172. Nabokov als Puschkinist

In keines seiner grossen Erzählwerke hat Vladimir Nabokov so viel Arbeitszeit investiert wie in die Übersetzung, Annotation und Exegese von Alexander Puschkins Versroman «Eugen Onegin» (1823 bis 1830). Fast ein Jahrzehnt nahmen ab 1948 seine diesbezüglichen Recherchen in Anspruch, und weitere Jahre vergingen mit Korrekturen, Sponsorensuche, Verlagsquerelen, bis Text und Kommentar 1964 endlich in Buchform erscheinen konnten. Nabokovs philologischer Kraftakt wurde schlecht belohnt. Sowohl das Feuilleton wie auch die Fachkritik reagierten mehrheitlich negativ, es kam zu heftigen öffentlichen und privaten Auseinandersetzungen, die dem Werk zwar kurzfristig zu skandalösem Aufsehen verhalfen, dem Herausgeber als einem Puschkinisten von höchstem Rang jedoch in keiner Weise gerecht wurden..

.Dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat, ist wohl auf die nicht eindeutig bestimmbare Funktion des Nabokovschen Kommentars zurückzuführen, auf die Unklarheit also, wie und wozu das gewaltige Konvolut – ursprünglich vier Bände im Gesamtumfang von rund 2000 Seiten − überhaupt genutzt werden sollte: Als akademische Textedition? Als Lesehilfe für Studierende? Als Anleitung für Übersetzer? Als Einführung in die russische Prosodie? Als Vademecum zu Puschkins Leben und Werk? Als Handbuch zur russischen Romantik? All diese Funktionen vermag der kritische Apparat durchaus zu erfüllen, und doch bietet er, darüber hinaus, noch weit mehr. Denn nebst einer Fülle von Werkzitaten, Textvarianten, Literaturangaben, Kalenderdaten, Querverweisen und vielfältigen Referenzen lässt Nabokov in seinem Zeilenkommentar immer wieder auch eigene Deutungen, Vermutungen, Fragen, Hypothesen, Einschätzungen mitlaufen, und oft fügt er polemische Exkurse, knappe Anekdoten, selbständige Mikroessays hinzu, die sich insgesamt zu einem polyfonen Text verbinden, der auch unabhängig von Puschkins «Eugen Onegin» mit Gewinn und Spass zu lesen ist. / Felix Philipp Ingold, NZZ 24.12.

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