Kategorie: Deutsch

Verlorene Generation

Und während wir mit kranken Sinnen
schmerzlich zurück ins Innre fliehn,
erheben sich rundum erstarrte Mienen,
die geisterhaft vorüberziehn.

Dieses eine lange Gedicht

Wenn von der Bahnlinie hinter dem Forst die Züge zu hören waren,
gab es am nächsten Morgen Regen.
Die Birken neben dem Bahndamm
hörten auf die Geburtsnamen schlesischer Mädchen.

Schrei

Eine wilde Lokomotive schrie in der Nacht.
In den Häusern, in den Betten sind die Menschen aufgewacht.

In den Herzen, die sich hoben, zitterte der weiße Schrei.
In der Ebene, der dunkeln, riß sich ein Gefangner frei.

Selfies mit Preisgeld

Verdienst du dein Geld denn mit Lesungen nicht?
Vertreibst du nicht professionell(e) Gedicht (e)?

Ich wünschte, ich könnte! In Urs Engelers Mütz‘
werd ich’s noch mal versuchen, ich hoffe, er druckt’s.

Vierletternquartette

Janz Zapf Hopf Pick
Bach Elze Gräf Danz
Manz JUNG Drux Gnüg
Hell Bail Bánk ZAHL „NEIN! Du sollst die Stifte nicht essen!“

Er war…

er war mit einer französin verheiratet gewesen
er war nett zu mir, gab mir sein essgeschirr mit resten drin
er war nicht aufzufinden
er war nicht mehr zu erkennen

Dass ich nichts will

Ich will nichts,
mich will nichts,
ich lebe es vor.

Oliver Behnssen (1925-1992)

Mit den linden Lüften, die ja nicht nur
in diesem Jahr, sondern immer wieder auf’s Neue
erwachen und säuseln und weben,
umschwärmt mich geschwätzig die Wiederholbarkeit
der spontanen Erniedrigungen, die mir noch bevorstehen.

wie zitronen schimmeln

mein shirt mit dem schriftzug RATIONAL trage ich nur noch nachts, für logische träume.

Echte Dankbarkeit

Bald fünfzig; und nicht länger nur Gekrächz und Poescher Rab‘ ich;
Denn eine Wohnung endlich, eine eig’ne Wohnung hab‘ ich!
Ein and’rer Kerl scheint man geworden: Vorwärtsstürmend gab ich
Mein Ehrenwort, daß künftig keinen einz’gen weiter’n Stab ich
– Auch Staates Sicherheit nie wieder untergrab‘ ich… –
Über die Heimatstadt zu brechen wagen will, Frau Zapich!

Feld/Webel

387 Wörter, 2 Minuten Lesezeit Heute mal ein Gedicht mit Interpretation – durch die Autorin selbst. Kerstin Hensel DER SOLDATDas ist das Feld.Da gehörst du hin, sagt der Feld-Webel. Hier ist dein Platz, wo Dem Feind die Kugel durch’s Hirn In’s All, verstanden? Verstanden.Die Schläfenblume geht… Continue Reading „Feld/Webel“

Fabriken, Licht und Untergang

– Die ernste Sommernacht war wie zerflossen
– Durch grelle Gassen schrille Autos schossen –
– Die Steine lebten und der Mensch war tot!

Paul Neubauer (1891-1945)

In allen Ecken stehn Erinnerungen
Und neigen sich, von letztem Licht umsungen,
Und sehn mich an mit großen Blicken…
An den Wänden, hinter Glas im Rahmen,
Hängen tote Freunde, die ihr Amen
Treu zu mir herüberschicken.

Alle drei

Heute wieder ein Kurzes, Spitzes. Johann Wolfgang Goethe Venezianische Epigramme aus dem Nachlass, 13Juden und Heiden hinaus! so duldet der christliche Schwärmer. Christ und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart.Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer! Singet ein türkisches Kind… Continue Reading „Alle drei“

Von Spucke

Wie seine eigne Spucke schmeckt,
Das weiß man nicht.
Wenn man in seinen Spiegel leckt,
Kriegt man die Spucke zu Gesicht.