Donnergrollen der Seel

Quirinus Kuhlmann, der reisende Ekstatiker und Lyriker wird 350 Jahre alt. Der am 25. Februar 1651 in Breslau geborene Quirin Kuhlmann war ein wandelnder Widerspruch. äußerst begabt und belesen, hat er als Kind erhebliche Sprachschwierigkeiten. Polterer, Stotterer oder stark entwicklungsverzögert – die Quellenlage schwankt. Der Widerspruch ist auch das Element von Kuhlmanns Nachwirkung geblieben. Von seinen gut vierzig Werken sind heute gerade einmal zwei im Handel, das Frühwerk der „Himmlischen Libesküsse“ und die beiden Bücher des „Kühlpsalters“, jener Gedichtsammlung also, die das Hauptwerk Kuhlmanns darstellt. …

Der Dichter des „Kühlpsalters“ war ein fahrender Schreiber, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis auf eine Tour begab, die ihn durch Europa und Kleinasien bis hin nach Moskau führte. Kuhlmann wird in London, Paris und Amsterdam, in Genf und Lausanne, in Leiden, Edinburg und York von den höchsten Würdenträgern empfangen, aber er wird am Ende 1689 in Moskau nach monatelanger Folter zum einzigen deutschen Dichter, den man ob seiner Kunst verbrennt. / Dieter Kief, Berliner Zeitung 24.2.01

Warum

Auf die Frage, warum er vor Publikum lese, antwortete er: Erstens könne ein Lyriker vom Verkauf seiner Bücher nicht leben; und zweitens gehe manchmal ,,in den Augen der Zuhörer etwas vor, das für alle Risiken entschädigt“. .. Reiner-Kunze-CD im Hörverlag / Frankenpost 23.2.01

Chamisso-Preis für Zehra Cirak

Die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Lyrikerin Zehra Cirak erhält in München den mit 25 000 Mark dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung. Die mit je 10 000 Mark verbundenen Förderpreise gingen an Radek Knapp („Herrn Kukas Empfehlungen“, 1999) und Vladimir Vertlib („Zwischenstationen“, 1999). Die 1960 geborene Zehra Cirak wuchs in Karlsruhe zweisprachig auf. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Bildhauer Jürgen Walter, ging sie 1982 nach Berlin. Ihre erste Gedichtsammlung „Flugfänger“ erschien 1988. Seither hat sie drei Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt kam im vorigen Jahr der Band „Leibesübungen“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln) heraus. dpa / Stuttgarter Nachrichten 23.2.01

Stadtbücherei zeigt Döhl-Archiv

Ein Bildgedicht in Form eines Apfels, das aus einer Aneinanderreihung des Wortes „Apfel“ besteht, in der sich an einer Stelle ein „Wurm“ verbirgt, stellt seine bekannteste, seine einzige wirklich weithin bekannte literarische Arbeit dar. / Dietrich Heißenbüttel über Reinhard Döhl , Stuttgarter Zeitung 23.2.01

Übersetzerpreise 2001

Der arabische Dichter und Übersetzer Fuad Rifka bekommt den Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aus Darmstadt. Rifka erhält den seit 1964 verliehenen Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Libanon. Den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzungen bekommt in diesem Jahr Burkhart Kroeber. Der Münchner wird für seine engagierten Übersetzungen aus dem Italienischen ausgezeichnet. Rifka habe als Professor für Philosophie in Beirut deutsche Philosophie gelehrt und Dichter wie Rilke, Trakl, Goethe und Hölderlin in die moderne arabische Sprache übersetzt. Beide Preise sind mit 20 000 Mark dotiert und werden am 5. Mai in Freiburg im Breisgau verliehen. / Süddeutsche 23.2.01

Opium für Ovid

Die Ästhetik von Ovids „Metamorphosen“ sei der asiatischen Weltsicht näher als der abendländischen Tradition, meint Yoko Tawada. Im Japanischen gibt es bekanntlich kein selbständiges Pronomen für „ich“, auch der Begriff „Identität“ taucht allenfalls im psychiatrischen Fachjargon auf. Die buddhistische Vorstellung der Wiedergeburt kennt kein in sich geschlossenes Ich, sondern eine endlose Abfolge von Verwandlungen, auch über Gattungsgrenzen hinweg. Im christlich geprägten Europa dagegen ist jeder Mensch ein einmaliges Wesen, dessen Existenz einen Anfang und, in der Heilslehre, ein Ziel hat. Mit „Opium für Ovid“ durchbricht Yoko Tawada die Erwartung der europäischen Leser, denn alle Regeln von Kausalität und Zusammenhang sind aufgehoben. „Ich konnte dieses Buch nur auf
Deutsch schreiben. Im Japanischen hätte ein solches Experiment keinen Sinn gehabt.“ / NZZ 23.2.2001

Neue Xenien

Im Post Scriptum zu seinen „Neuen Xenien“ beruft er sich auf den alten Goethe: „Lass uns so viel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer Epoche. . .“

Wenn man B. K. Tragelehn, Schüler Brechts, Freund Heiner Müllers, der heute, [2001] um 20 Uhr, im Lyrik-Kabinett aus seinen Gedichten liest, nach der Gesinnung fragt, an der er festhält, zitiert er Marx: „Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein verächtliches und unterdrücktes Wesen ist“. Ein, wie er betont, „antiideologischer Satz“. Tragelehn, 1936 in Dresden geboren, Theaterregisseur, Übersetzer und Lyriker, hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Nöspl“ und die Distichen „Neue Xenien“, bissige Anmerkungen zur sozialistischen Dummheit und zu „Schranzler Köder Fischarping und Co“, entstanden zwischen 1959 und 1999. / Süddeutsche 22.2.01

Modernisierer

Eine andere Seite sollte man in jedem Fall Jacob Michael Reinhold Lenz abgewinnen. Denn wir lesen den radikalen Modernisierer im schlechteren Fall mit Goethes scheelsüchtigen, im besseren mit Büchners mitleidigen Augen, vor denen wir vielleicht gar noch eine Brechtsche Brille tragen.

Lenz mit den Augen der Zeitgenossen zu lesen, dies ermöglicht eine zwölfbändige Faksimile-Ausgabe, die Christoph Weiß anlässlich des kürzlich gefeierten 250. Geburtstages (12. oder 23. Januar 2001) herausgegeben hat. Nicht nur das Druckbild läßt den damaligen Blick ahnen; Weiß hat zu jedem Werk zeitgenössische Rezensionen – so umfangreich wie nirgends sonst – gesammelt, die Aufschluß geben über die unmittelbare Reaktion der zeitgenössischen Kritik. / Süddeutsche 22.2.01

,,Mein Tod macht mich unsterblich“

Rose Ausländer gilt heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, als die populärste Dichterin in Deutschland. Weit mehr als 100 Bücher von ihr sind erschienen, sie erreichten eine Auflage von 800000 Exemplaren – eine im Bereich der Lyrik sensationell hohe Zahl. Und diese Zahl wird wohl weiter steigen, denn noch sind an die 800 Gedichte unveröffentlicht. / Thomas Schuberth-Roth, Frankenpost 22.2.01

Tenebrae

Zurzeit sind die Theatergruppe Muntanellas und In Situ mit Probearbeiten zum szenischen Bild nach Paul Celans Gedicht „Tenebrae“ beschäftigt. …

… äußerste Grenze der Not, daß Celan sein Gedicht „Tenebrae“ als „eines seiner liebsten“ bezeichnete, überrascht nicht, denn es steht selbst in der Landschaft dieses bedeutenden Lyrikers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzigartig da. Es beruht auf einer Umkehrung, beziehungsweise Inversion des traditionellen Verhältnisses Gott – Mensch: „Bete, Herr, bete zu uns, wir sind nah.“ Es ist offensichtlich, das diese Celansche Inversion eine äußerste Grenze der Not und der Verzweiflung kennzeichnet, die die Existenz zu ihrer letzten Verstehensbemühung aufruft. / Die Südostschweiz 22.2.01

Bademeister

Kurzrezensionen von Jens Jessen in der „Zeit“ (22.2.) zu Gedichtbüchern von Doris Runge, Eva Corino und Richard Wagner – die letzte hier im Wortlaut:

Unter den Großen, die uns die rumäniendeutsche Literatur im Moment ihres Verschwindens geschenkt hat, neben Herta Müller, Franz Hodjak, Werner Sänner, ist Richard Wagner der Bademeister. Er führt mit Abstand den weichesten Schwamm, aber in die Wanne wirft er dann den Föhn. In seinen Versen zischt und sprüht es, doch sanft, sanft und mitten in unserm Alltag, den er sauber schamponiert.

Richard Wagner: Mit Madonna in der Stadt. Buch & medi@, München, 72 S., 29 DM

Hugo Claus

Europäische Poesie 2001 / Lyriker Hugo Claus erhält Preis

Münster – Der belgische Autor Hugo Claus erhält am 6. Mai den mit 30000 Mark dotierten Preis für Europäische Poesie 2001 der Stadt Münster.

Damit werde der 71-Jährige für seinen zweisprachigen Band „Gedichte“ ausgezeichnet, teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch in Münster mit. Claus sei „ein großer Experimentierer in Leben und Dichtung“ und ein „Selbstsucher und Selbstversucher“, lautete die Begründung der Jury. Er wechsle virtuos die Register seiner Poesie und meide das Gefällige.
Der Lyriker teilt sich den Preis mit seinen Übersetzerinnen Maria Csollany und Waltraud Hüsmert. Mit dem Poesiepreis würdigt die Stadt Münster seit 1993 alle zwei Jahre ein dichterisches Werk und dessen eigenständige Übersetzung. Die Preisträger im Jahr 1999 waren Gellu Naum und Oskar Pastior. / Kölner Stadt-Anzeiger 21.2.01

13. Restaurierung des guten alten Kunstschönen

Restaurierung des guten alten Kunstschönen. „Gedicht und Gegenwart“

Graziendienste beim 18. Römerbad-Colloquium in Badenweiler:
Einen Rekord an emphatischem „Graziendienst“ stellte gewiss Iso Camartin auf, als er die Schönheits-Sucht Charles Baudelaires und Giuseppe Ungarettis pries, ohne indes die Destruktionsenergien, Hass- und Hässlichkeits-Litaneien der modernen Lyrik in Betracht zu ziehen. Benns Gang durch die „Krebsbaracke“ wurde ebenso ignoriert wie die lyrischen Schönheits-Vernichtungsstrategien des späten Ernst Jandl und des weltverfluchenden Rolf Dieter Brinkmann. Stattdessen verkündete man die entlastenden, die frohen Botschaften eines sozialverträglichen Humorismus (Robert Gernhardt) oder die fernen Gesänge eines Walther von der Vogelweide (Peter Wapnewski). / Michael Braun FR 21.2.01

Die Fähre

Die Berliner Lyrikerin Elke Erb sprach in Freiburg über das Gedicht „Die Fähre“ des Weimarer Lyrikers Wulf Kirsten:

„Dichter erklären Dichter“ – so heißt eine Reihe, die die Badische Zeitung, das Studium generale der Universität und die Buchhandlung Rombach im Freiburger BZ-Haus an der Bertoldstraße veranstalten. Nach Walter Helmut Fritz war war die Berliner Lyrikerin Elke Erb zu Gast. Sie beschäftigte sich – bei vollbesetztem Saal – mit dem Gedicht „Die Fähre“ des Weimarer Dichters Wulf Kirsten. Ihren Vortrag drucken wir auf dieser Seite nach.

Mit meinen Augen gelesen ist unterwegs, unterwegs sein: nicht hier und nicht dort sein: Da ich ankomme bei diesem Gedicht im Buch, von den anderen Gedichten her und zu den folgenden Gedichten hin, und vermutlich auch selbst schon den Sinn auf die Bewegung gerichtet halte, bin ich in meinem Sinn und mit dem ersten Wort so prompt und so ausschließlich unterwegs, daß ich mir nicht Zeit nehme, mich zu besinnen, unterwegs heiße doch: nicht mehr hier und noch nicht dort. Und ich überrenne auch jetzt, dass diese Formel: nicht mehr hier und noch nicht dort – zu einer Parabel dienen könne – samt der im Gedicht folgenden Begebenheit – zu einer Parabel dienen könne für den Wechsel von einer Gesellschaft in die andere, den missglückenden Wechsel. /Badische Zeitung 21.2. 2001

Korrespondenz

Die künstlerische Korrespondenz zwischen Paul Celan und seiner Frau. Erlangen (DK) Wo die Kunst in vollkommener Abstraktion sich weit von der Wirklichkeit entfernen kann, bleibt die Sprache und sei sie noch so poetisch überhöht der Realität verhaftet. Der lyrische Gestus eines Gedichts von Paul Celans, einem der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts, wird immer noch auf nachvollziehbare reale Entsprechung verweisen. Aber gerade in dieser lyrischen Überhöhung ist die geschriebene Sprache der Kunst, dem Bild am nächsten, zumal dann, wenn Sprachkünstler und Bildkünstler in eine ganz persönliche, ja intime Korrespondenz treten / Donau-Kurier 20.2.01 – siehe auch Nürnberger Zeitung 26.2. (Christian Mückl)