Ein Ritt auf gläsernen Flügeln

Dicht, wie nur Lyrik es sein kann, aber klarer als jede Prosa: Das Buch „Sachverstand“ der Deutschen Schriftstellerin Elke Erb.

Wer von Lyrik ein diffuses Schwelgen in Gefühlen erwartet, ist bei Elke Erb an der falschen Adresse: „Sachverstand“ heisst ihr jüngster Band mit Texten, die zwischen Lyrik und Kurzprosa oszillieren. Die Gattungs-bezeichnung von Erbs letzter Veröffentlichung, „Mensch sein, nicht. Gedichte und andere Tagebuchnotizen“ (1998), trifft auch den Sachverhalt von „Sachverstand“ genau. Das ist äußerlich schon daran zu erkennen, dass die zwischen 1996 und 1999 entstandenen Texte im Inhaltsverzeichnis jeweils mit ihrem Entstehungsdatum versehen sind. / Philipp Gut, Tages-Anzeiger 20.2.01

Exil-PEN-Club mit Internet-Projekt

Der Exil-PEN-Club deutschsprachiger Länder will sich an dem Projekt „Verfolgte Autoren im Internet“ der Else-Lasker-Schüler-Stiftung (Wuppertal) beteiligen. Gedacht ist an Biografien von Autoren, die dem Exil-PEN angehören wie Jiri Loevy aus Tschechien, den russischen Schriftsteller Boris Chasanov und den Lyriker Boris Schapiro, sagte der wiedergewählte Präsident des Exil-PEN, Rudolf Ströbinger, am Sonntag in Bonn zum Abschluss der Frühjahrstagung im Schloss Eichholz.

Über das Projekt sollen sich Schüler mit dem Leben verfolgter Künstler, Dichter, Musiker und Wissenschaftler auseinander setzen, die während der NS-Zeit oder im Kommunismus Berufsverbot hatten und ins Exil gingen.

Aufnahme in den 1956 gegründeten Exil-PEN fanden unter anderem Autoren und Publizisten, die in ihren damals meist kommunistischen Heimatländern verfolgt oder mit Schreibverbot belegt wurden. Viele Mitglieder der älteren Generation kommen aus ost- und mitteleuropäischen Staaten. Der zum internationalen PEN gehörende Verband zählt rund 120 Mitglieder. Ebenfalls vertreten im internationalen PEN sind das wiedervereinigte PEN-Zentrum Deutschland und das in der NS-Zeit entstandene und in London ansässige Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland mit Fritz Beer als Präsident.

Als Vizepräsidenten des Exil-PEN wurden der Münchner Historiker und Autor Bernd Rill und der in Berlin lebende Schapiro gewählt. Traditionsgemäß wurden zur Frühjahrstagung Literaturpreise durch den Exil PEN-Club vergeben. Der Hauptpreis ging in diesem Jahr an die in Bautzen lebende sorbische Schriftstellerin und Lyrikerin Rosa Domascyna. Weitere Preise erhielten unter anderem der in München lebende Philosophieprofessor Karl Macher und Boris Chasanov. Zur Leipziger Buchmesse im März soll die Anthologie „Das Feuer, das ewig brennt“ mit Beiträgen von Exil-PEN-Mitgliedern erscheinen. Als Initiative des Exil-PEN wurde in Berlin außerdem ein literarischer Salon für russische Autoren ins Leben gerufen. / Kurier Online 18.02.2001

Erfundener Grieche

Erfundener Grieche

Über einen „hoax“ berichtet die New Yorker Zeitschrift „ Lingua Franca„. Im vergangenen Oktober erschien in Kanada ein Buch mit dem Titel „Saracen Island: The Poetry of Andreas Karavis„. Die Kritik rühmte ihn als „Griechenlands modernen Homer„. Aber offenbar ist alles eine Mystifikation seines „Übersetzers“ und Exegeten David Solway. / 18.2.2001

 

Academy

It is a source of wonderment and pleasure that at the age of 89, Czeslaw Milosz, arguably the greatest living poet, continues to publish exploratory works of self-definition and commemoration. “Milosz’s A B C’s,“ expertly translated from the Polish by Madeline G. Levine, remakes the relatively recent Polish genre of the A B C book — a kind of subgenre of memoir — so that it becomes a flexible hybrid form, a probing and quirky reference book. (review & First chapter) / New York Times 18.2.01 *)

Textprobe (über die amerikanische Academy of Arts and Letters):

The Academy is not made up solely of distinguished old men, and there are definitely names on its membership list which will last. Nonetheless, election to it is determined by fame as measured by the rumors and gossip of the New York establishment, which means that enduring value and momentary fame reside in the same house. One can see that in the roster of foreign honorary members of the Academy. The seven stars of our Eastern constellation were Bella Akhmadulina, V. Havel, Zbigniew Herbert, Milan Kundera, Alexander Solzhenitsyn, Andrei Voznesensky, and Evgeny Evtushenko. When the last was elected, Joseph Brodsky resigned from the Academy in protest.

Deutscher Rimbaud

Als die neue deutsche Popliteratur heranwuchs, war die Brinkmann– Besinnung nur eine Frage der Zeit. Als Vorbilder experimentellen, linkem Gesinnungsgestus spottenden Erzählens kamen nicht viele Autoren infrage: Rainald Goetz der eine, Rolf Dieter Brinkmann der andere. Zu gut repräsentiert der 1975 Verstorbene vordergründig das Ideal des Freidenkenden unter revolutionären Studenten 1968 eine Unperson, die Literaturakademie der Walsers, Grass und Bölls verabscheuend, Warhol und Kerouac verehrend, die Grenzen der Medien sprengend, theatral, verzweifelt und verarmt wie sein Idol Rimbaud, schließlich mit 35 Jahren bei einem Autounfall dahingerafft. /Die Welt 16.2.01

Polnischer Rimbaud

Rafael Wojaczek gehörte als zorniger junger Dichter zu jenen Literaten, denen, wie einst Lenz oder Kleist, in diesem Leben nicht zu helfen war, 26-jährig nahm er sich das Leben, sein Nachruhm gründet auf der dunklen Tragik des früh vollendeten Genies; kein Zufall, dass er als eine Art polnischer Rimbaud gilt.

Lech J. Majewski hat sich mit seinem 1999 entstandenen Spielfilm „Wojaczek“, den das Freiburger Kommunale Kino in der deutsch untertitelten polnischen Originalfassung als Film des Monats präsentiert, diesem abgründigen Berserker und Formenzertrümmerer gewidmet. Krzysztof Siwczyk spielt den Wojaczek als einen von seinem literarischen Werk Besessenen, als einen von Depressionen und Todesphantasien gezeichneten Autor, von seiner Mitwelt gefürchtet, geliebt und gehasst. Hier hat einer seine lyrische Sendung mit rigoroser Absolutheit ernstgenommen, dass darob alle Normalität im Umgang mit Menschen zuschanden wird. / Badische Zeitung 17.2.01

„Beauty is truth, truth beauty“

… wrote the Romantic poet John Keats in „Ode on a Grecian Urn.“ That famous citation, which expresses 19th-century Romanticism’s trust in feeling over reason, is pertinent in the case of Anne Carson’s newest poetic volume, „The Beauty of the Husband.“

A brief dust jacket note says the book is an essay on Keats’s ideas about beauty and truth. In Ms.Carson’s eerie, elliptical, very beautiful elegy for a failed marriage, the husband represents beauty to be sure, but he also represents not truth but mendacity. THE BEAUTY OF THE HUSBAND. A fictional essay in 29 tangos. By Anne Carson / NYT 17.2.01

Edition Thanhäuser

Slowakische Lyrik von Ján Ondruš und Peter Repka in der Edition Thanhäuser

J. Ondrus (geb. 1932) erfuhr schon früh die Fragilität des Daseins am eigenen Leib: Mit 29 Jahren erlitt er einen Nervenzusammenbruch, der sein ganzes weiteres Leben bestimmte. Ondrus erhielt eine Invalidenrente zugesprochen, wohnte lange Zeit in Privatzimmern oder Heimen und wurde 1976 unter Vormundschaft gestellt. Gerade die gesellschaftliche Aussenseiterposition verleiht aber Ondrus die Fähigkeit zur genauen Diagnose. Immer wieder sind es Verlusterfahrungen, die in seinen Gedichten zur Sprache drängen: „Glaubt mir, ich habe das Wort verloren, auf das hin sie mich mochten.“ — Peter Repka (geb. 1944) debütierte 1969 mit dem Gedichtband „Das Huhn in der Kathedrale“. Repkas Lyrik scheint dem musikalischen Kompositionsprinzip der Fuge zu folgen. In seinem ausgedehnten Projekt „Ei-sen-bah-nen“ (1992-1996) taucht der Motivkomplex des Titels in immer neuen, überraschenden Zusammenhängen auf. Wie ein Schienennetz verzweigen sich die Texte, auf denen der Dichter seine poetische Reise angetreten hat. Letztlich wird die Eisenbahn zur Chiffre des Lebens selbst, in dem man sich von Station zu Station fortbewegt. Peter Repka gelingt mit „Ei-sen-bah-nen“ ein Gesamtkunstwerk, in dem sich Inhalt, Metaphorik und Rhythmus zu einem expressiven Ganzen verbinden. / NZZ 16.2.0

Genaue Gedichte

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind es jeweils drei Verszeilen, die den Gedichten zur Verfügung stehen. „Genaue Gedichte“ also, und zwar „auf den Tag“, wie der Titel des Gedichtbandes annonciert. Zusammengenommen ist das zweifellos ein Programm: drei Zeilen, täglich ein Gedicht. „Nulla dies“ sine linea, denkt man sich natürlich, kein Tag ohne Zeile, wobei es Ingold wohl nicht primär um Schreibdisziplin geht. Denn das tägliche lyrische Notat ist auch eine Lizenz. Erlaubt ist, was sich in das Korsett fügt, erlaubt ist überraschend viel: Assoziationen so gut wie Erinnerungen, Zitate und Träume, Sprachspielereien, Gelegenheitsverse. /Neue Zürcher 15.2.01

Felix Philipp Ingold: Auf den Tag genaue Gedichte. Literaturverlag Droschl, Graz 2000

Neue Dantebücher

bespricht der Economist – darunter „ON ESSAYS“, Dante by modern poets, it begins with Ezra Pound and T.S. Eliot, the founders of English modernism, who between them did more than anyone to keep Dante on the up-to-date poets reading-list. Their Dante, thoughts Seamus Heaney points out in a gripping lecture not quite the same as Ossip Mandelstams, whose jaggedly futuristic Conversation about Dante is also included. Persecuted by Stalin, he speaks from the bookless wastes of internal exile and identifies with the embittered Florentine, driven from his native city by political conflict. Mandelstams Dante is vividly particular, local and spontaneous, his emotion resounding still in the sounds of his words. Eliots Dante, by contrast, is Latinate and Olympian, evoking in the mind of Europe a sublime vision of universal order.

The truth is that Dante is all these things and much more besides.

Der Gedichtbaum

Ich bin der Gedichtbaum. Ich lache über das Vergängliche wie über die Ewigkeit. Ich bin lebendig.“ Abdellatif L. aus Marokko beschwört in dem Prosapoem Der Gedichtbaum für uns ganz ungewohnt gewordenes dichterisches Selbstbewußtsein. Es findet sich auch bei Tauf. S., einem in Palästina geborenen Protestanten, dessen Gedicht „Die Abrechnung Christus eine irdische Gegenrechnung aufmacht und nicht mit bitterem Spott spart: „… dass dich einer verriet? / Herzlichen Glückwunsch: einer von zwölfen bloß!“

Stefan Weidner (Hrsg.): Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Aus dem Arabischen von Stefan Weidner. Verlag C. H. Beck, München 2000, 350 Seiten, 48 DM. / FR 15.2.01

Kanten der Konsonanten

Ernst Jandl in der Akademie / Von Gernot Wolfram:

 

Bei Ernst Jandl kann man als Deutsch Sprechender eine einfache und zugleich schwierige Lektion lernen: Es gibt zwei Uferseiten im Flussbett unserer Sprache, eine vokalische und eine konsonantische. Und in Zeiten politischer Brutalität wie in Zeiten persönlicher Erstarrung ist es das harte, schneidende konsonantische Ufer, zu dem der Mensch übersetzt. / Die Welt 14.2.01

 

„Zeit“ und Lyrik

Obwohl zum Thema „Zeit“ und Lyrik vorerst alles gesagt ist, gibt es eine gute Pointe. In der Ausgabe 8 schreibt Benedikt Erenz 10,5 Zeilen über die Anthologie „Warenmuster, blühend“: „eine prima globale Anthologie, hervorgegangen aus der Schweizer WochenZeitung, mit neuesten Gedichten aus der ganzen Welt. Ein poetisches Pendant zu Davos: dort die, die das Sagen haben, hier die, die was zu sagen haben.“ (S. 54)

Hübsch gesagt: aber erklärt das, warum in der „Zeit“ für die, die was zu sagen haben sogut wie kein Raum mehr ist?

Who will write whose epitaph?

„Sir, you are tough, and I am tough. / But who will write whose epitaph?“

Joseph Brodskys prekärer Nachruhm:

Fünf Jahre sind seit Joseph Brodskys Tod am 28. Januar 1996 vergangen, und noch immer scheint der Ruhm des einstigen poeta laureatus der USA und Nobelpreisträgers für Literatur ungebrochen zu sein. Weltweit ist Brodsky, dessen Texte an den Leser höchste Ansprüche stellen, durch Übersetzungen in Dutzenden von Sprachen präsent, sein Werk liegt – russisch – in diversen mehrbändigen Editionen und zahllosen Einzelausgaben vor; seit kurzem gibt es auch Brodskys „Collected Poems in English“ (Farrar, Straus &Giroux, New York 2000), es gibt üppige Bildbände und einen 700 Seiten starken Reader, der erstmals seine Gesprächstexte zusammenführt. In Planung sind eine vollständige akademische Werkedition, eine russisch-englische Parallelausgabe sämtlicher publizierten Schriften, die Sammlung und separate Veröffentlichung von Brodskys weit verstreuten Gelegenheitsgedichten sowie die Herausgabe originaler Tondokumente (Lesungen, Vorträge, Gespräche) auf CD. / Felix Philipp Ingold NZZ 14. Februar 2001

 

Opium für Ovid und das „Es“ im Regnen

Yoko Tawada, Japanerin in Hamburg, Dichterin zwischen dunklen Mythen und heller Präzision, liest in Wien. Der „Presse“ erklärte sie, warum das Wörtchen traurig nichts erklärt. — Was könnte dahinter stecken, wenn einer auf seinen Bleistift schimpft? Was hat es mit dem „Es“ auf sich, das uns etwa in Formulierungen wie „es regnet“ begegnet? Wieso tragen manche Frauen Ohrringe? „Fiktive Ethnologie“ nennt das Yoko Tawada. Auch eine poetische Methode: der „Versuch, etwas „absichtlich falsch zu verstehen und dann bis zu seinem Ende zu denken“. Das Ergebnis solcher Mißverständnisse? Ist jedenfalls der Wahrheit oft näher, als wir es uns träumen ließen. / BETTINA STEINER, Die Presse (Wien) 13.2.01