Von Storni bis Hölderlin

Das Gedicht aus dem Elfenbeinturm zu befreien, ist ein Anliegen des Wolfhäldler orte-Verlages. Daher sind in den nächsten Wochen über www. orteverlag.ch Gedichte der Lyrikerin Alfonsina Storni (gilt als grösste argentinische Dichterin, trotz ihrer Tessiner Herkunft), des amerikanischen New-Sensibility-Poeten Frank O’Hara , von Peter K. Wehrli, von der im deutschen Waldkirch lebenden Eva-Maria Berg, der Ungarin Agnes Rapai und von Friedrich Hölderlin zu sehen bzw. zu lesen. Das ehemalige Poesietelefon erhält damit seine Fortsetzung.pd / St.Galler Tagblatt 6.4.02

Jacobs´ Lyrikkolumne

In Jacobs´ Lyrikkolumne in der Welt am 6.4.02 ein Gedicht von Lutz Rathenow.

Stipendiatin mit Bodo Uhses Gerät in Bamberg

Unter der schönen Überschrift
Stipendiatin mit Bodo Uhses Gerät in Bamberg
lesen wir im “ Fränkischen Tag “ vom 6.4.02:

Eine Schreibmaschine hatte – früher zumindest – viel zu schreiben, in manchen Fällen kann sie auch viel erzählen wie zum Beispiel die hier abgebildete, die „Kolibri“ heißt und dem Schriftsteller Bodo Uhse (er lebte von 1904 bis 1963) gehörte und ihm beim Dichten helfen und ihn beflügeln sollte.
Uhse ist hierzulande mittlerweile und nicht zuletzt wegen der literarischen Verarbeitung seiner Bamberger Jahre (1921-1927) als Redakteur beim damaligen „Tagblatt“ kein Unbekannter mehr (das Bändchen „Die heilige Kunigunde im Schnee“ ist immer noch lieferbar).
Weniger bekannt freilich dürfte sein, dass Uhses Schreibgerät im Gefolge der Villa-Concordia-Stipendiatin Brigitte Struzyk im Vorjahr nach Bamberg kam. Grund ihres Tripps an die Regnitz: Sie „begleitete tippsend“ eine Lesung der Lyrikerin im vergangenen Winter.

70 wird auch Günter Herburger

Michael Braun gratuliert:

Seine eigene enzyklopädische Raserei will Herburger in einer lyrischen „Epopöe, einem kleinen Heldengedicht“ bündeln. Weil er sich selbst die Lizenz zum wuchernden Phantasieren erteilt, gehorchen diese neuen Gedichte aber eher jenem Gestaltungsprinzip, das er schon 1967 in einem Kursbuch -Essay verkündete. Damals schon wünschte sich Herburger Gedichte „wie vollgestopfte Schubladen, die klemmen“.

Diese Poetik der „vollgestopften Schubladen“ korrespondiert aufs schönste mit jenem Abschweifungs-Furor, die der Autor in Lauf und Wahn zum Schreibprogramm erhebt. Denn dort agiert ein durch verschlungene Satzperioden sich vorwärts tastender Erzähler, der sein Bewusstseinserweiterungs-Programm mit Abschweifungen über Biochemie, Zahlenmystik, Festkörperphysik und Kompositionslehre füttert. / Freitag 15/2002 – S.a. Süddeutsche 6.4.02 / FAZ 6.4.02 (Harald Hartung)

Jeanne Mammen: Lehrerin der Außenseiter

Für Lothar Klünner , der nach dem Krieg mehr als 25 Jahre lang fast jeden Donnerstagabend hier verbrachte, ist das Atelier so etwas wie Heimat, wie die „Wiege meines Kunstverständnisses“. Er und sein Freund Johannes Hübner Mammen, um mit ihr bei Rotwein über französische Literatur zu diskutieren. Die beiden, die zur ideengeschichtlich verwaisten jungen Kriegsgeneration gehörten, suchten Zuflucht beim literarischen Surrealismus der Franzosen. Sie begannen Apollinaire und René Char zu übersetzen und schrieben selbst Gedichte im Duktus ihrer großen Vorbilder. Die 30 Jahre ältere Mammen wurde ihnen zur Mentorin, denn im Französischen und der Literatur jener Zeit kannte sie sich aus.
Eines teilt Klünner mit seiner Lehrmeisterin: Als Schriftsteller ist er Außenseiter geblieben. Seine Lyrik, die dem Unbewussten huldigt, Logik und bewusstes Kalkül ablehnt und in der das Ich gern auf verlorenem Posten steht, bietet viel kryptischen Expressivität. Verständnis wird mit einer fantastischen Metaphernfülle zugedeckt. Das gibt den Gedichten die Schönheit des Augenblicks. Zeitlos aber ist nur die Idee, dass der Moment zeitlos sein kann. / taz Berlin 5.4.02

Lothar Klünner: Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeanne-Mammen-Gesellschaft 2000. ISBN 3-89811-428-7

Lyrische Nachtwanderung mit Poe

Poes «nevermore», verkündet im epochalen Gedicht «The Raven», präludierte dann den dunklen Refrain für alle lyrischen Nachtwanderer der Moderne.
Nach über hundertjähriger Abwesenheit taucht nun der «riesige amerikanische Rabe» Poes am Nachthimmel der neuen Gedichte Wolfgang Hilbigs wieder auf. Und es kommt zur Begegnung zweier «schwarzer Mystagogen», die ihre Seelenverwandtschaft im Gefühl des Selbstverlusts entdecken. Der «Nevermore»-Rabe Poes und das lyrische Ich Hilbigs bewegen sich im gleichen Element – in einer «Dunkelzone», jenem Grenzbereich von Traum und Wachbewusstsein, von Dämmerung und Halblicht, der seit je das Lebenselixier der Hilbig’schen Helden bildet.
Schon einmal, in einem frühen Gedicht aus dem Jahr 1981, hatte Hilbig den «schmutzigen gesträubten Raben» Poes als Wahrzeichen für seine eigenen literarischen Imaginationen adoptiert. In «Bilder vom Erzählen», dem Titelgedicht seines neuen Gedichtbandes, ersehnt sich nun Hilbigs lyrisches Alter Ego vom Raben die Einweihung «in das Sakrament der Finsternis». …
Das von der Jury des Peter-Huchel-Preises ausgezeichnete Buch war bei der Staufener Preisverleihung jedoch nur als Phantom präsent. Denn der S. Fischer Verlag hat Hilbigs «Bilder vom Erzählen» nur als bibliophile Sonderausgabe in einer Kleinstauflage verbreitet, die seit Monaten vergriffen ist. Damit ist der absurde Fall eingetreten, dass einer der wichtigsten Gedichtbände der letzten Jahre dem Markt entzogen bleibt. / Michael Braun, Basler Zeitung 5.4.02

Allen Ginsberg stirbt

Es steht in allen Zeitungen Es kommt in den Abendnachrichten Ein grosser Dichter stirbt Aber seine Stimme wird nicht sterben Seine Stimme schwebt über dem Land In Lower Manhattan in seinem Bett stirbt er Es lässt sich nichts dagegen tun Er stirbt den Tod eines jeden Er stirbt den Tod eines Dichters Er hält ein Telephon in Händen und ruft jeden an Rund um die Welt spät in der Nacht klingelt das Telephon «Ich bin’s, Allen» sagt die Stimme

so beginnt ein Text von Lawrence Ferlinghetti , den das St. Galler Tagblatt heute mit einem weiteren von Gregory Corso zum gleichen Thema druckt: Elegeia für Allen Von seinem geliebten Catull [schon wieder!] und seinem geliebten Gregory, dargebracht am 7. April 1997 im New York City Shambala Center . (Ginsberg starb heute vor 5 Jahren) / Tagblatt 5.4.02

Bora Ćosić

Der Schriftsteller Bora osi wird heute siebzig Jahre alt…

schreibt die NZZ, und so präsentierts mein Browser; gemeint ist natürlich Bora Ćosić, und der

gehört (wie der grosse Danilo Kiš) einer Generation von freigeistig-avantgardistisch gesinnten Schriftstellern an, die früh schon das Malaise des Tito-Kommunismus durchschauten und der Absurdität der herrschenden Zustände Ausdruck verliehen. Gleichzeitig erkannte und bekämpfte osi den Virus des Nationalismus, bevor die Krankheit 1991 offen zum Ausbruch kam. / NZZ 5.4.02 – Siehe auch FAZ 5.4. (nicht online) / Tagesspiegel und Potsdamer Neueste Nachrichten 5.4.

In der Berliner Zeitung erfahren wir mehr:

1932 in Zagreb geboren, kam Bora Ćosić  im Alter von fünf Jahren nach Belgrad – in die Stadt, die dann mehr als vier Jahrzehnte sein Lebensmittelpunkt sein sollte. Dort studierte er Philosophie, dort stieß er in den fünfziger Jahren zu den Avantgarde-Kreisen um Vasko Popa , trat als Übersetzer von Majakowski und Chlebnikow hervor. Sein 1956 erschienenes Erstlingswerk „Haus der Diebe“ steht noch ganz in der Tradition des Surrealismus. … Nun also das eigene „Alter in Berlin“, so der Titel eines 1998 in Belgrad publizierten Buches. Die größte Überraschung dieser Exiljahre ist wohl das späte Debüt des Lyrikers Bora ´Cosi´c. In der DAAD-Reihe „Spurensicherung“ ist 2001 der Band „Die Toten. Das Berlin meiner Gedichte“ erschienen. Der Tod eines Freundes in Serbien war der Auslöser für diese Spätlese: In freiem Parlando gehalten sind diese Texte ein eindringliches lyrisches Diarium des Exils „Seit kurzem redigiere ich mein Leben“, heißt es dort und: „ich lebte vier Jahrzehnte/ zwischen den Malern der Geschichte/ manches wurde mehrmals übertüncht/ manches niemals“. / BZ 5.4.02

Vorteil für Lyrikbuchhandlungen

Einen
Vorteil für Lyrikbuchhandlungen

hat der Kommentator der FAZ zum künftigen Buchpreisbindungsgesetz entdeckt:

Wer sich als Buchhändler auf lettische Lyriker spezialisiert hat, wird darunter weniger leiden, aber für alle anderen wird es hart: Das für jede Kalkulation entscheidende Geschäft mit den Bestsellern wird sich unweigerlich von den Buchhandlungen in die Club-Fillialen verlagern. Und kommt es, wie etwa vom Club Bertelsmann bereits praktiziert, zu einer Ausweitung der Fillialenzahl durch die stärkere Kooperation mit bestehenden Buchhandlungen, so gewinnt eine Tendenz an Dynamik, die am Ende von der Buchpreisbindung wenig übriglassen wird – zumindest für die Bücher, mit denen sich richtig Umsatz machen läßt. / Tilman Spreckelsen, FAZ 4.4.02

Poesie & Mathematik

Ich fürchte, die Existenz von Poesie lässt sich nicht durch den Verweis auf rudimentäre Gemeinsamkeiten mit der Wissenschaft legitimieren. Sie muss wohl auf ihrer Andersartigkeit bestehen. Die russische Mathematikerin Sonja Kowalewskij (1850 bis 1891) schrieb einmal: „Viele halten die Mathematik für eine trockene und unfruchtbare Wissenschaft. In Wahrheit ist die Mathematik die Wissenschaft, die ein Höchstmaß an Einbildungskraft verlangt (die mehr ist, als sich irgendetwas auszudenken) … Mir scheint, dass der Dichter sehen muss, was andere nicht sehen, dass sein Blick tiefer sein muss als der anderer. Der Mathematiker muss es auch.“ Erst auf dieser tiefen Ebene (etwas sehen, was andere nicht sehen) sind die beiden Kontinente verbunden.
Enzensbergers Gedichte über die Wissenschaft sind der beste Beweis, dass sich der poetische Blick vor der Wissenschaft nicht blamieren muss. / Dieter E. Zimmer, Die Zeit 15/2002

Hans Magnus Enzensberger : Die Elixiere der Wissenschaft Seitenblicke in Poesie und Prosa; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002; 281 S., 19,90

Lawrence Joseph

Lawrence Joseph , 54, is an olive-skinned Arab-American poet, a child of working-class immigrants who went on to become a professor at St. John’s University School of Law. His poems, published by Farrar, Straus & Giroux, struggle with the endemic violence in American culture, the dislocation of exile, the lives of common men and women, especially immigrants, and his own battle with God. They are set in bars, small grocery stores, factories and desolate city lots. He deals with all the curses of urban life — racism, murder, poverty, sickness, loneliness, work and suffering. Yet at his core he believes that evil is only finally challenged, if not vanquished, by love.

„I want to capture the mysterious circumstances of being alive today in America,“ he said. / New York Times *) 3.4.02

Huchelpreis für Hilbig

Die dreißig Bilder vom Erzählen (S. Fischer), illustriert mit Radierungen von Horst Hussel, markieren Wolfgang Hilbigs Rückkehr zu seinem kreativen Ursprung, der Lyrik: abwesenheit hieß sein – westdeutsches – Debüt von 1979. „Nun bin ich alt und in den Staub geworfen“, setzt resignativ das Gedicht „Nach der Prosa“ ein, doch kann es wie so viele andere den appellativen Hang nicht verbergen. Es sind die Gedichte eines Urtümlichen, den man in der Epoche des Sturm und Drang ein Originalgenie genannt hätte. Er adaptiert Die Lesefrüchte der klassischen Moderne – T.S. Eliot, Arthur Rimbaud – adaptiert er nicht einfach, sondern propft sie seinem Erfahrungshintergrund auf. Das macht die Bilder des Erzählens zu Solitären.

Hilbigs Utopie der sächsischen Wälder, von denen es in „Mond.Verlust der Gewißheit“ heißt, sie seien „längst entweht“, verbindet ihn mit Peter Huchel , dem Metaphoriker des Waldes. Auch Hilbigs lädiertes lyrisches Ich schöpft auf der Odyssee durch die Jahrzehnte Kraft aus der Rückkoppelung an die Elemente, gefiltert durch dichterische Einsamkeit: durch die Braunkohle hin zum Mondlicht – in dem das Ich dann zu kentern droht. Selten hat der Peter-Huchel-Preis, dotiert mit 10.000 Euro, einen würdigeren Kandidaten gefunden. Wolfgang Hilbig erhält ihn heute an Huchels neunundneunzigstem Geburtstag in Staufen bei Freiburg, einer waldreichen Gegend. / Katrin Hillgruber, FR 3.4.02
Die „Märkische Allgemeine“ druckt aus diesem Anlaß ein Interview mit Hilbig.

José Hierro 80

Zum 80. Geburtstag des spanischen Dichters José Hierro schreiben heute u.a. der Reutlinger General-Anzeiger und die FAZ (dort gratuliert Paul Ingendaay, aber nicht online). 3.4.02

Erna Hahn

Die „Kleine Zeitung“ (3.4.02) schreibt über die Kärntner Haiku-Schreiberin Erna Hahn .

Großmaul vom Gardasee

Wenn Lyrik im „Spiegel“, muß schon irgend etwas Nachrichtenwürdiges

Großmaul vom Gardasee . Zoten, Sex und Pornografie – ein Altphilologe hat den vulgärsten Dichter Roms neu entdeckt. Sein Name: Catull . Aus dem Inhalt:

Und was sagte Cäsar? Ignorierte er den Tunten-Vorwurf? / Erfahren Sie die ganze Wahrheit im “ Spiegel “ 14/2002 (mit erotischen Fresken).