Suche nach der Durchlässigkeit des Wortes

Nach anfänglichen Studien der Mathematik und der Naturwissenschaften zog es ihn, ausgelöst wohl durch die Lektüre Hegels, Heideggers, aber auch Kierkegaards, zur Philosophie.

Bald aber kommt es zu einem Bruch. Bei Jean Wahl liefert Bonnefoy zwar noch eine Magisterarbeit ab, doch hat eine andere Begegnung inzwischen seinen Glauben an die Wahrheiten, die die Universität zu bieten hat, erschüttert. Bonnefoy lässt sich vom späten Surrealismus André Bretons bezaubern, den er 1944 in Paris kennen gelernt hat. Damit, mit der «Entdeckung» der Poesie als eines anderen, eines besseren Weges zur Erkenntnis von Welt und Wahrheit, beginnt das originelle und eigenständige Werk des Yves Bonnefoy. Der gelehrte Dichter weiss, dass er nicht weiss. Anders als etwa Paul Valéry glaubt er nicht an jenes «Mittelmeer des Geistes», das dem Autor des «Monsieur Teste» so teuer war. Die kristalline Klarheit der Konzepte, der Formen, die transparenten Ordnungen einer stillen, leidenschaftslosen Vernunft, kurz die Hervorbringungen eines cartesianischen «esprit de géométrie» sind ihm Konstrukte, philosophische Sprachspiele, die sich vor die Wahrheit des Lebens in seinen sinnlichen Erscheinungen, vor die Wahrheit des Seins schieben.

Aber auch mit Breton wird es rasch, kaum drei Jahre nach der entscheidenden Begegnung, zum Bruch kommen. Denn genauso wenig wie Bonnefoy sich mit den Vorstellungen einer autonomen, abstrakten Wissenschaft als Weg zur Wahrheit anfreunden will, kann er sich mit dem Konzept einer autonomen, selbstgenügsamen Sprache der Dichtung zufrieden geben.

So ist denn auch Yves Bonnefoys Lyrik, die sich in Dutzenden von Büchern über Poème en prose und Gedicht artikuliert, ein Suchen nach der Durchlässigkeit des Wortes, nach dem Zusammenhang des Wortes mit den Dingen des Lebens. «Gewisse Wörter», schreibt Bonnefoy 1970 in seinem oft zitierten Aufsatz über «Die Funktion der Dichtung», «wie etwa Brot und Wein, Haus, oder gar Gewitter, Stein, werden sich von ihrer Rolle als Konzept lösen» – und damit wieder auf einen Sinn ausserhalb der Sprache verweisen.

Mit solchen Vorstellungen, die in der modernen Lyrik seit Mallarmé eigentlich obsolet sind, stand Bonnefoy, trotz verwandten lyrischen Unternehmungen wie etwa im Werk von Francis Ponge oder Philippe Jaccottet, recht isoliert da. / Jürgen Ritte, NZZ

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