Genie und Wahnsinn

The connection between Dickinson’s moods and her poems has long been a subject of interest but has never before been quantified. In the new research, John F. McDermott, professor emeritus of psychiatry at the University of Hawaii School of Medicine in Honolulu, examined whether there was a seasonal pattern to when Dickinson (1830-1886) wrote her poems.

The analysis suggest that Dickinson’s „creative genius was ignited“ in 1862, in the middle of an eight-year period when she wrote most of her work, McDermott said. Generally, during this period, Dickinson was much more prolific during the spring and summer and much less productive in the winter, he found.

„One can speculate she had winter blues or depression, but at the same time, in the spring and summer, she had a flash of creative energy,“ McDermott said in a telephone interview. „There was an overriding of that winter lapse. She wrote all day long — she wrote a poem a day. If she saw the chestnut tree in bloom, she would say the sky was in bloom. She had more intensity and enthusiasm about life. She had a change in mood, a cognitive change.“ / Washington Post 14.5.01

Erich Fried

Er war einer der großen deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eine Gedenklesung findet am 8.5.statt.

Wien (APA) – … mit seinen Liebesgedichten, deren Auflagen für Lyrik seltene Bestsellerhöhen erreichten, erzielte er nachhaltige Wirkung. Der österreichisch-britische Doppelstaatsbürger wurde in Wien geboren und hatte ab 1938 bis zu seinem Tod 1988 seinen ständigen Wohnsitz in London. Am kommenden Sonntag (6. Mai) jährt sich sein Geburtstag zum achtzigsten Mal.

Aus diesem Anlass findet am 8.Mai (20 Uhr) im Wiener Literaturhaus eine prominent besetzte Gedenklesung statt, zu der die AutorInnen Elfriede Gerstl, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko, Robert Schindel und Rolf Schwendter erwartet werden. Am Berliner Ensemble wird bereits am 1. Mai Erich Frieds gedacht: Sein früherer Verleger Klaus Wagenbach gestaltet einen Abend mit dem Titel „Erich Fried erzählt Angela Merkel wie es wirklich war“. / Tirol Online 29.4.01

Zum Thema auch Die Welt (3.5.01).

2001 April

Hiob in Wien. Gedichte und Fragmente aus dem Nachlass Ernst Jandls

Ernst Jandl war der Überzeugung, dass die Schöpfung misslungen sei, ganz sicher aber sein eigenes Leben. Sein in den letzten drei Jahrzehnten stetig gewachsener Ruhm, die Anerkennung als einer der großen Lyriker der deutschen Sprache der Gegenwart bedeuteten ihm zwar viel, doch manchmal hatte man das Gefühl, dass ihn das ganz tief innen gar nicht erreichte, und in den Phasen tiefster Depression, die ja gar nicht so selten waren in den letzten Jahren, scheint bisweilen auch noch jener Rest an Zuversicht verschwunden gewesen zu sein, der für die künstlerische Produktion wohl unabdingbar ist. Dann verfluchte er sich noch mehr als sonst: Noch nicht einmal seinen letzten und einzigen Daseinszweck konnte er noch erfüllen. / JÖRG DREWS, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

ERNST JANDL: Letzte Gedichte. Herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand Literaturverlag, München 2001. Sammlung Luchterhand 2001, 124Seiten, 18,50Mark.

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001. 46 Seiten, 24 Mark.

Briefe eines Schiffbrüchigen.

Theobul Kosegarten: der Mann, der Caspar David Friedrich auf Rügens Kreidefelsen aufmerksam machte – eine Entdeckung

Das Schreiben muss ihm rasch von der Hand gegangen sein. Romane und Gedichte entstehen in erschreckend großer Zahl.

Fünfzehn idyllische Jahre bleiben Kosegarten in dem Pfarramt auf Rügen. Dann zieht der Krieg übers Land, von 1806 an. Napoleons Truppen räumen mit dem alten Europa auf. Der Roman- und Hymnendichter, wendig aus Not, wittert eine neue Chance. Kaum sind die Schweden besiegt, wechselt er auf die Seite der Franzosen, der neuen Herren des Landes, und wird von ihnen alsbald auf den Greifswalder Lehrstuhl für Geschichte und griechische Literatur gehoben. Als Dank hält Kosegarten Napoleon eine schöne Geburtstagsrede. / Michael Zeller, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

Die Schneeglöckchen läuten hören.

Eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtwerk des norwegischen Dichters Sigbjørn Obstfelder

„Da ist ein Mann, der die Schneeglöckchen hat läuten hören“, schreibt Rainer Maria Rilke 1904. Gemeint ist der norwegische Schriftsteller Sigbjørn Obstfelder (1866?1900): Rilkes Verleger Axel Juncker war im Besitz der deutschsprachigen Rechte an einer Auswahl mit nachgelassenen Arbeiten Obstfelders, von der 1905 unter dem Titel Pilgerfahrten ein erster Band herauskam (der angekündigte zweite ist nicht erschienen). Auf der Grundlage dieser Texte hatte Rilke über ihn in der Wiener Zeitung Die Zeit einen Aufsatz veröffentlicht. / Süddeutsche 21.4.01

In der Frankfurter Anthologie

vom 21.4. stellt Michael Krüger das Gedicht „Der Mond kniet auf“ von Christine Lavant vor. – Michael Krüger auch in der Rubrik „Das neue Gedicht“ der Welt von heute – als Autor.

 

Welt der Wortkunst.

Das 2. Al-Mutanabbi-Festival der Poesie in Zürich (20.-22.4.)

Irgendwo am Letzigraben 49 muss Aladins Wunderlampe versteckt sein: Aussenstehenden jedenfalls dürfte dies als ein geringeres Wunder erscheinen denn die Tatsache, dass es dem Leiter des dort beheimateten Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums, dem Schriftsteller und Journalisten Ali al-Shalah, zum zweiten Mal gelungen ist, aus eigener Initiative ein dreitägiges Lyrikfestival mit internationaler Beteiligung zu organisieren. Mit zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Nahen Osten und dem Maghreb ist am Festival al-Mutanabbi – stimmigerweise, da es nach einem grossen arabischen Dichter des 10. Jahrhunderts benannt ist – die orientalische Dichtung stärker vertreten als die europäische; als besonders bedeutende Gäste werden István Eörsi aus Ungarn und der syrische Dichter Adonis erwartet, der seit längerer Zeit als Kandidat für den Literaturnobelpreis gilt. / NZZ 20.4.01

Der Genfer Pianist Jacques Demierre

hat sich der Gedichte von Eugène Guillevic angenommen.

gmn. «Pas la peine / De pavoiser. / Le soleil / Va se lever.» So lautet eines der meist knappen, lakonischen, Aphorismen nahe kommenden Gedichte des 1907 im bretonischen Carnac geborenen Lyrikers Eugène Guillevic, die den Genfer Pianisten Jacques Demierre zu seinem neuen Soloalbum «Avec» (Plainisphare) inspiriert haben. Dabei handelt es sich nicht um eine eigentliche Vertonung des geschriebenen Wortes, sondern eher um spontane Variationen darüber. Entstanden sind diese spröde anmutenden Klangskizzen im Mai 1997. Nach der musikalischen Umsetzung der Worte durch Demierre erhielten die Zuhörer die entsprechenden Texte zugesteckt, so dass sie einen unmittelbaren Einblick in den laufenden Transformationsprozess gewinnen konnten. Diese Möglichkeit bietet sich nun auch durch die CD, in deren Booklet die Verse von Guillevic abgedruckt sind. Eine etwas andere Art, in das Werk eines hierzulande nicht sehr bekannten Poeten einzutauchen. / Der Bund 20.4.01

Wusste Paul Celan ganz genau,

was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“?

PAUL CELAN – GISELE CELAN-LESTRANGE: Briefwechsel. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, hrsg. und kommentiert von Bertrand Badiou, in Verbindung mit Eric Celan. Suhrkamp Verlag, Frankfurt /M 2001. Zwei Bände, zusammen 1207 Seiten, 168 Mark.

A L’IMAGE DU TEMPS – Nach dem Bilde der Zeit. Gisèle Celan-Lestrange und Paul Celan. Katalog zur Ausstellung im Tübinger Hölderlinturm (bei der Edition Isele), 165 Seiten, 38 Mark. / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01 / Auch besprochen in der FAZ, 21.4.01

 

FAZ vom 19.4. bespricht

u.a.: Roos, Martin: „Stefan Georges Rhetorik der Selbstinszenierung.“ Grupello Verlag, Düsseldorf 2000, ISBN 3933749395 Broschiert, 226 Seiten, 48,00 DM –

Die Zeit vom 19.4.01 zum Thema

Hund: 1. das Gedicht „Hund und Mann“ des Japaners Kazuko Shiraishi, 2. das Kinderbuch „ottos mops“ vo Ernst Jandl und Norman Junge

Friederike Mayröckers «Requiem»

ist ein «Andenken» an die Orte einer Beziehung und der Geographie. Grado oder Meran, der Attersee. Momentaufnahmen des Erlebten, «es geht wie ein Film ununterbrochen durch meinen Kopf». Und immer wieder liess man sich in gemeinsamen Sommerferien photographieren. Friederike Mayröcker und Ernst Jandl auf Holzbalkonen und in ungemähten Wiesen, zufrieden mit dem schlichten Anspruch des Landlebens. Immer für Wochen ziehen beide im Sommer aufs Land. «Ernst Jandl hat auf diesen Urlauben immer geschrieben, ich nie.» In Puchberg am niederösterreichischen Schneeberg entstehen die rustikalen «Stanzen», Gedichte von brachialer Vitalität.

Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt an Main 2001. 48 S., Fr. 22.-. / Paul Jandl, NZZ 18.4.01 – In der taz vom gleichen Tag bespricht Elke Schmitter ebenfalls das Requiem-Buch , außerdem u.a. Ted Hughes: „Wie Dichtung entsteht“.

Gott dem Ohnmächtigen

ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01

Die hintersinnigen Sprachspiele

kommen in dem Band mit nachgelassenen Gedichten von Ernst Jandl erst später. Auf den ersten Seiten begegnet dem Leser ein Autor, der um seinen nahen Tod weiß und seine Verzweiflung nicht verbirgt. „ich beginne den mißglückten tag“, schreibt er und setzt fort: „mit der bitte um geistige umnachtung./ suche unsterbliche seele;/zahle höchstpreis“. Im Juni letzten Jahres war der beliebte österreichische Lyriker und Sprachexperimentierer gestorben. In der Sammlung Luchterhand wird jetzt ein Band mit seinen letzten Gedichten vorgelegt.

Ernst Jandl, Letzte Gedichte, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01

»Einer der größten Lyriker «

4bändige Brecht-Ausgabe in der Pleiade-Bibliothek

Zu diesen Außenseitern zählte der Theatermann Terzieff, der auch heute noch begeisternd Brechts Werke aufführt, vor allem auch seine Gedichte auf die Bühne bringt. Mit der Revue »Bertolt Brecht, der Dichter« ist er derzeit in Frankreich auf Tournee. »Brecht ist einer der größten Lyriker des Jahrhunderts. Seine Gedichte handeln von der Innerlichkeit des Menschen, die in seinem Theater nicht existiert«, meint Terzieff, »er hatte das Sichtbare und Unsichtbare im Blick, und zu ihrer Umsetzung in Poesie musste er eine neue Sprache erarbeiten. Er ist im Umgang mit den klassischen Versmaßen ebenso geschickt wie mit den freien Versen«.

Den »großen Poeten der Verfremdung« nennt die französische Presse den deutschen Dichter und begrüßt seine Aufnahme in den Kreis der französischen Klassiker einstimmig. »Endlich ist Brecht in das Pantheon der großen Erzieher des neuen Europas eingetreten«, hieß es dazu etwa. dpa, Reutlinger General-Anzeiger 18.4.01

Ein neuer Wiener Verlag

bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammer-bachers „Edition Korrespondenzen“.

Auf der Leipziger Buchmesse im März konnte Franz Hammerbacher seine neue „Edition Korrespondenzen“ der ganzen Branche vorstellen. Am Donnerstag, dem 19. April, präsentiert er sein erstes Programm in Wien – in der Buchhandlung Leporello (IX., Liechtensteinstraße 17, 19.30 Uhr). Die Altmeisterin Ilse Aichinger wird dort vorlesen. Eine noble Patin der so ambitionierten wie risikoreichen Neugründung! Im Herbst darf der 33jährige Neo-Verleger einen Titel von der Aichinger herausbringen. Auch der slowakischen Lyrikerin Mila Haugová, dem Österreicher Franz Weinzettl („Das Glück zwischendurch“ heißt sein Buch) sowie Christa Rothmeier, Übersetzerin von Gedichten des Tschechen Petr Borkovec, ist am Premierenabend zu begegnen. Franz Hammerbachers verlegerische Ziele sind schon aus seinen ersten sechs Titeln ablesbar: Poesie, Prosa wie auch Gedichte, in vielen Zungen, vorrangig aus den östlichen Nachbarländern, Übersetzungen mit dem Originaltext auf der jeweils linken Buchseite, die Bücher auf erstklassigem Papier gedruckt und fadengeheftet. Die deutsche Literatur ist vorerst durch den Bachmann-Preisträger Kurt Drawert vertreten. / Die Presse 17.4.01

John Ashbery remains

one of the best examples. His Charles Eliot Norton Lectures, Other Traditions, were published last year, and contains six sweetly playful pieces on five „minor“ poets and Raymond Roussel. Why is David Schubert more important to Ashbery than Eliot or Pound? What is a minor poet? How did William Carlos Williams and Ashbery end up writing exactly the same line? Will Ashbery explain what the hell he was really talking about in Flow Chart? I advise you to go find out. / The New Republic 17.4.01

2001 April

Misere der Moderne

Das Bemühen um deutliche Abgrenzung ist erkennbar, mit dem der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff seinen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne unternimmt. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger „, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. Petersdorff spricht in seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“ vom „Zustand einer erschöpften Moderne“, die nur noch betrieblich intakt sei und Inhalte und Werte vermissen lasse. / Hannoversche Allgemeine 17.4.01 (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).

Gabriele D’Annunzio -Ausstellung in Rom

Der Siebzehnjährige meldete, nachdem sein erster Gedichtband in zweiter Auflage erschienen war, seinen Tod – um aufzufallen. Und das blieb sein Programm: Der fleissige Dandy arbeitete, als Dramatiker wie als Patriot, als Weltmann wie als Einsiedler, als Sammler wie als Herzensbrecher, als Lyriker wie als Kämpfer zu Land, zu Wasser und in der Luft, an seiner Auffälligkeit; und aus Zeugnissen einer – wie man allerdings sagen muss – genialen Auffälligkeit besteht die ihm gewidmete Ausstellung. / NZZ 17.4.01

Wir lernten die Welt durch ein Gedicht kennen

„zuerst die grossen zeitgenössischen lateinamerikanischen Erzähler, dann Cervantes, dann García Lorca und mit ihm eine Zeit der Lyrik-Lektüre“… sagt der Zapatistenführer Subcomandante Marcosim Gespräch mit dem kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez über Dichtung und Politik / Tages Anzeiger 17.4.01

Hannibal Lecter mailed him,

Jim Morrison quoted him, Daniel Boorstin made him into cover art. William Blake is everywhere… (sagt Arts & Letters Daily ) Mehr in der Village Voice .

Der 61-jährige

Lyriker Stephen Dunn erhielt den mit 7500 Dollar (rund 17.000 Mark) dotierten Pulitzer-Preis für seine Gedichtsammlung „Different Hours“.

 

LORD BYRON, the poet who scandalised England

with his hellraising exploits, was actually a psychopath, according to new research by a leading psychiatrist. / Telegraph 15.4.01

Von der Uno ausgezeichnet

und mit internationalem Erfolg – trotzdem droht der Internet-Plattform Lyrikline.org das Aus

Seit November 1999 läuft in der Literaturwerkstatt Berlin das Internet-Projekt Lyrikline.org. In einer audiovisuellen Bibliothek können online derzeit etwa 450 Gedichte von 45 Dichtern in 12 Sprachen abgerufen werden von H.C. Artmann bis Leo Tuor. Das Projekt, das für seine Internationalität von Uno und Unesco ausgezeichnet wurde, war mit einem Etat von 400 000 Mark gestartet und sollte jährlich mit 200 000 Mark gefördert werden. Doch Projektleiter Heiko Strunk hat seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Das Weiterbestehen dieser einmaligen Internet-Plattform ist gefährdet. Mit Thomas Wohlfahrt, dem Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, sprach Antje Schmelcher./ Die Welt 16.4.01

Grenzgänger der Kulturen

1977 konnte der vierzigjährige Dichter die Sowjetunion verlassen. Er emigrierte in die USA, wo er seit 1980 an der Yale University Slawistik lehrt.

Venclova ist ein Grenzgänger der Kulturen: Seine geistige Heimat liegt nicht nur in Litauen, sondern in gleichem Mass auch in Polen und Russland. Die Denotationen dieser Staatsnamen verflüchtigen sich in der komplizierten Geschichte dieser Region ohnehin – Litauen war lange polnisch oder russisch beherrscht und kannte vor 1991 nur in der Zwischenkriegszeit eine kurze Periode der Unabhängigkeit. Deshalb ersteht Osteuropa in Venclovas Lyrik als einheitlicher Kulturraum, der die politischen Grenzen überwindet. Das heisst jedoch nicht, dass sich die Literatur um die Politik foutieren könnte. Im Gegenteil: Gerade die geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben den osteuropäischen Dichtern in aller Deutlichkeit ihre ethische Verantwortung ins Gewissen gerufen.

Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte. In der Übertragung von Rolf Fieguth. Interlinearübersetzung von Claudia Sinnig-Lucas. Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Rospo-Verlag, Hamburg 2000 / NZZ 14.4.01 – In der FAZ vom 18.4. bespricht Ralph Dutli das Buch.

 

Es ist der Fluch Ostmitteleuropas,

dass das 20. Jahrhundert der lang währenden, nicht immer friedlichen, aber immerhin gelebten Kulturvielfalt ein blutiges Ende gesetzt hat. Zwei verheerende Weltkriege und ihre totalitären Ideologien haben aus den einst blühenden Städten bestenfalls ethnisch einheitliche Zentren mit sorgfältig restauriertem Architekturerbe, schlimmstenfalls aber gesichtslose Anhäufungen von Plattenbauten gemacht. Angesichts der postsowjetischen Tristesse stellt sich die Frage nach den verlorenen Traditionen in aller Dringlichkeit. Im Oktober 2000 trafen sich die Nobelpreisträger Günter Grass, Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska sowie der litauische Dichter Tomas Venclova in Vilnius, um den Kalamitäten der ostmitteleuropäischen Geschichte nachzuspüren.

Günter Grass, Czeslaw Milosz, Wislawa Szymborska, Tomas Venclova: Die Zukunft der Erinnerung. Herausgegeben von Martin Wälde. Steidl-Verlag, Göttingen 2001. 96 S., Fr. 26.20. / Neue Zürcher Zeitung, 14. April 2001

Über das „poetische Peterprinzip „

schreibt JOAN HOULIHAN in der Online-Zeitschrift Web del Sol aus Boston: The Argument for Silence: Defining the Poet Peter Principle. How Contemporary American Poets are Denaturing the Poem, Part III

(Ankündigung der Redaktion: Now legendary hard-hitter, Joan Houlihan, finds silence to be a suitable antidote. This new Boston Comment is going to create howls of relief and indignation. Stir ‚em up, Ms. Joan!)

Außerdem in Web del Sol (bzw. Diagram) : Das Gedicht Mandelstam in Limbo, über das sein Autor Andrew Davis sagt, es sei „obviously, a recasting of the beginning of Dante’s Inferno, with myself, or the „I“ in the poem, as Dante and Mandelstam as Virgil. Virgil was Dante’s supreme intercessor in matters of morality and inspiration; Mandelstam is mine.“ (und mehr!)

Probebohrung

Die besten Gedichte des Bandes scheuen die lärmenden Zentren – und sie meiden die gleißenden Jahreszeiten. Stattdessen suchen sie die Perioden mit raschen Lichtwechseln und klammen Temperaturen, wo Regen, Wind und Nebel als bewegte, verschleiernde Genossen die Zeiten beherrschen. Und so ahnt man beim Anblick eines Fisches, in einer Hütte vor herbstlicher Küste auf eine Zeitung gebettet, – „das licht entzieht sich leise, das papier / nimmt tropfenweise meere in sich auf“ -, in ein Zwischenreich geführt zu werden. Während eines Besuchs im kretischen Kloster Arkadi, bei Regenwetter, – „die geschundenen schädel der märtyrer in der vitrine / deren glas beschlägt vom atem der lebenden“ -, beginnt man Stimmen zu vernehmen, von denen eine sagt: Dieser junge Lyriker versteht es, die Sprache auf Kundschaft auszuschicken.

Jan Wagner: Probebohrung im Himmel. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2001, 80 S., 24 Mark. / Berliner Zeitung 14.4.01

Raphael Urweider reist

zu Lesungen, zwei- bis dreimal die Woche, in deutschsprachigen Ländern, kürzlich sogar in Ägypten. Außerdem arbeitet er an Projekten: Pop, Hip Hop, Theatermusik. Der hagere Dichter erzählt langsam, überlegt, mit leisem Witz, trägt Gedichte aus seinem Buch „Lichter in Menlo Park“ vor.

Zu seinen Versen, über Erfinder und über Kleinbauern, spielt er Klavier. Dass dabei einzelne Worte untergehen, nehme er in Kauf, sagt er, denn: „Was bleibt von einem Text? Doch nur eine Stimmung.“/ Darmstädter Echo 14.4.01

Ob Kurt Aebli

einen Roman schreibt, Kurzprosa oder Lyrik, er zielt immer auf dasselbe Zentrum hin, das er beharrlich umkreist, ertastet und attackiert. Er sucht darin das «spurlos Vorhandene», wie er es in seinem neuen Gedichtband «Die Uhr» nennt. Das, was ohne Anwesenheit existiert, was nicht mehr ist oder gar nie geworden ist. Es zu fassen bedeutet «Die Umrisse / einer ausbleibenden Reaktion / nachzeichnen», «Eine längst annullierte Sache / an Land ziehen» / Der Bund 14.4.01

2001 April

Der Dichter Tomas Tranströmer wird 70 Jahre alt

Tomas Tranströmer war nie und ist kein Großschriftsteller, er ist Poet. Tomas Tranströmer ist nicht geschäftstüchtig, sein gesamtes Werk, seine sämtlichen Gedichte haben Platz in einem Buch von mittlerem Umfang. Tranströmer ist im umsatzträchtigen Sinn gewiss nicht populär. Doch sein Ruhm als Poet reicht über die Grenzen nicht nur seines Heimatlandes Schweden, sondern Europas hinaus. Seine Gedichte sind in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt, und er stand mehrfach als aussichtsreicher Kandidat in engster Wahl für den Literatur-Nobelpreis.

1954 hat Tranströmer, damals 23 Jahre alt, seine ersten Gedichte veröffentlicht, und deren leise, doch zugreifende Modernität wurde in seinem Land sogleich erkannt, gerade weil sie sich jeder erhöhenden Selbstdarstellung verweigerten. Die Attitüde des Dichters als eines besonderen Menschen war und blieb dem am 15. April 1931 in Stockholm geborenen Psychologen, der lange in einer Anstalt für kriminelle Jugendliche tätig war, gänzlich fremd. / Heinrich Vormweg, Süddeutsche 14.4.01

Zum selben Thema schreibt auch die FAZ :

Langsam verlor sich danach der große Bilderschmuck der Sprache. Die späteren Gedichtsammlungen wie „Hemligheter på vägen“ (Geheimnisse auf dem Weg, 1958) und „Klangar och spår“ (Klänge und Spuren, 1966) sind schon viel nüchterner und stärker in Rhythmus und Ton. An die Stelle der Prachtmetapher rückt die persönliche Erfahrung, das einfache Bild, um das herum Tomas Tranströmer ganze Räume mit lakonischer Präzision entstehen läßt – große Geschichten aus einem kleinen Vers. „Das Gedicht, das völlig möglich ist. //Ich blickte hinauf, als die Zweige schwankten./Weiße Möwen aßen schwarze Kirschen.“ Wie diese Entwicklung zum Lakonischen im einzelnen verlief, läßt sich im schmalen Band der „Sämtlichen Gedichte“ nachlesen, die der Hanser Verlag 1997 veröffentlichte – in einem mäzenatischen Akt, denn von diesem Buch sind bis heute nicht einmal tausend Exemplare verkauft.

Der Schriftsteller Harald Gerlach

wandert Goethes Frühlingsreise von 1770 nach

Es gibt Wanderungen, deren Weg noch nach Jahrhunderten die einstige Bedeutung kenntlich macht. Goethes Frühlingsreise von 1770 ist ein solches bewegendes Beispiel. Erlebnis und Genuss überraschender Begegnungen kamen völlig neu in sein junges Leben. Und sie lösten die wohl gefährlichste Phase seines Lebens ab.

Es war der 4. April 1770, als Goethe zum Studium in Straßburg eintraf. Man könnte annehmen, dies sei bloß die logische Einlösung des bereits vor mehr als einem Jahr Angekündigten, dass er nun die Absicht habe, „nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen!“. Hinter dem Plan steckte aber die schmerzvolle Erfahrung: „Mann mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel.“ Krank an Körper und Seele, mit vertanem geistigen Gewinn und mit sinnlosem Verlust an viel Geld, ist der 19-Jährige aus Leipzig nach Frankfurt heimgekehrt. Zwei Jahre später wird Straßburg seine letzte Hoffnung auf Überwindung der Krisis. / Die Welt 14.4.01

Diverses

Die Welt druckt ein „Osterlied“ von Wolf Biermann. – Kathrin Schmidt schreibt über ein Gedicht von Christoph Meckel. – In der Frankfurter Anthologie stellt Sabine Doering ein Gedicht von Herrmann Burger vor. /FAZ 14.4.01

Literatur im Exil

Der mit 30 000 Mark dotierte Preis „Literatur im Exil“ der Stadt Heidelberg geht an den bosnischen Autor Stevan Tontic. Tontic erhält den Preis „für seine eindringliche und klarsichtige literarische Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges sowie der Situation des Exils“, so die Begründung der Jury.

Stevan Tontic gilt als einer der bedeutendsten Lyriker des ehemaligen Jugoslawien. Er wurde am 30. Dezember 1946 in Sanski Most, Bosnien, geboren. Tontic studierte Philosophie und Soziologie und arbeitete als Verlagslektor in Sarajevo. Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, einen Roman sowie Essays und Übersetzungen deutscher Literatur. Bekannt wurde er vor allem durch seine Lyrikbände, von denen „Handschrift aus Sarajevo“ sowie einige Prosatexte ins Deutsche übersetzt wurden. Der 55-Jährige bekam Literaturpreise der Stadt Mostar (1985), der Stadt Sarajevo (1987), den Zmaj-Preis (Novi Sad, 1994) und den Horst-Bienek-Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (München, 2000). Er ist Herausgeber umfangreicher Anthologien wie „Neuere Dichtung aus Bosnien und Herzegowina“ (Sarajevo 1990) mit Gedichten von bosnisch-muslimischen, kroatischen und serbischen Autoren und „Moderne serbische Dichtung“ (Sarajevo 1991). / Rhein-Neckar-Zeitung 12.4.01.

I’m furious.

I’ve tried to get hold of 35 of my books. They’re stuck in a warehouse and can’t be found.

It’s incredibly frustrating – five years‘ work and I feel the book hasn’t been given a chance. Distribution is one of the greatest problems poets face in finding an audience.

Bookshops don’t know how to sell poetry, national papers rarely review it, publishers don’t promote it and yet there are readers out there./ Tagebuch der Lyrikerin Jackie Wills (who is starting six months as a poet in residence), BBC News 10.4.01

Die Anthologie von Gabriele Sander

geht den augenscheinlichen und atmosphärischen Spielarten des Blau in der Lyrik nach: der blauen Blume, dem blauen Himmel, den blauen Augen, dem blauen Kleid und den blauen Schuhen, blauem Getier vom Flusspferd bis zum Schmetterling, dem Blau des Meeres, des Südens, der Sehnsucht – denn: „Das Universum trägt heute wieder: Blau.“ /Kölner Stadtanzeiger

Blaue Gedichte
Gabriele Sander
Taschenbuch
140 Seiten
Reclam, Ditzingen 2001
ISBN: 3-15-018097-X
Preis: DM 7,00 / EUR 3,58

Eine Ausstellung über den Dichter Yvan Goll

Das kurioseste und zugleich bezeichnendste Exponat liegt unscheinbar in einer Glasvitrine: In einem aufgeschlagenen Buch betrachten sich zwei Schädel gegenseitig. Es sind Röntgenaufnahmen des elsässischen Dichters Yvan Goll (1891-1950) und seiner Frau Claire, beigefügt einer Rara-Edition gemeinsam verfasster Liebesgedichte, die nun neben einer Vielzahl weiterer Sonderausgaben, Illustrationen und Fotografien im Rahmen der Ausstellung „Yvan Goll: der unbehauste Dichter – Ein Leben für die Kunst zwischen Paris und Berlin“ zu sehen ist. In ihrer morbiden Transparenz verweisen die Aufnahmen auf das zentrale Anliegen des Lyrikers, Dramatikers, Romanciers und Essayisten: den Menschen zu durchleuchten, seinen Kern auszumachen und ihn in seinem Innersten zu verändern, ihn zu einem neuen Menschen im Sinne des Expressionismus und des Kommunismus zu formen. / Ralf Hertel, Berliner Zeitung 12.4.01

Gedichte in der Tagespresse

Die taz druckt heute ein Lob der Faulheit von Pablo Neruda , die Süddeutsche ein Gedicht von Albert Ostermaier (zum 40. Jahrestag des Flugs von Juri Gagarin) / 12.4.01

 

Die „Zeit“ empfiehlt

Gedichte beinahe en masse (auf einem guten Drittel einer Seite): Benedikt Erenz über Norbert Hummelts „zeichen im schnee“; ferner Kurzbesprechungen von erotischen Gedichten, dem „Jahrbuch der Lyrik 2002“ und natürlich Robert Gernhardt (Ulrich Greiner), schließlich ein Gedicht als Probe: Elisabeth Borchers. / Nr. 16, 11.4.01

2001 April

Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn.

Johannes Bobrowski, ein unbekannter Dichter aus Friedrichshagen, habe im Jahre 1962 mit dem Rücken zum Fenster gestanden und sieben Gedichte vorgelesen, erzählte Klaus Wagenbach. Die Gruppe 47, die im Jahr nach dem Mauerbau in dem Haus am Wannsee zusammentraf, wo das Literarische Colloquium residiert, sei derartig beeindruckt gewesen von dem Dichter aus Ost-Berlin, dass sie Bobrowski „spontan“ den Preis der Gruppe 47 zusprach, der quasi schon an Peter Weiss vergeben gewesen war. Der unabhängige Ton, der in der westdeutschen Mode der Zeit keine Entsprechung hatte, der Klopstock-Anklang habe die Gruppe 47 „entzückt“, Bobrowskis großes Thema, der „deutsche Osten“, wie man damals noch sagte, die Geschichte und die Verstrickungen der Deutschen im Baltikum, in Polen und Ostpreußen hätten die meisten Mitglieder der Gruppe 47 jedoch kaum interessiert, sagte Wagenbach am Sonntag im LCB auf der ersten Veranstaltung der neuen Johannes-Bobrowski-Gesellschaft. / Berliner Zeitung 10.4.01

Theodor-Kramer-Preis an Stella Rotenberg

Der erstmals ausgeschriebene Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil geht an die in Österreich geborene und in England lebende Lyrikerin Stella Rotenberg. Dies hat der als Jury fungierende Vorstand der Theodor-Kramer-Gesellschaft einstimmig beschlossen. Der Preis ist ein Würdigungspreis, der nicht aufgrund von Einreichungen vergeben wird und mit mindestens 50.000 Schilling dotiert. Die Autorin wird bei der Verleihung am 23. April in Wien aus ihrem Werk lesen, die Laudatio werden Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser halten. / Der Standard 11.4.01

Michael Hofmann

wurde 1957 in Freiburg geboren und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in England. Seine Gedichte schreibt er in Englisch; er hat sich als literarischer Übersetzer ins Englische einen Namen gemacht. Der Vater ist der bekannte, 1993 verstorbene deutsche Schriftsteller Gert Hofmann. Vor dessen aufgebahrter Leiche steht ein Messingschild mit seinem Namen: «Dr. Gert Hofmann.» Auch daran erinnern sich Michael Hofmanns Gedichte. «It was a fugitive childhood» heisst es in einer Strophe des Titelgedichtes. «Eine Flüchtlingskindheit» übersetzt Marcel Beyer . Die Fortsetzung gibt seiner Version Recht: Der Vater jagt den Vierjährigen um den Tisch, fällt hin, bricht sich den Arm, «den er wider mich hatte erheben wollen». Wieder keine Berührung. Fein macht die «Feineinstellungen» auch die in solchen Szenen spürbare, leise Ironie Michael Hofmanns. / NZZ 11.4.01

The new Republic recommends

André Breton opens What is Surrealism with a „remark“ made by Isidore Ducasse, also known as the Comte de Lautréamont : „At the hour in which I write, new tremors are running through the intellectual atmosphere; it is only a matter of having the courage to face them.“ The Surrealists took Lautréamont’s poems and his Chants de Maldoror and, working backwards, made him into a sort of crooked grandfather for their movement… / TNR 10.4.2001 (Newsletter )

Seamus Heaney’s new book

of poems is the consciously late work of a master poet meditating on the origins and inevitable ending of his life and art. Like most of Heaney’s books, it is a compendium of poetic genres: eclogue, elegy, epigram, joke, yarn, meditation, ecstatic lyric, after-dinner speech and more — all subtly tuned to diverse vocal registers in an array of verse forms fitted to various occasions, showing again Heaney’s will (and ability) to speak of many kinds of experience to many kinds of reader.

Electric Light
By SEAMUS HEANEY – Farrar, Straus and Giroux

Mit Leseprobe, Heaney-Special (mit den Besprechungen seiner früheren Bücher seit 1967 und Artikeln von und über Heaney) und Audio: Seamus Heaney Reads ‚Keeping Going,‘ ‚The Strand‘ and Others (September 18, 1996)/ New York Times 8.4.01 (kostenlos, aber Anmeldung erforderlich)

Lupins

They stood. And stood for something. Just by standing.
In waiting. Unavailable. But there
For sure. Sure and unbending.
Rose-fingered dawn’s and navy midnight’s flower.
Seed packets to begin with, pink and azure,
Sifting lightness and small jittery promise:
Lupin spires, erotics of the future,
Lip-brush of the blue and earth’s deep purchase.
O pastel turrets, pods and tapering stalks
That stood their ground for all our summer wending
And even when they blanched would never balk.
And none of this surpassed our understanding.

Featured Author: Allen Ginsberg

„Spontaneous Mind: Selected Interviews, 1958-1996,“ by Allen Ginsberg. Edited by David Carter.

Allen Ginsberg died in 1997, but his „uniquely frank and vivid voice seems to sound again in its deftly edited pages“ of interviews conducted over 40 years, writes William Deresiewicz, who teaches English at Yale University. „Yet if anyone knew the difference between printed text and living speech, it was the poet who made immediacy the foundation of his art. Ginsberg talking is like Charlie Parker taking his saxophone out for a spin at the far reaches of harmony and rhythm; reading him is the mental equivalent of being driven at top speed down a winding mountain road.“

Deresiewicz concludes that „the stereotype of Ginsberg as a semiliterate primitive leaves one unprepared for his erudition and intellectual brilliance.“

Featured Author: Allen Ginsberg This retrospective includes reviews of Ginsberg’s books of poetry, journals and essays, articles about Ginsberg, a slide show and a tape of a live reading by Ginsberg from 1977. / New York Time s 8.4.01

Wounded by Un-Shrapnel. JAMES FENTON on Philip Larkin

It is often casually said of Larkin’s poetry that it expresses common experience, that it has its origin in the commonplace, or even—I have seen this in newspapers—that the famous catchphrases that have been drawn from it („What will survive of us is love,” „Books are a load of crap,” „Life is first boredom, then fear,” „They fuck you up, your mum and dad”) express a common point of view. But what strikes us most about Larkin is not the commonness but the singularity of the point of view. / New York Review of Books April 12, 2001

«O my America! My new-found Land!» Eros und Sprache im England der Renaissance

So vergleicht etwa Michael Drayton am Ende des 16. Jahrhunderts – ganz nach der petrarkistischen Mode der Zeit – in seinem Sonett «Idea No. 50» einen Liebenden mit einem zum Tode verurteilten Verbrecher. Der Mann erscheint dabei als Opfer; die Frau dagegen als einer von mehreren – männlichen! – Chirurgen, die den Verbrecher bei lebendigem Leib sezieren, weil es ihnen um die Entdeckung der Grenze zwischen dem lebenden und dem toten Körper zu tun ist. Das Gedicht beschreibt aber auch – in für elisabethanische Leser ziemlich unverstellter Form – den sexuellen Akt: die Wörter «cure» (sexuell erregen) und «kill» (zum Orgasmus bringen) hatten unzweideutige Konnotationen. Aber die Bilderfolge geht in ihrer auf die wirkliche Welt bezogenen Konkretheit noch sehr viel weiter, indem sie Sexualität in einen Kontext stellt, der von der Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung fremder Länder, von Rechtsprechung, Strafvollzug,von den chirurgischen Eingriffen bei der Leichensektion und schliesslich von der tabuisierten absoluten Macht der Königin erzählt:

As in some Countries, farre remote from hence, The wretched Creature destined to die, Having the Judgement due to his Offence, By Surgeons beg’d, their Art on him to trie, Which on the Living worke without remorse, First make incision on each mast’ring Veine, Then stanch the bleeding, then trans-pierce the Coarse, And with the Balmes recure the Wounds againe; Then Poyson, and with Physike him restore Not that they feare the hope-lesse Man to kill, But their Experience to increase the more: Ev’n so my Mistres workes upon my ill, By curing me and killing me each Hour, Onely to shew her Beautie’s Sov’raigne Pow’r.

(So wie in gewissen Ländern, weit weg von hier, / ein armes Geschöpf, welches durch ein seinem Verbrechen gemässes Urteil zum Tode bestimmt ist, /von den Chirurgen einverlangt wird, damit sie an ihm ihre Kunst probieren, / indem sie ohne Mitleid an dem lebenden Körper zu arbeiten beginnen: / Zuerst schneiden sie jede einzelne der Hauptvenen auf, / dann stillen sie die Blutung, dann durchstechen sie den Körper, / und dann schliessen sie die Wunden mit Balsam wieder zu, / dann wenden sie Gift an, und mit Medikamenten machen sie dessen Wirkung wieder rückgängig, / denn sie wollen den hoffnungslosen Mann nicht töten, / sondern bloss ihre Erfahrung vermehren, / genau so verfährt meine Freundin mit meiner Krankheit, / sie heilt und tötet mich von Stund zu Stund, / bloss um mir die souveräne Macht ihrer Schönheit zu zeigen.)

In dem Sonett von Drayton spielt der Körper die zentrale Rolle. Er ist zwar auch der Ort der Sexualität, aber er hat im Laufe des Jahrhunderts neue Bedeutungen angenommen: Er gehört nicht mehr dem Individuum allein, sondern er ist vielmehr ein Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos des Universums, der Welt und des Staatsabbildet. Der Staat selbst ist ein Körper, der Körper der Königin ist das Abbild des Staatskörpers. Der kranke Körper – und die Liebe gilt als Krankheit («work upon my ill») – bedeutet Rebellion gegen den Staat. / Christian A. Gertsch, NZZ 7.4.01

Außerdem bespricht die NZZ: Gödden, Walter / Kiefer, Reinhard : „Utopische Dichter“. Der Schmallenberger Dichterstreit 1956, Ernst Meister und die Folgen. Analysen und Dokumente Ardey Verlag, Münster, 2000, Broschiert, 155 Seiten, 19.80 DM

THE father of Keshan Gunawardena ,

the Eton schoolboy who died last week in a suspected suicide pact with his chronically ill mother, has described how he found his son’s last poem by the bodies… (schreibt die Sunday Times vom 8.4.01). Incl. Final poem of suicide pact son: Bovine Philosophy

2001 April

Das neue Jandl-Projekt,

für das Puschnig den grössten Teil der Musik geschrieben und auch gewisse Texte ausgewählt hat, soll kein typisches «Jazz und Lyrik»-Vorhaben werden. An die Aneinanderreihung von Wort und Musik glaubt Puschnig weniger. «Im Vordergrund wird das Wort stehen, wobei wir auch weniger bekannte, relativ kurze Texte des Autors ausgesucht haben», erklärt Puschnig. / NZZ 7.4.01

In der Frankfurter Anthologie

stellt Georg Wöhrle ein Gedicht von Frank Wedekind vor: „Xanthippe“. „Die böse Frau Xanthippe heißt,/Die ihren Mann am Halstuch reißt. / Sie goß das volle Nachtgefäß/ Hinunter über Sokrates…“ / FAZ 7.4.01

Ebenfalls in Bilder und Zeiten schreibt Harald Hartung über Michael Hamburgers Holocaust-Gedichte.

Das neue Gedicht der “ Welt „: Kathrin Schmidt über Johannes Kühn

Ellen Hinsey,

geboren in Massachusetts, begann früh zu schreiben. Ihr Stil ist geprägt von intensiver Lektüre osteuropäischer Autoren wie etwa der schwermütigen russischen Dichterin Marina Zwetajewa. Er trägt aber auch eine spezifisch amerikanische Lakonik in sich. Die so konzentriert auf Fragen reagierende Künstlerin gehört mit Sicherheit nicht zu den Zertrümmerern alter Formen. Ihre Lyrik bewegt sich, ohne konventionell zu sein, innerhalb der Tradition. Der Leser muss sich auf die Sprache einlassen, muss die Schächte und Hallräume der streng gebauten Verse lesend abklopfen. „Fast fünf Jahre arbeite ich an einem Band“, erzählt Ellen Hinsey in der zum See hin ausgerichteten Bibliothek der American Academy. „Und ein Gedicht benötigt mitunter auch Jahre.“ / Die Welt 5.4.01

Rilke in der Schweiz

FAZ bespricht: Schank, Stefan: “ Rainer Maria Rilke in der Schweiz.“ . . . gleich ferne von bekannt und unbekannt

Eulen Verlag, Freiburg 2000, ISBN 3891024568, Gebunden, 70 Seiten, 39,80 DM / 5.4.01

 

Die Zeit: Kurzke, Hermann: “ Novalis.“

C. H. Beck Verlag, München 2001, ISBN 3406459684, Taschenbuch, 112 Seiten, 17,90 DM

Auf der aktuellen SWR-Bestenliste

zu finden: der französische Lyriker Philippe Jacottet mit „Antworten am Wegesrand“ (Hanser) (6.) und Friederike Mayröcker s „Requiem für Ernst Jandl“ (Suhrkamp) (8.)

 

Ralf Rothmann (46),

Lyriker und Romancier, erhält den diesjährigen Hermann-Lenz-Preis. Die vom Münchner Verleger Hubert Burda gestiftete Auszeichnung ist mit 20 000 Mark dotiert. Die Lenz-Stiftung wurde 1994 von Hermann Lenz und seiner Frau gegründet. Der in Berlin lebende Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 geboren. Sein lyrisches und erzählerisches Werk wurde bereits mit mehreren Ehrungen ausgezeichnet, darunter dem Märkischen Kulturpreis 1986 und dem Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 1996. / Main-Echo Aschaffenburg 5.4.01

10. Todestag

des Dichters Ernst Schönwiese. Poesie als Urerfahrung

Vor zehn Jahren, am 4. April 1991, starb in Wien der Dichter Ernst Schönwiese. Er hat in den Dreißigerjahren, besonders aber nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Entwicklung der Österreichischen Literatur entscheidend mitgeprägt. Ein freudiger Entdecker, hat er als einer der ersten auf Canetti hingewiesen, auf Broch und Musil, die er 1935 in seiner berühmt gewordenen Anthologie „Patmos“ auch als Lyriker vorstellte. Er regte Broch zu einer Erzählung an, die später zur Keimzelle des großen Romans „Der Tod des Vergil“ wurde. Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland gründete er die Zeitschrift „das silberboot“, um den freien Geistern, die der Nationalsozialismus zum Verstummen bringen wollte, ein Forum zu bieten. Nach seiner Rückkehr aus der Emigration ließ Schönwiese diese Zeitschrift wieder aufleben. Wir begegnen in ihr unter anderen Hermann Hesse, Broch, Musil, Felix Braun, Faulkner, André, Gide, Franz Werfel, Erika Mitterer. In den jüngsten Jahren trat Schönwiese besonders für Ingeborg Bachmann, Juliane Windhager, Jeannie Ebner, Friedrich Bergammer und Ernst David ein. Vorurteilsfrei nahm er schon vor Jahrzehnten H. C. Artmann und Thomas Bernhard in seine Anthologien auf. …

Vor allem aber war er ein großer europäischer Lyriker, vergleichbar mit Rilke, Octavio Paz, Hofmannsthal, Jimenez und René Char. Das Dichterische war ihm „ident mit der Urerfahrung des Menschen“. In der Poesie, so bekannte er, „ist in allen Religionen gemeinsame Erlebnis inkarniert“. Ein Meister des „Geheimnisvollen Ballspiels“, wusste Schönwiese zutiefst, dass wir mitten im Willen stehen, wenn wir nicht mehr wollen. Sein Gedicht, zwischen Sichtbaren und Unsichtbaren schwebend, ist nur dem Gefühl fassbar und lebendig, und doch erscheint in ihm „das Eine, das überall ist und nirgend“. Schönwieses Lyrik – in 13 Büchern gesammelt – ist vom „Siebenfarbigen Bogen“ bis zu „Baum und Träne“ vom Agens lebendiger Erfahrung erfüllt. In seinen Frühen Gedichten erweist er sich als ein Architekt der Strophen. Neben hymnischen Oden stehen gereimte Gedichte. Alle aber, ob sie nun von der Betrachtung ausgehen oder die tiefsten Augenblicke beseligender Liebe verewigen, künden vom Bleibenden und verklärender Schönheit. Das Herz wird als das eigentlich zeugende Organ des Lebens erkannt. / Paul Wimmer, Wiener Zeitung 4.4.01

Wie erging es Ihnen,

als Sie erstmals die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger lasen?

Aue: Ich bin von Haus aus kein Lyrik-Fan, aber als ich das gelesen habe, war ich aus den Latschen. Mich hat verblüfft, dass sie erst 18 Jahre alt war. Sie schreibt nicht frühreif, aber hellsichtig und sehr abgeklärt, ganz so, als hätte sie ein Gespür für die Kürze ihres Lebens. In den Gedichten geht es sehr stark um unerwiderte Liebe. Mich beeindruckt, dass sie das Elend im Arbeitslager nie wirklich thematisiert, sondern immer auf einer Metaebene mitschwingen lässt. Man spürt Abschied, Trauer und Todessehnsucht, aber zu dieser Innenwelt sind die Gedichte eine Art Gegenwelt, um das psychische Überleben zu sichern. / Der Nürnberger Dokumentarfilmautor Michael Aue über das Videokonzept zur neuen Czurda-Produktion, Fürther Nachrichten 5.4.01

Slowenische Lyrik

Das Poesiefestival wird heuer an fünf Wochenenden stattfinden, wobei jeweils eine andere Sprache und poetische Landschaft vorgestellt werden. Das Interesse ist auf Eigenheiten und Gemeinsamkeiten, auf Widersprüchliches und Mehrsprachiges, auf Übersetzungsarbeit gerichtet. Den Auftakt bildet am Freitag in der Secession Lana (um 20 Uhr) slowenische Lyrik, mit zweisprachigen Lesungen: Marusa Krese aus Berlin, Maja Vidmar, Urosv Zupan und Alesv Svteger aus Ljubljana/Laibach und Fabjan Hafner aus dem österreichischen Feistritz. Am Samstag ist auf Schloss Fahlburg in Prissian (18 Uhr) Gespräch mit Fabjan Hafner (Übersetzer), Franz Hammerbacher (Edition Korrespondenzen, Wien) und den Autoren; um 20 Uhr Performance für Stimme und Akkordeon von Dane Zajc und Janez Svkof aus Ljubljana/Laibach. Zum „Welttag des Buches“ am 23. April ist im Raiffeisenhaus Lana Lesung und Diskussion mit Gerhard Falkner. Anlass bildet die Uraufführung von dessen Stück „Alte Helden“ im Neuen Stadttheater Bozen mit den Vereinigten Bühnen Bozen. Vorgesehen sind noch Tage zur polnischen, russischen und tschechischen Dichtung. / Dolomiten Online 5.4.01

‚He’s beyond music, beyond lyrics‘

For me Bob Dylan was more important, way back then, than the Beatles or the Stones or anyone else. And though there are many great songwriters these days – Paul Simon, Tom Waits – I still think nobody comes close. / Salman Rushdie und andere schreiben über Bob Dylan / The Observer Sunday March 25, 2001

Unterschiedliche Meinungen

der Kritiker von SZ, FR und nun FAZ über das neue Buch von Amanda Aizpuriete kann man bei Perlentaucher nachlesen.

Aizpuriete, Amanda: „Babylonischer Kiez.“ Gedichte. Aus dem Lettischen von Manfred Peter Hein
Rowohlt Verlag, Reinbek 2000, ISBN 3498000586, Gebunden, 72 Seiten, 38,00 DM

Slobos Bekenntnis

Ein Lyriker rechnet ab Jetzt weiß Milosevic, woran er glauben kann / Von Charles Simic

Ich dachte, die Serben würden Milosevic nie loswerden. Wenn es noch irgend etwas gibt, was Kontinuität und Dauer zu garantieren scheint, dann sind es Diktatoren. Irgendwann haben sie uns alle davon überzeugt, daß sie auf ewig bei uns bleiben würden. Und ist es nicht genau das, was sich ihre Anhänger, die zu Tausenden auf Massenkundgebungen brüllen, von ganzem Herzen wünschen? Selbst noch in jener Nacht, in der Milosevic endlich festgenommen wurde, versicherten die vor seiner Residenz versammelten Anhänger den Reportern, Millionen von Menschen, die den Diktator immer noch liebten, befänden sich im Anmarsch auf Belgrad und der Chef werde die Dinge in Kürze wieder selbst in die Hand nehmen.

(Der Lyriker Charles Simic wurde 1938 in Belgrad geboren und lebt in New Hampshire. Zuletzt erschien sein Gedichtband „Grübelei im Rinnstein“.) / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2001, Nr. 80 / Seite 49

Die zwei Welten des slowenischen Dichters Florjan Lipus

Florjan Lipus, 1937 in Lobnig geboren, gehört zu den herausragenden slowenischen Gegenwartsschriftstellern. 1972 wurde der Roman seiner Jugend, «Der Zögling Tja», von Peter Handke für den deutschsprachigen Raum entdeckt. Mittlerweile hat es Lipus akzeptiert, als Kärntner Slowene Teil einer verschwindenden Kultur zu sein. …

Florjan Lipus, geboren 1937 und aufgewachsen in einem engen Tal der Karawanken (einem «Graben», wie die Einheimischensagen), ist Kärntner, Kärntner Slowene – Angehöriger jenes slawischen Volkes, das die Region einst erschloss und beherrschte. Längst sind die (noch 15 000) Slowenen in Österreich eine Minderheit im eigenen Land. Lange wurden sie mit scheelen Blicken betrachtet und waren in Schüben den Demütigungen und Repressalien der Mehrheit ausgeliefert. / Uwe Stolzmann, NZZ 4. April 2001

Bruder der Nacht

Vor 200 Jahren starb Novalis. Goethe mochte seine „flirrende Lust“ nicht, aber das Werk ist noch immer eine Herausforderung

Zum Motiv des einsamen Greises gehört auch das des „umgezogenen Himmels“. In einem Gedicht schreibt Novalis: „Der Himmel war umgezogen,/ Es war so trüb und schwül,/ Heiß kam der Wind gefolgen/ Und trieb ein seltsam Spiel.“ In diesem knappen Vers, wieder ein aus der Fassung gesprungenes Idyll, hält Novalis die ernüchternde Einsicht fest, dass er nicht länger von der gutmütigen Vorstellung ausgehen kann, sein Leben sei in einer höheren Ordnung verankert. Er sieht sich einem „heißen Wind“ ausgesetzt, weiß nicht, wo er Schutz vor dieser Klimaverschärfung finden kann, und diese Verschlechterung seiner Lage verschärft seine Erwartungen an die Literatur. Sie ersetzt ihm die Bibel, sie soll dem Autor und seinen Lesern dabei helfen, eine genauere Vorstellung ihrer Lebenssituation zu entwickeln. Die Literatur wird zur einzigen Orientierungshilfe. Das ist für den Autor einerseits zwar schmeichelhaft, andererseits verpflichtet es ihn, mit größtem Ernst an seinen Versen zu arbeiten. …

Dass Novalis zu einer derart radikalen Auffassung von Literatur gelangte, hängt mit seinem Geburtsdatum zusammen und den Chancen, die sich daraus für ihn ergaben. Er kam im Mai 1772 in der Nähe von Mansfeld (Thüringen) zur Welt, und er konnte, als er zu schreiben anfing, auf die Errungenschaften von Autoren wie Goethe … aufbauen. / Klaus Siblewski, FR 24.3.01

Archiv 2001 April b

Peter-Huchel-Preis 2001 für Oskar Pastior

STUTTGART/BERLIN. Der Berliner Schriftsteller Oskar Pastior hat am Dienstag in Staufen im Breisgau den Peter-Huchel-Preis 2001 bekommen. Die mit 20 000 Mark dotierte Auszeichnung erhielt der 1927 im siebenbürgischen Hermannstadt geborene Dichter für seinen Lyrikband „Villanella & Pantum“. In der Laudatio auf Pastior hieß es, „höchste lyrische Begabung“ verbinde sich bei ihm mit „Wortwitz und subtilem Humor“. Pastior sei der „Führer einer fröhlichen Subversion gegen alle Phrasendrescherei“. Bisherige Preisträger waren unter anderen Manfred Peter Hein, Wulf Kirsten, Sarah Kirsch und Jürgen Becker. (ddp) / Berliner Zeitung 04. April 2001

Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten

hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit „Die Affenmaske“ geschrieben. Das klingt ziemlich unmöglich – und funktioniert dennoch ganz wunderbar. Es geht um ein verschwundenes Mädchen und, wie könnte das bei Lyrik anders sein, ums Literaturmilieu. „Ist es eine Mauer / oder ein Graben / oder eine tiefe Wunde, / was wächst zwischen Geliebten? / ich hab zuviel Lyrik gelesen / vielleicht ist es ja viel simpler . . .“

Ted Hughes: „Birthday Letters“. Serie Piper, 206 Seiten, 16,90 DM Paul Auster : „Vom Verschwinden/Disappearances“. rowohlt paperback, 219 Seiten, 25 DM Dorothy Porter: „Die Affenmaske“. btb, 221 Seiten, 16 DM Elisabeth Borchers: „Alles redet, schweigt und ruft“. suhrkamp tb, 285 Seiten, 19,90 DM Kurt Drawert: „Rückseiten der Herrlichkeit“. edition suhrkamp, 240 Seiten, 19,90 DM Paul Hoffmann: „Das erneuerte Gedicht“. edition suhrkamp, 186 Seiten, 19,90 DM / KLAUS MODICK, taz Nr. 6413 vom 3.4.2001

National Poetry Month special

von The Daily Poetry Association (Charlottesville, USA)

Poetry Daily (http://www.poems.com/) bringt im April täglich ein spezielles Gedicht mit Kommentar – auch als täglichen Newsletter. Am 3.4. ist es „They Flee From Me“ by Sir Thomas Wyatt.

«Wohin ich auch reise, Griechenland schmerzt mich»,

schrieb Giorgos Seferis, der grosse Dichter der Moderne, der 1967 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Damit meinte er nicht nur, dass die arme Gegenwart seiner Heimat «Gestank, Pferdemist und boshafter Klatsch» ihrer grossen Vergangenheit nicht standhalten könne. Diese Wortedrücken auch die Hoffnungslosigkeit eines Menschen aus, der in seinem Land an keine gewachsene kulturelle Tradition anschliessen kann. Auch für Odysseas Elytis, den zweiten griechischen Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts, war Griechenland eine schwierige Heimat. Auch er war ein Dichter. «Wie stellt man es an, Grieche zu sein?»

Es ist, als ob sich diese Frage seines französischen Übersetzers Robert Levesque wie ein roter Faden durch das Werk des Giorgos Seferis spinnt. Oft zieht in seinen Gedichten eine Gruppe von Reisenden durch den zerfallenden helladischen Lebensraum: «Irrende zwischen zerborstenen Steinen seit drei- oder sechstausend Jahren / Stocherer in geborstenem Bauwerk das leicht unsereigenes Haus wär» / NZZ 3.4.01

Wiederbelebung

Um so überraschender kommt nun die Wiederbelebung der Sammlung Luchterhand, die bei ihrem Neustart mit demonstrativem Selbstbewusstsein ans Werk geht. Denn die ersten sechs Bände der neuen Sammlung Luchterhand, die in diesen März-Tagen ausgeliefert werden, sind ausschließlich Lyrik-Titel!

Aus dem Programm der alten Sammlung Luchterhand hat man Auswahlbände der Jahrhundertpoeten William Butler Yeats und Pablo Neruda neu aufgelegt, nebst einer klugen Sammlung mit Gedichten des russischen Unglücksdichters Sergej Jessenin, dessen Werk bislang im Luchterhand-Schwesterverlag Volk & Welt erschienen ist. Neben diese drei Dichter der klassischen Moderne treten drei prägnante Temperamente der lyrischen Gegenwart mit Originalausgaben: Die experimentierfreudige Lyrikerin Ulrike Draesner legt nach ihren sehr eigenwilligen Shakespeare-Übersetzungen neue Gedichte vor („für die nacht geheuerte zellen“).

Der Dichter Norbert Hummelt ist auf seinem Weg zur romantischen Wiederverzauberung der Welt noch einen Schritt weiter gegangen – und erprobt beim Entziffern der „Zeichen im Schnee“ einen hohen Sehnsuchts-Ton. Die Portalfigur bei der Eröffnung der neuen Sammlung Luchterhand ist aber der tote Ernst Jandl, an dessen „künstlichem Baum“ sich die Reihe einst emporrankte. Mit den „Letzten Gedichten“ dieses großen, verzweifelten Dichters, der in minimalistischer Lapidarität die Vernichtung des eigenen Werks heraufbeschwört, beginnt – vielleicht – eine neue Ära des literarischen Taschenbuchs. / Michael Braun, Die Rheinpfalz 3.4.01

Ein Historiker unter den Dichtern:

Thomas Kling und seine wundersamen „Botenstoffe“:

Hermes, in der griechischen Mythologie der Götterbote des Olymps, überbringt den Menschen Nachrichten und Geschenke, ist ein gewandter Überredungskünstler, zeigt Wege auf und geleitet die Seelen Verstorbener sicher bis zum Boot Charons, das sie zum Hades übersetzt. Von Hermes stammt auch der listenreiche, auf dem Meer hin- und herschwenkende Odysseus ab. Eine Affinität zu diesem besonderen Stammbaum lässt Thomas Kling in seinem neuen Band mit dem Titel Botenstoffe ahnen. Es ist diesmal kein Gedichtband geworden, vielmehr umreißt Kling das, was zu den Gedichten hinführt, unter ihnen lagert, ihre Substanz ausmacht. In gut zwei Dutzend Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, sortiert und kommentiert er sein Quellenmaterial und arbeitet sein Umfeld nachrichtenmäßig auf.

Poesie ist ja von ihrer Wesenhaftigkeit her zunächst selbst göttlicher Botenstoff. Sie bringt einzigartige, vollkommene Mitteilungen aus dem inneren Kosmos des Menschen. Zuvor muss sie Material aufnehmen, sich füllen, anreichern und im Dichter hin- und herbewegen, ehe sie Gestalt zeigen kann. / Cornelia Jentzsch, FR Spezial Literatur

Selten hören ihre Gedichte so auf,

wie man es erwartet. Eines handelt von einer Autofahrt und vom Gegenteil des ersten Blicks, der Formel „x ist schön“. Trotzdem, und obwohl das „Du“ am Steuer sitzt, landet die Fahrt wieder beim Du: „wir haben abgemacht / in dieser Gegend / den Mund zu halten / mit dem Finger nur / zu deuten auf die Dinge / sie als Variable leise / einzusetzen in die Formel: / x ist schön // die Füße auf der Armatur unterbrechen wir / selten nur / die Stille in Gesprächen / über Benzinpreise / Wasservorräte / und Dattelkerne / bin ich unterwegs zu dir.“ (jae.)

Eva Corino: Keine Zeit für Tragödien. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2001. 144 Seiten, 24 Mark. / Berliner Zeitung 31.03.2001

Radikale Dekompositionen der Sprache,

wie sie experimentelle Ansätze kennzeichnen, die gerade auch in der jungen österreichischen Literatur um sich griffen und verblüffende Resultate zeitigten, sind seine Sache nicht, im Gegenteil: Er möchte, wie er ausdrücklich formuliert, den Satz vor den Silben schützen. Und er gewinnt Gewissheit über sich selbst aus der Tatsache, dass es immer „einige Wörter“ gibt, die sagen, „dass es uns geben muss“.

Alfred Kolleritsch: Die Summe der Tage. Gedichte. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2001, 32 DM. / Kurt Riha, Frankfurter Rundschau 29.03.2001

In Carsons Kosmos

findet fast alles seinen Platz, bis hin zu kleinen Pikanterien wie dieser: „Gott gab der Sprache der Frau eine onomatopoetische Qualität. / Diese ewiglich holprigen Laute, ewiglich / hinstolpernd hinein // in die wirklichen Wörter, aus dem, was sie sind. / Wie Füße, die man schüttet in Knochenschuhe. / ,Untreue‘ (fällt ihr auf) klingt fast wie Sein Reißverschluss, wenn / er aufgeht.“

Der Erfolg, den Anne Carson in der englischsprachigen Welt mit ihren Gedichten hat, gründet wohl auch auf dieser spielerischen Leichtigkeit, mit der sie es versteht, Figuren und Dinge zu durchleuchten. Michael Ondaatje, der große Romancier, hat die enorme Vielfalt dieses Werks, in dem Intellekt, Witz und Humor so trefflich zusammenfinden, hervorgehoben.

In deutscher Übertragung erscheinen die Gedichte Anne Carsons nun erstmals, und für die Entdeckung dieser Autorin ist Alissa Walser und Gerhard Falkner zu danken. Betrüblich ist dabei allerdings, dass der Piper Verlag sich nicht zu einer zweisprachigen Ausgabe entschließen konnte.

Anne Carson: Glas, Ironie und Gott. Gedichte. Aus dem Englischen von Alissa Walser und Gerhard Falkner . Piper Verlag, München 2000, 192 Seiten, 38 DM. / Frankfurter Rundschau 22.03.2001

Das Problem

haben auch andere: Zwei Leserbriefe zu einem Artikel im Guardian:

If you could only give poetry more space

… few people in Britain now read poetry of any kind and, of those, the majority are locked into the sounds, rhymes, rhythms and tastes of their schooldays.

As a published poet, I don’t blame them for this, since they are rarely offered any information or encouragement to help them discover and enjoy contemporary poetry. The Guardian and Observer, for example, give us many interesting and informed articles and reviews on contemporary art, architecture, dance, films, music, novels, opera, plays, pop – but very rarely anything about poetry. Even when the subject does appear, it’s generally for some token or incidental reason.

… Since newspapers are the main source of information and education on the arts, why do they ignore poetry? The usual reply is because it’s too difficult and obscure, or that it doesn’t rhyme, but this is only said because poetry has found new and varied forms of expression, subjects, voices and sensibilities. The real problem is that people have not been popularly exposed or educated to these changes. Poems on the Underground is, perhaps, the exception, but it’s sad that poetry can only be openly displayed and encouraged when it is underground. Brian Hughes Lausanne, Switzerland, Guardian 31.3.01

Der zweite Brief geht der Frage nach, warum ein Gedicht wie „If“ von Kipling, der heute in England allgemein als Chauvinist und Rassist gilt, von Pinochet-Opfern in Chile geliebt wird. „Perhaps a case of the poem being greater than the poet.“

Archiv 2001 April a

The complete list

of 100 Favourite Irish Poems, as chosen by readers of the „I rish Times „, 3.4.01

The Guardian newspaper

has launched a poetry competition for mobile phone users.

The submitted poems have to be written as a text message and sent in via a mobile phone for adjudication.

The winning entry will receive £1,000 as a prize.

The text message format puts a limit of 160 characters on the poem, which the organisers hope will test the ingenuity and creativity of the poets.

The submitted poem can be in plain English or in the shorthand English favoured by many text message enthusiasts.

Guardian journalist Victor Keegan told BBC News Online: „A text message poem gives you total freedom.

„There is a lot of scope for the poets.“

Writing in the Online section of the Guardian, he said: „It is the first competition of its kind with a special interactive feature.“

The final short list of seven poems will be sent to all participants via their mobile phones to acts as judges.

Mr Keegan added: „This is a new literary form and it must be left to define its own parameters.

„In this competition the medium really is the message. / Victor Keegan, Guardian (found at BBC News, Thursday, 29 March, 2001, 11:13 GMT 12:13 UK)

Der Lyriker Bei Dao

zählt zu den großen Autoren Chinas. In seiner Heimat kennt man von ihm jedoch nur Texte bis 1989. Die Ereignisse auf dem «Platz des Himmlischen Friedens» hat Dao in Berlin vor dem Fernseher verfolgt. Seitdem lebt er im Exil.

Pause

Schließlich bist du angekommen
in einem Sonntag, da die Wolken anlegen
Eine Pause wie die Unwahrheiten
Vorsicht, jemand liegt auf der Lauer
Die Pause spielt die Klaviatur
Tag und Nacht
spielt morgen
Die Verkettung des Glücks
Die Toten haben ihre Schatten abgeworfen
und halten den Himmel verschlossen

/ Netzeitung 31.3.01

Lines to live by

The Duchess of York revealed this weekend that she always carries a copy of Rudyard Kipling ’s poem If with her, and is a firm believer in its ‚philosophy‘. But what, exactly, is its philosophy? And, while we’re about it, what are people who declare their love for Rupert Brooke’s The Soldier trying to tell us? Emma Brockes reads between the lines / Tuesday March 27, 2001 The Guardian

Der Ratinger Hof –

kein Nobelhotel, sondern eine Punk-Kneipe in Düsseldorf – erscheint in Kling-typischer Manier als Schauplatz und mehr noch als Klang- und Echoraum parodistischer Wortspielereien, zwischen «leber-» und «laberschäden», «yachtinstinkt», «blickfick» und «barbieverpuppung», deren Dynamik der Interpret als elaboriertes Beispiel einer «Pathetisierungs- und Gefühlserregungskunst» beschreibt. Scharf grenzt Kinder die Literatur von Franzobel, Beyer, Grünbein, Kling und einigen anderen gegen die «operative Gebrauchslyrik» der Vorgängergeneration ab: «Weg von der Ideologiekritik und hin zur komplexen sprachlichen Inszenierung» gehe der Trend bei den Neueren, während in der Prosa zurzeit «der Exorzismus des Experimentellen» vorherrsche.

Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Thomas Kling. Text + Kritik, Band 147, München 2000. 122 S., Fr. 26.-. / NZZ 31.3.01

Beyers umfangreiche Auswahl

stellt einen stillen großen Dichter vor, doch Stille, so schreibt Hofmann einmal, kann eine Einladung sein, sie zu stören. Das hat Beyer leider nicht oder nur selten wahrgenommen oder eben in einer sehr deutschen Weise, indem er der leisen untergründigen Anarchie von Hofmanns Zeilen eine Ordnung einzieht, die dem Satzbau des Deutschen sehr vertraut und ohne Not den ebenmäßigen Stil Hofmanns in Aufzählungen zergliedert. In dem Titelgedicht des Bandes „Feineinstellungen“ schreibt Hofmann von der Unruhe, die in der Ruhe liegt, die er zum Schreiben und zum Übersetzen braucht, und von einem Zittern, das nur dann hochkommt, „where I blurt in German, dissatisfied and unproficient“, was Beyer übersetzt mit „wo ich auf Deutsch radebreche, ein unzufriedener Stümper“. Von dem Druck, den das Deutsche auf Hofmann – als Übersetzer, aber eben auch als Sohn des deutsch schreibenden Vaters Gert Hofmann – ausübt, ist hier nicht mehr viel zu spüren, von dem Druck, der ihn die Worte nur wie zusammenhanglos hervorstoßen lässt, und der sich in weiteren ähnlichen Ausdrücken durch das ganze Gedicht zieht.

Michael Hofmann: Feineinstellungen. Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Englischen von Marcel Beyer. DuMont Buchverlag, Köln 2001, 220 Seiten, 39,80 DM. / FR Spezial Literatur 21.3.01

Gedicht sei Gedicht,

haben Sie bisher immer gedacht. Und Schach sei Schach. Aber unter dem Blick des Basler Mathematikers François Fricker, der uns die folgende, sagen wir: Betrachtung hat zukommen lassen (die, so Fricker, viel den Papieren eines Dr. phil. Jeremias Mueller verdanke), geben die Buchstaben plötzlich als verkleidete Zahlen sich zu erkennen und was eben noch ein Konzert reiner, sinnfreier Laute schien, erweist sich als – Endspielstudie. Morgenstern als Vorläufer Becketts? / Basler Zeitung 31.3.01

2001 April Zeitschriftenschau

 

Veröffentlichungen von und über Lyrik in ausgewählten Zeitschriften

manuskripte 151/2001

Gedichte von Olga Martynova, Evelyn Schlag, Karin Kiwus, Richard Wall, Friederike Mayröcker, Mikael Vogel, Christel Mertens, Peter Horst Neumann, Bronislaw Maj, Marzanna Kielar, Krzysztof Koehler, Mariusz Grzebalski / Ingomar von Kieseritzky: Ernst Jandl – Die Aktentasche / Hans-Jost Frey: Ingolds Kürze

Wiecker Bote 11/2001

Gedichte von Sergiusz Sterna-Wachowiak, Czeslaw Milosz, Tadeusz Rózewicz, Leszek Szaruga / Sergiusz Sterna-Wachowiak: Lyrik als Widerstand und Erneuerung. Betrachtungen zur Dichtung der achtziger Jahre in Polen / Ans Licht: Poesie und Poetik der Polen

orte 121/2001

Gedichte des Obwaldner Mundartpoeten Julian Dillier / D. H. Lawrence: «Puma»-Gedicht

Zonic 11.5/2000

Ronald Lippok: Notizen zu Crowley und Pop / Dub Poetry / Marcel Beyer / Bert Papenfuß

die horen 201/2001

Thema: SchreibArten und LebensGeschichten. Dichtung im Gespräch: Ruth Klüger, Uwe Kolbe, Wolfgang Hegewald, Katja Lange-Müller, Hans-Eckardt Wenzel, Peter Härtling

Sinn und Form 2/2001

Gedichte von Elisabeth Borchers / Lutz Seiler / Ulrike Draesner / Iain Galbraith: Michael Hamburger und die Lyrik der utopischen Begegnung / Michael Hamburger: Philipp Larkin. Ein Rückblick / Adelbert Reif/ Michael Theunissen: Pindar, Hölderlin und die Aktualität der frühen Griechen / Ludvík Kundera: Erinnerungen (Erich Arendt, Franz Fühmann) / Peter Hamm über Wulf Kirsten

Lettre international 52/2001

Gedichte von John Kinsella / Ira Cohen / Christopher Edgar

Wespennest 122 /2001

Schwerpunkt Südafrika. Außerdem Gedichte von Gerhard Ruiss, Sabine Heilig, Semier Insayif / Ulrich Horstmann über Philip Larkin/ Texte von Larkin / Alexander Puschkin, Exegi monumentum

Edit 24 2000/2001

u.a. Patrizia Cavalli, Markus Stegmann, (kursiv: Online)

literaturkritik.de Februar 2001

u.a. Kaschnitz , Hacks , Draesner , B. Köhler , Gernhardt , Lyrikjahrbuch 2001

Gegner 7

Gedichte von Gregor Kunz / Bert Papenfuß / Andreas Paul / Sven Rohrbach / Jegor Letow / Aufsätze von Michael Lentz / Reinhard Jirgl / Bert Papenfuß / Kathrin Schmidt

wespennest 121

Frantisek Lesák, raumdeutsch / Kritik: Shakespeare, Czernin , Sonnets

neue deutsche literatur 1-2001

Gedichte von Wilhelm Bartsch, Norbert Weiß, Franz Wurm, Jean Krier, Christopher Ecker, Mirko Bonné, Matthias Dix, Oswald Egger, Reinhard Rakow, Markus Stegmann, Holdger Platta, Jürgen Israel / Sebastian Kiefer: Lesart Peter Huchel : Rom / Lionel Richard: Deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts in Frankreich / Kritik: Christoph Meckel

Signum. Blätter für Literatur und Kritik (Dresden) 1-2001

Gedichte von Thomas Böhme, Kerstin Hensel u. a. / Junge Berner Lyriker: Raphael Urweider und Armin Senser

orte 1/2001

Spanische Lyrik (übertragen von Hans Leopold Davi) / Gedichte von Rui Knopfli (Moçambique)

Zwischen den Zeilen 16/2000

Tom Clarke / E. E. Cummings / T. S. Eliot / Kenneth Koch / Denise Levertov / Rosmarie Waldrop

2001 Mrz

Sonett

In der Frankfurter Anthologie vom 31.3. bespricht Norbert Mecklenburg Brechts Sonett „Über Goethes Gedicht „Der Gott und die Bajadere““


Gnaden

Daß im Atemholen zweierlei Gnaden sind, erfuhr jetzt auch Hanns-Josef Ortheil in der „ Welt „:

Ich war schon auf etwas Hochgestemmtes, Verkrampftes gefasst, als ich [bei Hummelt] las: „kein wachslicht, welches zu entzünden/ wäre. u. nur das fehlen jeglicher symbolik/ erinnert mich, so daß mir mulmig wird.“

Da atmet man richtig auf, denn oft haben Gegenwartsgedichte ja etwas entsetzlich Peinliches, und das nicht nur, weil sie meist zu betulich und wichtigtuerisch sind. Vielmehr liegen sie vor allem deshalb so oft grausam daneben, weil viele Lyriker in Gedichten unter ihr sonstiges Denk- und Empfindungsniveau gehen, gerade so, als könnte man mit Gedichten alles machen.

  • Frühlingsgedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam, Stuttgart 2001. 85 S., 5 Mark.
  • Norbert Hummelt:Zeichen im Schnee.Gedichte. Luchterhand,München 2001. 104 S., 18,50 Mark.
  • Rainald Goetz:Jahrzehnt der schönen Frauen.Merve, Berlin 2001. 213 S., 26 Mark.
  • Sergej Jessenin:Ein Rest von Freude.Gedichte. Aus dem Russischen von Paul Celan, Elke Erb,Rainer Kirsch u.v.a. Luchterhand, München 2001. 172 S., 19,50 Mark

/ (31.1.01)


Zeit goes Lyrik

Joseph Beuys hat einmal gesagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ Ich sage: „Jeder Mensch ist ein Dichter!“ Also bitte die linke Hirnhälfte entspannen und die Inspiration aus der rechten fliessen lassen, dann dichtet es sich ganz wie von selbst. Bitte die Gedichte anderer, wenn überhaupt, möglichst sachlich kritisieren, gegebenfalls höflich darüber hinweggehen. (Ohnehin wird ja vieles eher als Spass gemeint sein. Oder, um mit Ernst Jandl zu sprechen: Wo bleibt der Humooorrrrrr? ;-)) [na so ähnlich, mg]

Allerdings sind auch besonders geschätzte Gedichte berühmter oder weniger berühmter Poeten wie Shakespeare, Goethe, Mörike, Hölderlin, Rilke, Benn usw. usf. gerne gesehen, ebenso wie Liedtexte. (Lieder sind ja ursprünglich nichts anderes als gesungene Gedichte.) Alles ist herzlich willkommen.

Die Zeit Debatte Lyrik (kann man mitdiskutieren und mitdichten)


Spätentdeckung

Hamm ist mit dem Werk Pessoas , der „bei weitem wichtigsten Spätentdeckung der modernen Weltliteratur“, seit über dreißig Jahren vertraut. In den 80er-Jahren hat er einen Film über den großen Melancholiker gedreht, der ? nach einer Jugend in Südafrika ? zwischen 1905 und 1935 in Lissabon ein denkbar unauffälliges und ereignisloses Leben führte, sein Werk (dafür?) aber mit zahlreichen erfundenen Gestalten bevölkerte. Die Frage, ob die Erfindung dieser Heteronyme dem Lebensüberdruss eines grenzenlos Einsamen oder der Lust an der Vielgestaltigkeit und am literarischen Versteckspiel entsprang, mochte Hamm nicht beantworten. Wie ließe sie sich auch entscheiden? Pessoas Devise „Sei vielgestaltig wie das Weltall!“ und sein schöner hybrider Satz: „Gott ist nicht einer, wie könnte ich es sein!“ sind das eine; sein unglückliches, durch exzessiven Alkoholismus schon mit 47 Jahren beendetes Leben ein anderes. Kausalitäten zwischen beidem zu stiften, gehört in den Bereich der Spekulation. / Badische Zeitung 30.3.01


«Und während wir den Tod erwarteten,

wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit.» So schrieb Rose Ausländer im Rückblick auf ihr Überleben im Ghetto von Czernowitz. Dorthin war sie 1941, als Rumänien an der Seite Nazideutschlands in den Krieg trat, zusammen mit ihrer Mutter deportiert worden. Es gelang ihnen, sich im Ghetto zu verstecken, und sie entkamen so dem Abtransport in die Vernichtungslager.  / Konrad Tobler, Berner Zeitung 28.3.01


Wunderland für Lyrik

Als Lyrikerin seit ihrem 17. Lebensjahr – „in den wilden Jahren“ – und mit sechs Bändchen neben „fast sechs Romanen“ lobt die Isländerin Deutschland als das „Wunderland für Lyrik, das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“, ebenso wie später für das hier vorhandene Umweltbewusstsein. (sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir in der Fuldaer Zeitung 27.3.2001)


„Hätte ich begriffen,

dass ein Fuchs für alles steht / Was eine Ehe auf die Probe stellt und sie als Ehe erweist-, / Ich wäre nicht gescheitert. Wärst du es? / Aber ich versagte. Unsere Ehe hatte versagt.“ So endet das Gedicht. Er hat es „Epiphanie“ genannt. Denn für einen Schamanen ist ein Fuchs nie nur ein Fuchs.
Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht. Essays. Ausgewählt und übersetzt von Jutta Kaußen, Wolfgang Kaußen und Claas Kazzer. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 291 S., 39,80 DM. / Volker Sielaff, Potsdamer Neueste Nachrichten 28.3.01


Zu den dunkleren Traditionen

des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs, der ja dem Dichter-Nachwuchs gewidmet ist, gehört auch die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen. So konnte Thomas Kling, der diesmal als Ehrengast des „Literarischen März“ geladen war, in schöner Ironie den Darmstädter Mundartdichter Ernst Elias Niebergall paraphrasieren, um seine eigene Chancenlosigkeit in Erinnerung zu rufen: „Ich kumm in Darmstadt uff kahn grihne Ast“. / schreibt Michael Braun in der FR , 27.3.01


Celan-Oper

Darf man über den großen Lyriker Paul Celan eine Oper schreiben? Man darf: „Celan“ von Peter Ruzicka und Peter Mussbach erfolgreich in Dresden uraufgeführt

„Der Dichter ist reiner Stahl, hart wie ein Kiesel.“ Das könnte auf den Lyriker Paul Celan gemünzt sein, hätte Novalis den Satz nicht unendlich lange vor Celans Leben niedergeschrieben. Aber – Zufall oder Fügung – just am zweihundertsten Todestag des romantischen Geistes, eines „Vorläufers“ der Dichtung der Moderne, wird Peter Ruzickas „Musiktheater in sieben Entwürfen“ mit dem schlichten Titel „Celan“ uraufgeführt. In Dresden, dem abgründigen Symbol des Kriegs, der Zerstörung, des Todes durch den von Deutschen verursachten Terror. „Todesfuge“ heisst das Gedicht von Paul Celan, Sprachmahnmal für das Unfassbare, den Holocaust. Es hat längst Aufnahme in die Lesebücher gefunden. / Süddeutsche 27.3.01

Dazu schreibt auch die Frankfurter Rundschau vom 27.3.:

Celan ist eine Schicksals-Chiffre. Der Name des Dichters Paul Celan steht für jene jüdischen (oder kommunistischen, homosexuellen, Roma-) Überlebenden der Nazi-KZs, die viel später noch von dieser Vergangenheit zur Strecke gebracht wurden (nach wiederholter psychiatrischer Behandlung stürzte er sich 1970 in die Seine). Celan war in seiner Dichtung prekär an die deutsche Sprache, die der Täter, fixiert. Mit der Todesfuge brachte er das Unsagbare, das schlechthin Nicht-Kunstfähige, den Holocaust, zu einer Ausdrucksform; das Gedicht hat in seiner einsamen Respräsentanz des nicht Repräsentierbaren in Deutschland fast auch so etwas wie eine Alibirolle (bis hin zur Lesebuchlektüre) eingenommen.  Die Zeit hörte dies: Von dem Regisseur und gelernten Neurologen Peter Mussbach hat er sich das Libretto schreiben lassen – 36 fiktive Schlaglichter aus dem Leben eines rastlos Getriebenen, die gesplittert, ohne konsistenten Erzählstrang zusammengepuzzelt sind: paranoide Begegungen in der Pariser Metro, Erinnerungsfetzen aus der rumänischen Jugendzeit, verrätselte Todesrauschfantasien, auch bizarre Szenen des Fremdenhasses, die die Celan-Ängste in unserer Gegenwart verorten. Ein undurchdringliches Spiegelkabinett aus mal mehr, mal weniger treffend erfundenen Celan-Reflexionen, dem Ruzicka eine Musik zur Seite gestellt hat, die sich ganz und gar nicht „am Rande des Verstummens“ bewegt. / Die Zeit 29.3.01  Und natürlich war auch die NZZ da. Und die FAZ (sogar mal im Netz ) / Berliner Zeitung 27.3. /Tagesspiegel 28.3. / tagesanzeiger 28.3. / Hannoversche Allgemeine 27.3. / taz 29.3. /

2001 Mrz

Über die Versteigerung

der Sammlung André Bretons berichtet die SZ am 31.3.


„stimmschlund, sibylle“

Nicolai Kobus, einer der intelligentesten Vertreter seiner Zunft, versuchte sich in einem hochfahrenden Dialog mit Baruch Spinoza und Ezra Pound. Der poetische Absturz war gewaltig. Zum Triumph führte das intertextuelle Spiel jedoch bei Anja Utler (Leonce-und-Lena-Hauptpreis, 8000 Euro), die ein Motiv der russischen Dichterkönigin Marina Zwetajewa aufnahm. Das klangspielerische Murmeln, Rätseln und Raunen um die legendäre Seherin Sibylle, die einst als Priesterin des Apoll das Orakel im italischen Cumae hütete, hat Utler durch stetige semantische und syntaktische Verschiebungen in ein hochmusikalisches Sprachereignis verwandelt: „sibylle so: gähnt sie, ächzt: schwingen die: stimmlippen, -ritzen sie / kratzen: hinweg übern kalk, scheuern, reißen ein: krater vom / becken zur kehle der: stimmschlund, sibylle, sie: zittert, vibriert…“. So konnte man die fast unglaubliche Verwandlung einer Dichterin bestaunen, die noch vor zwei Jahren in Darmstadt als eher unauffällige Verfasserin von Liebes- und Natur-Miniaturen auftrat. / Michael Braun zum Leonce-und-Lena-PreisFR vom 19.3.


det/das: Kling über Christensen

Ungleich wirkungsmächtiger als alle Exponate der deutschen Nachkriegsavantgarde war det jedoch für Dänemark – ein sensationeller Publikumserfolg.

Für die beiden Deutschlands: Fehlanzeige. Und Fehlanzeige für Österreich. Das mag daran gelegen haben, dass die von zynisch-witzelnden Gesten nicht freie Autoren-Mannschaft der Wiener Gruppe sich nie an der großen Gedicht-Form versucht hat. Nur aus der sprachphilosophisch beschlagenen Szene wäre ein Werk zu erwarten gewesen, das sich an die Seite von dashätte stellen können. Es bestand einfach kein Interesse für das lyrische Großformat, sieht man von einigen Arbeiten Konrad Bayers ab, der aber im Alter von 31 schon starb; mit seinem mathemathisch konstruierten der vogel singt aus den frühen Sechzigern, immerhin ein Liliput-Versuch zum langen Gedicht, das nicht schwafelt, hätte er immerhin als der kleine Bruder der großen dänischen Schwester durchgehen können.

Interesse fehlt. Und das Können. So bleibt das ein funkelnder Solitär, begonnen 1967 in Kopenhagen, nach längerer Pause in Rom zwei Jahre später beendet. Ein all-chemisches Gedicht. Eines das „schillert, changiert, wirbelt“. Ein Gedicht – Sprache ist Delphi –, das per Zufalls-Steuerung zur Welt-Anschauung gelangt ist. Etwa zu diesem Schluss: „Drehung um drehung bekommt eine andere drehung.“ / Thomas Kling, Die Zeit vom 20.3.

Inger Christensen: det/das

Gedichte; aus dem Dänischen von Hanns Grössel; Kleinheinrich, Münster 2002; 463 S., 45,- Euro

(Irgendwie auch ein Kommentar zur nächsten Nachricht!)



 

Spracherweiterungsprogramm

Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  gewonnen. Sie teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01

Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.

Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.

Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.

Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01

2001 Mrz

Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst

„Matthias“ BAADER Holst. Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell. Das alles irgendwie. Und das alles irgendwie nicht.
Ein sicherlich singulärer Vorfall, der eine Symbiose mit seinen Texten eingegangen war und sie als Klangform der eigenen Unangepasstheit unters Volk schlug. Ein performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“. /
scheinschlag , 24.3.01


Im Geburtszimmer von Novalis

neben der Vitrine mit seinem Taufhäubchen wird die Novalis-Stiftung zur Taufe gebracht werden. Für Gabriele Rommel ist dies ein weiterer Schritt in ihrer zehnjährigen Bestellung von Novalis’schem Neuland. 1992 hat die habilitierte Germanistin blutenden Herzens die Universität Leipzig verlassen und ist nach Wiederstedt gezogen. Hier fand sie das Schloss als eine Baustelle, die sie in Gummistiefeln betrat. Ihr erster Arbeitstisch stand beim Bestattungsunternehmer Wahrlich neben der Kammer, in der sich die Leichenwäscher umzogen. Novalis, sagt die blonde, entschiedene Frau, sei heute im Mansfelderland die letzte Möglichkeit, Identifikation zu schaffen. / NZZ 23.3.01


Brief auf nackter Haut

Die Tusculum-Ausgabe der Liebeskunst von Ovid als Taschenbuch / Burkhard MüllerBerliner Zeitung 24.3.01


Neue Bücher über Arthur Rimbaud bespricht The New Republic


English poetry begins

with runes and riddles and an illiterate herdsman told by an angel to make his own song in praise of God. This first named English poet, Caedmon, had the virtue of reluctance. Commanded by his angel to sing, he replied that he did not know how. „Yet you could,” said the angel. So Caedmon sang — nine heart-felt lines, strongly stressed, simple in thought and feeling, a variation on the Lord’s Prayer beginning „Nu scolon herigean heofonrices Weard” (Now praise we country heaven’s Warder). The Old English is strange to us, but said aloud slowly it still has the power to make the hairs prickle in the nape of the neck. As Michael Schmidt remarks, repeating the tale as told by Bede, Caedmon was thus not only the first English poet, but the first inspired poet in English. Schmidt’s The Story of Poetry is going to be a four-volume history of English verse. / The Times Onlinespecial 14.3.01


In der New York Review of Books schreibt Charles Simic über James Merrill („Miraculous Mandarin“) und JAMES FENTON über Philip Larkin: It is often casually said of Larkin’s poetry that it expresses common experience, that it has its origin in the commonplace, or even—I have seen this in newspapers—that the famous catchphrases that have been drawn from it („What will survive of us is love,” „Books are a load of crap,” „Life is first boredom, then fear,” „They fuck you up, your mum and dad”) express a common point of view. But what strikes us most about Larkin is not the commonness but the singularity of the point of view. /


Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  gewonnen. Sie teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01  Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.
Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.
Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.
Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01


Frankfurter Anthologie der FAZ am 24.3.: Ludwig Harig über Novalis; Alle Menschen seh ich leben – Auf der gleichen Seite schreibt Lothar Müller zum 200. Todestag (Novalis als romantischer Enzyklopädist) Außerdem eine Besprechung des Astralis-Buches von Sophie Vietor (über einen sensationellen Handschriftenfund aus dem Nachlaß von Stefan Zweig) – In der NZZ schreibt Karl Heinz Bohrer und in der Süddeutschen Harro Zimmermann über den Dichter.
Mehr Novalis 1 / 2 /


Reservat Poesie: Betreten erbeten Heute ist UNESCO Welttag der Poesie.

Die Aufmerksamkeit richtet sich damit auf eine schützenswerte, weil aussterbende Gattung. Statt die Poesie jedoch als «Essenz der Kultur» heilig zu sprechen, bringen verschiedene Projekte sie im täglichen Leben wieder zur Geltung.
Zum UNESCO Welttag der Poesie muss man sich wohl auf das Verschwinden dieser Literaturgattung gefasst machen. Der nächste Schritt wird sein, sie zum Weltkulturerbe zu ernennen: Ankor Wat, Quedlinburg, Gizeh, Poesie. Man erinnert sich an Erzählungen der Großeltern, die etwas von Birnen im Havelland murmelten, und staunt über staatlich geschützte und alimentierte Dichter, die in mutigen Städten als Stadtschreiber hausen. Nicht füttern, warnt ein Hinweisschild – wenn doch, dann höchstens mit ein wenig Käse und Rotwein. /
Netzeitung 21.3.01


Über die Exilgedichte des chinesischen Lyrikers Bei Dao schreibt die Süddeutsche am 21.3.


Die Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“

stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband „Unter Strom im Frühlicht“. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel „Wolkenlesen“.
Donnerstag, 22.3., 20.00 Uhr  Gohliser Schlößchen, Leipzig
Angelika Janz, geboren 1952 in Düsseldorf, lebt jetzt in Aschersleben (Vorpommern). Sie ist Autorin (Lyrik und Prosa) und bildende Künstlerin mit zahlreichen Ausstellungen. Ein bevorzugter Aufenthaltsort liegt für sie zwischen den Stühlen: sei es im Grenzbereich der Künste (visuelle Poesie, Bild-Text-Arbeiten, Fragmenttexte, Performance, Hörspiel) , sei es im Spannungsfeld zwischen ihrer West- (Rheinland) und Ost-Heimat (Vorpommern). Sie arbeitet im Landkreis Ucker-Randow seit Jahren an sozialen und kulturpolitischen Aufgaben und verarbeitet ihre west-östlichen Wahrnehmungen in Gedichten und Prosa (Barackenleben, Die Implodierten).

Richard Anders, geboren 1928 in Ortelsburg (Ostpreußen), lebt in Berlin. Prägend für sein literarisches Schaffen wurden – nach erster Bekanntschaft mit surrealistischer Literatur und Kunst in den 40er Jahren – Begegnungen mit Hans Henny Jahnn (50er Jahre) und André Bretons Surrealistenkreis (60er Jahre). 1998 erhielt er als erster Preisträger den Greifswalder Wolfgang-Koeppen-Preis. Er schreibt Gedichte, Prosa (autobiographischer Roman, Kurzprosa), Essays für Zeitschriften und Rundfunk und übersetzt aus dem Englischen und Französischen.  In der Edition des Wiecker Boten erscheint: Wolkenlesen. Essays und Rezensionen über Surrealismus und hypnagoge Bilder.
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Ingrid Fichtners Gedichte

wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten.
Wie so oft in der Sparte Lyrik, gilt es ein Bändchen anzuzeigen, dessen äussere Eigenschaft das Adjektiv schmal bezeichnet. Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht nur um ein schmales, sondern zugleich auch um ein schönes Buch: Das Atelier Bodoni in Frauenfeld hat Ingrid Fichtners „Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe“ im Handpressendruck produziert. Die individuelle Gestaltung gibt auch den unscheinbaren unter den Gedichten einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können. Denn Platz braucht diese Lyrik – bedingt durch ihr hervorstechendstes Merkmal, offene Ränder zu haben. / Philipp Gut , Tages Anzeiger 21.3.01


Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen

Spricht man von sorbischer Literatur, so fällt der Name Kito Lorenc. Er ist ihr Hirn und, was er ungern zeigt, ihr Herz. «Man kann die Heimat gar nicht zu viel lieben» heisst ein Poem voller mokanter Reimereien. Es steht im schattig blauen handgehefteten Auswahlband «An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten» und zählt auf, was es an dieser Heimat so alles zu lieben gibt, «den Lurch in der Furch», den «Laich in ihrem Teich», «den sauren Regen . . . ohne zu überlegen», daneben «beim Heimspiel ins Reimziel» sogar «ihre Fussballelfen . . . um fünf vor zwölfen»
Kito Lorenc: An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten. Mit einem Nachwort von Christian Prunitsch und Original-Holzschnitten von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, A-4100 Ottensheim 2000. 54 S., Fr. 90.-.
/ Beatrice von Matt
NZZ 20.3.01
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haariges bein so sehr behaart


Ulrike Draesners reicher Gedichtband „für die nacht geheuerte zellen“ Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit „exakter Fantasie“. Die epilierten Haare verwandeln sich zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: „Wer das lesen könnte.“
Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein „fußballgedicht“, Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit. / FR 21.3.01 Rolf-Bernhard Essig


TÜRSCHILD


Vorsicht, bissige Stille, was knarrt
sind nur ein paar verzogene Jahresringe,
die Königssuite einer Bruchbude ist hier,
und jeder Tag hat vierundzwanzig Überstunden.

Türschild ist ein im Dezember 2000 entstandenes, bislang unveröffentlichtes Gedicht des 1960 geborenen Walle Sayer, der so überhaupt nicht in die Schablonen bundesrepublikanischer Wirklichkeiten passt. Wohl deswegen sind ihm bereits eine ganze Reihe literarischer Preise verliehen worden, denn die saturierten Niemandslandwohlstandsbildungspolitiker mögen es, wenn statt ihrer der eine oder andere ein wenig aus der Reihe tanzt: alter ego? Wer weiß… / Theo Breuer, Titel , Magazin für Literatur, Film und Crossover


Alles umsonst, alles unsagbar.

Karel Hynek Mácha, der Heine der Tschechen, mit einer Auswahl aus Prosa, Poesie und Tagebüchern
Mácha, in Prag geboren, wuchs in kleinen Verhältnissen auf. 1829 veröffentlichte er – noch auf Deutsch – seinen ersten Gedichtband, beeinflusst von der Lektüre Goethes, Schillers, aber auch der fantastischen Romantiker. Im darauf folgenden Jahr erheben sich die Polen gegen die russische Vorherschaft. Nach Niederschlagung ihres Aufstandes unterstützt Mácha in Prag flüchtige Freiheitskämpfer. Er lässt sich von ihnen und den Werken der polnischen Romantiker politisch wie ästhetisch inspirieren. Mácha begreift sich als national gesinnter Schriftsteller. Die Pflege der Volkssprache wird ihm zur vorrangigen Aufgabe. Er vertieft und erweitert sie, spielt vor allem in der Lyrik mit ihren Doppeldeutigkeiten – und ist so ein Vorläufer der literarischen Moderne. Den Heine der Tschechen nennt ihn Klabund. / Süddeutsche Zeitung 20.3.01


Petersburger Nonkonformist

Am 17. März ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte.  / NZZ 20.3.01