37. Don’ts

Die Zeitschrift ist nicht schlecht – sie wär noch besser ohne eine gewisse Redseligkeit. Die auch ihre Rezensenten befallen mag. 2 dont’s beim Schreiben über Literatur, das erste: don’t renommier! Ah, da ist es:

Jetzt kann man Josef Hader mal von einer anderen Seite kennenlernen. Der bekannte Kabarettist ist unter die Dichter gegangen und lässt uns gut österreichisch in Seelenabgründe blicken mit dem Dreizeiler «Frau oder Angst», wo es heißt: «Als er Single war hatte er keine / nun ist er gebunden / jetzt hat er eine.» – Nachzulesen ist dieser Text in der neuesten Ausgabe von Deutschlands renommiertester Lyrik-Zeitschrift «Das Gedicht», die sich dem Thema Angst widmet.

Zwar ruft Ludwig Harig den Lesern da in Sonettform ein beherztes «Fürchtet euch nicht» zu, aber Helmut Krausser befällt trotzdem die Lebenstorschlusspanik («Die Blüte / vorüber und doch nicht am Ziel»), während Fitzgerald Kusz sich gleich fränkisch und frei als «Angsdhos» bekennt: «miä is es herz / in die husn grudschd».

Okay, der Rest geht. Das 2. don’t: don’t Karate. Ah, auch das fehlt nicht:

Die beiden Herausgeber Anton G. Leitner und Friedrich Ani (letzterer als Autor hochkarätiger Krimis ja ein Angstexperte) ließen sich jedenfalls nicht bange machen und haben instinktsicher das richtige Themenheft zur Krise und der herrschenden Stimmung zusammengestellt. Selbst wer bisher Angst vor Lyrik hatte, sollte daher furchtlos in die nächste Buchhandlung flüchten und das neueste «Gedicht» erwerben. / Nürnberger Nachrichten

Das Gedicht, Band 17. Herausgegeben von Anton G. Leitner und Friedrich Ani, 165 Seiten, 12 Euro.

Nachtrag: Don’t Hader

Nur zur Vor- (oder eher Nach-)Sicht füge ich hinzu, daß ich diesmal gar nicht den Autor Hader meinte; sondern die Gewohnheit von Provinzstädten, Journalisten und anderen Ruhmredigen, ihre Veranstaltungen, Preise oder Texte mit den Wörtern „renommiert“ und „hochkarätig“ zu veredeln. Merke: Don’t „renommier“ oder „hochkarate“ your event or text!

Suche ergibt 16 Treffer für „hochkarätig“ im L&Poe-Archiv

Beispiele:

In einer hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihe „Landkarten der Poesie“ sprachen drei Lyriker von Weltrang (FAZ 2001)

dass Mondsee ein guter Boden für hochkarätige Literatur ist (Salzburger Nachrichten 2001)

Seine hochkarätige, schwer übersetzbare Lyrik (NZZ 2002)

die hochkarätige siebenköpfige Jury (Berner Bund 2004)

hochkarätige Wortkunst oder eben, adäquat angedeutet (Kleine Zeitung 2007)

ein Reihe hochkarätiger Literaten, die das bekannte Event in Münster zu einem echten Highlight werden lassen (Stadt Münster 2009)

usw usf

Vgl. L&Poe 2007 115. Blümchenlyrik (Negativliste):

Blümchenkaffee und Blümchensex haben ihre Liebhaber – warum nicht auch Blümchenlyrik? „Seraphischen Ton“ benannte Gottfried Benn als ein Erkennungsmerkmal. Blümchenkritik ist beim Moderieren von Dichterlesungen und beim Ankündigen von solchen in der Lokalpresse verbreitet. Man erkennt sie an der Benutzung von Wendungen wie „Hochkarätig“ oder „Kein Geringerer als“. Streichen!

(Geistige Gummibärchen)

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