Zu spät

Günther Schiwy meint in seiner voluminösen Eichendorff -Biografie, dieses „zu spät“ sei „das beherrschende Lebensgefühl“ des Dichters gewesen und liefert für diese Ansicht eine Fülle überzeugender Belege. Das Bild, das man sich in Deutschland von dem 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor (Oberschlesien) geborenen Joseph von Eichendorff gemacht hat, gründet sich nicht auf seinem Gesamtwerk, sondern auf einer Auswahl: Etwa zwei Dutzend Gedichte, den „Taugenichts“ und noch zwei weiteren Erzählungen und die Romane „Ahnung und Gegenwart“ (1815) und „Dichter und ihre Gesellen“ (1834). / Die Welt 10.2.01

Stein aus der Neuen Welt

Dieser Band enthält ältere, bislang unübersetzte und neueste Gedichte Ryszard Krynickis. Mit einer kontrapunktischen Zusammenstellung nimmt „Stein aus der Neuen Welt“ eine ganz besondere Akzentuierung vor: Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die existentialphilosophische Fragestellung im Werk von Ryszard Krynicki, die für seine Lyrik mindestens ebenso sehr von Bedeutung ist wie das politisch-gesellschaftliche Engagement. / Süddeutsche Zeitung 10.2.01

Ryszard Krynicki: „Stein aus der Neuen Welt.“ Gedichte. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Rospo Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3930325330, Gebunden, 76 Seiten, 37.00 DM

Semiotischer Patriot

Eine neue Auswahl des italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti, „dessen Werk wohl nach Nazi-Maßstäben als entartet gegolten hätte und der doch von Mussolini so geschätzt wurde, dass dieser ihn zum Pressesprecher im italienischen Außenministerium machte. Wehle findet für Ungaretti den schönen Begriff „semiotischer Patriotismus“, der den Dichter ins Zwielicht und um den Nobelpreis gebracht habe. Dennoch habe die Sprache seiner Verse allen Prüfungen standgehalten und sei später sogar von Paul Celan, Ingeborg Bachmann und Hilde Domin ins Deutsche übertragen worden“ (Perlentaucher) / FAZ 10.2.01

P. Kirchheim Verlag, München, 2000, Broschiert, 159 Seiten, 29.90 DM . übersetzt von Michael von Killisch-Horn unter Mitarbeit von Angelica Baader

Perl Poetry

Perl, C+ oder PASCAL als Text: Statt von Internet-Literatur zu schwafeln, sollte man regelästhetische Kriterien für eine literarische Qualität des Computercodes definieren. Überhaupt scheint die Programmiersprache PERL die größten literarischen Eigenschaften aufzuweisen: Als eine der flexibelsten Computersprachen verzeiht sie ihren produktiven Missbrauch in hohem Maß. Immer beliebter wird daher das Schreiben so genannter Perl Poetry. Als Pionierin dieser Kunst gilt die Amerikanerin Sharon Hopkins, die seit 1992 Perl-Gedichte verfasst: Inzwischen veranstaltet das „Perl Journal“ regelmäßige Poesie-Wettbewerbe. Die Teilnehmer können dabei sowohl traditionelle Gedichte in die Computersprache „übersetzen“ als auch Programme schreiben, die Gedichte erzeugen, sowie Haikus oder Limericks über PERL schreiben. Die interessanteste, weil gewissermaßen autonomste Variante dieser Computer-Poesie ist allerdings das Erstellen von Perl-Gedichten, die sowohl textlich poetische Qualitäten aufweisen wie auch als Programme funktionieren. Texte dieser Art könnte man nach der formalistischen Definition von Roman Jakobson ohne weiteres eine poetische Funktion zusprechen: Der Code selbst wird zum Thema des Textes, dessen Bestandteile nach ästhetischen Gesichtspunkten kombiniert werden. / Süddeutsche Zeitung 9.2. 01

Slowakischer poet maudit

Weil es so selten geworden ist, muß man es hervorheben: Im Literaturteil der „Zeit“ wird ein Gedichtband des slowakischen Lyrikers Ján Ondruš ausführlich besprochen. Ein beachtenswerter Autor, der endlich auch auf Deutsch zu lesen ist (bisher nur norwegisch und bulgarisch). Über ihn erfahren wir in Hans-Peter Kunischs Besprechung, daß er mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen war und daß sein Leben und Schreiben Vergleiche mit Robert Walser nahelegen. „Der das Stolpern und den Wahnsinn mittels Sprache zur mal schweren, tiefen, aggressiven, mal heiter-leichten Tanzfigur gemacht hat.“ Und der sich – als einer der wenigen zu Recht, so der Autor – in die Tradition der poets maudits eingereiht hat. / Die Zeit Nr. 7 vom 8.2., S. 45 (Literaturteil).

Die Besprechung findet sich leider nicht in der Online-Zeit – und wird – leider hoch zwei – sogar im Inhaltsverzeichnis unter der Rubrik „Politisches Buch“ versteckt. Ist aber ein Dichter! (Und heißt, leider hoch drei, auch nicht Ondruc. Aber sonst stimmt’s!)

Ján Ondruš „Ein Hut voll Wein“ Deutsch von Angelika Repka. Edition Thanhäuser, Ottensheim 2000, 40,- DM

Rose Ausländer

Die Dichterin Rose Ausländer war während des Zweiten Weltkrieges mehrere Monate wegen angeblicher Spionage in sowjetischer Haft. Das sollen neue Geheimdienstprotokolle beweisen, die osteuropäische Wissenschaftler bei einem Symposium zu Leben und Werk Ausländers in Ludwigsburg präsentierten. Die Schriftstellerin hatte über die Monate im Gefängnis stets geschwiegen. Bekannt wurden in Ludwigsburg zudem vier bisher unbekannte Gedichte Ausländers. /dpa 7.2.01

Zuflucht

Ales Rasanau, Dichter aus Weißrussland, hat in Hannover Zuflucht gefunden. Am Montag wurde er im Rathaus empfangen.
„Es ist, als wäre ein riesiges Netz gespannt, das mich von Himmel und Erde trennt“, schildert Ales Rasanau seine Situation als Schriftsteller in Weißrussland. Das Gefühl, beobachtet und am Telefon belauscht zu werden, Briefe und Pakete oft geöffnet und teilweise gar nicht zu erhalten, bedrohe nicht nur seine Familie, es belaste ihn auch künstlerisch: „Ich kann nicht mehr mit dem Himmel kommunizieren“. / Neue Presse 7.2.01

Bedrohung

Ales Rasanau, Dichter aus Weißrussland, hat in Hannover Zuflucht gefunden. Am Montag wurde er im Rathaus empfangen.

„Es ist, als wäre ein riesiges Netz gespannt, das mich von Himmel und Erde trennt“, schildert Ales Rasanau seine Situation als Schriftsteller in Weißrussland. Das Gefühl, beobachtet und am Telefon belauscht zu werden, Briefe und Pakete oft geöffnet und teilweise gar nicht zu erhalten, bedrohe nicht nur seine Familie, es belaste ihn auch künstlerisch: „Ich kann nicht mehr mit dem Himmel kommunizieren“. / Neue Presse 7.2.01

„Spionin“

Die Dichterin Rose Ausländer war während des Zweiten Weltkrieges mehrere Monate wegen angeblicher Spionage in sowjetischer Haft. Das sollen neue Geheimdienstprotokolle beweisen, die osteuropäische Wissenschaftler bei einem Symposium zu Leben und Werk Ausländers in Ludwigsburg präsentierten. Die Schriftstellerin hatte über die Monate im Gefängnis stets geschwiegen. Bekannt wurden in Ludwigsburg zudem vier bisher unbekannte Gedichte Ausländers. / dpa 7.2.01

Heinz Kahlau 70

Heinz Kahlau, Dichten gegen die Kälte. Zum siebzigsten Geburtstag des Lyrikers. / Katrin Hillgruber Tagesspiegel 6.02.2001 – Der Lyriker und Autor Heinz Kahlau feiert heute seinen 70. Geburtstag / Volker Müller Berliner Zeitung 6.2.01

Wilde Biographien

Debatte über „wilde“ Biographien u.a. mit Beiträgen von Uwe Kolbe und Ulrike Draesner / Perlentaucher

Just how good is he?

Never mind the misogyny and homophobia, Eminem is a brilliant poet. As the controversial rapper heads for Britain, Giles Foden explains why he belongs in the pantheon of literary greats.

The man is in town this week, and on the Nokia message board they’re asking, „Does anyone know how to get Stan as a ringer tone?“ Which is all very postmodern and interesting, since the hit song overtly references the brave new world of telecommunications: „Dear Slim, I wrote you but you still ain’t callin‘ / I left my cell, my pager, and my home phone at the bottom . . .“

… But who is he, really? Like the Portuguese poet Fernando Pessoa, with his quiverful of pseudonyms, like the coy Eliot of Prufrock, or Walt Whitman’s Song of Myself – „Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes)“, Eminem is a multiple, elusive experience, one that folds about itself like his near-palindromic name (from Marshall Mathers: M ’n‘ M). / Giles Foden Tuesday February 6, 2001 The Guardian

Streit um Zbigniew Herbert

In Polen streitet man sich um den Dichter Zbigniew Herbert
Zu seinen Lebzeiten war Zbigniew Herbert ein souveräner Kopf, der es sich und der Umwelt nicht leicht machte. Die jetzige Auseinandersetzung über die politischen Ansichten des Lyrikers ist seiner vielfach nicht würdig. – Querdenker, die nicht in politische Rechts-Links-Schemata passen, laufen oft Gefahr, voreingenommen oder selektiv rezipiert zu werden. Das gilt besonders für jene Charaktere, die trotz oder wegen ihrer intellektuellen und künstlerischen Genialität im Umgang mit der Öffentlichkeit und ihren Mitmenschen eher schwierig sind. Teile ihrer Biographie und ihrer öffentlichen Äußerungen werden verschwiegen oder umgeschrieben. Man ordnet sie politischen Milieus zu, denen sie nicht angehörten oder nicht angehören wollten. Der 1998 gestorbene polnische Dichter war einer dieser Intellektuellen, die es sich und ihrer Umwelt nie leicht gemacht haben./ NZZ 5.2.01

Gerettete Texte aus dem Stasi-Staat

Eine literarische Reihe widmet sich Jürgen Fuchs:

Von Udo Scheer: Jena. Wohl nicht zufällig eröffnete jetzt Edwin Kratschmer, einer der wichtigsten Multiplikatoren für gesellschaftlich engagierte Literatur im Osten Deutschlands, die neue Buchreihe „Gerettete Texte“ mit dem frühen Gedichtzyklus „schriftprobe“ von Jürgen Fuchs. Im Umfeld des kürzlichen 50. Fuchs-Geburtstages (19. Dezember) des im Mai 1999 an Blutkrebs gestorbenen Schriftstellers und DDR-Bürgerrechtlers liegt damit erstmals ein Markstein seines lyrischen Frühwerks vollständig veröffentlicht vor (Schriftprobe, VDG Verlag, Weimar, 48 Seiten, 14 DM). /Nordwest Zeitung 3.2.01

Petersilie

In ihren Tagebüchern versammelt Marie Luise Kaschnitz viele um den Tod kreisende, auf dem Land spielende Geschichten, die gerade im Makabren religiöse Obsessionen offenbaren. Eine von ihnen lautet: „Connie“, erzählt aus Schloss Dorf in Österreich. Als die Schlossherrin gestorben war, musste der Sarg zugelötet werden. Die Tochter saß bei C. und hielt sich die Ohren zu. Es dauerte aber lang, hörte nicht mehr auf. C. ging nachsehen, es stellte sich heraus, dass man (Kriegszeit) alle defekten Blechgegenstände, Gießkannen usw., in die Kapelle gebracht hatte. Die Krankenschwester hatte, weil Winter war, nichts Grünes gefunden, der Toten ein Kränzchen im Sarg zu machen, und schließlich Petersilie gepflückt. Aber die alte Köchin, die für den Leichenschmaus viele Gäste zu versorgen hatte, holte ihr diese Petersilie empört wieder aus dem Sarg. / NZZ 3.2.01