80. Besser scheitern?

Von Felix Philipp Ingold, Zürich

Der Autor schreibt: „ein Lektüre-Notat aus meinem Arbeitsjournal“

In Gebrauchs- wie in Kunstsprachen wird zur Zeit der natürliche, alltägliche, flüchtige, provisorische Ausdruck dem mehr oder minder streng formalisierten vorgezogen: Rhetorik, Stilistik, selbst Grammatik haben kaum noch normative Funktion, die Sprachverluderung nimmt in der mündlichen wie in der schriftlichen Praxis zu, findet weithin kritiklose Akzeptanz und wird somit ihrerseits normbildend. Vorab Leserkommentare im Internet, aber auch SMS- und Mailnachrichten sowie die Tratschrhetorik der Gratispresse bieten dafür beliebig viele Belege. Hauptmerkmale dieser Rhetorik sind defekte, defizitäre, jargoneske, wortspielerische, dabei aber (für die Kommunikationsteilnehmer) problemlos verständliche Sprach- und Sprechformen; dazu gehören zahlreiche Abkürzungen, Auslassungen, fremdsprachige und privatsprachliche Versatzstücke bei durchweg schwach ausgeprägter Syntax.
Dass auch die Poesie diesen Trend aufnimmt, ist deutlich genug zu erkennen und gilt keineswegs nur für die performativen Sparten von Rap und Slam. Das aktuelle poetische Sprachdesign gibt sich heute, zumindest im deutschsprachigen Raum, als eine willkürliche, dabei spontane (improvisatorische) Hybridisierung aus Alltagsrede, Werbesprache, Songtexten und Gruppenidiomen zu erkennen.

Ich will diese Tendenz nicht bewerten, doch ich frage mich, ob es das Interesse und die Aufgabe der Poesie sein kann … sein sollte, den heruntergekommenen Status der Alltagssprache zu übernehmen, ihn künstlerisch zu kultivieren und eben dadurch zu rechtfertigen. Gelegenheitslyrik, Plauderlyrik, Gebrauchslyrik, Verbrauchslyrik, Unterhaltungslyrik, Roadlyrik, Pornolyrik, Institutslyrik, Wettbewerbslyrik scheinen die Lyrikproduktion und den Lyrikbetrieb zu dominieren, und offenkundig bestimmen diese rezenten lyrischen Sprechweisen sehr weitgehend auch die einschlägigen Rankings, Stipendien- und Preisvergaben im Bereich der Versdichtung. Sprechkunst gegen Sprachkunst: Der improvisierte Sprechakt überbietet die Geste des Schreibens, mindert sie herab zum Notat.

Jede Sprechweise hat ihren Grund und ihre Berechtigung, doch nicht jede ist gleichermassen von künstlerischem Interesse … bei weitem nicht jede behauptet sich auch in der Schrift, in der Sprachform des Gedichts. Zwar gibt es bereits wieder minderheitliche Versuche, lyrisches Sprechen strengeren Regulativen zu unterstellen, den Endreim oder die Sestine oder gar die alkäische Strophe zu rehabilitieren, doch die meisten dieser Versuche bleiben in handwerklicher Nachahmung befangen, wirken altbacken oder unfreiwillig komisch, weil die strenge beziehungsweise die angestrengte Form mit der meist trivialen alltagsweltlichen Thematik kollidiert, ohne dass diese Kollision ironisch genutzt würde; das klingt dann – in einem gern zitierten Gedicht von Ann Cotten – beispielsweise so:

Rosa Meinung ‒

In des Landgerichtes Fotze
geh ich als ein blasser Traum,
Frau ist alles, was ich kotze,
lauter Wahrheit dieser Raum.

Dass man mir mein Schwärmen nähme
denk ich, aber glaub es kaum:
Dieser Prunk im schmalen Schoße
ist der Trödelväter Schaum.

Wenn ich nur die Arme breite,
ächzt er wie ein Eichenbaum,
kracht in brüchig tausend Scheite,
schäumt, dass ich, Blitz, ihn ableite.

Brenn zu Asche, mich zu wärmen!
(Denn ich will von Deutschland lernen.)

Welches sind die Meriten … welche künstlerischen Meriten hat dieses kleine lyrische Gedicht? Die Reime allein … die Reimqualitäten können es nicht sein. Zwar richtet die Autorin besonderes Ohrenmerk auf den Gleichklang der unregelmässig gekreuzten Versenden, doch besonders kunstvoll operiert sie damit nicht. Der starke Reim ist nicht der geklotzte Reim, der die Paarung zwischen „Fotze“ und „kotze“ vollzieht, zwischen zwei umgangssprachlich imprägnierten Wörter also, die einander nicht nur klanglich, sondern auch bedeutungsmässig und stilistisch analog sind.

Der starke Reim ist vielmehr der diskrete Reim, bei dem die Assonanz konterkariert wird durch den Bedeutungsunterschied oder den Bedeutungsgegensatz der Wortpaarung. In solchem Verständnis wäre, auf ein simples Beispiel heruntergebrochen, der Reim „Herz::quert’s“ dem naheliegenden „Herz::Schmerz“ vorzuziehen, so wie „Fotze“ mit „Rotsee“ oder „droht’s eh“ überzeugender gereimt wäre als mit „kotze“. Immerhin wird aber die Wortart variiert (Substantiv/Verb) und damit die grammatische Gleichschaltung von „Fotze::Kotze“ (Substantiv/Substantiv) vermieden. ‒ Nebst dem Reim soll offenbar auch die leicht antiquierte Wortfügung den Eindruck der Künstlichkeit und damit die Kontrastbildung zur Trivialthematik des Gedichts verstärken: „In des Landgerichtes Fotze …“ und „der Trödelväter Schaum“ (vorgezogener Genetiv); „dass man mir mein Schwärmen nähme“ (stilistisch abgehobener Konjunktiv); „dieser Prunk im schmalen Schosse“ (ferne Assonanz zu „Fotze“ und „kotze“ dank altertümlicher Dativform).

Ann Cotten selbst hat sich zu ihren Versen ausgiebig vernehmen lassen, hat gar deren nietzscheanischen Subtext offengelegt und – der historischen Moderne eben doch verpflichtet! – beteuert, sich mit dem Gedicht beziehungsweise mit dessen lyrischem Ich keineswegs identifizieren zu wollen. Gleichzeitig befürchtet sie, dass man ihre in den Text investierten „auf­rich­tigen Regungen“ verkennen und etwa für unernsten Hohn halten könnte, was von ihr durchaus ernst gemeint sei. Aber wie denn nun? Stehen da Wollen und Können im Konflikt?

„Rosa Meinung“! ‒ Im Titel (der zugleich das Themawort des Textes ist) sind Samen und Moese und mein Ei und sogar der Reim buchstäblich mitgegeben – die anagrammatische Entfaltung erschliesst ein Bündel von Bedeutungen, die verlässlich über das bessere Wissen der Autorin hinausweisen. Auch das kann die Sprache ‒ besser wissen, statt bloss besser zu scheitern wie so mancher Dichter an seinem Gedicht.

6 Comments on “80. Besser scheitern?

  1. ja – nein, ja – nein, und immer alles schön dual ausgespielt, und das nicht nur bezogen auf das cotten-gedicht, sondern von beginn an – wärs nicht besser, es ging ohne das ab? – dass “Fotze” und “kotze” “bedeutungsmäßig…analog” wären, wäre recht schad. – seltsamer beitrag, mit seiner ganzen akademischen pseudorhetorik. unsympathisch irgendwie (flüchtig und provisorisch ausgedrückt). omg. – von andre rudolph, tübingen.

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  2. Wenn ich das Wort „Sprachverluderung“ nur lese, steige ich sofort aus dem Text aus. Da kann noch so viel Ann Cotten kommen, wie will.

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    • der text hatte keine überschrift. da ich für das format eine brauche, habe ich diese gewählt. incl. fragezeichen. ich denke, damit kann der mündige leser umgehen.

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  3. auch wenn ich nicht glaube, dass diese kritik verallgemeinerbar ist, auch nicht bezüglich der produktion ann cottens, sehe ich doch ein unbehagen formuliert, dass mich zuweilen auch befällt. und meine probleme mit einigen oben genannten worten erklärt.

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