Chinabox

Wie raffiniert und alltäglich [die zeitgenössische chinesische Lyrik ist], zeigt die von der jungen Berliner Dichterin und Sinologin Lea Schneider herausgegebene Anthologie „Chinabox“. Von vorne aufgeblättert, enthält der von Wu Yimeng reich illustrierte Band die Gedichte von zwölf Autoren und Autorinnen der Jahrgänge 1956 bis 1980 in deutscher Sprache. Herumgedreht und auf den Kopf gestellt, präsentiert er die Originale. Dazu kommen eine prägnante Einleitung in Sprache und Literaturlandschaft Chinas sowie kurze Porträts aller Dichter und Anmerkungen zu Fachbegriffen, Ortsnamen und Zitaten.

Die Texte sind an sich so zugänglich, dass man darüber die Andersartigkeit der sozialen Codes fast vergisst. Denn was gibt es hier nicht alles: die Performance Poetry des gerade als DAAD-Stipendiat in Berlin lebenden DJs und Noise Artists Yan Jun; die Internationalität des an der Peking University lehrenden Zang Di, der auf Paul Celan, Jehuda Amichai, Tomas Tranströmer und Ted Hughes Bezug nimmt, während andere eher die Beat Poets gelesen haben; die von ironisch-feministischen Energien gespeisten Gedichte von Zhou Zan und Lü Yue, die in einem Nachruf auf ihre Kunst zugleich deren Lebendigkeit betont: „das gedicht ist tot, aber davon weiß es nichts / ein staatsbegräbnis wird abgehalten, auf einem 100-loch-golfplatz / werden blüten auf seine lider gestreut (…) bei der beerdigung bemerkt ein kind, wie das gedicht unter den lidern die augen bewegt / es hat allerdings seine hornhaut gespendet, es kann den eigenen tod nicht sehen.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

Lea Schneider (Hg.): Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik. Illustrationen von Yimeng Wu. Verlagshaus Berlin, Berlin 2016. 350 Seiten, 24,90 €.

Weiter wird dort besprochen

Yi Sha: Überquerung des Gelben Flusses. Band 1: Gedichte 1988–2009. Aus dem Chinesischen von Martin Winter. Zweisprachige Ausgabe. fabrik.transit, Wien 2016. 354 Seiten, 15 €. Zu bestellen über die Website http://www.fabriktransit.net

Leuchtspur 2016. Imagination. Neue chinesische Literatur. Foreign Languages Press, Peking 2016. 178 Seiten, 15 €. ISBN 978-7-119-10182-8. Bestellungen c/o Martin Winter, mading2002@hotmail.com

One Comment on “Chinabox

  1. Das Buch von Yi Sha ist  nicht nur über den Verlag erhältlich, sondern auch im regulären Buchhandel und überall, wo deutschsprachige Bücher verkauft werden. Die LEUCHTSPUR kann auch über den Verlag FabrikTransit bestellt werden, obwohl das Magazin in China gedruckt wird. Die Zeitschrift ist erstaunlich kritisch, zumindest enthalten die Texte sehr viel Zeitgeschichte und geben einen recht schonungslosen Einblick in das heutige Leben in China. Der Poesie-Teil ist seit der ersten Ausgabe noch besser geworden. Die sit den 1980er Jahren berühmte Wang Xiaoni mit ihren blutigen Mondgedichten ist ein sehr eindrucksvolles Beispiel. Ich glaube übrigens nicht, dass Lyrik „am wenigsten zur volks- und landeskundlichen Auskunft taugt“. Der in der Rezension erwähnte Tang-Dichter Du Fu ist gerade dafür berühmt, dass er zeigt, wie in der glorreichen Hauptstadt Menschen verrecken. Ebenso realistisch und vielleicht noch mehr auf der Seite der Unterprivilegierten ist der berühmte Tang-Dichter Bai Jüyi.

    Yi Sha steht in dieser Tradition, und auch ein Teil der Gedichte in der „Chinabox“. Insgesamt ist mir die Herangehensweise in der Anthologie und auch hier in der Rezension vielleicht ein wenig zu unpolitisch. Man will Klischees vermeiden, aber die Realität der politischen Situation und die Lage derjenigen, die offen aufmucken, also der Dissidenten, ist eindeutig schlimmer geworden, und das ist keineswegs ein Klischee. Eher ist der Hinweis auf westliche Klischees ein Klischee und wahrscheinlich oft ein Verdrängungsmechanismus. Apropo Klischees: Bei Dao hat in den 1970-er und 1980er Jahren „clear as a bell“ geschrieben, wie seine Übersetzerin Bonnie McDougall sagte. Gerade Bei Dao, Shu Ting und Gu Cheng, die berühmtesten DichterInnen der 1980er Jahre, waren überhaupt nicht „hermetisch“. Sie wurden nur als „obskur“ denunziert.

    Bei Dao, Mang Ke, Shu Ting und Jiang He, auch ihr Freund und Vorläufer Shi Zhi waren eigentlich gar nicht so weit entfernt von Ai Qing, dem Vater von Ai Weiwei, jedenfalls wenn man sich an Ai Qings Gedicht zur Berliner Mauer von 1979 erinnert. Mein eigener Zugang ist von Ernst Jandl geprägt. Yi Sha schrieb in den 1990ern manchmal wie Jandl und seine ZeitgenossInnen, obwohl er sie damals nicht gekannt hat und auch heute kaum kennt, weil sie nicht übersetzt sind. Jandls politische Einstellung ist von seiner Poetik nicht trennbar, das gilt auch für Yi Sha. Er ist kein Dissident, aber man merkt immer wieder, dass er 1989 in Peking dabei war. Wie bei Jandl lacht man sehr oft bei Yi Sha. Körper und Alltag werden sehr schonungslos und selbstironisch beleuchtet, in einem sehr eigenen umgangsprachlichen Ton.

    Übrigens habe ich am 17. Jänner in Wien eine Lesung im PEN-Club, wo ich neben eigenen Werken auch meine Übersetzungen von Yi Sha etc. vorstelle. Die Lesung wird auch bei FabrikTransit angekündigt (www.fabriktransit.net)

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