32. Geld

Wo es keine Buchpreisbindung gibt, wird das Kostbare teuer, das der Masse der Leser Teure wiederum (von dem manch ein Kritiker behauptet, es sei in Wahrheit billig), kostet nicht ganz so viel Geld. So werden in Amerika für Lyrik üblicherweise viele Dollars berappt, der neue Thriller von Dan Brown hingegen ist dort schon für 16 Dollar zu haben. Die Masse macht’s, der Markt bestimmt den Preis, die Supermärkte tun ihr übriges. / Die Welt 6.10.

31. Von Zürich nach Flamersheim

20 Leute hatten sich eingefunden, um der Lesung des bekannten Literaturprofessors Bernd Jentzsch beizuwohnen. Mit der 122-bändigen Reihe „Poesiealbum“, die mehr als 5,5 Millionen Mal in 22 Ländern verkauft wurde, und seinen Gedichten, die in 16 Sprachen übersetzt worden sind, ist er laut Infoblatt des Theaters aus der Literaturgeschichte kaum noch wegzudenken. Jentzsch habe mehr als 40 Dichter der europäischen Moderne übersetzt und bisher 66 Bücher veröffentlicht. So habe der Berliner mehrere Auszeichnungen – unter anderem den Eichendorffer Literaturpreis – erhalten. Nachdem er erst in Berlin und dann in Zürich wohnhaft war, zog er 1989 nach Flamersheim. „Von Zürich nach Flamersheim – das ist jetzt nicht böse gemeint – ist wie: vom Himmel in die Hölle“, lachte Jentzsch. / Kölnische Rundschau/ Euskirchen

– Eichendorffer? Naja… Nicht der einzige Fehler. Genaugenommen ist „Poesiealbum“ eine Lyrikreihe, von der soeben Heft 284 erschienen ist. 122 dürfte etwa die Zahl der von Bernd Jentzsch bis zur Ausbürgerung Wolf Biermanns herausgegebenen Hefte sein. Die Heftreihe wurde von Bernd Jentzsch im Jahre 1967 gegründet und erschien bis 1990 monatlich zum Preis von 90 Pfennig. Als Wolf Biermann ausgebürgert wurde, befand sich Jentzsch gerade in der Schweiz, wo er für eine Anthologie recherchierte. Er protestierte mit einem offenen Brief und wurde dafür mit einem Strafverfahren bedroht. (Der Staat hatte keinen Zugriff auf ihn und schikanierte dafür seine Mutter). Richard Pietraß führte die Reihe weiter, bis auch er gefeuert wurde. 1990 wurde der Preis erhöht, aber es half nicht. Kurz nach der Währungsunion wurde die Reihe mit Heft 275 eingestellt. 1991 erschien in einem anderen Verlag, aber in gleicher Aufmachung und mit Nummer 276,  noch ein Heft mit Gedichten von Jentzsch. „Das abschließende Heft“, stand auf einer Bauchbinde. Dabei blieb es aber nicht. Seit 2007 erscheint es wieder, zuerst drei Hefte, die in der DDR nicht erscheinen konnten: Peter Huchel, Ezra Pound und Ernst Jandl, ausgewählt von Jentzsch. Soeben erschien Heft 284: Wolfgang Hilbig, ausgewählt von Pietraß.

Die ersten Hefte erwarb ich als Schüler 1967: bei dem Preis kein Problem. Zusammen mit der ebenfalls 1967 begründeten „Weißen Reihe“ vom Verlag Volk und Welt meine Einführung in die Weltlyrik. In der Weißen Reihe erschien damals Anna Achmatowa zweisprachig, eine Entdeckung! Im Poesiealbum wieviele Erstbegegnungen, oft DDR-Erstveröffentlichungen oder überhaupt Erstveröffentlichungen. Nach den Klassikern Brecht, Majakowski und Heine erschienen 1968 Wulf Kirsten, Günter Kunert, Reiner Kunze, Kurt Bartsch. Spätestens da muß er im linientreuen Verlag Neues Leben heftig angeeckt sein. Eine chronologische Auswahl, private Lese-Archäologie: 1969 Federico García Lorca, 1970 Robert Desnos, Ho chi Minh, 1971 Langston Hughes, Georg Maurer, Klopstock, 1972 Bobrowski, Neruda, Jessenin, 1973 Michelangelo, Jewtuschenko, Eich, Octavio Paz, René Char, 1974 Dylan Thomas, Barthold Hinrich Brockes, Marina Zwetajewa, Pietraß, Enzensberger, Zbigniew Herbert, Whitman, Ungaretti und Thomas Brasch (die Erst- war auch Letzt-Veröffentlichung fürs Ländchen), und so Jahr für weiter, Kramer und Leising, Inge Müller und Welimir Chlebnikow! Letzterer illustriert von Hermann Glöckner! Auch die grafische Ausstattung hat es in sich, kleine Reihe: Volker Braun / Carlfriedrich Claus, Eugenio Montale / Hermann Glöckner, Allen Ginsberg / Andy Warhol, Vicente Aleixandre / Gerhard Altenbourg, César Vallejo / Nuria Quevedo, Novalis / Tübke, Kathrin Schmidt / Uwe Pfeifer, John Keats / Johannes Jansen: Junge und Welt* – Lyrik + Kunst war zu entdecken!

Die komplette Reihe ist für junge, entdeckungsfreudige Leser heute unerschwinglich (2000 Euro, las ich, wollte ein Antiquar für eine annähernd vollständige Sammlung). Aber alles aus der Neuausgabe wär noch erreichbar und verspricht viel, nämlich bisher nach den drei Genannten: Uwe Grüning, Ludvík Kundera, Georg Heym, Seamus Heaney, Wolfgang Hilbig…

(Nicht zu verwechseln mit „Poesiealbum neu“, das ist etwas anderes, wenn auch in gleicher Aufmachung!)

Genaue Informationen über alle erschienenen Hefte (in einem eine Jugendsünde des L&Poe-Herausgebers) hier.

*) Und ist ein langes Wort (Georg Büchner)

30. Arabische Musik in Hamm

Hamm. Einmal mehr verlässt der Klangkosmos die ausgetretenen Musikpfade und begibt sich am Dienstag, 13. Oktober, in den aufregenden „Dschungel“ selten gehörter Klänge. Nicht nur musikalisches, auch territoriales Neuland wird betreten: die Reise geht in den Nahen Osten, nach Palästina.

Die Sängerin Kamilya Jubran sucht das musikalische Abenteuer. Geboren wurde sie 1963 in Akko (auch Akka), der ehemaligen maritimen Hauptstadt der Kreuzfahrer. Wie die meisten hier hat auch Jubran einen israelischen Pass, fühlt sich aber als Palästinenserin. Sie stammt aus einer Musikerfamilie: Vater Elias ist Instrumentenbauer, Oud (Kurzhalslaute) -Spieler und Musiklehrer. Schon im Alter von vier Jahren begann Jubran, selbst auf der Oud und dem Qanun (orientalische Knieharfe) zu spielen und hatte ihre ersten öffentlichen Auftritte. Mit 19 Jahren stieß sie als Sängerin zur Musikgruppe „Sabreen“, bis heute eine der bekanntesten und einflussreichsten palästinensischen Bands überhaupt, deren Musik sie bis 2002 durch ihre Stimme prägte und entscheidend beeinflusste.

Mittlerweile verwirklicht sie ihre eigenen künstlerischen Visionen. Sie selbst sagt: „Ich suche nach einer ehrlichen Musik. Ich will mich und mein Leben darstellen.“

Sie versucht, in ein für arabische Interpreten schwer zugängliches Terrain vorzudringen: Gesang auf Hocharabisch und dazu noch die Vertonung zeitgenössischer arabischer Gedichte – das haben bisher nur sehr wenige versucht. Jubran nimmt die Herausforderung an und geht sogar noch einen Schritt weiter: sie übersetzt und vertont auch Poesie anderer Kulturen ins Arabische. Ihr Kapital ist ihre großartige Stimme, die eine erstaunliche Präsenz und Variationsbreite hat. So gelingt es ihr, die Texte mit den modernen Melodien in Einklang zu bringen, die sie für ihre Lieder wählt. Dabei begleitet sie sich selbst auf der Oud.

Kamilya Jubran gibt dem Leid der Palästinenser ein neues, tiefgründiges Gesicht – das Gesicht von Liebe und Frieden. Sie ist eine universelle Künstlerin, ihr gesamtes Schaffen steht für das Streben, sich von den Konventionen und Traditionen des arabischen Gesangs zu lösen, mit denen sie aufgewachsen ist. Damit steht sie in der Tradition einer experimentellen Bewegung innerhalb der arabischen Musikwelt, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm und zu der unter anderem Künstler wie Marcel Khalife aus dem Libanon, Scheikh Imam aus Ägypten, Samih Choqeir aus Syrien und Ahmad Bin Dhiab aus Tunesien gehörten.

Das Konzert von Kamilya Jubran beginnt um 17.30 Uhr in der Lutherkirche (Martin-Luther-Straße 27b, 59065 Hamm), der Eintritt ist wie immer frei!

/ presse-service.de

29. Schweriner Literaturtage

Mit «100 Gedichten aus der DDR» beginnen an diesem Dienstag die 14. Schweriner Literaturtage. Das Mauerfall- Jubiläum prägt das Programm bis zum 14. November insgesamt: Nach der Gedichte-Sammlung des Verlegers Klaus Wagenbach gehe es weiter mit einer Deutschlandreise von Christoph Dieckmann mit dem Titel «Mich wundert, dass ich fröhlich bin» und Rayk Wielands grotesker Einladung zu einem Forum der «Untergrunddichter der DDR», teilte am Montag die Stadtverwaltung mit. / Ostseezeitung 5.10.

(Das eigentlich Interessante: wer, was oder warum grotesk?, erfahren wir aus der Meldung leider nicht)

28. Konkrete Wörter, konkrete Umstände

Es ist immer das Leben auf der Kippe, das Petr Halmay in seinem ersten, schon 2005 im Original erschienenen und jetzt auf Deutsch vorliegenden Band „Schlusslichter“ (Übersetzung von Christa Rothmeier) heraufbeschwört. Das Leben eines Mittvierzigers, der Bilanz zieht und den wir uns als alter ego des Autors vorstellen dürfen. Der mit großer Beobachtungsgenauigkeit die Welt  hölzerner Bootshäuser, trister Wohnanlagen und wenig frequentierter Möbeldepots auf sich wirken läßt, um ihnen die Epiphanien seines Alltags abzugewinnen. Halmay verzichtet auf den hohen Ton, die große Geste. Er läßt die Dinge schwingen, sie zittern im Licht des Juli oder im Licht einer kalten Dezembersonne: „Konkrete Wörter, konkrete Umstände. / Konkrete Bilder tief unter uns – / konkreter anzusehen als was immer ringsum // Leicht wie eine menschliche Stimme, / sinkt langsam das Licht in die Straße…“

Als ich Petr Halmays Gedicht „Waren das unsere Stimmen?“ zum ersten Mal las, war ich beeindruckt von der Art, wie er in wenigen Zeilen drei Generationen miteinander verknüpfte, ohne dem Gedicht damit zu viel aufzubürden. Halmay verbietet sich bedeutungsschwere Anspielungen, nur den Riss im Beton, die Schwelle erwähnt er. Der Leser ist gefordert, sich vorzustellen, wie gut oder schlecht die drei, Vater, Sohn, Enkel miteinander können. Oder eben auch nicht. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 6.10.

Am 8. Oktober 2009 kommt Petr Halmay als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden ins Tschechische Zentrum und stellt im Gespräch mit Patrick Beck seinen Lyrikband „Schlusslichter“ vor. Karten: 6 / 3 Euro.

27. Reise zur blauen Stadt

In seinem Roman, der 2008 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und der Anfang November den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung bekommt, beschrieb Tellkamp eine bildungsbürgerliche Schicht, die es in der DDR eigentlich gar nicht geben sollte. Das Gedicht in 40 Kapiteln schließt nun noch enger an Vorbilder einer bildungsbürgerlichen Literatur an. Die Textbilder lassen an Gottfried Benn denken, an Hugo v. Hofmannsthal, E.T.A. Hoffmann oder an Rainer Maria Rilke, das Übermaß an Blau führt zwangsweise auch zu Romantikern wie Novalis.

Doch blau ist nicht nur die Blume der Romantik, sondern auch die Melancholie. Gegen die trübe Stimmung treibt Tellkamp sprachlichen Unfug. Nervend ist das Übermaß an Spontisprüchen wie «Die Librettisten? Manche scheitern fort von Tag zu Tag» im Kapitel der Sobeide Kuckuck, der möglicherweise blonden Primadonna des Serapionstheaters. / Katrin Börner, m&c

Uwe Tellkamp
Reise zur blauen Stadt
Insel Verlag, Frankfurt/Main
109 Seiten, Euro 12,80


26. Poesiefrühstück auf der Burg Klempenow: Anna Hoffmann

11.10. 11 Uhr
Poesiefrühstück
Anna Hoffmann, „DAS FEHLENDE ENDE“

Anna Hoffmann wurde 1971 auf Rügen geboren und wuchs in Saßnitz auf. Sie studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Greifswald, Halle und Berlin. Seit 1998 schreibt und veröffentlicht sie fast ausschließlich Lyrik.

Bisher erschienen:

„kreiselband“ Verlag Fortdruck 2000,
„pandoras box“ parasitenpresse, Köln 2004,
„Rote Magie“, Corvinus Presse Berlin 2006,
„und ungeküßt zurück“ Corvinus Presse 2007.

Ein neues Buch ist bereits in Vorbereitung „Totenmaske“ (dt./engl.) und wird ebenfalls von Hendrik Liersch in der Corvinus Presse herausgegeben.

Die Dichterin bevorzugt einen epischen Tonfall, der einhergeht mit seltsamen Metaphern. Scharf hingesehen und präzis aber ungewöhnlich beschrieben. So entstehen authentische Arbeiten, die sich einbrennen wie in dem Gedicht „leiber//sie ist im in die hände gefallen/ nun reißt er ihr den kopf ab/ mit der innenseite seiner rechten hand// mit der linken greift er durch/bis sie nicht mehr aufhört zu schreien/ sie stößt ihm die zunge ins herz/ungläubig faßt er nach/ bricht es wie ihre knochen//sie lacht dann steht sie wieder auf/und er frißt aus ihren augen/ liebesschwüre wie austern/dieses lebendige salz“

Oft geht es auch frivol und voller Tatendrang beinah gereimt gen Untergang wie in „dein nackenkuß erst weckt den schläfer/ wach bin ich amors attentäter/ und brandschatz familiäre bande/ bin dein geliebte hure schande“.

Kultur-Transit-96 e.V.
Burg Klempenow
17089 Breest
Tel. 03965-211331
Fax: 03965-2579825
E-Mail: verein@burg-klempenow.de
Internet: www.burg-klempenow.de

25. Teilnehmer am 17. open mike 2009

Lyrik

  • Konstantin Ames (Leipzig)
  • Ondrej Cikan (Wien)
  • Carolin Dabrowski (Ladenburg)
  • Alexander Gumz (Berlin)
  • Anne Krüger (Berlin)
  • Sebastian Th. Lollschied (Berlin)

Prosa

  • Jan Frey (Berlin)
  • Greta Granderath (Berlin)
  • Vea Kaiser (Wien)
  • Jenny Kau (Köln)
  • Andreas Lehmann (Mainz)
  • Tina Maria Lohneder (Kassel)
  • Thomas Mahler (Berlin)
  • Inger-Maria Mahlke (Berlin)
  • Marie T. Martin (Köln)
  • Claudine Muller (Berlin)
  • Pyotr Magnus Nedov (Wien)
  • Pola Pulver (Berlin)
  • Matthias Senkel (Leipzig)
  • Jan Sprenger (Wesel)
  • Lutz Woellert (Hildesheim)

/ literaturwerkstatt.org

24. American Life in Poetry: Column 237

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

An aubade is a poem about separation at dawn, but as you’ll see, this one by Dore Kiesselbach, who lives in Minnesota, is about the complex relationship between a son and his mother.

Aubade

“Take me with you”
my mother says
standing in her nightgown
as, home from college,
I prepare to leave
before dawn.
The desolation
she must face
was once my concern
but like a bobber
pulled beneath
the surface
by an inedible fish
she vanished
into the life
he offered her.
It stopped occurring
to me she might return.
“I’ll be back” I say
and then I go.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Dore Kiesselbach. Poem reprinted from Field, No. 79, Fall 2008, by permission of Dore Kiesselbach and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

23. 122 Dichter, 420 Gedichte, 680 Minuten

Vor Jahren brachte der Hörverlag die „Spoken Arts Treasury“ auf den Markt. Eine Sammlung mit Originalaufnahmen englischer und amerikanischer Dichter. Jetzt wird nachgelegt: In „Lyrikstimmen“ lesen 122 deutschsprachige Poeten der vergangenen hundert Jahre 420 ihrer eigenen Gedichte.

Claudia Baumhöver, die Chefin des Hörverlags sagt, sie rechne, sie glaube, sie hoffe, 5000 Exemplare dieses Großprojektes wider die alltägliche verlegerische Vernunft an die Hörer bringen zu können. Dann stockt sie kurz, gibt sich einen Ruck und fügt hinzu, sie „würde sich die Krätze freuen“, wenn sich 10000 Käufer dafür finden ließen.

Nun, niemand wird der Verlegerin die Krätze wünschen. Wohl aber möglichst vielen Liebhabern deutscher Lyrik das Vergnügen, sich eine Gesamtlaufzeit von rund 680 Minuten lang über alle zeitlichen und räumlichen Distanzen hinweg an ihren so sensiblen Gehörsinneszellen von den Stimmen einiger der besten Lyrikern der vergangenen hundert Jahre buchstäblich berühren zu lassen. Dichter kann man Dichtern wohl nicht kommen. / Uwe Wittstock, Die Welt 4.10.

Christiane Collorio, Peter Hamm, Harald Hartung und Michael Krüger (Hg.): Lyrikstimmen. Der Hörverlag, München. 9 CDs, 49,95 €.

22. Wolfgang-Hilbig-Archiv

In 46 Kästen sind 30 000 Blatt einzusehen, davon sind etwa 15 000 Blatt Manuskripte von Gedichten, Romanen, Erzählungen, Essays. Dazu kommen die 8 500 Bände der Bibliothek, Schulzeugnisse, Ausweise, Verträge, Beurteilungen, Ablehnungsschreiben von Verlagen, Schreiben von Gerichten und Zollverwaltungen der DDR, als die Behörden gegen Hilbig vorgingen, weil er 1979 seinen ersten Gedichtband „Abwesenheit“ im Westen, bei S. Fischer, publiziert hatte.

In einer Vitrinenpräsentation gibt die Akademie in ihrem Haus am Pariser Platz bis Ende Januar 2010 Einblick in das Hilbig-Archiv, entlang der Biographie des 1941 in Meuselwitz geborenen Kriegskindes, das ohne Vater aufwuchs, den Beruf des Bohrwerkdrehers erlernte, als Heizer arbeitete, hartnäckig daran festhielt, ein Schriftsteller zu werden, ein Arbeiter und Autor, wie er im DDR-Konzept der Arbeiterliteratur nicht vorgesehen war, schließlich in den 1980er Jahren in die Bundesrepublik ging, nach dem Fall der Mauer in Berlin lebte und starb. / Süddeutsche Zeitung 26.9.


21. Lyriker und Anthologist

Bei jetzt.de (Süddeutsche Zeitung) lese ich: Matthias Hagedorn ist jetzt-Userin… [mit kleinem „i“]. Ich persönlich halte den Vornamen ja für männlich. Aber wie dem sei: Matthias Hagedorn schrieb eine ausführliche Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch (und in der Einleitung eine Kritik heutiger Nicht-Buchkritik):

Als Herausgeber von Lyrik-Anthologien hat Axel Kutsch einen ganz anderen Begriff davon, was diese Gattung leisten muß. Die von ihm herausgegebenen Bücher fügen sich ineinander mit eiszeitlicher, in geologischen Epochen denkender Zwangsläufigkeit, als eine fortschreitende Bewegung. Er denkt in Werkzusammenhängen, was ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zuletzt erschien »Versnetze zwei«, eine Anthologie, die nicht nach dem Alter, sondern nach der Postleitzahl sortiert ist. Zu entdecken ist eine Lyriklandschaft, die sich sowohl den Metropolen, als auch dem Hinterland widmet. Über seine Arbeit als Herausgeber von Lyrik-Anthologien sagt er ergänzend zum Projekt »Kollegengespräche«*:

„Der Verlag schreibt gezielt Autorinnen und Autoren an. Von den Einsendungen ist zwar nicht alles zu verwenden, aber es bleiben immer genug annehmbare bis hervorragende neue Gedichte auch weniger bekannter Verfasser übrig, mit denen man niveauvolle Anthologien füllen kann. Ich lege Wert darauf, nicht nur etablierten Lyrikern ein Forum für Veröffentlichungen zu bieten, sondern auch solchen, die sich bisher erst in ihren regionalen Szenen einen Namen gemacht haben.“ …

Axel Kutschs eigene Gedichte, die in Büchern wie in »Einsturzgefahr« oder »Ikarus fährt Omnibus« nachzulesen sind, verknüpfen Assoziationen zu einem Bewusstseinsvorgang, der zwischen den Zeiten vermittelt, das Vergangene hervorholt, Träume realisiert und so Gedanken ins Sprachbild bringt. Es ist diese offene Form des Schreibens, die ihn immer am meisten interessiert hat. Eine offene Form, die sich selbst bildet. Axel Kutsch entwirft das Bild einer chaotischen Welt, aus der einen keine Geschichtsphilosophie, Meta-Erzählung oder Religion retten kann und feiert in seinen Gedichten gerade deshalb die Freiheit des einzelnen.

Axel Kutsch (Hrg.): Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009.

20. Das nennt man Polemik

Die romantische Poesie, schrieb Friedrich Schlegel im berühmten 116. «Athenäums»-Fragment, sei «eine progressive Universalpoesie». Was genau man sich darunter vorstellen sollte, damit hielt sich der sprühendste Geist der frühromantischen Kunstrevolution nicht lange auf, denn sein Geschäft war es, immer neue schillernde Definitionen in die Welt zu setzen; und wenn die einander überkreuzten, war es ihm recht. Die Unverständlichkeit war ein Faktor in seinem blitzartigen Denken: «Wenn Verstand und Unverstand sich berühren, dann gibt es einen elektrischen Schlag. Das nennt man Polemik.» / Norbert Hummelt, NZZ 30.9.

19. Eine schöne Alliteration

findet czz in der NZZ vom 2.10.:

Dietmar Dath, der Daniel Düsentrieb deutscher Diskursliteratur

Dietmar Dath: Kammerflimmer-Kollektief: Im erwachten Garten, 1 CD (etwa 60 Min.), Verbrecher-Verlag, 2009.

18. Konvulsionen

Der 1953 geborene Schriftsteller Reinhard Jirgl ist am Mittwoch mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet worden. Zitat aus der Laudatio von Roman Bucheli, NZZ 3.10.:

Jirgls Figuren blicken denn fassungslos in eine Vergangenheit, die sich immer unübersichtlicher vor ihnen ausdehnt. Zugleich aber sind Reinhard Jirgls Bücher ein wenig wie das Bild von Paul Klee. Indem es den Sturmwind zeigt und den Engel, den dieser vor sich hertreibt, vollzieht sich im Bild, was dem Engel nicht gelingt: im Sturm innezuhalten. In Reinhard Jirgls Büchern stehen für diese Form des Eingedenkens die vielen Schriftsteller und Künstler sowie alle, die auch und gerade in extremsten Situationen ihre Gegenwart Schrift werden lassen. Das geschieht bei Jirgl nicht wie bei Claude Simon als Apotheose einer Selbstfindung in Gelassenheit, sondern in Konvulsionen (in «Abschied von den Feinden» schreibt einer vor seiner Ausreise in den Westen wie besessen sein Tagebuch voll), es geschieht in Krämpfen, bis zur Selbstaufgabe und nicht selten auch durchaus vergeblich.