82. Iranische Lyrik

Heute ist Lyrik generell marginalisiert. 1354 aktive Lyrikleser gebe es in Deutschland, hat Hans Magnus Enzensberger einmal überschlagen. Und angesichts durchschnittlicher Auflagen von 100 – 150 Exemplaren pro Gedichtband scheint das gar nicht so weit hergeholt. Dass die Arbeit iranischer Dichter, die in Deutschland leben, nicht weiter auffällt, ist also kein Wunder. Umso mehr lohnt es sich aber, ihre Werke zu lesen. Seit Jahrzehnten leben und arbeiten Dichter aus dem Iran hierzulande, seit den verstärkten Repressionen gegen Künstler unter Präsident Mahmud Ahmadinejad sind zahlreiche weitere hinzugekommen. Die wenigen unter ihnen, die hin und wieder mediales Gehör finden, werden leider auf den Aspekt des in einer Diktatur verfolgten Exilschriftstellers reduziert. Zwar spielen Zensur und Unterdrückung eine durchaus große Rolle in den auf Deutsch vorliegenden Büchern, doch ist das längst nicht alles – die inhaltliche und stilistische Bandbreite ist immens.

Allerdings muss sich der interessierte Leser auf eine nicht immer einfache Suche begeben. Kaum ein Dutzend Anthologien mit persischer Lyrik gibt es auf Deutsch; den Anfang machte Cyrus Atabay 1968 mit seiner Sammlung Gesänge von morgen. Neue iranische Lyrik. Der Übersetzer Kurt Scharf ist nach wie vor aktiv, aber dann wird es auch schon dünn. Der in München lebende SAID ist in literarisch interessierten Kreisen ein Begriff, ebenso Abbas Maroufi, der in Berlin seine Buchhandlung Hedayat betreibt und mit seinem Roman Symphonie der Toten (Suhrkamp 1998, Übers. Anneliese Ghahraman-Beck) einen Bestseller landete. Dass Maroufi auch Gedichte verfasst, weiß hingegen kaum jemand.

Dass mit Houshang Ebtehaj, der unter dem Pseudonym H. A. Sayeh schreibt, auch einer der ersten unter den Erneuerern der persischen Poesie (die „shere nou“, die neue Dichtung, begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Nima Yushij) in Köln lebt, ist vielleicht auch deswegen kaum bekannt, weil er wie viele seiner Kollegen nahezu nichts auf Deutsch veröffentlicht hat. Einige publizieren auf Farsi in Exilverlagen, einige schreiben aber auch auf Deutsch und sind dabei auf Kleinverlage angewiesen, die vom großen Feuilleton in der Regel ignoriert werden. Einer ist der von dem iranischen Verlegersohn Madjid Mohit betriebene Sujet Verlag in Bremen, der sich auf Exilliteratur spezialisiert hat. „Luftwurzelliteratur“ nennt Mohit sein Metier – Literatur von Autoren, die ihre eigentlichen geographischen Wurzeln verloren haben und nun fern der Heimat ihr Werk fortsetzen. Ebenso erwähnenswert ist die von Jalal Rostami in Bonn betriebene Verlagsbuchhandlung Goethe & Hafis; der Frankfurter Glaré Verlag von M. H. Allafi hat kaum Lyrik im Programm und setzt eher auf Prosa, denn die verkauft sich besser. In den etablierten Lyrikverlagen wie dem Poetenladen Verlag, dem Fixpoetry Verlag, Luxbooks, Kookbooks und Konsorten, sind keine Iraner zu finden, vielleicht weil sie zu wenig auf sich aufmerksam machen. Dabei wäre diese Aufmerksamkeit bitter nötig, um aus der Nische in der Nische herauszukommen.

In Iran selbst treibt die – dort ebenfalls auflagenschwache – Lyrikszene dieselben Fragen und Diskussionen um wie in Deutschland. Vor allem die Jüngeren stehen in der Kritik, die Ideen der „shere nou“ zu weit zu treiben. Die neue Dichtung hatte sich damals von den starren Formen verabschiedet, die seit Jahrhunderten die Dichtkunst be- herrschten, und trat für einen freieren Umgang mit der Sprache ein, in dem auch Alltagsduktus Platz hatte. Nun heißt es, die Gedichte der aktuellen Generation seien zu komplex, zu schwierig, zu beliebig. Der Vorwurf rührt vor allem von der Tatsache, dass die iranische Dichtung traditionell ein Allgemeingut ist, das im täglichen Leben Anwendung findet. Wer eine Aussage unterstreichen oder bloß seinen Standpunkt festigen will, der zitiert einen Dichter. Nur funktioniert das nicht, wenn das Gegenüber Verständnisprobleme mit dem vorgebrachten Vers hat.

Trotzdem bedienen sich auch die Jüngeren noch immer in Teilen der klassischen Symbolsprache, die auf westliche Leser mitunter blumig oder gar kitschig wirkt, weil sie hier nicht ohne Hintergrundwissen verstanden werden kann. Ganz neue Aspekte bringen jene Dichter ein, die sich die Sprache ihrer neuen Heimat zu Eigen gemacht haben. Iranische Lyriker sind passionierte Sprachspieler, die mit Klängen und Bedeutungen arbeiten und Doppelbödigkeiten herstellen, die trotz aller Komplexität in einem faszinierenden Sprachfluss aufgehen. Dass sich Vieles davon nahezu nicht übersetzen lässt und jede Übersetzung allenfalls eine Annäherung sein kann, versteht sich von selbst. Es ist aber faszinierend, wie schnell und sicher es einigen Exildichtern gelingt, sich das Deutsche anzueignen und es mit demselben Ansatz zu beharken. Als Beispiel sei Sanaz Zaresani (*1980) genannt, die seit 2009 in Deutschland lebt und hier ihren von Hossein Mansouri übersetzten Band Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben (Sujet Verlag 2010) veröffentlicht hat. Das allererste Gedicht, das sie 2011 auf Deutsch schrieb, trägt den Titel „Hässlich willkommen“: „Machen sie die Tür auf / und kommen sie rein. / Aber mit kleinem „s“ // da die Decke dieses Gedichts sehr niedrig ist“ heißt es darin. Ganz unmittelbar verarbeitet sie die Erfahrung von Flucht und Exil und den Versuch von Neuanfang, aber auch die in Iran erlebte Situation, in faszinierenden, eindringlichen und berührenden Versen.

Ganz anders Mirza Agha Asgari (*1951, seit 1985 in Bochum), der unter dem Pseudonym Mani auf Farsi schreibt und vom großen Ahmad Shamlou einst als „Hoffnung der persischen Literatur“ bezeichnet wurde. Er spielt mit klassischen Formen und Symbolen, greift dabei aber ganz direkt Erfahrungen auf: „Es gibt ein Land, / in dem ich schmelze / wie eine Frucht, die zurückkehrt / zum Stengel, / zur Wurzel, / zur Erde, / und zum Nichts!“ Mani verbindet das Schöne mit dem Düsteren, schreibt von Liebe unter unwürdigen Bedingungen und von Sehnsucht. Und immer wieder kritisierte er den iranischen Staat, sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution, was ihn schließlich zur Flucht zwang.

Auf Deutsch schreibt auch Sara Ehsan (*1977, seit 1986 in Deutschland), deren vielschichtiges Debüt Deutschland, Mon Amour (Sujet Verlag) 2011 erschien. Ihre Gedichte atmen Vers für Vers die dunkle Melancholie, die so typisch ist für die iranische Literatur: „übrig blieb / das leere Gleis / die Wüste / meine Nacktheit / die Grabsteine“ heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen: „der Strukturalismus / strukturlos / (…) / die existentielle / Trauer / der müden / Akteure // mein Elefant ohne / Stoßzahn / schau mich bitte / nicht so an“. Hier- aus spricht eine Dichtergeneration, die auf der Suche ist – nach sich selbst und nach neuen Formen, nach einer neuen Art, das Weltgeschehen und das Empfinden zu erfassen und zu verarbeiten. Eine Suche, die mitunter erstaunlich selbstbewusst daherkommt. Eine Haltung, die man auch schon bei Forough Farrokhsad beobachten konnte.

Gerrit Wustmann

Und mag die ganze Welt versinken. Über den deutsch-persischen Lyrikaustausch oder die Nische in der Nische. (Auszug) Vollständig in: LiteraturNachrichten Afrika Asien Lateinamerika, Nr 116, Frühjahr 2013. Pdf beim Sujet Verlag

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: