Veröffentlicht am 9. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Und doch ist Herta Müllers Deutsch nicht nur anders, weil es aus einer Exklave stammt, die über Jahrhunderte ihre Eigenarten, ihren eigenen Tonfall entwickelt hat. Herta Müllers Deutsch ist eigensinniger, so, als sei sie davon besessen, diese Sprache noch auf andere als die übliche Weise zu gebrauchen. …
Mit „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ (2000) versammelt Herta Müller Gedicht-Collagen zu einem eigensinnigen Poesiealbum, das sich mit Kinderreimen und Abzählversen gegen die Niederungen des Lebens abhebt.
Wie kindliche Wortmagie muten auch die Sprachschöpfungen in ihrem jüngsten Werk an, das Müller ursprünglich mit ihrem verstorbenen Kollegen Oscar Pastior über dessen Erfahrungen in einem sowjetischen Arbeitslager schreiben wollte. Komposita wie die titelgebende „Atemschaukel“, „Herzschaufel“, „Tageslichtvergiftung“, „Hungerengel“ oder „Hautundknochenzeit“ kommen hier zusammen, so als wollten sich die Wörter gegen die Schrecken von Hunger, Tod und Dunkelheit verbünden, von denen sie berichten. So als könnten sie alleine gar nicht tragen, was sie sagen sollen. / Ulrich Baron, Spiegel online 8.10.
Veröffentlicht am 9. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Das ist nett von den Briten, daß sie meinen Hochzeitstag und den Geburtstag des Hamburger Dichters Wilhelm Fink, den 8.10., zu ihrem Nationalen Lyriktag gemacht haben.
Der Tag wird im ganzen Land mit einer Vielzahl Veranstaltungen begangen, vom Nachmittagstee mit Wendy Cope in Wyeside, „zufälligen Akten poetischer Freundlichkeit“ der Dichterin Sally Crabtree in Truro und einem Jazz Poetry Superjam in London.
Das weltgrößte gestrickte Gedicht, von über 1000 Helfern geschaffen, die jeweils einzelne Buchstaben strickten, wurde vor der British Library entrollt. Es mißt 13 x 8,7 m und besteht aus über 1200 Vierecken, die das Gedicht „In My Craft or Sullen Art“ von Dylan Thomas bilden. Ausgedacht hat sich das die Direktorin der Poetry Society, Judith Palmer.
Poet laureate Duffy hat zum Anlaß ein Gedicht geschrieben zum Thema Helden und Heldinnen. Es geht um Atlas,
„crouched on one knee in the dark / with the Earth on his back … and rivers, he holds the rivers, / holds the Amazon, Ganges, Nile, hero, hero, … Give him strength, strong girth, for elephants, / tigers, snow leopards, polar bears, bees, bats, / the last ounce of a humming-bird.“
Zugleich teilte sie mit, daß sie Gründungspatronin eines neuen Lyrikfestivals in Shropshire im kommenden April sein wird. „Lyrikfestivals sind das Herzblut der Lyrik im Vereinigten Königreich – die zauberhaften, denkwürdigen Gelegenheiten, bei denen Jung und Alt die lebendigen Stimmen der Dichter hören kann“, sagte Duffy. „Und Much Wenlock ist der perfekte Ort für ein Lyrikfestival; eine freundliche Stadt mitten in Housman-Land, mit herrlichen Kneipen, phantastischen Spazierwegen, guten Unterkünften und einer wunderbaren unabhängigen Buchhandlung.“ Die Veranstalterin, die Buchhändlerin Anna Dreda, sagte, in der Gegend gebe es einen gewaltigen Appetit auf Lyrik.
Am Vortag wurden auch die Gewinner des Forward Prize bekanntgegeben. Der schottische Dichter Don Paterson gewann den mit £10,000 dotierten Preis für den besten Gedichtband für „Rain“, Robin Robertson erhielt den Preis für das beste Einzelgedicht und „The Striped World“ der australischen Lyrikerin Emma Jones wurde als bester Debütband ausgezeichnet. / Guardian 8.10.
Veröffentlicht am 9. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Der fordernde Klang von Kiplings „If“ mag ihm 1995 einen überwältigenden Sieg bei der Abstimmung über das Lieblingsgedicht der Nation beschert haben, in den folgenden 14 Jahren scheint der Lesergeschmack im Vereinigten Königreich ins Modernistische gedriftet zu sein, denn BBC verkündete heute die neusten Ergebnisse, nach denen TS Eliot vorn liegt.
Bei dieser Onlineumfrage, die zum National Poetry Day verkündet wurde, lag Eliot knapp vor John Donne. In der recht eklektischen 10er-Liste liegt Rastafari-Dub-Dichter Benjamin Zephaniah auf Platz 3 (der einzige lebende Dichter auf der Liste), keine Poetin ist dabei, nicht einmal die Poet laureate Carol Ann Duffy oder Sylvia Plath. Auf den Plätzen: Wilfred Owen, Philip Larkin, William Blake, William Butler Yeats, John Betjeman, John Keats and Dylan Thomas. / Guardian 8.10.
Veröffentlicht am 8. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Die New York Times veröffentlicht einen AP-Artikel, der so beginnt:
Herta Müller, eine wenig bekannte, in Rumänien geborene Autorin, die wegen der kritischen Darstellung des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang verfolgt wurde, gewinnt den Literaturnobelpreis 2009 – eine Auszeichnung, die auf den 20. Jahrestag des Zusammenbruchs des Kommunismus verweisen soll.
Die Entscheidung wird die Kontroverse um die Tendenz der Akademie beleben, den Preis an europäische Autoren zu vergeben.*
Nunja – wer etwas „wenig bekannt“ nennt, verortet sich selbst. Ich will mich ja nicht mit Amerika vergleichen: mir ist der Name ein Begriff, seit ich in den 70er Jahren zum erstenmal einen Satz von ihr in einer rumäniendeutschen Zeitschrift las. Eine irre, elektrisierende Prosa! Von deutschen Zeitungen jedenfalls erwarte ich zuversichtlich, wenn ein in Deutschland wenig gedruckter Autor ausgezeichnet wird, was schon vorgekommen ist, daß sie nicht nörgeln, sondern erschrocken sagen: O, das müssen wir schnell nachholen! In den Staaten ist man nicht so zimperlich:
Der allgemeine Konsens in den letzten Jahren [allgemein-amerikanisch, soll das heißen!] sei, daß der Nobelpreis ein „Witz“ sei, wie Roger Straus, Ko-Gründer von Farrar, Straus and Giroux einmal sagte, oder, wie es Charles McGrath, früherer Herausgeber der New York Times Book Review, diplomatischer ausdrückte, ein „großes Mysterium“. / L&Poe 2006 Okt #37. Nobelwetten und Damenfußball
Weiter hieß es in dem damaligen Bericht über amerikanische Reaktionen:
Der ideale Kandidat für den Nobelpreis wäre eine Lesbe aus Asien, so zitiert der Meinungs-Leader (bzw. seine Autorin), und deutet gar an, Czeslaw Milosz 1980 und William Butler Yeats 1923 hätten den Preis primär aus politischen Gründen bekommen.
* Also Europäer wie Nagib Mahfus, 1988 (Ägypten), Octavio Paz, 1990 (Mexiko), Nadine Gordimer, 1991 (Südafrika), Derek Walcott, 1992 (Karibik), Toni Morrison, 1993 (Afro-USA), Kenzaburo Oe, 1994 (Japan), Gao Xingjian, 2000 (China – nach offiziell chinesischer Ansicht aber Franzose), V. S. Naipaul, 2001 (Karibik), J. M. Coetzee, 2003 (Südafrika), Orhan Pamuk, 2006 (Türkei), Doris Lessing, 2007 (Britin, geboren in Iran). Irgendwie stimmts schon – nicht nur bei Pamuk.
Veröffentlicht am 8. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Thomas Kunst schreibt:
daß herta müller den nobelpreis bekommen hat: macht mich sprachlos vor glück: habe gerade vor zwei tagen ihren roman „atemschaukel“ ausgelesen: der ist sprachlich eine sensation: für mich auf einer stufe mit coetzee´s „leben und zeit des michael k.“…der den preis ja gottseidank 2003 bekam
Erste Pressestimmen:
«Müller zeichnet mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit», hiess es in der Begründung. Die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller ist eine «Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur», die ihre Kindheit in Rumänien als Schule der Angst durchlebt hat und davon in ihren Werken beredet und bedrückend Zeugnis ablegt.
Seit Anfang der 90er-Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört Müller mit Büchern wie «Der Fuchs war damals schon ein Jäger», «Herztier» und «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet» zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb.
Das Lebenswerk der heute 56-Jährigen deutsch-rumänischen Autorin zeugt von schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit unter dem Ceausescu-Regime, dem die Autorin erst 1987 entkommen konnte, als sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner die Ausreise beantragte und nach Deutschland ausreiste. / Basler Zeitung
Warum deutsche Literatur besser ist als englische
Ihre E-Mail wurde abgeschickt.
Herta Müller, Elfriede Jelinek, Günter Grass: Drei Nobelpreise für deutschsprachige Autoren in den letzten zehn Jahren sind eine fast sagenhafte Quote. Hier die Gründe. (schreibt phz, Basler Zeitung)
In L&Poe:
2001 Feb # Kurzrezensionen
2001 Mai # Wenn du zum Weibe gehst
2001 Mai # Münsters 12tes Lyrikertreffen
2001 Aug #12. Kurz gemeldet
2001 Okt # „Einmal werden wir noch wach“
2003 Jul # Lyrik an Litfaßsäulen 3
2003 Dez # Lyrik aus Rumänien
2004 Feb #23. Zeitverhafteter, aber jetzt wiederentdeckter rumänischer Avantgardist
2004 Mai #89. Kramer 2: Das Vulgäre, Poetische
2004 Jun #61. poesiefestival berlin 2004: Lyrik für die Stadt
2004 Sep #41. Tiroler Literaturtage in Hall
2004 Dez #35. Richard Wagner, Einwanderer
2005 Feb #51. Heiner-Müller-Professur
2005 Sep #5. Alphabet der Welt
2005 Sep #89. Sie hats nicht begriffen
2005 Okt #11. Empfehlung
2005 Okt #80. Worterfinderin
2005 Nov #30. Rumäniendeutsch auf Französisch
2005 Dez #37. Herta Müllers Collagengedichte
2006 Mrz #1. Walter-Hasenclever-Preis für Herta Müller
2006 Mrz #125. Die Wörtersammlerin
2006 Mai #43. Büchnerpreis für Oskar Pastior
2006 Sep #79. Hasenclever-Literaturpreis an Herta Müller
2006 Okt #132. Poesie der Nachbarn: Vorwärts, ihr Kampfschildkröten
2007 Feb #113. Erinnerung an Oskar Pastior
2007 Mrz #22. Eulenspiegel (Ost) schluckt Rotbuch (West)
2007 Mrz #49. Entdeckungsgeschichten
2007 Mrz #124. Dirigentin des Phantastischen: Nora Iuga
2007 Sep #115. Poesiefestival in Hermannstadt/Sibiu
2007 Nov #89. Schneeverrat
2008 Feb #44. Flamme über Turrinis Knie
2008 Apr #38. Die blassen Herren mit den Mokkatassen
2008 Apr #134. Neuer Oskar-Pastior-Preis
2008 Nov #122. Hungerengel
2009 Mai #7. Lyrikjahrbuch 2009
2009 Jun #44. Eine Sprache finden
2009 Jul #67. Nora Iuga im Lyrik Kabinett
2009 Jul #99. Ostprodukte (4): Die Leserbriefschreiber und die Securitate
2009 Jul #100. MIT DER GESCHWINDIGKEIT DES SOMMERS
2009 Aug #132. Für den deutschen …
2009 Sep #1. 29. Erlanger Poetenfest – 27. bis 30. August 2009
Veröffentlicht am 8. Oktober 2009 von lyrikzeitung
In der Nacht zum [vorigen] Dienstag, kurz vor seinem 100. Geburtstag, ist der spanische Dichter José Antonio Muñoz Rojas gestorben. Er hatte für seine Schriften zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 1998 den spanischen Nationalpreis für Poesie. Neben Gedichten verfasste er Erzählungen, juristische Abhandlungen und Reiseberichte. Er gehörte zum Umkreis der Dichtergruppe der „Generation von 27“ um Poeten wie Vicente Aleixandre, Federico García Lorca oder Rafael Alberti. / SZ 30.9.
Mehr: El país 29.9.
Sein 100. Geburtstag ist nicht der 9., sondern der 8.10., heute – Die Zeitung seines Heimatortes Antequera, Andalusien, berichtigt diesbezügliche Pressemeldungen.
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
So überschreibt die amerikanische Lyrikerin Dorothy Barresi einen Essay in Prairie Schooner, Fall 2009 (hier bei Poetry Daily). Baby Boomers, auch the baby boom generation, nennt man in den Vereinigten Staaten die nach dem 2. Weltkrieg Geborenen. Sie zitiert ihr Gedicht „The last Kennedy“, 1999 geschrieben, als JFK jr. bei einem Flugzeugabsturz starb:
So much for Sinatra.
So much for pearls and the broken strand of actresses
in kitten heel pumps
walking backwards underground.
The Hall of Mortals will now be closed
for extensive renovation.
(The Last Kennedy)
Sie schreibt:
Ich borgte mir Bilder von der Generation meiner Eltern und spielte mit Ruhm, Glamour, dem Wunsch, eine alte Idee des amerikanischen Versprechens zu erkunden, wie sie die Baby Boomers immer noch umtreibt: „a tale that is told—frequently, like this one, / with too much falling action / and no conclusion.“ Aber in einer Beziehung haben sich solche Schlüsse (conclusion) 2009 als falsch erwiesen.
Die Bildwelt von „The Last Kennedy“ ist nicht völlig ironisch; die Trauer des Sprechers ist echt. Wie viele Lyriker, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden, schrieb ich, als ob Bildernostalgie (iconic nostalgia) mir von Geburt zustünde – eins der Kennzeichen meiner Gedichte. Die Bildernostalgie (…) verweist auf die Zwänge früherer sozialer Konstrukte (Sinatra, Monroe) und bleibt doch halb verliebt in ihren zertrümmerten Glanz, und dann mischt sie Jimi Hendrix oder Pol Pot (und immer uns selber) hinein in eine sich stetig entfernende Milchstraße geteilter historischer Erfahrungen und lange schon ausgeseufzter Seufzer, auch wenn wir cool bleiben: „Nein, nein – auf mich kommt es immer noch an!“
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Der Berliner Lyriker Jan Wagner ist der erste Wilhelm-Lehmann-Preisträger. Darauf einigte sich die Jury der Gesellschaft, bestehend aus den Literatur-Professoren Heinrich Detering aus Göttingen und Uwe Pörksen aus Freiburg, Lothar Müller und Schauspieler Hans Zischler aus Berlin sowie Propst Knut Kammholz aus Eckernförde. Der mit 10000 Euro dotierte Preis wird dem Lyriker an einem noch festzulegenden Termin Ende des Jahres übergeben. / Kieler Nachrichten 6.10.
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Mit seiner mutigen und mit Bedacht edierten Anthologie „alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte“ präsentiert der Augsburger Schriftsteller Tom Schulz nun die politische Lyrik der heutigen Generation…
Der Altersdurchschnitt der 25 von Schulz ausgewählten Autoren liegt etwa bei 35. Möglicherweise ist das gut so. Das Neue ist oft ein Privileg der jungen Generationen, gerade im Politischen. Revolutionäre waren selten älter als dreißig, Robespierre mal ausgenommen. Nun sind Lyriker keine Revolutionäre, aber viele tragen die Revolution im Kopf, oder zumindest die Veränderung. Es mag ein Zufall sein oder eine Kausalität, dass das Gros der Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen sich – gerade heute, gerade hier – als system- und konventionskritisch erweist. Ob sich das „links“ einordnen lässt sei dahingestellt. In jedem Fall sind es Menschen, die in ihrem Schaffen Bestehendes hinterfragen, betrachten, kritisieren, persiflieren, aber nur selten einfach akzeptieren. …
„Wie ein Grenzschutz wieder / eine Linie zieht, es muß, es / darf geschossen werden“, eröffnet Björn Kuhligk seine „Liebe in den Zeiten der EU“ und bricht das Meinhof-Zitat mit der Anspielung auf Marquez, nur um später die Reaktion auf Gleiwitz zu ergänzen. Es ist eine sprachgewaltige Lyrik, die um zahlreiche Ecken denkt, nicht Kampf-, sondern Denk- und Erkenntniszonen ausweitet. Das darf auch ganz offensiv polemisch sein wie bei Adrian Kasnitz: „dein slip, / wird er feucht beim anblick der flakons? bei musik, die der / kaufhaus-dj auflegt für deinen privaten cash-flow?“ Die Stimme der Irritation, der manchmal ratlosen oder auch ratenden Betrachtung findet sich, so etwa in „hot magenta“ der von Thomas Kling entdeckten Sabine Scho: „ein beau vor der gardine / notably pale, oder ein unwürdiger / tod bei lachs in der springer- / kantine, was ist so falsch / an farben?“ Hier wird gar nicht geurteilt, es wird nichtmal politisiert, es wird lediglich, fast sanft, auf die Bahnen der alltäglichen Wahrnehmung verwiesen, um sie zu hinterfragen. Passend dazu das wunderbare Gedicht von Simone Hirth, das augenzwinkernd-bissig unsere Alltagsignoranz über die Folgen unseres Handelns nachzeichnet: Von nichts will das lyrische Ich etwas wissen, „Nur diese eine Zitrone / will ich aus dem Fenster werfen, / und wo sie landet, das / interessiert mich ebenfalls nicht.“ / Gerrit Wustmann, Neue Rheinische Zeitung 7.10.
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Noch ein Ausschnitt aus dem FR-Gespräch mit Urs Engeler:
Wenn man beispielsweise nach Frankreich blickt, dann ist man schier erschlagen, was es dort alles gibt.
Was meinen Sie konkret?
Was es dort an Zeitschriften gibt, wie viele Verlage existieren, wie viele Formen von Veröffentlichungen. Wir alle sind ja mit der Misere des Buchhandels beschäftigt und schauen uns an, was im Internetzeitalter alles möglich sein könnte. Sehen Sie sich den französischen Verlag Léo Scheer an; wenn Sie auf die Website (www.leoscheer.com) gehen, dann finden Sie eine ganze Abteilung, die sich mit elektronischem Publizieren beschäftigt, wie ich es überhaupt noch nie gesehen habe. Es werden Tools zur Verfügung gestellt, so dass die Leute ihre eigenen Bücher dorthin stellen. Das ist ein literarisch hochambitionierter Verlag. Undenkbar, dass ein deutscher Verleger sich über den Dünkel hinwegsetzte, nicht selbst zu bestimmen, was er verlegt; und dass er dann auch noch so viele Sachen bekommt!
(Léo Scheer: Zu den Internauten auf M@nuscrits klicken!)
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Zum 60. Gründungstag der DDR (der 7. Oktober war Nationalfeiertag) bespricht die Märkische Allgemeine zwei aktuelle Anthologien:
Zu unterschiedlich sind die Konzeptionen: Die „100 Gedichte“ sind thematisch in vier Hauptkapitel geordnet, die „Auferstanden aus Ruinen“ heißen, „Das Aufbegehren und die Macht“, „Die Geräusche des Landes“ und „Probe des Grenzfalls“. Die Gedichte korrespondieren spannungsreich miteinander.
Arnold und Korte jedoch bevorzugen die Chronologie. Mit 500 Gedichten von 180 Autoren repräsentieren sie eine weitaus größere Stimmenvielfalt. Ästhetisches Interesse allein war aber wohl nicht ausschlaggebend, sonst wären nicht die kuriosesten politischen Texte aufgenommen worden, etwa Kurt Huhns „Moskau“-Jubel („fest wie Zement, hart wie Beton“), oder Jens Gerlachs Stalinhymne „Schwarz trauern des Himmels Planen“. Eine Peinlichkeit ist Rudolf Bahros anlässlich eines Fußballspiels entstandenes Gedicht „Deutschland?“ von 1960 mit der Feststellung „In Bonn hat Deutschland aufgehört zu sein“. Was beweist, dass nicht nur das Internet, sondern auch das Buch ein unauslöschliches Gedächtnis hat.
Solche unfreiwillige Komik oder Tragikomik kommt nur aus Nebenprodukten. Das Wesentliche steht in den Versen der wahren Dichter, zu denen sowohl die Wagenbach-Anthologie als auch die von Arnold unter anderen Bertolt Brecht, Johannes Bobrowski, Peter Huchel, Volker Braun, Karl Mickel, Sarah Kirsch oder Wolfgang Hilbig zählen. / Dorothea von Törne
Christoph Buchwald / Klaus Wagenbach (Hrsg): 100 Gedichte aus der DDR. Wagenbach, 168 Seiten, 16,90 Euro.
Ludwig Arnold / Hermann Korte (Hrsg): Lyrik der DDR. S. Fischer , 450 Seiten, 24,95 Euro.
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Um die Lyrik in Kärnten in den Vordergrund zu stellen und ihr eine Plattform zu bieten, haben die Klagenfurter Stadtwerke (STW) zum zweiten Mal den Kärntner Lyrikpreis ausgeschrieben. Dem Hauptgewinner winken am 3. Dezember 3.000 Euro.
Einsendeschluss für Beiträge ist der 9. November. Im Vorjahr, bei der ersten Auflage des Wettbewerbs, ging der HAK-Professor Josej Strutz aus 200 Einsendungen als Gewinner hervor.
Von den Teilnehmern werden „bei freier Themenwahl sprachkünstlerisch anspruchsvolle Ausdrucksformen lyrischen Sprechens“ erwartet, Mundartgedichte sind ausgeschlossen. Teilnahmeberechtigt sind Kärntner Lyrikerinnen und Lyriker sowie in Kärnten lebende Schreiber und auch in anderen Bundesländern oder im Ausland lebende Kärntner. Die Werke dürfen in beiden Landessprachen, also Deutsch oder Slowenisch, abgefasst sein. / Kleine Zeitung 6.10.
Josej (Jozej) Strutz in L&Poe:
2004 Okt #78. Slowenen in Berlin
2008 Nov #125. Lyrisches Slowenisch
2009 Jan #55. Weblexikon der kärntnerslowenischen Literatur
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von lyrikzeitung
In der Frankfurter Rundschau vom 7.10. ein spannendes Gespräch mit Urs Engeler, 2 Auszüge:
Mir scheint, dass die Mitte Vierzigjährigen noch der äußerste Rand einer literarisierten Generation sind. Leute wie Hans-Jost Frey, Jahrgang 1933, die gehören noch zur vollen Blüte, die wissen, was Literatur ist und was sie kann: Das sind Leute, die in den vierziger, fünfziger Jahren mit Literatur, und zwar wesentlich mit französischer Literatur natürlich, groß geworden sind. Und wir, die bei ihnen in die Schule gehen konnten, wir kriegen noch mit, was die alles kennen und können.
Bringen wir einen Namen ins Spiel, der auch schon in Ihrer Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ aufgetaucht ist, Ann Cotten, die noch nicht einmal dreißig Jahre alt ist und mit großer Ernsthaftigkeit dichtet und reflektiert. Das zeigt doch, dass es immer weiter geht, oder nicht?
Ja, das denkt man sich schon. Die jüngste Generation unserer Literatur – tja, wird es wirklich weitergehen, ich weiß es nicht. …
Einer wie Jean Daive hat ja einen unglaublich französischen Stil. Wenn man nicht weiß, wie die Franzosen „so ticken“, bleibt einem das doch fremd. Einiges in Ihrem Programm richtet sich wohl an Kenner, was natürlich sehr schön ist, aber die Schwierigkeiten kann man sich dann eben auch lebhaft vorstellen.
Das ist durchaus so. Es ist aber auch das, was mich am meisten verwundert: dass Dinge, die nur ein kleines bisschen anders sind, als man es gewohnt ist, sofort Sanktionen nach sich ziehen, eben in der Form von Nichtbeachtung bis Verachtung. Man wird bestraft. Das scheint mir schon ein spezifisch deutsches Problem zu sein, die leidige Sache mit der Autorität. Das Unbekannte ist per se immer das Unmächtige. Die Deutschen haben vielleicht immer noch nicht gemerkt, dass das unbekannte Ticken von anderen ein höchst interessantes, produktives Ticken sein kann. Da fehlt die Neugier und die Aufgeschlossenheit.
Nun ist die Schweiz ein mehrsprachiges Land. Da dürfte automatisch ein ganz anderer Resonanzraum vorhanden sein?
Die Außenseiterrolle der Schweiz wurde mir immer wieder zu einem Verhängnis. Die meisten Leser sitzen in Deutschland. Aber man merkt, dass man als Schweizer nicht wirklich dazugehört. Selbst wenn man deutschsprachiges Ausland ist. Das ist nicht ganz einfach zu begreifen, warum diese Festung Berlin beispielsweise so derart dicht gebaut werden musste im letzten Jahrzehnt, das verstehe ich eigentlich nicht.
Veröffentlicht am 6. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Der junge Mattenklott war ein charismatischer Vertreter der Protestgeneration, ein Ganymed der Revolte, der Georg Lukács mit Nietzsche und Musil mit Marx las. Den Aufstand gegen die Verhältnisse inszenierte er konsequent als „ästhetische Opposition“. Dieser Begriff taucht bereits im Untertitel seiner Berliner Habilitationsschrift auf, die 1969 die Fachgutachter an der Freien Universität heftig provoziert hatte. Es handelte sich um eine Arbeit über den englischen Zeichner Aubrey Beardsley und den deutschen Lyriker Stefan George. Mattenklott setzte sich mit dieser Studie zwischen sämtliche Stühle. Die linke Avantgarde fand seine Beschäftigung mit George, dem Propheten des „Geheimen Deutschland“, der sich nie offiziell von den Nazis distanziert hatte, anrüchig. Die konservative Professorenschaft störte sich an der respektlosen Entlarvung der intellektuellen Mediokrität des George-Kreises und der kühlen Analyse seiner von Kalkül getriebenen literarischen Politik. Und das akademische Juste Milieu war darüber irritiert, wie in diesem Buch Literatur und Grafik, Lyrik und Photographie als sich wechselseitig erhellende Medien untersucht wurden – ein Verfahren, das damals, vor dem iconic turn der Geisteswissenschaften, den Geruch des Revolutionären trug. / Tagesspiegel 7.10.
Veröffentlicht am 6. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Jennifer Moxley’s new book of poems, Clampdown, confronts the domestic with a disclosing eye.
By Ange Mlinko
Poetry Media Service
Clampdown, by Jennifer Moxley. Flood Editions, $14.95.
In 1996, when Jennifer Moxley’s first book, Imagination Verses, was published to underground acclaim, the prevailing story was that, like the return of the repressed, the personal lyric had been reborn from the chance encounter of a girl genius and a violently anti-lyrical avant-garde. Imagination Verses was almost old-fashioned—full of love poems and soliloquies. But Moxley’s ear was decidedly trained by writers outside the mainstream anthologies: not Elizabeth Bishop or Sylvia Plath but experimental small-press poets like Bernadette Mayer and Rae Armantrout.
Now some may see Moxley as a harbinger of the big poetic trend of the 2000s, sometimes known as „lyric postmodernism“ or „hybrid poetics.“ This is a genre that has embraced the subjective „I“ while rejecting the confessional voice; at the same time, it has appropriated the house style of the avant-garde, acute fracture and abstraction, while shedding its political baggage. What serves as content, finally, is language that speaks itself, an oracle mediating between poet and world, individual and history. It’s the very definition of poetry set out by Theodor Adorno in his 1957 essay „On Lyric Poetry and Society.“ We are concerned, he said, „not with the poet as a private person, not with his psychology or his so-called social perspective, but with the poem as a philosophical sundial telling the time of history.“
Moxley knows her Adorno. The follow-up to Imagination Verses was a chapbook called Wrong Life, a title cribbed from Adorno’s famous aperçu: „Wrong life cannot be lived rightly.“ Much of Moxley’s work can be read in the light of this damning little sentence and the chapter it punctuates in Minima Moralia, „Refuge for the Homeless.“ Moxley’s ethical anxieties emanate from a central unease, unease at home, and ripple out to touch nation, earth, and cosmos. But unlike the legions of poets who now adopt (and inevitably flatten) an Adornian mode of lyric, Moxley does not sublimate her psychology and social perspective.
Clampdown, her new collection of poems, is startlingly particular, privacy-shattering, and abject. It isn’t postmodern or experimental or hybrid, and parts of it aren’t even very lyrical—often she tones down her flights of gorgeous language to speak precisely and discursively, as if face to face with an interlocutor. Never uncontrolled, never artless, and never not in command of rhetoric, Moxley has written a book that could be available to a wide readership. Her expressive clarity, however, lures us into a universe of such self-doubt and self-cancellations that we find ourselves again, dialectically, in the company of Adorno: „Wrong life cannot be lived rightly.“ From „The Price of Silence“:
It is suffocating beneath this vinyl window,
in whose fake glued-on mullions we see a cross.
But it doesn’t mean anything. No word
can be uttered or kept in store to chant us
out of losing. The whir of the washing machine
as it pours detergent down the sewer pipes,
chlorine rising up from the drains, The compact
fluorescent bulb in the gooseneck lamp
with a broken spring neither mutters
nor sputters playfully. Things don’t speak
our distance. The phone, though loud, tinny,
and insistent, cannot, it seems, be found.
We oppress in a way we cannot pay for
in any direct or meaningful way. All is fake.
Why should we awake?
Clampdown takes its title from a song on the Clash’s London Calling („When we’re working for the clampdown/We will teach our twisted speech/To the young believers“). Its doubt-ridden angst, though, is more neoliberal-era Radiohead than post-punk Clash. This is not party music for the Revolution; it’s part „Karma Police,“ part „The Bends,“ Thom Yorke elegiacally singing „I wish it were the sixties/I wish we could be happy.“ „The Price of Silence,“ like other poems in the book—“Mother Night,“ „These Yearly Returns,“ „Friday Night, Candles Out“—puts Moxley’s comfortable home and habits on display in a ritual of self-mockery and pathos.
For the past fifty years, confessional poetry has permitted us the luxury of oversharing—mostly about our sex lives and our parents—in a sentimental gesture ultimately meant to reconcile and heal. Free verse has been confessional poetry’s de facto medium. A supple artifice in the hands of William Carlos Williams or Gregory Corso or Sylvia Plath, free verse has degenerated over the years into a style of no style, a sort of broken vernacular prose, as if language could be as transparent as a glass pane, the better to signal one’s sincerity and truthfulness. The resulting poem substitutes personality for art, supposedly sounding „natural“ or „speechlike.“
The arc of Moxley’s work—from Often Capital, written while she was in her early 20s, through Imagination Verses, The Sense Record, The Line, and finally Clampdown—works heroically against the obstacle of „natural“ voice. On a first reading, Moxley sounds utterly disconcerting, as if she were writing to you on the heels of a marathon session of retyping the poems of William Wordsworth or Thomas Hardy. From „The Yield“:
A thumb of silvery fur ensnared
my visual stupor: it was a mouse
scooting across the perilous ground
that lay between the rustic lean-tos
of brittle nut-brown maple leaves.
Image-gripped, but how to name it,
this will to live in little things?
Upon such monumental nerve
we build and break our wage.
The net effect of Moxley’s strange style has often been to foreground the sexiness of language and the poet, but their awkwardness too; it’s a style that cultivates and explores the notion of wrong life. For to write in one’s „natural“ speaking voice already presupposes eloquence and fluency, and fluency presupposes ease. Moxley is definitely not at ease, either in her body or this country or century. She is in the wrong life, which cannot be written rightly. Thus she reconstructs another language—both yearning and alienated. In Clampdown it is a language in which she can confess her doubt and despair about the „chlorine rising up from the drains,“ the fluorescent bulbs, the nylon bedspreads of the middle-class bedroom, the fake plastic trees. Moxley’s unmasking of American bounty as actual impoverishment thus has a lyric equivalent: the unmasking of the usual seductions and blandishments of the poem as an upmarket ad for metaphysical comforts. That she sets her personal theater against the backdrop of the world stage may seem like a grandiose gesture, but it is a necessary one. The figure she cuts is as erect and austere as a gnomon; the shadow she casts will be long.
Ange Mlinko is the recipient of the 2009 Randall Jarrell Award in Poetry Criticism. Her latest book of poems is Starred Wire. This article first appeared in the Nation. Distributed by the Poetry Foundation at www.poetryfoundation.org.
© 2009 by Ange Mlinko. All rights reserved.
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