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(* 6. August 1926, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 30. September 2008 in München)
Die ballade vom blutigen Bomme
hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe gott persönlich
ich verbleibe ganz gewöhnlich
wenn ich auf den tod vom Bomme
meinem Freund zu sprechen komme
möge Ihnen nie geschehn
was Sie hier in bildern sehn
zur beweisaufnahme hatte
man die blutige krawatte
keine spur mehr von der beute
auf dem flur sogar die leute
horchen was nach außen dringt
denn der angeklagte bringt
das gericht zum männchenmachen
und das publikum zum lachen
seht die herren vom gericht
schätzt man offensichtlich nicht
eisentür und eisenbett
dicht daneben das klosett
und der wärter freut sich sehr
kennt den mann von früher her
Bomme fühlt sich gleich zuhaus
ruht von seiner arbeit aus
auch ein reicher mann hat ruh
hält den sarg von innen zu
jetzt geht Bomme dieser mann
und sein reichtum nichts mehr an
sagt der wärter: grüß dich mann
laß dirs gut gehn – denk daran
wärter sieht auch mal vorbei
mach mir keine schererei
essen kriegst du nicht zu knapp
Bomme denn dein kopf muß ab
Bomme ist schon sehr gespannt
und malt männchen an die wand
nein hier hilft kein daumenfalten
Bomme muß den kopf hinhalten
Bomme ist noch nicht bereit
für abendmahl und ewigkeit
kommt der pastor und erzählt
wie sich ein verdammter quält
wie er große tränen weint
und sich wälzet – Bomme meint:
das ist alles intressant
und mir irgendwie bekannt
denn was weiß ein frommer christ
wie dem mann zumute ist
auf dem hof wird holz gehauen
Bomme hilft das fallbeil bauen
und er läßt sich dabei zeit
schließlich ist es doch soweit
daß es hoch und heilig ragt
Bomme sieht es an und sagt:
das ist schärfer als faschismus
und probiert den mechanismus
wenn die schwere klinge fällt
spürt er daß sie recht behält
aufstehn kurz vor morgengrauen
das schlägt Bomme ins verdauen
und da friert er – reibt die hände
konzentriert sich auf das ende
möchte gar nicht so sehr beten
lieber schnell aufs klo austreten
doch dann denkt er: einerlei
das geht sowieso vorbei
von zwei peinlichen verfahren
kann er eins am andern sparen
wäre mutter noch am leben
würde es auch tränen geben
aber so bleibt alles sachlich
Bomme wird ganz amtlich-fachlich
ausgestrichen aus der liste
und gelegt in eine kiste
nur ein sträfling seufzt dazwischen
denn er muß das blut aufwischen
bitte herrschaften verzeiht
solche unanständigkeit
doch wer meint das stück war gut
legt ein groschen in den hut
Aus: Christa Reinig, Sämtliche Gedichte. Mit einem Vorwort von Horst Bienek. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 43ff
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