85. Gedichte aus dem Buchenland

Alfred Margul-Sperber, 1897 im österreichisch-ungarischen Bukowiner Städtchen Storozynetz geboren, ist vor allem als eine Art Standbild bekannt. Als jener bebrillte, nicht allzu gelenke Zweimetermann, der, auf einem alten Foto in einer Celan-Biographie, in einem hellen Trenchcoat neben dem kleinen Dichter Moses Rosenkranz durch Paris spaziert. Buchalterssohn Sperber, der den Mädchennamen seiner Mutter nach deren Tod ehren wollte und von 1927 an für das Czernowitzer Morgenblatt als literarischer Korrespondent tätig wurde, war nicht nur ein entschiedener Förderer Paul Antschels, wie der dreiundzwanzig Jahre jüngere Celan hieß, als die beiden sich 1945 kennen lernten.

Der zweitbeliebteste Grund, den offensichtlich notorisch großherzigen Riesen zu kennen, ist seine Funktion als Herausgeber der legendären Lyrik-Anthologie „Die Buche“, in der Margul-Sperber Mitte der dreißiger Jahre drei Dutzend Autoren aus der Bukowina versammelte. Dass es diese „Anthologie deutschsprachiger Judendichtung“ damals nicht geben konnte – noch im Dezember 1938 schickte Schocken aus Berlin eine Absage aufgrund „der Verhältnisse“ – und vor allem, dass sie bisher noch immer nicht vorlag, macht nun ihr um gut sieben Jahrzehnte verspätetes Erscheinen zu einer kleinen editorischen Sensation.

Der Ruf der Anthologie rechtfertigt sich nicht zuletzt aus ihrer damaligen Wegweiser-Funktion. Margul-Sperber war auch einer der Entdecker von Rosalie Scherzer, verheiratete, dann geschiedene Ausländer. Als Sperber sie in seine Anthologie aufnahm, war noch nicht einmal ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“ (Bukarest 1939) erschienen, und auch Paul Antschel, der in eine spätere Fassung der geplanten Sammlung aufgenommen werden konnte, durfte zu diesem Zeitpunkt von seinem Erstling „Der Sand der Urnen“ erst träumen.

Doch es geht nicht bloß um die bekannten Namen. In der Auswahl, die George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth als Publikation des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas jetzt schön gestaltet und sorgfältig kommentiert haben, sind zwei der im Bukarester Nachlass von Margul-Sperber aufgefundenen Fassungen mit teils weitgehend unbekannten Autoren vereinigt. Eine erste, frühe und eine späte. Von der Lo Jaslowitz – vielleicht die nachmalige Scherenschneiderin Lo shuee-jü? – waren nicht einmal die Lebensdaten zu eruieren. Von anderen, wie Salome Mischel-Grünspan oder Klara Blum, die nach China kam und als Lhu Bhailan Gedichtbände mit Scherenschnitten von Lo shuee-jü veröffentlichte, kann Peter Motzan in seinen kenntnisreichen Kurzbiographien ganze Romane erzählen. …

Eine wichtige Leistung der jetzt erschienenen „Buche“ sind neue Fakten und drei wenig bis unbekannte Aufsätze von Margul-Sperber, die, 1928 bis „nach Hitlers Machtergreifung“ geschrieben, den nicht nachträglich stilisierten, auf einer jüdisch-deutschen Position beharrenden Charakter des Unternehmens zeigen. Ein Aufsatz trägt den schönen Titel „Der unsichtbare Chor“.

Klar wird darin jedoch auch, dass die Bukowina nicht unbedingt ein gesegnetes Bücherland war. So gab es, laut Margul-Sperber, Ende der zwanziger Jahre kaum Verlage, wenige Bücher. Einem ansonsten aktiven, vor allem von deutschsprachigen Juden betriebenen Czernowitzer Kulturleben, das bis 1933 einen „Deutschen Theaterverein“ kannte, standen am Ende die deutschen Tageszeitungen, derer es in der 110·000 Einwohner-Stadt viere gab, als einzige Möglichkeit zur Veröffentlichung von Lyrik zur Verfügung. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 11.1.

ALFRED MARGUL-SPERBER: Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009. 469 Seiten, 28,50 Euro.


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