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Mychajl Semenko
(1892-1937)
MYSTISCHE MAGISTRALE
Ich warte dass der Abend sein Werk tut
wenn sich werbend die Profanierung der Stadt bemächtigt
wenn die Feuer entflammen und der Himmel verlischt
und in den Augen die festliche Beleuchtung aufblinkt
ich warte dass Wege zusammenfinden
Parallelen sich kreuzen und Spiralen zusammenlaufen
alle Wege und Richtungen brechen längst aus
alle Wege treffen sich in der mystischen Magistrale.
2.VI.1918. Kyjiw
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, aus: Mychajl Semenko, » Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?«. Gedichte und futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe. Göttingen: Wallstein, 2026, S. 113.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im Russischen Reich waren Publikationen in ukrainischer Sprache bis 1905 verboten – war allein schon das Schreiben auf Ukrainisch ein politischer Akt. Sich als Ukrainer zu bezeichnen, war eine politische Geste. Während Literaturen in Nationalstaaten oder Titularliteraturen in Imperien nicht eng an den gesellschaftlichen Kontext gebunden waren, sahen sich Literaturen von Völkern, die über keinen eigenen Staat verfügten, immer gezwungen, politisch zu agieren, politisch in Erscheinung zu treten. (…)
In knapp 25 Jahren durchlief Mychajl Semenko als Autor, Theoretiker und literarische Leitfigur einen außerordentlich intensiven, schwierigen und widersprüchlichen Weg, der ohne Weiteres für Biografien mehrerer Autoren reichen würde. Nun, er hat diese eine Biografie, und sie ist Teil der ukrainischen Literaturgeschichte. Nachdem er 1937 erschossen worden war, wurde er aus der literarischen Zirkulation gestrichen, ausgeblendet, vergessen.
Aus dem Nachwort von Serhij Zhadan, S. 8 / 18
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