Die Jüdin

Gertrud Kolmar

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Jüdin

Ich bin fremd.

Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,
Will ich mit Türmen gegürtet sein,*
Die steile, steingraue Mützen tragen
In Wolken hinein.

Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht
Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben,
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben
Eine Otter ins Licht.

Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen,
Den tausendjähriger Strom bespült;
Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen
Hocken, in Höhlen verwühlt.

In den Gewölben rieselnder Sand,
Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten –
Ich möcht’ eine Forscherreise rüsten
In mein eigenes uraltes Land.

Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer **
Vielleicht entdecken noch irgendwo,
Den Götzen Dagon***, das Zelt der Hebräer,
Die Posaune von Jericho.

Die jene höhnischen Wände zerblies,
Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen;
Einst hab’ ich dennoch den Atem gesogen,
Der ihre Töne stieß.

Und in Truhen, verschüttet vom Staube,
Liegen die edlen Gewänder tot,
Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube
Und das Stumpfe des Behemoth. †

Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein,
Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten,
Doch um mich starren die schimmernden Breiten
Wie Schutz, und ich wachse ein.

Nun seh’ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen,
Da ich vor Rom, vor Karthago schon war,
Da jäh in mir die Altäre entbrennen
Der Richterin und ihrer Schar.

Von dem verborgenen Goldgefäß
Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen,
Und ein Lied will mit Namen mich heißen,
Die mir wieder gemäß.

Himmel rufen aus farbigen Zeichen.
Zugeschlossen ist euer Gesicht:
Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen,
Schauen es nicht.

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott läßt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn.

Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk [Bd. 2) Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 91f

*) Hoheslied 8, 10: Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme. Sprüche 31, 17: Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und regt ihre Arme.
**) In der Bibel wird „Ur in Chaldäa“ als Heimat des Stammvaters Abraham genannt.
***) Gott der Philister mit Tempeln in Aschdod und Gaza
†) Wasserungeheuer in der Bibel

Erstdruck: Blätter der jüdischen Buchvereinigung. 3. Jg. H. 2, Berlin, September 1936, S. 7. – Das Gedicht gehört zum Zyklus Weibliches Bildnis, der 1938 in dem Band Die Frau und das Tier (Berlin, Jüdischer Buchverlag E. Löwe) gedruckt wurde. Das Buch erschien im August, der Verlag wurde nach der Pogromnacht vom 9. November aufgelöst.

Das Gedicht entstand 1933 und war für einen geplanten Gedichtband 1933 bei der Deutschen Verlagsanstalt bestimmt, der dann nicht erschien.

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