L&Poe-Rückblende Juni 2001

FR druckt  russische Gedichte über den Krieg in Tschetschenien 

Die modernen Maßnahmen der Zensur sind subtil: Auf einen neuen Fall macht jetzt die britische Zeitschrift Index on Censorship aufmerksam. Sie veröffentlichte russische Gedichte zum Krieg in Tschetschenien, die praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem kleinen Moskauer Verlag erschienen sind. In unserer Reihe „Unterdrückte Wahrheiten“, die ein Kooperationsprojekt zwischen der FR, der Heinrich-Böll-Stiftung und Index on Censorship ist, dokumentieren wir einige von Uta Ruge ausgewählte und übersetzte Gedichte sowie eine Einleitung des britischen Lyrikers Richard McKane. / FR 29.6.01

Van Hoddis

Immer wieder in Sanatorien und Kliniken eingeliefert, bei Pflegefamilien in Thüringen, von 1922 an in Privatpflege bei einer Gastwirtsfamilie in Tübingen, entmündigt, in die Universitäts-Nervenklinik eingewiesen und 1933, als seine Familie nach Palästina auswandert, in die „Israelitische Heilanstalt“ in Bendorf Sayn bei Mainz verbracht, wird Jakob van Hoddis am 30. April 1942 mit hundert weiteren Patienten und den Mitarbeitern der Anstalt in den Distrikt Lublin verschleppt und bald darauf, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor, ermordet.

„Manchmal, wenn er sich im Garten befindet, springt er plötzlich auf irgendein Tier (Ameise, Schmetterling etc.) zu und begrüßt dasselbe durch sechs- bis siebenmaliges steifes Verbeugen oder durch Abnahme des Hutes“, kann man in der Göppinger Krankenakte lesen, in der – wie in allen anderen, die das umfangreiche Ausstellungsbuch versammelt – der Dichter Jakob van Hoddis nur noch Pat. (Patient) heißt. / ERNEST WICHNER Süddeutsche 29.6.01

„all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis, hans davidsohn (1887-1942)“. Ausstellung in der Stiftung „neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“. Bis 31. August 2001. Vom 16. September bis 11. November 2001 in den Räumen der ehemaligen „Israelitischen Heilanstalten“ in Bendorf Sayn, . Katalog: Stroemfeld Verlag, Frankfur/M. 2001. 256 Seiten, 40 Mark.

(Als ich die Ausstellung in der Neuen Synagoge besuchte, wurden die Taschen kontrolliert und ich mußte mein Schweizer Messer abgeben. Als ein Besucher fragte, was ausgestellt sei, ward ihm Antwort: „Irgendein russischer Dichter“. Deutschland hat sein jüdisches Kulturerbe gründlich entsorgt. Heißt es korrekt „Dichter unbekannt“ oder „Weltende? Kennen wir nicht“?)

Bachmann extrem

Das eine Extrem vertritt Thomas Kling: «Mainstreamkitsch», «Kulissenschieberei», «ein unelegantes Gewuchte von Bildern» oder «klassizistisches Herumfummeln mit Hölderlin» erkennt er in Bachmanns Lyrik und urteilt gnadenlos – Mittelmass. Auf der anderen Extremseite Peter Hamm: Er reiht Bachmann unter seine «Märtyrer, Dichter und Heiligen», für ihn ist ihre Lyrik ein «Singen in der Löwengrube oder ein Singen im Feuerofen, also gleichermassen Todesfurcht wie Zuflucht und Hoffnung auf Erlösung».

Reinhard Baumgart (Hrsg.): Einsam sind alle Brücken. Autoren schreiben über Ingeborg Bachmann, Piper München 2001, Fr. 25.80. Joachim Hoell: Ingeborg Bachmann, dtv Portrait, dtv München 2001, Fr. 17.- / St. Galler Tagblatt 26.6.2001

taz druckt auf der Titelseite den Text eines Songs von John Lee Hooker, der am 21.6. bei San Francisco gestorben ist. Und kündigt auf dem Titel einen Artikel über Ingeborg Bachmann so an: „Am Montag wäre die Poetendiva 75 geworden. Unterhalb des Absoluten hat sie es eigentlich nie gemacht.“

Mobile phone text-message poetry winning poem

txtin iz messin,
mi headn’me englis,
try2rite essays,
they all come out txtis.
gran not plsed w/letters shes getn,
swears i wrote better
b4 comin2uni.
&she’s african

(Hetty Hughes)

Hetty won the first prize (£1,000) in the Guardian’s text message poetry competition – from almost 7,500 entries. Two of Britain’s foremost poets, the judges Peter Sansom and UA Fanthorpe assess the creative output from your mobile phones. Online’s competition has inspired first-time and seasoned bards alike. / Guardian

PEN-Präsident, staatenlos

Wie kommt es, dass jemand, der seit Jahrzehnten in  Deutschland lebt, noch immer nicht die deutsche  Staatsbürgerschaft besitzt?  SAID: Ich habe vor vier, fünf Jahren die Staatsbürgerschaft  beantragt. Die Bürokratie hat mir aber mitgeteilt, dass ich  dafür nicht genügend Geld verdiene. Natürlich hätte ich vor  Gericht ziehen können und auch Recht bekommen, weil der  Bescheid verfassungswidrig war. Aber ich fand es  lächerlich, mich wegen eines Stücks Papier zu streiten. / der iranische Lyriker und deutsche Pen-Präsident Said in der Kleinen Zeitung Online

Glorreiches Erbe

Rein statistisch betrachtet, bringt Griechenland heute die meisten Lyriker Europas hervor. Vermutlich hat auch dies mit den lebendigen Traditionen zu tun – in einem Land, wo Mütter ihre Kinder noch heute ganz selbstverständlich Odysseus, Dionysos oder Iphigenie taufen. „Wenn du alleine unter einem mörderisch blauen oder weißen Himmel umherstreifst“, schrieb Jannis Ritsos einmal, „so legt dir manchmal eine Statue behutsam ihre Hand auf die Schulter.“ Ein schöner Gedanke.

Doch dieses glorreiche Erbe kann auch eine Last bedeuten. Die große Sehnsucht nach dem wahren Griechentum, nach dem originären, dessen Wurzeln sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen, verstellt nicht selten den Blick für die Gegenwart. Die Antike muss in der griechischen Gesellschaft noch heute Identität stiften, und Europa scheint am manchen Orten zwischen Athen und Kreta so weit weg wie Australien (wohin viele Griechen als Seefahrer oder auf der Suche nach Arbeit ausgewandert sind). / schreibt die Süddeutsche über eine Ausstellung zu Giorgos Seferis, 7.6.01.

Dichter als Mythos

Machmud Darwisch ist einer der letzten Dichter, die selber ein Mythos sind, einer wie Lorca, wie Majakowski, wie Neruda oder Nazim Hikmet. Mit ihnen teilt der palästinensische Lyriker nicht nur die fast abgöttische Verehrung, die er in seinem Volk geniesst, den Status einer Symbolfigur für unzählige Hoffnungen, sondern auch die Poetik: ein Sprecher für das Volk zu sein, gegen die Unterdrückung, für Freiheit und Gerechtigkeit. Machmud Darwisch ist der ungekrönte König unter den königlich verehrten arabischen Dichtern, der populärste von allen, zugleich aber einer, der über der Popularität die Autonomie der Dichtung nicht vergisst. Seit Ende der achtziger Jahre hat sich seine Poetik stark gewandelt, auf volkstümliche und agitatorische Züge verzichtet er ganz, seine Dichtung ist schwieriger geworden, reflektierter und moderner – im Sinne dessen, was bei uns als modern verstanden wird. / Stefan Weidner, NZZ 27.6.01

Machmud Darwisch: Ein Gedächtnis für das Vergessen. Aus dem Arabischen von Kristina Stock. Lenos-Verlag, Basel 2001. 211 S., geb., Fr. 33.80. 27. Juni 2001

Celan übersetzen

Die Basler Zeitung (26.6.) referiert in ihrer Zeitschriftenschau einen Artikel des südafrikanischen Autors J. M. Coetzee in The New York Review of Books, 5. 7. 2001 über die Schwierigkeiten beim Nachdichten von Paul Celan, in dem er die Frage stellt: „Ist es möglich, auf eine Lyrik wie die Celans anzusprechen, ja selbst sie zu übersetzen, ohne sie ganz zu verstehen?“ …

Coetzees Resumé: Celan is the towering European poet of the middle decades of the twentieth century, one who, rather than transcending his times—he had no wish to transcend them—acted as a lightning rod for their most terrible discharges. His unremitting, intimate wrestlings with the German language, which form the substrate of all his later poetry, come across in translation as, at best, overheard rather than heard directly. In this sense translation of the later poetry must always fail. Nevertheless, two generations of translators have striven, with unexampled resourcefulness and devotion, to bring home in English what can be brought. For the work of the new generation we can only be grateful.

Mißratene Gedichte

Wie ein Dichter mit missratenen Kindern, mit vor langer Zeit geschriebenen Gedichten lebe, fragt der Moderator. Rita Dove, amerikanische Lyrikerin: „Ich liebe sie trotzdem.“ Inger Christensen: „Ich werfe sie weg.“ Günter Kunert: „Es sind Vögel, die nicht fliegen können.“ – „Muss ein Gedicht fliegen?“, fragt Iso Camartin nach. Kunert: „Es muss immer in der Schwebe sein.“ Christensen: „Nach dreißig Jahren können diese Kinder nicht mehr fliegen. Aber wenn man so ein Gedicht wieder sieht, dann hüpft es.“ / Martin Z. Schröder, Berliner Zeitung 23.6.01

Wann beginnt Dresden

die Hauptstadt der Poesie zu werden? Wenn sich die ersten Lyrikfans aus der Buchstadt Leipzig mit Schlafsack und wenig Geld in der Tasche nach Dresden aufmachen, nur um das hier zu erleben. / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 15.6.01

Kurz gesagt

  • Hat Berlin darunter gelitten, daß die ugandische Lyrikerin Goretti Kyomehundo noch nie in der Stadt auftrat? Jörg Magenau, Banause, FAZ
  • Michel Houellebecqs Texte gleichen implodierten Schlagern. / Berliner Zeitung 9.6.01
  • Lesenswert ist „Fieber“ [frühe Lyrik von Klaus Kinski] allemal – als Manifest des von Mittelmaß, Egomanie und Liebeswahn Gequälten, des Poseurs aus Verzweiflung.
  • William Blake was „A libertine in his youth, an ardent chaser and seducer of women and the author of poems such as the famous ‚To his Mistress on Going to Bed‘ / Brian Fallon in der Irish Times

Gestorben im Juni 2001

Dies alles verdanke ich Wikipedia.

Ein schlechter Monat für die königliche Familie in Nepal. Wiki englisch meldet unter Todesfälle im Juni

1 – King Birendra, 55, King of Nepal.
1 – Queen Aiswarya, 51, Queen of Nepal.
4 – King Dipendra of Nepal, 29.

König und Königin kamen zusammen mit dem Großteil der königlichen Familie bei einem Massaker ums Leben, das nach offiziellem Bericht der Prinz Dipendra verübt haben soll.

Am 1. Juni 2001 wurde nahezu die gesamte nepalesische Königsfamilie durch Schüsse getötet. Nach dem offiziellen Untersuchungsbericht gilt Kronprinz Dipendra als der Täter. Es bestehen aber erhebliche Zweifel, ob der Tathergang wie im offiziellen Bericht dargestellt, sich auch so zugetragen hat. Nach dem Bericht kam es bei einem gemeinschaftlichen Essen der Königsfamilie im Palast in der Hauptstadt Kathmandu zum Streit. Kronprinz Dipendra habe dann plötzlich das Treffen verlassen, sei kurze Zeit später im Kampfanzug zurückgekehrt und habe aus einer automatischen Waffe um sich geschossen. Dipendra hatte zuvor zwei Gläser Whisky getrunken, Haschisch und eine andere Droge geraucht sowie mit seiner Verlobten Devyani Rana telefoniert. Nach der Tat soll Kronprinz Dipendra auf sich selbst geschossen haben.

Trotz des Tatverdachts wurde Kronprinz Dipendra zum König ernannt. Da er aber im Koma lag, wurde sein Onkel Gyanendra zum Regenten ernannt. Der hatte überlebt, weil er während des Massakers abwesend war. Am 4. starb der amtliche Täter, ohne aus dem Koma erwacht zu sein und der Onkel wurde neuer König.  Manche vermuten in ihm den Auftraggeber der Morde. Gyanendra, geboren 1947, war schon einmal 1950-51 König und regierte bis zur Abschaffung der Monarchie 2008. (Die älteste Lyriknachricht aus Nepal stammt aus dem Jahr 2006)

Weitere Todesfälle

  • 8. Juni Heos Cogliani Lenzo, italienische Autorin (geb. 1920)
  • 11. Juni Angelo Manna, italienischer Journalist, Politiker und Dichter (geb. 1935)
  • 12. Juni Nkem Nwankwo, nigerianischer Autor, Dichter und Hochschullehrer (65)
  • 13. Juni Rajzel Zychlinski, jiddische Dichterin (90)
  • 16. Juni Vincent Šikula, slowakischer Dichter, Schriftsteller, Kinder- und Jugendbuchautor, Publizist, Dramaturg und Musiker (64)
  • 18. Juni Dino Larese, Schweizer Autor von Prosa, Lyrik, Biographien, Theaterstücken, Jugendbüchern und autobiographischen Schriften (86)
  • 19. Juni Harald Gerlach, deutscher Schriftsteller und Bühnenautor (61)
  • 25. Juni Anatol Kurdydyk, ukrainischer Schriftsteller (95)
  • 27. Juni Kees Stip, niederländischer Dichter (87)
  • 28. Juni Peter Brasch, deutscher Schriftsteller (45)

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