Neue Rundschau 4/2016

Zeitschriftenlese von Michael Gratz

Die Neue Rundschau hatte ich aus den Augen verloren. Ein großer Fehler. Die älteste (?) unserer Literaturzeitschriften (begründet 1890 – 127. Jahrgang 2016) ist kein traditionspflegender Oldtimer. Das vorliegende Heft hat die Schlagzeile „Die schreckliche Schönheit im Innern der Menschen“, deren erste Hälfte von einem Essay von Karl Ove Knausgård „Die schreckliche Schönhit der Hirnchirurgie“ stammt. Knausgård hatte 2015 die Gelegenheit, Operationen am offenen Gehirn wacher Patienten mitzuerleben. A.S. Byatt schreibt über den einzigen zeitgenössischen Künstler, der in Prousts Suche nach der verlorenen Zeit erwähnt wird und spürt Parallelen zwischen ihm und William Morris auf.

Zeitreise zur Steinzeitkunst

Ein Essay von John Berger besichtigt eine aufgegebene U-Bahn-Strecke zwischen Holborn, wo das British Museum liegt, und Aldwych. Genau an dem Tag, als in einer Schlucht in Frankreich eine Höhle mit den ältesten Bildern der Menschheit entdeckt wurde, stellte man den Shuttle-Service zwischen Holborn und Aldwych ein. Während der deutschen Bombardierung Londons wurden die Exponate des Museums im U-Bahn-Tunnel gelagert. Gelegenheit für eine vertikale Zeitreise. Korsischer Gesang, älter als das Christentum, ertönt. Dann Ägypten zu der Zeit, als die Evangelien des Neuen Testaments niedergeschrieben wurden. Noch weiter zurück, 1000 v. Ch., dieses Liebesgedicht:

Oh, mein Geliebter
Wie süß
Zu kommen
Und im Teich vor deinen Augen
Zu baden
Dir mein nasses Leinengewand
Zu zeigen
Wie es sich an meinen Leib
Schmiegt, sich mit ihm vermählt
Komm, schau!

Die Steinzeitmaler und, weiter zurück, ein Fossil aus der Zeit, als Europa und Nordamerika auseinanderbrachen, vor vielleicht 450 Millionen Jahren. Die einfachen Menhire, mit Feuerstein bearbeitet. Dann die Menhir-Statuen, immer noch keine erkennbaren Züge, nur im Rücken eine flache Einkerbung, die eine Wirbelsäule bedeuten könnte. „Es ging um die Frage, ob man einen aufrechten Stein sich wie einen Menschen bücken lassen konnte.“

Schließlich die Gruppe der Statuen, eine hat Schulterblätter, eine andere Augenhöhlen, eine ein Kinn. Und so immer weiter. Am 18. Dezember 1994 wurden in einer Höhle in der Schlucht der Ardèche diese Bilder entdeckt, Mammut, Bär, Löwe, Rhinozeros. Und alles unglaublich frisch.

„Wir sind nicht im Irrtum, wenn wir uns vorstellen, dass Gott hier gewesen sei…“ Zu Beginn des 13. Jahrhunderts schrieb Meister Eckhart diesen Satz. Später wurde er vom Papst der Ketzerei bezichtigt.

Moby Dick

Dann ein Abschnitt Moby Dick, 40 Seiten. Seit 2006 trifft sich ein Gruppe von Kulturwissenschaftlern jährlich mit dem Ziel, jedes der 135 Kapitel mit einem „historisch-spekulativen“ Kommentar zu versehen. Die Neue Rundschau dokumentiert dieses Projekt „mit langem Atem“ und publiziert in jeder Ausgabe 3 oder 4 Kapitelkommentare.

Lyrikradar

Der Abschnitt Lyrikradar bringt ausführliche Proben von Ocean Vuong (USA), Jamie McKendrick (UK), Michał Książek (Polen) und Konstantin Ames. Zwei Zitate:

Schatz, wir haben es geschafft.
                                Wir fahren in der schwarzen Limousine.
Man steht in Reihe an der Straße
                                                  & ruft unsere Namen.
Man vertraut auf unser goldenes Haar
                                       & den makellosen grauen Aufzug.
Man hat einen guten Bürger
                                           an mir. Ich lieb mein Land.
Ich tue so, als läge nichts im Argen.

(Ocean Vuong)

Mein Rabe, Rabelais, wie soll er sonst auch heißen,
Wichtigtuer aus Seoul? Mein Rabe schreit und flieht meinen

Kopf, schwimmt der Hai auf mich zu
denke: Du doch nicht! Doch Hais Zunge hört nicht

hat/te keine Zunge, sondern Atombunker unter Grundschulen
Deutschlandkarten Hai zeigt/e die rote Linie entlang, als hätte

_r selbst sie zerbissen. Der Roten
Schandmauer, lächelnd säen wir Schüler sie

Verschwinden à la carte. Jadis ... Charlie ... Maciste. 16° C
Hunnisches schlafzt immer.

Müsste sonst mit gellenden Hosen das Bild gen Bildende Kunst

Verlassen. Die Affinität zum Anarchismus ist wie diejenige zur
Freakshow abhängig vom Voyeurismus der Darsteller (innen).

(Konstantin Ames)
Transit

Auf zwei wichtige Essays muß der Besprecher noch eingehen. Franz Mon schreibt über Walter Höllerers Anthologie Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte (1956). In den 90er Jahren glaubte Robert Gernhardt die Anthologie mit ein paar ironischen Bemerkungen abtun zu können. Mon stellt sie neben Menschheitsdämmerung, die lyrische Bilanz nach der vorhergegangenen Katastrophe. Mit guten Gründen. Mon lernte Höllerer bei Doktorandenseminaren in Frankfurt kennen. Sie „bemerkten alsbald, dass (ihre) literarischen Tentakel abseits und jenseits der wissenschaftlichen Rahmensetzung ins Ungeklärte, Unvermutete tasteten“. Bald trafen sie sich regelmäßig in seinem Arbeitszimmer in der Arndtstraße. Das ist alles andere als selbstverständlich, zu divergent sind ihre jeweiligen poetologischen Vorstellungen. „Höllerer bevorzugte einen formalen Parabelbegriff, den er textkonstruktiv als eine parabolische Wörter- und Satzbewegung verstand, deren Verlauf nicht vorhersehbare, unerwartete Einsichten ermöglichte, jenseits der belehrenden Parabelgattung. – Meine Textarbeit dagegen bezog sich vor dem Hintergrund surrealer Schreibverfahren auf Augenblicksformulierungen und einen sprachkomplexen Materialbegriff, der semantische, artikulatorische und skripturale Parameter umfasste. Was uns an Formulierungen gelang, wurde notiert. (…) Am Horizont sahen wir die Publikation einer neuen Poetik.“

Höllerer veröffentlichte 1952 seinen ersten Gedichtband. 1953 schlägt er dem Hanserverlag vor, eine Zeitschrift als Forum „einer aufstrebenden, jungen deutschen Literatur, die sich endlich aus dem Trümmerjammer befreit“, zu gründen. 1954 erscheint das erste Heft der Akzente. Gleichzeitig empfindet er die Notwendigkeit einer „Btandsaufnahme udn Dokument des modernen deutschen Gedichts nach dem Expressionismus, dem Dadaismus und dem Surrealismus, ohne dabei wichtige Versuchsreihen und Gruppen zu vernachlässigen oder auszuklammern“. Er kann Peter Suhrkamp überreden, ein Jahr später erscheint die Anthologie. Mon, der bei Karl Otto Götz die internationale Kunstszene und die „neusurrealen und informellen Tendenzen“ der französischen und deutschen Literatur kennengelernt hatte, bringt Johannes Hübner, Lothar Klünner, Max Hölzer, Klaus Demus, Rainer M. Gerhardt, Klaus Bremer, Anneliese Hager, Katja Hayek, Britta Titel und andere in den Fundus ein sowie die „Außenseiter“ Kandinsky, Schwitters und Klee, die er durch die 1946 in der Schweiz erschienene Anthologie der Abseitigen als Autoren kennengelernt hatte. Zusammen mit Höllerers Kenntnissen und Kontakten ergab sich ein außergewöhnlich umfassender Querschnitt durch die Mitte der 50er Jahre aktiven Autoren, bei dem eigentlich nur die DDR-Autoren wie Arendt, Bobrowski und Hermlin sowie die Wiener Rühm, Jandl, Mayröcker fehlten – die hatten beide noch nicht auf dem Schirm. Eine breite Bestandsaufnahme von 118 Autoren, zugleich für Mon „überhaupt die erste Gelegenheit, seine Textkonzeption substantiell darzustellen, nicht nur durch die Publikation seiner Gedichte, sondern auch durch die Vermittlung experimenteller Texte verwandter Autoren an einem allgemein zugänglichen Ort der Wahrnehmung“. Ein fast unglaublicher Glücksfall der Literaturgeschichte – wo wäre so etwas heutzutage möglich, ja nur denkbar?

Es folgte das Projekt eines Jahrbuchs, das movens heißen und der poetologischen Verständigung dienen sollte. Höllerer hatte inzwischen die Autoren der amerikanischen Beat-Generation für sich entdeckt und bezog sie in seine Konzeption ein. In seinem Text Movens und Parabel figurieren Robert Creeley und Gregory Corso ebenso wie Robert Musil, Wolfgang Maier, Günter Grass und Hans Arp. Movens erschien 1960. „Wie die Umstände lagen, blieb es bei diesem einen ‚Jahrbuch'“. Die Normalisierung hatte zu greifen begonnen.

„Das ist keine Literatur!“

Noch viel mehr steht in dem Heft, aber auf einen Essay muß ich noch eingehen. Stephan Wackwitz fragt: Gibt es nichtfiktionale Literatur? Die harmlose Frage sei nur scheinbar akademisch, betont er zu Recht. Geht es doch um nichts weniger als „zentrale diskurs- und wirtschaftspolitische Grundentscheidungen der etablierten literarischen Kulturindustrie“. Daß es „ums Eingemachte geht“, konnte Beobachtern im Herbst 2015 wieder einmal besonders auffallen. Als die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, reagierte Iris Radisch in der Zeit mit schlecht gelaunter, ganz humorfreier  Ablehnung: „Literatur muss etwas Schöpferisches haben“, „Sie muss ‚fiction‘, eine eigene Erfindung sein, sie muss eine besondere Sprachqualität haben, und sie muss – das ist ganz wichtig – eine eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft haben. Das ist bei Swetlana Alexijewitsch nicht der Fall. Das ist keine Literatur.“ Punkt,  beschlossen und dekretiert. Dabei mußte sie wissen und verdrängte: daß der Literaturnobelpreis mindestens zweimal mit Mommsen und Churchill ausdrücklich an Geschichtsschreiber gegangen war. – Darin ist sie nicht die einzige, vielmehr ist das ein „selten ausgesprochenes, aber allgegenwärtiges – Vorurteil zeitgenössischer Literaturinteressierter besonders in Deutschland“. Literarische „non-fiction“ hat in Deutschland keinen guten Stand, so sehr, „dass nicht einmal eine einleuchtende deutsche Bezeichnung für sie zur Verfügung steht“. Obwohl es eine breite Tradition nichtfiktionaler literarischer Texte in der Weltliteratur (und schließlich auch in der deutschen) gibt. So in der Antike Herodots Reiseberichte, Cäsars Militärchroniken, Plutarchs Biographien, Ovids Liebeskunst… So die französische und englische Essaytradition. Wackwitz untersucht die Geschichte der Konkurrenz von Fiktionalität und „Wahrheit“ von Platon bis Juli Zeh mit vielen aufschlußreichen divergenten Einzelheiten. Interessant zum Beispiel Nietzsches Gattungserfindung des „Gedankendramas“. Auch daß nach 1945 die Gruppe 47 in ihrem „Moralismus“ kein Verhältnis zum subjektiven Essay hatte (und allenfalls Wolfgang Koeppens Reiseprosa sich da einordnen ließe). Das alles ist lehrreich und vergnüglich zu lesen. Ändert aber an der Tatsache eines hartnäckigen und folgenreichen Vorurteils nichts, bis hin zu aktuellen Literaturpreisen. Man vergleiche die amerikanischen Pulitzerpreise mit ihren diversen Spartenpreisen – im Journalismus u.a. Dienst an der Öffentlichkeit, Aktuelle Berichterstattung, Investigativer Journalismus, Hintergrundberichterstattung, Lokale Berichterstattung usw., im Bereich Kunst und Literatur u.a. Belletristik (Fiction), Theater, Geschichte, Biographie oder Autobiographie, Dichtung (Poetry), Sachbuch (General Non-Fiction) – mit dem Gezerre und Getöse um unsere Bücher- bzw. Romanpreise. In Deutschland muß es richtige Literatur sein. Es müssen richtige Romane sein – von Fall zu Fall auch mal wohldosiert richtige Lyrik. Keine lyrics wie bei Dylan, keine Reportagen wie bei Alexijewitsch. (Das sei „gewöhnungsbedürftig“,  sagte mir ein geschätzter Lyriker auf meine Aussage, Liedtexte gehörten für mich zur Lyrik.)

Neue Rundschau. 127.Jahrgang, Heft 4 / 2016. 15 Euro, 312 Seiten. (Die Webseite des Verlags steht noch bei 4/2015) 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: