Digest 17./18.6.

Preis für Houellebecq

Michel Houellebecq bekommt den Frank-Schirrmacher-Preis. Der französische Schriftsteller erhält die Auszeichnung satzungsgemäß für „herausragende Leistungen, die zum besseren Verständnis der Gegenwart beitragen“. Der Stiftungsrat der Frank-Schirrmacher-Stiftung, dem Günther Nonnenmacher, ehemaliger Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sowie Michael Gotthelf, Martin Meyer, Mathias Döpfner und Marco Solari angehören, hat damit einen Autor ausgewählt, der als „Anreger und Visionär eine ebenso präzise wie hintergründige Sprache“ pflege und „dessen Werk mit analytischer Tiefe und provokativer Originalität die zivilisatorischen Befindlichkeiten unserer Gegenwart beschreibt“.

Die mit 20.000 Schweizer Franken dotierte Auszeichnung wird zum zweiten Mal verliehen und Houellebecq am 26. September im Berliner Haus dieser Zeitung überreicht. Die Laudatio hält die Soziologin Necla Kelek. / FAZ

Zur Hölle mit der Hymne

Lieber Herr Özil, lieber Herr Khedira, lieber Herr Boateng, bitte singen Sie, wenn Ihnen danach ist; bitte lassen Sie es, wenn nicht. Sollten Sie aber den Druck der Erpressung spüren, den ein anmaßend selbstgerechtes Heimatgefühl auf ein angemessen kompliziertes Heimatgefühl ausübt, dann empfehle ich Ihnen Schmähkritik. Unter uns, von deutschem Dichter zu deutschem Kicker: zur Hölle mit der Hymne! Zum Teufel mit dieser Promenadenmischung aus stumpfen Trochäen, ihrerseits gezeugt im Vollrausch auf einer englischen Insel, und süßlicher Schlampenmelodie, die auch für Österreich schon die Beine breit gemacht hat. Wenn ihr wissen wollt, ihr Patrioten, was eine vaterländische Hymne ist, dann lest gefälligst Hölderlins Gesang an den Rhein. Und dann fragt euch, ob darin etwas angesprochen wird, zu dem man sich bekennen könnte. Kann man nämlich nicht, obwohl dort an nichts gespart wird, durch das sich Zuneigung zu einer deutschen Landschaft fassen ließe. / Per Leo, FAZ

Kate Tempest

„Brand New Ancients“ hieß der erste Lyrikband der 1985 geborenen Autorin. 2013 erhielt sie dafür den renommierten Ted Hughes Award. Auch die Gedichte in „Hold Your Own“ versetzen antike Sagengestalten in die Gegenwart.

Der Orakelpriester Teiresias, der mehrfach sein Geschlecht wechselt, wird für Kate Tempest zu einer Symbolfigur der Selbstsuche. „Während wir im Netz Identitäten sammeln / Und in unsere Smartphones glotzen“ lebe Teiresias vor, „Was es heißt: sich zu behaupten“ und sich beim Polieren diverser Profile nicht selbst zu verlieren. Tiresias – you teach us / What it means: to hold your own. / Frank Kaspar, DLR

National art form

She believes poetry is our national art form – and now Dame Carol Ann Duffy is travelling the length of Britain with a group of fellow poets, on a mission to bring contemporary poetry to the masses – and celebrate Independent Bookshop Week (June 18-25). / Yorkshire Post

Schirm-Gedicht

Seit dem 29. Februar stellt der ORF TELETEXT an jedem Montag ein sogenanntes Schirm-Gedicht eines österreichischen Lyrikers oder einer österreichischen Lyrikerin vor (zu finden im ORF TELETEXT ab Seite 480.) 53 Autorinnen und Autoren schrieben eigens für diese Aktion lyrische Texte, die mit 500 Anschlägen ihr Auslangen finden müssen, um auf eine Teletextseite zu passen. / Wiener Zeitung

Urteilsbegründung

Zwar handele es sich bei dem Gedicht zweifelsohne um Satire und in Verbindung mit dem Kontext, der musikalischen Untermalung und der Gespräche mit Böhmermanns Sidekick Ralf Kabelka auch um Kunst. Diese finde ihre Grenze aber da, wo es sich um reine Schmähung oder Formalbeleidigung handele bzw. die Menschenwürde angetastet werde, so die Begründung.

Der Aussagegehalt an sich sei dabei für Erdogan nicht so verletzend, dass aufgrund dessen ein Unterlassungsanspruch begründet wäre. Es sei fernliegend, dass der Rezipient annehme, das Gedicht weise einen Wahrheitsgehalt auf. Hinzu käme, dass sich Erdogan als türkischer Staatspräsident auch stärkere Kritik gefallen lassen müsse. Die Einkleidung des Gedichts führe allerdings zur Bejahung des Unterlassungsanspruches.

Die untersagten Zeilen seien laut Begründung zweifelsohne schmähend und ehrverletzend. Sie griffen gerade gegenüber Türken oftmals bestehende rassistische Vorurteile auf. Als besonders erschwerend sah das LG die Erwähnung des „Schweinefurzes“ an, da das Schwein im Islam als „unreines Tier“ gelte. / Legal Tribune Online

Wovor die Deutschen Angst haben

Ich weiß, wovor die Deutschen, also Sie, Angst haben. Ich weiß, weshalb sie mich nach meiner Angst fragen. Ihnen kann ich die Angst nehmen und den Jungs damit Mut machen. Ja! Mit der Angst, die Sie haben, kann ich ihnen Mut machen. Dankbar bin ich Ihnen, dass sie bis hierhin gekommen und Interesse gezeigt haben. Wenn wir, mit „Wir“ meine ich besonders die mit einer Migrationsgeschichte unter uns, Verantwortung übernehmen, ihnen die Wege zeigen, die wir selbst mit Mühe und Not bestritten haben, dann werden wir diese Kinder gewinnen! Wie? Mit ganz einfachen Sätzen wie: ‘Ja. Ich musste mal in die Hose machen, weil ich nicht sagen konnte: Ich muss Pipi! Und jetzt? Schaut mal! Jetzt stehe ich hier!’”

Liebt Kafka und Goethe genauso wie Rumi! /Alime Sekmen, Deutsch-Türkisches Journal

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