16. Meine Anthologie: Fremdartig

Orhan Veli Kanık

Quantitativ


Ich liebe schöne Frauen.
Ich liebe auch die Arbeiterinnen.
Die schönen Arbeiterinnen
Liebe ich noch mehr.


Quantitatif


Güzel kadınları severim,
İşçi kadınları da severim.
Güzel işçi kadınları
Daha çok severim.

In: Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Deutsch von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt/ M.: Dağyeli 1985, S. 38/39.

Ich kann auf Türkisch nur radebrechend „ikí espresso“ bestellen, zwei Espresso. Aber die Übersetzung scheint wenig befriedigend. Die Sprachen sind zu wenig kongruent. Im türkischen Original herrscht eine hör- und sichtbare Struktur. 3 / 4 / 3 / 3 Wörter pro Zeile, unter den 13 Wörtern je dreimal kadınları und severim, je zweimal güzel und işçi. Metrum und Reim sind so nichts Äußeres, sondern ergeben sich von allein aus der Wortfolge. Rainer Kirsch hat einmal vorgeschlagen, chinesische Gedichte nicht in zweitklassige romantisch-deutsche zu übertragen, sondern die Verse dem Chinesischen numerisch und in der geringeren Determiniertheit nachzubilden, also zB in einem klassischen Gedicht im Idealfall je fünf unflektierte und kaum verbundene Wörter pro Zeile:

Bett vor hell Mond Glanz (Li Bai) (5 Wörter / 5 Silben)

statt:

Vor meinem Bette / ich Mondschein seh (A. Forke) (6 / 9)

In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz / Malte der Mond auf meine Lagerstätte (Hans Bethge) (13 / 21)

Vor meinem Bette heller Mondenglanz (Otto Hauser) (5 / 10)

Mondlicht sah ich vor meinem Lager (Hans Schiebelhuth) (6 / 9)

Man solle einmal eine ganze Sammlung solcher Rohübersetzungen drucken, schlug Kirsch vor. Vielleicht fände sich irgendwann jemand, der damit etwas anfangen könnte.

Das hat, soweit ich sah, keiner gemacht. Vielleicht nicht nur an kaufmännischem Kalkül scheiternd, sondern gar mehr noch an der Arroganz der Fachleute? Könnte ich mir denken. (Ich verrate ein Geheimnis der Wissenschaft: die die Dinge verstehen und uns erklären, mögen das Selberdenken der Amateure garnicht.)

Für unser Gedicht versuche ich Analoges:

Schöne Frauen lieb-ich,
Arbeiter Frauen auch lieb-ich.
Schöne Arbeiter Frauen
Mehr noch lieb-ich.

Das ist verständlich, für meinen Geschmack auch poetisch. Es ist fremdartig, klar: schließlich stammt es aus der Türkei (und sogar aus einem Gedichtband, der ebenden Titel trägt).

(Gibt es in der nahen Ferne des WWW Liebhaber türkischer Poesie, die mir ihre Lieblingszeile oder Strophe so – erklären?)

7 Comments on “16. Meine Anthologie: Fremdartig

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  2. und trotzdem – zeigen sie mir mal ein aufregendes türkisches gedicht – ein stück davon? ein anderes, mein ich: das es vielleicht noch nicht deutsch gibt?

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  3. lieber michael gratz,

    grundsätzlich finde ich die übersetzung wie sie im band vorliegt so schlecht nicht, da sie das schlichte in velis gedicht sehr gut wieder gibt, tatsächlich folgt velis gedicht ja dem normalen türkischen satzbau, verändert man das gedicht in der übertragung artifiziell (ins fremdartige, wie sie schreiben), dann verläßt man auch velis poetik. mir scheinen hier nur die artikel (die es im türkischen nicht gibt und so fürs deutsche immer eine übersetzerische frage darstellen) überflüssig: insofern:

    Ich liebe schöne Frauen. / Ich liebe auch Arbeiterinnen. / Schöne Arbeiterinnen / Liebe ich noch mehr.

    mit besten grüßen aus ankara
    achim wagner

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    • Lieber Achim Wagner,
      danke für Ihre Hinweise. Sie haben sicher recht – ich sagte ja, ich verstehe kein Wort Türkisch, oder zwei. Wenn Sie so wollen, erkunde ich eine mir fremde Sprache. Das interessiert mich immer, wie ein Text in einer fremden Sprache funktioniert, bzw wie die Sprache funktioniert. ZB wenn man keine Artikel hat, wie auch in slawischen Sprachen, funktioniert eben manches anders. Was im Original offen ist, wird automatisch festgelegt, oder noch schlimmer: willkürlich. (Das Phänomen gibts natürlich auch bei nahverwandten Sprachen. Roman Jakobson hat das beobachtet beim Tschechischen, als er darüber nachdachte, warum tschechische Puschkinübersetzungen nicht funktionieren. Die grammatischen Kategorien gehen auseinander, Aktiv wird Passiv usw….) Tatsächlich störte mich eben in dieser Übersetzung, daß sie einmal mit und einmal ohne Artikel operiert. Ihre Version ist meines Erachtens deshalb besser.
      Aber es ging mir hier gar nicht darum, dem Gedicht gerecht zu werden, sondern es mir verständlich zu machen, mir sozusagen einzuverleiben. Das türkische Gedicht, nicht seine Eindeutschung. Natürlich ist das chinesische Gedicht dem Chinesen eher vertraut, dem Europäer doch aber nicht. Man kann also entweder das Chinesische verdeutschen oder das Deutsche verchinesischen, Benjamin hat darüber geschrieben. Beides sind legitime Verfahren. Für mich keine Frage, bei der man sich entscheiden müßte, es gibt eben immer das Spiel der Möglichkeiten. Ist das nicht auch eine Chance? Ein Regisseur sagte mal: Ihr Deutschen habt es gut, ihr könnt den Shakespeare übersetzen. Usw. Ich liebe Bücher mit vielen Übersetzungen des gleichen Textes nebeneinander. Darunter können dann auch verspielte, meinetwegen verrückte sein. Die Chlebnikowausgabe Peter Urbans war so ein Schatz, ich konnte sie erst in den 90er Jahren kaufen, vorher nur per Fernleihe im Lesesaal (mit Abschreiben statt Kopieren). Da fehlten leider nur die Originale, aber sonst gabs den gleichen Text manchmal von Jandl, Celan, Pastior oder so gleichzeitig! Und dann „phonetische Oberflächenübersetzungen“. Ich glaube, Jandl hat das Verfahren erfunden, wenn es nicht auch schon älter ist. Es gab auch mal ein Heft des Poesiealbum, das so experimentell mit Petrarca verfuhr (und hier muß ich an natürlich an Oskar Pastiors Umgang mit Petrarca denken). Oder Rudolf Borchardt, der Dante in ein erfundenes Idiom zwischen Neu- und Mittelhochdeutsch übertrug, das klingt gut, das klingt so: „Athen und Lazedêmon, die beschieden/ uralt gesetz, und ihre stadt war edelest:/ klein ist um wolfahrt ihr verdienst hie nieden/ Gein dir, die also künstereiche fädelest/ verordnung…
      Die Stelle bei Otto Gildemeister:
      „Athen und Sparta, die in Griechenland/ Gegründet das Gesetz und Ruhm gewonnen,/ Sie halten gegen dich nur niedren Stand./ Du hast so feine Satzungen ersonnen…“
      Und bei Paul Pochhammer: „Wenn Sparta und Athen ich dir vergleiche –/ Wie übertriffst du sie doch himmelweit!/ Fahr fort, auf daß dir jede andre weiche,/ Zum mindesten doch an Beständigkeit.“
      Das und die vielen andern sind eben Dante deutsch (oder Dantedeutsch: analog zu dem Wort Petrarcadeutsch, das ich mal für einen Vortrag erfunden habe, oder zumindest glaube…). (Dantedeutsch: fehlt nur noch der dadaistische Dante, den Mandelstam entdeckt hat. Das ist auch noch eine ungeheure Welt, Mandelstams Dante…)
      Auch bei Gertrude Stein ist das experimentelle Nachdichten inzwischen praktiziert worden. –
      Im übrigen halte ich meine experimentelle Fassung zwar für fremdelnd, aber irgendwie schlicht doch auch? Das Deutsche vertürkischen?! –
      Also provozieren Sie mich nur weiter, dann erfinde ich mir noch eine türkische Poesie! Es sei denn, Sie geben mir eine schöne Stelle in Ihrer Fassung…
      Herzlich, Michael Gratz

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      • ein lächeln, es stimmt – natürlich – was sie schreiben, und gegen dieses grundsätzliche mag ich auch gar keinen einspruch erheben, auch nicht gegen ihre fassung, ich arbeite ja selbst sehr gerne mit mir sprachfremden texten, und das sehr freizügig, experimentell, nur mag ich eben den übersetzerischen ansatz im garip-band, für veli, ganz gerne, da er – für mich – velis dichterisches anliegen, mit den zu seinerzeit herrschenden poetiken zu brechen, sehr gut trägt, ihn eben in eine meinem verständnis dafür entsprechende sprache transportiert. das deutsche zu vertürkischen, in dem man den aufbau der fremdartigen sprache direkt überträgt: aber ja! die gesuchte schöne stelle: sie findet sich schon in der originalübertragung (artikel hin oder her), meine ich, sie liegt in diesem leichten, bohemienhaften und unverstellten humor des gedichts, und – meiner meinung nach – zielt velis original darauf ab… herzlich und gänzlich unprovokant… achim wagner

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