu „besserem Verständnis“ beinah doppelt soviel Seiten mit Erklärungen hinzuzufügen, mit dem bereits erwähnten traurigen Fakt der Unverkäuflichkeit. Aber wenden wir uns dem Buch des deutschen Dichters von heute zu.
Ich gestehe, ich hatte vor diesem kein Buch des Autors gelesen (Jamsids Spiegelkelch ist schon sein viertes). Ich war neugierig und wollte mich wieder an Lyrikkritik versuchen nach zu langer Abstinenz. Also warum nicht ganz was Neues?
Wenn etwas neu ist, hat man noch keinen Bezugsrahmen. Es rauscht vieles an uns vorbei, und warum nicht? Es gibt ja keinen Zwang, alles und jeden zu verstehen, gar noch „richtig“.
Es rauscht an uns vorbei oder zieht uns in den Bann. So ging es mir bald (in gewissem Sinn von der ersten Zeile an, weil ich mich viel mit Hafis beschäftigt habe). Man weiß nicht, worum es geht, es fehlt der Bezug. Aber stimmt das? Habe ich noch nie ein vorher unbekanntes Gedicht von unbekanntem Autor gelesen? Ist es nicht so, dass mich der Sog, in den das Buch mich fast von Anfang an und dann bei jedem Wiederlesen zog, an frühere, frühe Soge erinnert? Wie war das vor… tatsächlich, vor fünfeinhalb Jahrzehnten, als der Schüler meines Namens plötzlich anfing, Gedichte zu lesen, jedesmal ein neuer Autor, ein neuer Kontinent, rätselhaft beglückend, irritierend, konvulsivisch… Die Schönheit wird konvulsivisch sein, oder sie wird nicht sein. – Die Schule versuchte eine andere Leseart zu implantieren, apollinisch könnte ich sie nennen. Du musst verstehen, verstehen, richtig verstehen, vor allem richtig! Aber dann findest du bei Goethe: Du musst verstehn, aus eins mach zehn, und zwei lass gehn, und drei mach gleich, so bist du reich! (Ihr müsst nicht nachschlagen, ich zitiere aus dem Gedächtnis, stimmt so.) So, genau so ist es, Reichtum und Schönheit entstehen nur beim konvulsivischen Lesen, das andere, das Geradeauslesen bringt höchstens gute Noten. Was für beglückende Erinnerungen, wie es mich hineinriß in den Strudel, den Maelstrom, eine neue Welt bei jedem neuen Autor, neuen Buch. Süße Zeit, wo ich zum ersten Mal Heine las, süße Musik, liebliches Geläute, aber fragt mich nur nicht wie. Novalis und Eichendorff im Weißenfelser Stadtpark neben des einen Grab. Goethe, Brecht, Hölderlin, Bobrowski… (Letzteres war noch Gegenwartsliteratur, die Weißenfelser Stadtbibliothek in Novalis‘ Sterbehaus hatte dankenswerterweise zwei Gedichtbände von Bobrowski). Das waren ungefähr in der Reihenfolge die ersten. Viele kamen dazu, ich lese viele Arten von Gedichten, Hauptsache Sog, Hauptsache Musik (neue). Ich muss es zugeben, Hafis hat mich hineingelockt, ich habe erst mal nichts verstanden, aber war fasziniert:
Lager
Wolkenscheiben des Flusses treiben ins Land des Hafis.
Schatten des Abhangs knetet Kamele, knetet und knetet.
Ellenbogen und Rücken der Gebirgsgötter. Älteste Sprachen:
Dunst ihrer Abendpfeife. Dunst wabert wolkig. Verklebt Zwischenräume.
Wir sind vier Turbane. Sind der Wüstenumhang. Blicken
auf feuchtes Silber hinab. Mit ihm zu treiben zum Monarchen
Kaukasus. Als versunkene Blicke im Strömen oder
im Saufen der Kamelhöcker.
Vorhang aller Felshänge. Kleines Feuerlager. Zum
Mohnschlaf der Steinhalden ziehend: Der Turban.
Der Wüstenumhang. Abendschwingen eines Greifs.
Ihre Majestät entlässt Triumph und Schall.
(Jamsids Spiegelkelch S. 5)
Ich sehe zuerst Bilder (in diesem Gedicht; woanders im Buch sind es auch Klänge, die hineinlocken, oder noch anderes, man könnte es Tanz des Intellekts nennen). Wolkenscheiben des Flusses, ja. Sie „treiben“ am Himmel, auf dem Fluß, ja. Der Fluß heißt nicht Rhein, sondern vielleicht Aras, der fließt von der nordöstlichen Türkei nach Osten und bildet die Grenze zwischen Iran und seinen Nachbarländern Armenien und Aserbaidshan. Dort ist jetzt Krieg, aber die Wolken treiben frei. Sie treiben ins Land des Hafis. Das Verb „treiben“ evoziert eine Karawane, die auch sogleich auftaucht, Kamele, die Schatten des Abhangs streifen und „kneten“ die Kamele, es könnte der Abhang des Ararat sein, der tatsächlich nach Norden Schatten auf den Fluss wirft, Gebirgsgötter, älteste Sprachen: Babel im Süden, der Kaukasus im Norden sind etwa gleich weit entfernt, hier ist kein Krieg, eine mythische Gegend, geeignet, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten. Hafis was here, Goethe auf seiner Spur, und auch Hölderlin trieb es dem Kaukasos zu. Die Introduktion, ein Festkonzert in erhabener Gegend. West-östlich geht es hier zu. – Es bleibt nicht so feierlich-friedlich, aber das Einleitungsgedicht mutete mich so an.
Şafak Sarıçiçek, Jamsids Spiegelkelch. Gedichte. Dortmund: edition offenes feld, 2019
Liebe Leserinnen und Leser der Lyrikzeitung, das Obenstehende war die Einleitung meiner Kritik des Gedichtbands von Şafak Sarıçiçek. Sie wird ganz in einigen Wochen in der ersten Ausgabe eines neuen Formats der Lyrikzeitung erscheinen. L&Poe Journal soll es heißen, ein Magazin mit den drei Abschnitten: Neue Texte / Umschau & Kritik / TaBu. Vor allem aber freue ich mich auf die Gelegenheit, künftig zu tun, was in mehr als anderthalb Jahrzehnten Lyrikzeitung & Poetry News keinen Raum hatte. Die tägliche Kärrnerarbeit der Zeitungsnachrichten hinderte mich am Vertiefen in Essay und Kritik. Lesen Sie in der Lyrikzeitung weiterhin jeden Tag ein Gedicht und zwei oder drei Mal im Jahr neue Texte, Kritiken und Essays, letzteres von mir und Freunden.
Für alle, die in der Nähe wohnen, Sonntag, 1.11., vorerst letzte Gelegenheit vor dem Lockdown:
„Auch wende ich mich entschieden gegen die Institutionalisierung des Buches als der einzig rechtmäßigen Heimstatt von Poesie“ (Ferdinand Kriwet, 1965). Das Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde folgt diesem Diktum und gibt in der ersten Einzelausstellung nach Ferdinand Kriwets Tod im Dezember 2018 einen Überblick über sein literarisches Werk, das die klassischen Gattungen von Literatur, Kunst, Theater, Film und Musik sprengt. Sie zeigt bis zum 14.3.2021 zum einen alle Publikationen des 1942 in Düsseldorf geborenen Autors, von seinem im Alter von 19 Jahren bei DuMont in Köln veröffentlichten „ROTOR“ bis zum letzten Buch „RUM WIE NUM“, posthum im Verlag Tino Graß erschienen. Zum anderen eröffnen großformatige Textarbeiten und „Hörtexte“ im Außenbereich des Kulturguts, audiovisuelle Arbeiten sowie eine Auswahl weiterer Werke einen Einblick in die Vielfalt von Kriwets Schaffen.
Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 1. November 2020, um 16 Uhr im Torhaussaal des Kulturguts mit einer Präsentation des Kriwet-Films „Campaign. Wahlkampf in den USA“ und einer Lesung des Schauspielers Andreas Ladwig aus dem Lesebuch „Ferdinand Kriwet“, das zur Ausstellung in der Reihe „Nylands Kleine Westfälische Bibliothek“ erscheint. Zur Einführung in Kriwets Werk spricht Bettina Brach, Inhaberin des Nachlasses und Kuratorin aus Bremen.


Heute zwei Gedichte mit fast dem gleichen Titel und von zwei Autoren, die heute Geburtstag haben. Georg Heym wurde am 30. Oktober 1887 geboren, Ezra Pound genau zwei Jahre früher. Pounds Gedicht heißt The Seafarer / Der Seefahrer, das von Heym: Die Seefahrer. Pounds Gedicht ist die sehr musikalische Übersetzung eines altenglischen Gedichts aus einer Handschrift des 10. Jahrhunderts, die älteste Darstellung eines Seefahrers, der allein mit dem Meer kämpft, in der englischen Literatur.
Ezra Pound: The Seafarer (Anfang)
From thc Anglo-Saxon
May I for my own self song’s truth reckon,
Journey’s jargon, how I in harsh days
Hardship endured oft.
Bitter breast-cares have I abided,
Known on my keel many a care’s hold,
And dire sea-surge, and there I oft spent
Narrow nightwatch nigh the ship’s head
While she tossed close to cliffs. Coldly afflicted,
My feet were by frost benumbed.
Chili its chains are; chafing sighs
Hew my heart round and hunger begot
Mere-weary mood. Lest man know not
That he on dry land loveliest liveth,
List how I, care-wretched, on ice-cold sea,
Weathered the winter, wretched outcast
Deprived of my kinsmen;
Hung with hard ice-flakes, where hail-scur flew,
There I heard naught save the harsh sea
And ice-cold wave, at whiles the swan cries,
Did for my games the gannet’s clamour,
Sea-fowls’ loudness was for me laughter,
The mews‘ singing all my mead-drink.
Storms, on the stone-cliffs beaten, fell on the stern
In icy feathers; full oft the eagle screamed
With spray on his pinion. (…)
(Hier gibt es den altenglischen Originaltext mit Übersetzung)
Ezra Pound: Der Seefahrer
Aus dem Angelsächsischen
Mög ich in meines Liedes Redlichkeit
Von Reisen radebrechen; wie ich in harter Zeit
Fährnis erfuhr oft.
Bittere Herz-Bang hab ich verbüßt,
Kannte auf meinem Kiel manch Kummers Klaue
Und baumhohe Brandung; oft verbracht ich
Voll Not die Nachtwach am Bug des Nachens,
Dieweil er kämpft an Klippen. Kälte fraß
Da meine Füße, starr vor Frost.
Klamm seine Ketten; stechendes Keuchen
Hetzte mein Herz und Hunger erzeugte
Meermüdigkeit. Daß kein Mann verkenne,
Wie er auf Festland lieblichstens lebt,
Lauschet wie ich, kummer-gepeitscht auf eiskalter See
Widerstand einst dem Winter – erbärmlicher Auswurf
Bar meiner Sippschaft.
Harter Eis-Schorf haftete an mir, Hagel flog.
Hörte dort nichts als harsches Meer
Und eiskalten Seegang; zuweilen ein Schwan-Schrei!
Diente zur Lust mir Seeraben-Lärm,
Vogel-Laut war mein Gelächter,
Möwenlied mein Met-Trunk.
Von Steinklippen prallten Stürme gegens Heck,
Eisig gefiedert; vielmals kreischte der Adler
Mit Gischt auf dem Fittich. (…)
Deutsch von Eva Hesse. Aus: Ezra Pound, Personae / Masken. Gedichte. München: dtv, 1992 (zuerst 1959 Zürich: Arche), S. 93
Georg Heym
(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)
Die Seefahrer
Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen,
Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.
Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.
Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.
Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen
In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
Aus: Georg Heym, Gedichte. Leipzig: Reclam, 1967 (2. Aufl.), S. 66
In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische und jiddische Dichter in Stalins Sowjetunion erschossen, darunter Mosche Kulbak. Hier zwei Strophen aus dem Gedicht „Wilna“.
Mosche Kulbak : Wilna
Auf deinen Mauern geht wer eingehüllt im Talles*,
Des Nachts über der Stadt hält ihn die Trauer wach.
Er lauscht: Die Adern alter Betstuben und Höfe
Pulsieren, rasseln wie ein staubbedecktes Herz.
Du bist ein Psalmenlied, geformt aus Lehm und Eisen,
Gebet wird jeder Stein, und Hymne – jede Wand,
Wenn Mondlicht in die Kabbala der Gassen rinnt
Und deine nackte, garstig-kalte Pracht beglänzt.
Dein Frohsinn trauert, ist die Freude tiefer Bässe
Von Klezmern, deine Feste sind Begräbnisfeiern,
Trost schenkt dir nur die leuchtend klare Armut,
Die auf dem Stadtrand ruht, wie stiller Sommernebel.
Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefaßt,
Mit altersgrauer Schrift, von Moos bedeckt und Flechten:
Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente,
Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden,
Wenn ein Wasserträger auf der alten Synagoge
Frostklamm sein Bärtchen streicht und Sterne zählt.
Des Nachts über der Stadt, hält mich die Trauer wach:
Kein Ton. Die Häuser liegen starr wie Lumpenballen.
Irgendwo oben tropft und flackert eine Kerze.
Wie eine Spinne hockt, im Dachstuhl eingenistet.
Ein Kabbalist und spinnt des Lebens grauen Faden:
– Sag, gibt es einen in der weiten kalten Leere,
Der unser Ohr verlorne Schreie hören läßt?
Vor ihm steht Raziel**, bleigrau, in der Finsternis
Mit pergamentnen, alten, abgewetzten Schwingen,
Die Augen, Gruben voller Sand und Spinngewebe:
– Es gibt ihn nicht. Da ist nur Trauer und sonst nichts!
Die Kerze tropft. Der grüne Jude lauscht versteinert
Und saugt das Dunkel aus des Engels Augenhöhlen.
Der ganze Dachstuhl atmet tief, mit Lungen
Des herben Wesens bei den Hügeln schlummernd.
Ach, Stadt, bist du nur Traumbild eines Kabbalisten,
Das grau durchs All schwebt, wie ein Spinnennetz im Herbst?
* Gebetsmantel
**mystischer Engel, übergab dem Menschen ein Buch über Himmelslehre
Aus dem Jiddischen von Andrej Jendrusch, in: „Wilna, das litauische Jerusalem“. 9. Tage der jiddischen Kultur vom 21. bis 26. Januar 1995 in Berlin, S. 9


Originaltext aus: Ale verk fun Mosheh Kulbak. Amherst, Mass.: National Yiddish Book Center, Band 2. Nachdruck der Ausgabe Wilna 1929, S. 179f.
Geboren heute vor 240 Jahren, am 28. Oktober 1780: Ernst Gebhard Salomon Anschütz, deutscher Komponist und Dichter. Der Name sagt uns nicht viel, aber jeder kennt ein paar Text(teil)e und Melodien von ihm: Fuchs du hast die Gans gestohlen; O Tannenbaum; Es klappert die Mühle am rauschenden Bach; Wenn ich ein Vöglein wär. Er schrieb auch das Libretto des Singspiels „Johann von Nepomuk“ von Carl Loewe. Hier daraus ein Balladenduett, keine hohe Lyrik, nur ein frommes, Schauer- und Rührstück, wie es im Buche steht.
Böhmenkönig Wenzel:
„Ha, Priester, zitt’re! nicht verhöhnen
Läßt sich des Königs Machtgebot!
Sprich, willst du meinen Zorn versöhnen,
Der deinen Trotze furchtbar droht?
Dein Fürst befiehlt, du mußt gehorchen,
Es ist des Untertanen Pflicht,
Sonst schwör‘ ich dir, du siehst schon morgen
Des Tages erste Sonne nicht.
Die finstern Zweifel, die mich quälen,
Ich löse sie mit mächt’ger Hand;
Umsonst versuchst du zu verhehlen,
Was beichtend dir mein Weib bekannt.
Drum nenne frei die Last der Sünden,
Die schwer Johanna’s Busen drückt,
Daß mir die Hölenqualen schwinden
Wenn ihre Schuld ich klar durchblickt.“
Johann von Nepomuk:
„Herr, nimmer löst der Beichte Siegel
Ein Staubgeborner frevelnd auf,
Denn ewig birgt ihr eh’rner Riegel
Und hemmt des freien Wortes Lauf.
Zum Dienst der Kirche auserkoren,
Wie Gott und Welt mir Zeuge war,
Hab‘ ich Verschwiegenheit geschworen
Am glanzerfüllten Hochaltar.
Drum wolle nicht den Diener richten,
Der solch Bekenntnis dir versagt
Und in Erfüllung ernster Pflichten
Der Erdengüter Größtes wagt.
Bedenke, daß der Weltgebieter
Ein Richter herrscht im Königshaus;
Er winkt, und Thronen stürzen nieder,
Und Völker tilgt sein Donner aus.
Doch hast du Ändrung nicht beschlossen,
Wohl, so versöhne dich mein Blut!
Viel reineres ward einst vergossen
Zum Heil der Welt für höh’res Gut.“
Wenzel:
„Wohlan denn, Haß und Rache kochen
In meiner Brust, ich schwör es laut:
Dein Urteil hast du selbst gesprochen,
Dem leeren Wort zu viel vertraut.“
Drauf rief er seiner Knechte Scharen,
Ein Kerker schließt den Priester ein,
Der seinen Eid getreu zu wahren,
Trägt heldenkühn die schwere Pein;
Heiß betend unter süßen Schauern,
Erfleht er Gnade nur von Gott,
Nicht Rettung aus den düstern Mauern,
Trotz seiner Feinde bitterm Spott.
So kommt die Nacht auf dunkeln Schwingen,
In Andacht kniet der Fromme dort,
Die Angel knarrt, und näher dringen
Die Henker ihm, bereit zum Mord.
Die Hände, die vor wenig Stunden
Der Messe Opfer dargebracht,
Sie werden schmachvoll ihm gebunden
Durch Wenzels zügellose Macht.
Und zu des Moldaustromes Brücke
Schleppt ihn die Menge stürmisch hin,
Denn es befahl des Wütrichs Tücke,
Er finde seinen Tod darin.
Die Sterne deckt ein Nebelschleier,
In tiefer Stille ruht die Flur,
Des Gottgeweihten Leichenfeier
Begeht die trauernde Natur.
Wild brausend wälzen sich die Fluten,
Ans Ufer spritzt der Wellen Schaum,
Die drängend nicht im Kampfe ruhten,
Als wär zu eng des Bettes Raum.
Allein die Priestermörder stählen
Wie Erz die Brust. Ins feuchte Grab,
Gehorchend ihres Herrn Befehlen,
Wirft ihn die Rotte kalt hinab.
Urplötzlich schweigt das grause Toben
Des Flutenmeers, das ihn errafft.
Von Wellensanft emporgehoben
Schwebt er dahin voll Wunderkraft,
Und aus den schwarzen Wogen steigen,
Umglänzt vom reinsten Strahlensgold,
Fünf Sterne, wie im ew’gen Reigen
Jehovah dort sie tönend rollt.
Da sinken zitternd Wenzels Schergen,
Das Wunder schauend, niederwärts,
Am Boden ihre Schuld zu bergen,
Gefoltert von der Reue Schmerz.
Und singend aus der Wasserhöhle
Schwingt sich der Geist des Heil’gen los,
Und Engel tragen sanft die Seele
Hinauf in Gottes Vatersschoß!
Sylvia Plath
(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

Deutsch von Judith Zander, aus: Sylvia Plath, Übers Wasser. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: luxbooks, 2013, S. 17 / Rücktitel. Originaltext „Crossing the water“ hier.

Andrej Bely
(* 14. Oktober jul./ 26. Oktober 1880 greg. in Moskau; † 8. Januar 1934 ebenda)
Meine Worte
O meine Worte — Perlen — Wasserspiel
in Mondenträumen, schäumend, aber ohne Ziel, —
launischen Vogels Flug,
vom Nebel zugeweht.
O meine Träume — seufzend dunkler Trug,
erstarrter Tränen Gletscher, der in Abendflammen steht,
wahnwitzger Riese, der
pfeift auf ein Zwergenheer.
O meine Liebe — ein Geläut, sehnsüchtig trüb,
das tönt und das doch keiner halten kann, —
du Traum, unendlich lieb,
durchlebt schon irgendwann.
Mai 1901
Serebrjany Kolodes
Андре́й Бе́лый
Мои слова
Мои слова — жемчужный водомет,
средь лунных снов, бесцельный, но вспененный,
капризной птицы лёт,
туманом занесенный.
Мои мечты — вздыхающий обман,
ледник застывших слез, зарей горящий, —
безумный великан,
на карликов свистящий.
Моя любовь — призывно-грустный звон,
что зазвучит и улетит куда-то, —
неясно-милый сон,
уж виданный когда-то.
Май 1901
Серебряный Колодезь
Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Gamajun, kündender Vogel. Gedichte des russischen Symbolismus, russ.-dt. Hrsg. Christa Ebert. Leipzig: Reclam, 1992, S. 68f

Justus Georg Schottel (Schottelius)
(* 23. Juni 1612 in Einbeck; † 25. Oktober 1676 in Wolfenbüttel)
Donnerlied
SWefel / Wasser / Feur und Dampf
Wollen halten einen Kampf;
Dikker Nebel dringt gedikkt
Licht und Luft ist fast erstikkt.
Drauf die starken Winde bald
Sausen / brausen / mit Gewalt
Reissen / werfen / Wirbelduft
Mengen Wasser / Erde / Luft.
Plötzlich blikt der Blitz herein
Macht das finstre feurig seyn
Swefelklumpen / Strahlenlicht
Rauch und Dampf herein mit bricht.
Drauf der Donner brummt und kracht
Rasselt / rollet hin mit Macht
Prallet / knallet grausamlich
Puffet / sumsend endigt sich.
Bald das Blitzen wieder kommt
und der Donner rollend brummt:
Bald hereilt ein Windesbraus
und dem Wetter macht garaus.
Aus: Justus Georgius Schottelius, Fruchtbringender Lustgarte : In sich haltend Die ersten fünf Abtheilungen/ Zu ergetzlichem Nutze/ Ausgefertigt … / [zubereitet von Iusto-Georgio Schottelio …]. Lüneburg : Cubach ; Wulffenbüttel : Bißmark, 1647, S. 258f (Göttinger Digitalisierungszentrum)
Guntram Vesper
(* 28. Mai 1941 in Frohburg; † 22. Oktober 2020 in Göttingen)
An einen Freund
Setz dich.
Schreib auf
dies und das:
alles ist wichtig.
Morgen könnte
die Schrift abgeschafft sein
sie zittert schon.
Aus: Guntram Vesper, Ich hörte den Namen Jessenin. Frühe Gedichte. Frankfurt/Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1990, S. 7

Konstantin Ames
REUNITED
BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber:
Einsilbiger nie als im August ’61. Erlebnis Formulierung Tat –
Ueber Schafe und Kühe im außermoralischen Sinne, schreib:
Neu: neunundfünfzig Bitterfelder, neu: ’89 Erzähllungenkranker.
Ich lerne, ich bereite vor, ich übe mich. Klar: Segelfliegerei!
– Tatütata! Der Segelflug hat Glück bei den Alraunen. Schreib:
Einer flog schlenkrig drüber rüber. Las 2006: Schwarz, rot, geiler
Dô wuohs in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen, was
Vögeln, schwarzen, roten, gelben, den schon freien Versehen, Speise war, in der Luft
Aus: Konstantin Ames, Alsohäute (roughbook 011), Leipzig u. Holderbank SO: 2010, S. 19
Dámaso Alonso
(* 22. Oktober 1898 in Madrid; † 25. Januar 1990 ebenda)
Schlaflosigkeit
Madrid ist eine Stadt von über einer Million Leichen (nach der letzten Statistik).
Manchmal des Nachts wälze ich mich und richte mich auf in der Grabkammer, in der ich seit fünfundvierzig Jahren verwese,
und verbringe lange Stunden damit, dem stöhnenden Wind zu lauschen oder Hundegebell oder dem sanften Strömen des Mondes,
und verbringe lange Stunden damit, wie der Wind zu stöhnen, wie ein wütender Hund zu bellen und wie Milch aus dem warmen Euter einer gelben Riesenkuh zu rinnen,
und verbringe lange Stunden mit der Frage an Gott, der Frage, warum meine Seele langsam verwest.
warum über eine Million Leichen verwesen in dieser Stadt Madrid,
warum tausend Millionen Leichen allmählich in der ganzen Welt verwesen.
Sag mir: welchen Garten willst du mit unserer Verwesung düngen?
Fürchtest du, die Rosenfelder des Tages könnten verdorren,
die Todeslilien im Trauerfeld deiner Nächte?
Insomnio
Madrid es una ciudad de más de un millón de cadáveres (según las últimas estadísticas).
A veces en la noche yo me revuelvo y me incorporo en este nicho en que hace 45 años que me pudro,
y paso largas horas oyendo gemir al huracán, o ladrar los perros, o fluir blandamente la luz de la luna.
Y paso largas horas gimiendo como el huracán, ladrando como un
perro enfurecido, fluyendo como la leche de la ubre caliente
de una gran vaca amarilla.
Y paso largas horas preguntándole a Dios, preguntándole por qué se pudre lentamente mi alma,
por qué se pudren más de un millón de cadáveres en esta ciudad de Madrid,
por qué mil miliones de cadáveres se pudren lentamente en el mundo.
Dime, ¿qué huerto quieres abonar con nuestra podredumbre?
¿Temes que se te sequen los grandes rosales del día,
las tristes azucenas letales de tus noches?
Deutsch von Karl August Horst. Aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. Erster Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989, S. 256ff
Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot
Die Kalevala ist ein Epos von der Vorgeschichte des finnischen Volks, aber Anfang und Ende handeln vom Sänger und seinem Lied. Hier der Schluss des 50. Gesangs, der Sänger spricht:
Halbverse 583-620
Viele habe ich jetzt um mich, allerlei an Leuten gibt es,
Die mit strenger Stimme sprechen, die mit böser Stimme sticheln;
Dieser zürnte meiner Zunge, jener schmähte meine Stimme,
Schimpfte über mein Geschnarre, sagte, daß ich zu viel singe,
Schlechten Laut erklingen lasse, falsch das Lied zum Vortrag bringe.
Ihr sollt nicht, ihr lieben Leute, euch darüber sehr verwundern,
Wenn ich Kind auch zu viel vorsang, wenn ich Kleiner schlecht auch schilpte!
Nie war ich in einer Lehre, nie bei sangesmächtgen Meistern,
Fand nicht Worte in der Fremde, in der Ferne keine Formeln.
Andre waren in der Lehre, mich ließ man nicht fort von Hause,
Meiner Mutter mußt ich helfen, sie, die einsam war, umsorgen;
Ward daheim nur unterwiesen, unterm eignen Speicherbalken,
An der eignen Mutter Spindel, bei des Bruders Schnitzwerkspänen,
Und auch dies als kleines Kind nur, nur als Hemdenmatz, als magrer.
Aber sei dem, wie ihm wolle: eine Spur lief ich den Sängern,
Lief die Spur und brach die Spitzen, knickte Zweige, zeigt’ die Fährte;
Damit ist der Weg geebnet, nun die neue Bahn gebrochen
Sängern, welche weiter greifen, Dichtern, reicher ausgerüstet,
In der Jugend, die emporsteigt, in dem Volke, das heranwächst.
Zusammenfassung des 50. (letzten) Gesangs
Die Jungfrau Marjatta bringt von einer Preißelbeere einen Sohn zur Welt 1-350. Als Kind noch geht er verloren und wird schließlich im Sumpf gefunden 351-424. Man holt einen alten Mann herbei, ihn zu taufen, aber der Alte will den (vaterlosen) Jungen nicht taufen, ehe die Sache geprüft und ein Entscheid getroffen sei (ob man ihn am Leben lassen solle) 425-440. Väinämöinen kommt, die Angelegenheit zu untersuchen, und verkündet, der seltsame Sohn müsse getötet werden; aber der einen halben Monat alte Knabe weist ihn wegen des Fehlurteils zurecht 441—474. Der Alte tauft ihn zum König von Karelien. Darüber ergrimmt Väinämöinen und zieht auf ewig hinweg mit der Voraussage, man werde ihn noch einmal herbeisehnen, damit er dem Volke einen neuen Sampo, eine neue Kantele und ein neues Licht bringe. Mit einem kupfernen Boote fährt er dorthin, wo sich Himmel und Erde berühren und wo er immer noch weilen mag. Die Kantele aber und seine großen Lieder ließ er dem Volk als Erbe zurück 475-512. Schlußgesang 513-620.
Aus: Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Aus dem finnischen Urtext übertragen von Lore Fromm und Hans Fromm. Wiesbaden: Marix Verlag 2005 (Lizenzausgabe des Hanser Verlags, München 1967), S. 327 und 340.
Kantele: finnisches Saiteninstrument. Sampo: Zaubermühle, ein Gerät, das seinem Besitzer mit Zauberkraft Wohlstand schafft.

Edward Stachura
(* 18. August 1937 in Charvieu, Frankreich; † 24. Juli 1979 in Warschau)
Aus: der punkt überm ypsilon
ach, maltesischer falke mein
lass ab, lass die schranken schranken sein
halt dich an mich, wie an ne chance
wirf ein auge auf meine flanke
wirf nen zahn auf die geblasene seife
und beisse mal zu
du bist keine tse-tse-mücke du
beiss zu, beiss zu
das sind äpfelchen voll schlaf
das und noch das und noch das und noch das und noch ah
da, das wartet auf dich
im dekanat, lola, im tribunal
im kubinat im konkubinat
in der krawatte im quadrat im rossmühlrad
in der marinade im vollzeitschema
nein, nicht Schwester
wohl eher frate
lola, hör zu
du bist keine polonistin
das ist schon ein großes plus
ich bin kein antifeminist
das ist das zweite große plus
deine aeroaquadynamischen formen
sind das dritte plus im fluss
bleibt nur ein satz
noch zwischen uns
ich weiß, lola
für dich ist das ein klacks
du übst dich drin von kind auf, oder fast
aber mich hat es immer viele nerven gekostet
und die traurigkeit danach
traurigkeit ist zu wenig gesagt
mir ist danach immer so tragisch blöde zumute
och sokole mój maltański
porzuć porzuć ty te szranki
chwyć się mnie jak szansy
rzuć no okiem na me flanki
rzuć no zębem na me bańki
kąśnij że-se
tyś nie mucha tse-tse
kąśnij przecie
to jabłuszka pełne snu
to i jeszcze to i jeszcze to i jeszcze to i jeszcze o
toto czeka nacie
w dziekanacie, lola, w trybunacie
w kubinacie w konkubinacie
w krawacie w kwadracie w kieracie
w marynacie w schemacie na etacie
nie, nie siostro
raczej bracie
słuchaj, lola
ty nie jesteś polonistką
to jest duży plus
ja nie jestem antyfeministą
to jest drugi wielki plus
twoje formy aeroakwodynamiczne
to jest trzeci plus in plusk
pozostawałby przed nami
krótki dosię sus
ja wiem, lola
to dla ciebie pestka,
w tym się ćwiczysz prawie że od dziecka
ale mnie to zawsze dużo nerwów kosztowało
i smutno mi potem
smutno to za mało
jakoś mi potem tragicznie jest głupawo
Aus: Edward Stachura, der punkt überm ypsilon. aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus. Berlin: hochroth, 2013, S. 14f

2020 ist doppelt Celanjahr zwischen 50. Todes- (um den 20. April) und 100. Geburtstag (23. November). Heute ein weiterer Text Celans, aus dem Zyklus „Eingedunkelt“, der im März und April 1966 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Paris entstand und 1968 in der Suhrkamp-Anthologie „Aus aufgegebenen Werken“ publiziert wurde.
MIT UNS, den
Umhergeworfenen, dennoch
Fahrenden:
der eine,
unversehrte,
nicht usurpierbare,
aufständische
Gram.
[9.4.1966]
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamptaschenbuch 5105. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 272
Neueste Kommentare