81. 14. Nahbellpreis 2013: THOMAS KUNST

„Eine mutige Entscheidung deshalb, weil ich fast zehn Jahre darauf warten musste, einen neuen Verleger für meine Gedichte zu finden, und weil meine Gedichte den falschen Zauber von Wissenschaftsschmeichelei und Bildungsdemonstration schon immer ignoriert haben. Was nicht alles in heutigen Gedichten so vorzukommen hat, wegen der permanenten Angst, eine angestrebte Weltläufigkeit zu verfehlen, alles, bis auf die unbefangene Eindringlichkeit der täglichen Verwunderung, in ihrer vertrauensenergischen Zuneigung gegenüber den Dingen und Menschen, die in diesem Land nicht die geringste Bewandtnis haben.“

8 NAHBELLPREISFRAGEN von Tom de Toys an Thomas Kunst: „WENN DIE GEWÖHNLICHSTEN DINGE IRRITIEREN“ (INTERVIEW 2013 VIA FACEBOOK)

Das Interview wurde vom 12. bis zum 17.4. 2013 via facebook geführt. Seine Antworten sind so flüssig und authentisch wie seine wirklichkeitsverspielten Gedichte, die nur auf denjenigen „schwierig“ wirken, der sich nicht traut, sie DIREKT zu interpretieren, ohne komplexe Hinterebenen aufspüren zu müssen, von denen natürlich trotzdem Unmengen vorhanden sind, aber das liegt wohl eher am naturell von Poesie im Allgemeinen: ihre Fähigkeit zu irritieren…

Auszug:

03.NAHBELLPREISFRAGE 13.4.2013:

hast du deine frühen gedichte damals jemandem gezeigt (gab es „verständnislose“ reaktionen?) oder gar irgendwo veröffentlicht? oder waren sie „für die schublade“ geschrieben? und gab es ein einschneidendes erlebnis, durch das du von celan „aufgetaut“ bist? mit welchen dichtern fühlst du dich heute seelisch oder/und stilistisch verwandt?

03.NAHBELLPREISANTWORT 14.4.2013:

ich zeigte die ersten gedichte dem stralsunder dichter uwe lummitsch…er war es: der mich ermutigte: niemals mehr damit aufzuhören…das war so etwa 1982…ich war siebzehn…dann kämpfte ich so an die vier: fünf jahre mit celan: und um 1986 herum begann ich: die gedichte zu schreiben: zu denen ich auch heute noch stehen kann…die ablösung von celan kam schlagartig…durch die geburt meiner tochter charlie…1986…ich hatte sehnsucht nach mehr klarheit: nüchternheit und auch lakonie in gedichten…christoph meckel: thomas brasch: nicolas born: ulrich zieger…das waren die dichter: die mich von anfang an begleiteten…
parallel dazu immer auch viel franzosen: maurice blanchot: roland barthes: hervé guibert: emmanuel bove…ich freue mich im übrigen sehr über den diesjährigen nahbellpreis: mein lieber tom.

(…)

05.NAHBELLPREISFRAGE 15.4.2013:

wie ist es denn zu der „wertschätzung“ von seiten der weiskopf-preisstifter gekommen? wurdest du von einem renommierten kollegen empfohlen, so daß sein wort genügend gewicht hatte? oder war es irgendeine andere form von „klüngel“, der du dich nicht entziehen konntest? und seitdem kein weiterer preis mehr? aber einige stipendien, die vermutlich eine „weisköpfische“ nachwirkung sind, oder?

05.NAHBELLPREISANTWORT 15.4.2013:

in der weiskopf jury damals: peter geist : oskar pastior und paul wühr…es standen wohl erst ganz andere namen zur debatte…glück spielt oft eine große rolle…fuhr im letzten jahr nach etwa 20 jähriger bewerbung zum lyrikpreis nach meran…den hätte ich gern bekommen: hatte allerdings kein glück…meine letzten 4-5 lyrikbände sind preislos geblieben: darüber bin ich wirklich sehr erstaunt und auch wütend: es ist oft so: als existierte ich da draußen überhaupt nicht: feridun zaimoglu schrieb mal vor jahren in der faz über meine gedichte: „Wer wie er das schöne Gift gegen die Mickrigkeit reicht, wer wie er ein pathetisches und sehr melancholisches Verhältnis zum Leben hat, müsste – wenn es im Literaturbetrieb mit rechten Mitteln zuginge – mit Preisen überschüttet werden.“ so etwas wird von den wenigsten gern zur kenntnis genommen…aber ich laß mich von alldem nicht entmutigen…über die stipendien in rom und venedig war ich sehr dankbar…wenn für meinen neuen gedichtband wieder kaum eine anerkennungsform in sicht ist: dann halte ich die gerechtigkeit für einen überholten konditionsausgleich und freue mich auf eine neue müdigkeit…darin bin ich jedenfalls norddeutsch geschult…diese sturheit treibt mir niemand aus…oft bin ich so verzweifelt: daß ich merkwürdige dinge von mir gebe: die größenwahnsinnig und traurig zu gleich sind: was die wahrnehmung gegenüber meinen texten anbelangt: jetzt schließe ich: bevor die betroffenheitsnötigung in die niedrigere spielklasse absteigt…

06.NAHBELLPREISFRAGE 15.4.2013:

ich denke, damit sprichst du vielen kollegen aus der seele, denn du bist ja nicht der einzige, dem es so ergeht bzw der sich so ungerecht behandelt fühlt. wenn alle, die ihre bände für wichtig halten, einen preis bekommen sollten, dann müssten wohl noch ein paar preise mehr erfunden werden, oder? es gibt doch weit mehr „gute“ lyrik als preise, oder nicht? wie ist dein verhältnis zu anderen, derzeit aktiven lyrikern? pflegst du viele kontakte? oder bist du der zurückgezogene privatmensch? gibt es „ganz junge“ autoren, die dich begeistern, die du als „dichter der zukunft“ bezeichnen würdest, so wie lummitsch dich damals?

06.NAHBELLPREISANTWORT 16.4.2013:

die anzahl der lyrikpreise liegt bei über 700…ich finde: das ist völlig ausreichend: „sich wichtig finden“ und „wichtig sein“ sind zwei unterschiedliche dinge…die lesenswerten gedichte in deutschland halte ich für höchst überschaubar…also teile ich deine aussage: daß es mehr gute lyrik als preise gibt: nicht im geringsten…mit gedichten z.bsp. von ulrich koch: volker sielaff: nancy hünger: norbert lange: steffen popp und andré rudolph verbringe ich sehr gern meine zeit: unter den ganz jungen autoren sehe ich bislang keinen oder keine: die mit einer selbstbewußt ausgeprägten einzelsprache aufzutreten in der lage wären…(lautes aufbrausen der stimmen am rand…geschenkt)
ich war nie der auffassung: daß wir hier in deutschland in den letzten 10 bis 15 jahren über eine unverwechselbare: großartige: ideen- und sprachbesessene lyrik verfügen würden…immer zuviel gerede über zuwenig gedichte…bis auf wenige ausnahmen: sehr wenige…

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