97. Chablis und Lyrik

Manchmal ist das Alltägliche mir zuviel. Da warf mir vorhin mein Computer meinen Chablis-Text, Thema Gedichte, auf den Monitor. – – – – Chablis ist eine Gemeinde in der Region Burgund (Frankreich). Der dort angebaute Wein ist fruchtig, trocken und von einer erfrischenden Säure. Chablis hat meist eine grün-goldene Farbe. – Chablis war auch der Nick eines online-Freundes. Meine Zeilen über LYRIK an Chablis setze ich hier drunter.
*
In einem Punkt hast du Spürsinn gezeigt, Chablis und ins Schwarze getroffen. Du „rügst“ die Zeilen

Orangen sind in der Orangerie,
Spargel in Buntblechdosen.
Der Fürst hat um ein Gedicht gebeten.
Huldvoll hält es die Maitresse
in den von Sünde durchscheinenden Händen.

– Ja, diese Zeilen sind ein Fremdkörper. Ich habe sie, aus anderem Zusammenhang, ins Gedicht hinein genommen. Das ist ein bekanntes Verfahren. Man nennt es Montage. – Der Fremdkörper tritt durchaus zum vorangegangen Teil des Gedichts in Beziehung. Um einen solchen Sprung mitzumachen, ist der Leser gefordert, beweglich zu sein. Er hat ja bereits unterschiedliche Gedanken und Bilder mitgedacht. Er hat den Titel „Eine Straße für uns“ aufgenommen. Dann kam das Drehkreuz, die Wiederholung. Die Tretmühle, das Laufrad. („Und täglich grüßt das Murmeltier“, Filmkomödie mit Phil Connors).

– Die Chausseebäume, die verschrumpelnden Äpfel, oder sind es alte Männer, die da baumeln? Es gibt auch köstliche Dinge, wie Spargel, in Buntblechdosen. Oder jene Geliebte des Fürsten, die um ein Gedicht gebeten hat. Auch für sie mag es (in all den Wiederholungs-Sünden) ein Verlangen, eine Sehnsucht geben nach „eingefangenem Licht“, und wenn, – in einem Text.

– Eine Zeile des Gedichts „umfängt“ etwa das, was man in einem Atemzug sagen kann. Deshalb, Chablis, sind Satzzeichen wie Komma und Punkt am Ende einer Gedichtzeile unnötig. Die folgende Zeile hat ja ihren eigenen neuen Anhub (Atemwechsel). Möglicherweise bist du durch und durch eine prosaische Natur. Man muss, Chablis, um der Lyrik zu begegnen, sich loslassen können. Gedichte sind Gebilde, in denen Worte (auch durch ihre Nachbarschaft) in einer ganz eigenenWeise heran strömen, wobei sie durch Rhythmus, im Tempo (oder in Verzögerung) Bedeutungs-Ebenen schaffen. Ein Gedicht, im Voranschreiten, kann sich entfalten und dabei quasi „sich selbst aufladen“. Es wird zum Träger energetischer Phänomene, die auf den Leser übergehen. Dabei ist das Gedicht oft wie eine Partitur, die erst der Leser, in einem sinnlichen Prozess und in eigenem Zutun des produktiven Assoziierens zum Klingen bringt. Eine Aneignung.

– Du hast versucht, Chablis, dem Verstehen des Gedichts näherzukommen, indem du die Zeilentrennung aufhebst. Damit zerstörst du die zarte Gestalt der Lyrik. Ein Gedicht ist ein kurzer Text in einem zerbrechlichen Gehäuse. Und doch hat das Gedicht Kräfte, ja vibrierende Energie in sich. Ezra Pound hat gesagt, ein Gedicht müsste bis zum Äußersten mit Sinn „geladen“ sein.

– Ich bin dir dankbar, Chablis für deine Stellungnahme. Erst im Austausch werden wir den Dingen näherkommen. Ich fürchte aber, dass du meinem Text nicht locker genug gegenüber trittst. Da schlingt sich ein Wortband in den Raum. Es bläht sich durch die Stube, flattert aus dem Fenster, Wände und Grenzpfähle gibt es nicht mehr. Die Leser empfangen Laute, Bedeutungskörper, Signale, Zeichen. Je sinnlicher die Zeichen sind, je bunter, je schwingender sie sich zu einem Dauerton formen, der lauter Variable hat, um so eher taucht der Leser ein. – So ein Eintauchen ist wie eine Schwimmstunde in der „Ursuppe“. Unser Zwischen-, unser Unter- und das Unbewusstsein, sie werden angesprochen.

– Deine Assoziationen zeigen, dass du nicht nur schnupperst, Chablis, – sondern anbeißt. Es zwickt und zwackt dich. Du fühlst Leerstellen. Da sind Löcher und Nischen im Text und niedliche Nebenhöhlen mit zauberhaften Erotik-Geistern. Ein Wassermann mit Schwarzenegger-Figur tritt aus der Wand und alles ist nicht mehr so, wie in einem Büro, einem Raumschiff, einer Feinstahlküche oder bei einem Stehempfang.

– Ein Gedicht, Chablis, kann in sechs Zeilen „eine Welt“ enthalten.

– Ja, der Kontext, in dem Worte stehen. Moderne Interpreten sind da schnell bei der Hand. So sehen sie bei Shakespeare in seinem 329-Zeilen-Poem „A Lover’s Complaint“ in einem grossen „O“ am Anfang einer Zeile schon das Zeichen für Öffnung, für Lustwünsche. Das führt mich zu einer erstaunlichen Gabe des Gedichts, nämlich bei aller Kürze in wenigen Worten eine Welt, eine dramatische Lebens- oder Liebes-Realität hinzustellen.

– Erich Fried mochte ein Gedicht Rilkes (Nonnen-Klage) besonders, in dem es heißt
„Denk, so kann es vergehn / das Leben / im täglichen Schalle, / ist nicht jede wie jede / wenn nicht irgendein Biß / eine Schramme zurückläßt?“

– Interessant ist, dass man sich oft an einzelnen Gedichten stört, sie aber nicht ganz zur Seite schiebt. So musste ein Redakteur immer wieder böse Leserbriefe beantworten. Er solle keine Sachen mehr von Robert Walser bringen. Man ärgere sich, hieß es, und beim nächsten Mal könne man dann doch nicht davon lassen, sie zu lesen. –

– Robert Walser kam aus Biel (Schweiz), er starb 1956 in Herisau. Seine Bücher werden bei Suhrkamp ständig nachgedruckt. Nobelpreisträger schrieben über ihn. – Hier ist eins seiner Gedichte. Viele hielten es für „übergeschnappt“. Mich reißt es hin.

Was fiel mir ein?
Wie kühl ist mit der Zeit das Herz
mir geworden! Habe ich den Schmerz vergessen,
der eigentlich das Sonnigste des Lebens ist,
woran ich mich erquickte, wie ich noch an keinem
Vergnügen hing? Wann ging die feine Stäubung
dem Schmetterling in mir verloren?
Wann fing es an, wann, wo begann, was mich
entfärbte?
(Robert Walser)

Und damit ENDE, Chablis

/ Wilhelm Fink, Hamburg – www.unterholz.com

2 Comments on “97. Chablis und Lyrik

  1. eins fehlte noch, wenns auch nur eine Anekdote ist. Ein Student wirft dem Philosophen vor, was er vortrage, vertrüge sich nicht mit den Tatsachen.
    Hegels Antwort –

    um so schlimmer für die Tatsachen !

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  2. Zum Thema hier ein ergänzender Hinweis. weise ich auf ein Buch hin:

    „Montaigne, die Imagination und die Kunst des Essays“ – von Karin Westerwelle.

    Montaigne lesen? Was bei ihm offene Form ist, in Bruch und Sprung der einzelnen Anschauungen,- es regt uns zur dynamisch-imaginativen Lektüre an. Karin Westerwelle folgt obsessiv dem roten Faden. Sie insistiert, sie umschleicht ihr Thema wie eine Löwin. Sie macht Umwege, kehrt immer wieder zu Phantasie und Imagination zurück.
    Montaigne bezeichnet seine Essais als fantasies. Wenn die Dinge der Welt in ihrem Sein nicht erkennbar sind, wie kann sich dann das Ich darstellen? Die Flüchtigkeit des gegenwärtigen Moments und die subjektiv gebundene sinnliche Sicht sollen zur Sprache kommen. Bilder der Vorstellung werden entworfen. Sie wirken durch die künstlerische Qualität des Stils.
    Karin Westerwelle stellt hohe Ansprüche an den Leser. Es geht um zentrale Dinge. Dynamik, Konzentration, energetische Potenzen. Die imaginative Potenz des Menschen. Donald Ph. Verene, »VICOS Wissenschaft der IMAGINATION« rät uns, in unaufgelösten Gegensätzen zu denken. Die Phantasie hat, wie er sagt, unsere Welt hervorgebracht. Eine an Descartes orientierte Wissenschaft, die in rationaler Beschränkung verharrt, ist nicht befähigt, für uns die Welt zur Gänze zu erfassen (Verene). Sie kann es schon deshalb nicht, weil die Welt (nach Vico) das Ergebnis der menschlichen Imagination ist. Diese Imagination hat realitätsbildende Kraft. Über die Schlüsselfunktion der Phantasie sagt Nietzsche: »Wir lernen, wie es die Philosophie zu allen Zeiten gemacht hat, wenn sie zu ihrem magisch anziehenden Ziele über die Hecken der Erfahrung hinweg hinüberwollte. Sie springt auf leichten Stützen voraus, – die Hoffnung und die Ahnung beflügeln ihren Fuß. Eine fremde, unlogische Macht hebt ihre Füße, die Phantasie.«

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