29. Wolfgang Kubin über Chinas Literatur und die Buchmesse

Kubin: Naja, China hat ja nicht die besten Schriftsteller mitgebracht, über die es verfügt. Es hat keinen einzigen richtig guten weltweit anerkannten Dichter mitgebracht. Damit hätte man punkten können. Es hat sie alle zu Hause gelassen, stattdessen die Wald- und Wiesendichter mitgeschleppt, die keiner kennt und keiner hören will.

(…)

Allein die chinesische Lyrik spielt in Ihren Augen noch eine wichtige Rolle.

Kubin: Das ist richtig.

Welchen Stellenwert hat die Lyrik gegenwärtig in China?

Kubin: Im Lande null, aber bei uns ganz oben. Im Lande null, weil die Dichter eine neue Sprache erfinden, die dort nicht nachvollzogen werden kann, und weil wir hier diese Sprache nachvollziehen können. Wir wollen gefordert werden, wir wollen nicht mehr diese einfache Literatur, die einmal ein Erich Fried geschrieben hat, den 70er-Jahre Agitprop, wo man überhaupt nicht nachdenken muss. Wir wollen heute Anspruchsvolles. Wenn die chinesischen Dichter hier auftreten, dann will das Publikum gefordert werden. Es will nicht mehr dieses simple Deutsch hören oder dieses simple Chinesisch, sondern es will auch mal nachdenken dürfen.

Und das ist in China nicht entwickelt?

Kubin: Das ist in China überhaupt nicht entwickelt. Weil eben der Markt alles dominiert und jeder nur noch sich dumm und dämlich verdienen will.

Und die frühere chinesische Lyrik…

Kubin: Die war nachdenklich, bis 1989. Die war kompliziert, aber sie hatte ihr Publikum. Und da gingen Tausende zu den Lesungen. Und heute geht niemand zu den Lesungen, die Leser sind heute hier bei uns.

/ Wilhelm Kropp und Eberhard Fehre, Westdeutsche Zeitung 3.12.

Von Kubin empfohlene Lyriker:

Bei Dao: Buch der Niederlage. München: Hanser 2009.

Leung, Ping-kwan: Von Jade und Holz. Klagenfurt: Drava 2009.

Yang Lian: Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons. Frankfurt: Suhrkamp 2009.

Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte u. a. von Zhai, Yongming; Ouyang, Jianghe, Xi Chuan. Nonn: Weidle 2009.

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