110. Neuer Wort Schatz 2

Die immer wieder aufflackernden Minidebatten über neue Lyrik in diversen Print- und Internetorganen (wie im August über Gerhard Falkners Jackson- und gerade eben über Meschs Poetenladenschelte) erzeugen so regelmäßig wie rasch Überdruß. Manche monieren da ganz zu recht, statt über „die Lyrik“ solle man doch lieber über einzelne Gedichte sprechen. Warum geschieht es so selten? Und: Welche verschiedenen Arten gibt es, über einzelne Gedichte zu reden? Untersuchungsmaterial bieten mehrere neuere Anthologien, die Gedichte mit Selbstkommentaren der Dichter versehen (jüngst „Laute Verse“ von Thomas Geiger und „An Deutschland gedacht“ von Axel Kutsch), und andererseits Gedichte mit Fremdkommentaren wie soeben „Der gelbe Akrobat“ von Braun/Buselmeier. Das ist nicht neu („Klassiker“ der Gattung in der neueren deutschen Lyrik waren Hans Benders „Mein Gedicht ist mein Messer“ und Hilde Domins „Doppelinterpretationen“), aber es könnte doch weiterführen als das Gezwitscher so mancher aufgeregten Debatte, die meist kaum über literatursoziologischen Wert hinauskommen.

Einen hervorragenden Beobachtungsplatz für Sprechweisen neuer Lyrik bot letztes Jahr das Hamburger* „Titel“-Magazin mit der Reihe „Neuer Wort Schatz„.  Jetzt begann eine neue Staffel der wunderbaren Serie:

Gedichte mit Neugier und Genuss zu lesen – das ist das Ziel der Reihe Neuer Wort Schatz II, die jede Woche einen zeitgenössischen Text vorstellt. Zusammengestellt wird sie von Gisela Trahms und Daniel Graf.

Heute:

Christian Filips
Zur Strafe: jetzt ein paar Stunden irrwitzige Übernahmen an die Wand malen

Vorgestellt von Angela Sanmann. Auszug:

In dem über die ersten zweieinhalb Strophen sich entfaltenden Bildkomplex zeigt ein unbeteiligt, ja spöttisch wirkender Sprecher an den kurzzeitig „vom Staatsgeld am Leben erhaltene[n] /Sterne[n]“ die Vergeblichkeit politischer Interventionen auf. Die Gestirne stürzen und müssen stürzen (scheint hier nicht auch Hyperions Schicksalslied durch?), da die sie umgebenden Konstellationen schon lange aus den Fugen geraten sind. In das Protokoll des fortschreitenden Zusammenbruchs mogeln sich die falschen Versprechen der Manager hinein: Die künstlich betriebenen Sterne am Himmel der freien Marktwirtschaft werden, so heißt es, das All erleuchten, „wie kein Auge je gesehen“. Eignen sich die Manager hier den prophetischen Ton der Verkündigung Jesajas von Gottes Einzigartigkeit an („Was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“), so entlarven sie damit ihre eigene prätentiöse Unbelehrbarkeit, die die Krise überhaupt erst ausgelöst hat.

*) Ja, Hamburger: nicht wie ich in einem Schnellschuß schrieb, österreichische. Bei meiner Wertung bleibe ich dennoch: „Überhaupt ist Österreichs Lyrikszene – Südtirol miteingeschlossen –  gründlicher und unideologischer als die des großen Kleindeutschland, ich vermute: weil der Betrieb nordseits der Alpen näher an Macht- und Verteilungskämpfen hängt als in dem kleineren und auch staatsseits besser alimentierten des kleineren Nachbarn.“ (Denn das sollte ja nicht heißen, daß es in Deutschland nicht wirkliche Enthusiasten und wunderbare Poesieoasen gibt.)

Jan Karsten schreibt:

Lieber Michael Gratz, ich möchte mich sehr für die Vorstellung der zweiten Staffel des NWS bedanken, die uns natürlich gerade vor dem Hintergrund des seltsamen Zeit-Artikels viel Wert ist.
Ganz schüchtern – und bei aller Zustimmung zu Ihrer Einschätzung der österreichischen Lyrik-Szene – möchte ich aber darauf hinweisen, dass „Titel“ ein deutschstämmiges Magazin ist (mit Publikationsort Hamburg).
Herzliche Grüße von der Elbe
Jan Karsten

2 Comments on “110. Neuer Wort Schatz 2

  1. Pingback: 10. Neuer Wort Schatz « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Woher eigentlich ( vgl. Meldungen #94 , #100 ) diese ausserordentliche Gereiztheit bei der Rezepion ausgerechnet der weit von jeglicher Marktmacht entfernten Lyrik ? – Keine Anthologie , welche nicht Empfindlichkeiten auf den Plan riefe , kein Preis , welcher nicht von Pasquills und Rückpolemiken begleitet wäre ? –
    In der Prosa lässt man sich dahingegen „verblüffend“ ( so Gerrit Bartels im Tagesspiegel über die Shortlist zum dbp ) viel gefallen ; Hypes wie D. F Wallace’s „Infintive Jetst“ werden widerspruchslos geschluckt . Jede an die Öffentlichkeit gebrachte Verszeile winwa Lyrikers m | f ) sorgt für böses Blut irgendwo in deutschen Musenhainen . Dabei ist viel vom Alter der betreffenden Autoren ( m | f ) die Rede , selten allerdings von deren Poetologie .
    Was geht hier – neben Selbstprofilierungen und der Kanon- Frage . eigentlich vor ? – erkundigt sich ein oft mit ungläubigen Augen lesender Arbeiter .

    Liken

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