Dank der Vaterstadt

Thomas Rosenlöcher erhält den Dresdner Kunstpreis, berichten die Dresdner Nachrichten, 9.3.02

Literatur Indiens

Wer kennt in unseren Breitengraden schon die Gedichte des Urdu-Lyrikers namens Gulzar , die Romane von Amit Chaudhuni oder die Novellen von Shashi Tharoor? Selbst der Bestsellerautor Sunil Gangopadhyay ist in kaum einer unserer Buchhandlungen mit einem seiner Werke vertreten. Doch in 22 Sprachen mit vielen hundert Dialekten glänzt die Literatur Indiens. Über eine Milliarde Menschen, fünf Weltreligionen zugehörig, leben – nach China – im bevölkerungsreichsten Land der Welt, das auf eine mehr als 4000-jährige Kulturgeschichte zurückblicken kann.

Zeit wird’s also, nicht nur indische Computerexperten aus Bangalore, Bombay oder Neu-Delhi nach Deutschland zu holen, sondern das „Land der Dichter und Denker“ auch mit der zeitgenössischen Literatur Indiens vertraut zu machen. Bis 17. März ist allabendlich im Gasteig-Kulturzentrum, im Literaturhaus, in Bibliotheken und vielen anderen Kommunikationszentren der bayerischen Landeshauptstadt dazu Gelegenheit. / Donaukurier 9.3.02

Lyrik und Fußball

Dank des Pokalfinales Leverkusen – Schalke „reicht wohl noch Platz sechs für den Uefa-Cup. Dahin geht mein ganzes Sehnen.“ Die erfreuliche Vermutung, dass es der Lyriker Friedrich Hölderlin kaum schöner hätte ausdrücken können, ist aber auch schon alles. Ansonsten bleibt nur die Erkenntnis, dass Neu-Trainer Peter Pacult zwar die sportliche Talfahrt stoppen, jedoch das unter Werner Lorant völlig verkrampfte Verhältnis vieler Fans zur sportlichen Leitung nicht lösen konnte. / Münchner Merkur 9.3.02

Der Scherenschleifer

Das Gedicht „Der Scherenschleifer“ wirft eine burleske Szene hin und vereint das ganz handfest Handwerkliche mit einer mythischen Dimension, in der zugleich uralte und märchengesättigte Tradition aufscheint:
Scherenschleifer, Freund / meinem Schuster, zeigte grinsend / auf den runden Schleifstein, / Der lag unterm Goldregen, / neben der Schwelle.“ Jener Scherenschleifer „kratzte sich im roten Haar voller Lust / und priesterte Thüringer Rezepte, lauthals.“ / Monika Melchert , Freies Wort 8.3.02 über

Annerose Kirchner : Keltischer Wald, quartus-Verlag Buch, 2001, 120 S., 8,90 Euro, ISBN 3-931505-98-7

Mahmud al-Brikan

Hussain Al-Mozany zum Tod des irakischen Dichters Mahmud al-Brikan / FAZ 7.3.02

Politiker und Dichter

Die Münchener Indologin und Privatdozentin stellt uns die Gedichte von Indiens Premierminister Atal Bihari Vajpayee vor. Als Politiker gebe er sich gelassen und gemäßigt, schreibt Syed. In seinen politischen Gedichten offenbare er sich als glühender Verehrer Indiens, als unerbittlicher Gegner Pakistans und als kompromisslos in der Kaschmirfrage . „Es versteht sich, dass Vajpayees Gedichte wie seine Politik bei seinen Gegnern auf Ablehnung stoßen. Hierzu zählen die meisten Muslime, denen die nur dürftig verschleierte Islamfeindlichkeit Vajpayees und seiner Partei ein Dorn im Auge ist. Zwar bekennt Vajpayee sich öffentlich zu einem säkularen Indien mit Religionsfreiheit, lässt aber keinen Zweifel daran, dass Indien ein Land der Hindus und ihrer Kultur ist und bleiben muss… Den Hinduismus preist er in seinen Gedichten als und Lebensform, die niemals andere Völker unterjocht und ihre Heiligtümer zerstört hat. / Perlentaucher 7.3.02 über einen Artikel der FR vom gleichen Tag.

Artless honesty

Stephen Burt schreibt einen Essay anläßlich der Neuausgabe der Gedichte von William Carlos Williams :

Description and ventriloquism, though, were his strengths: without them, the late poems grew weakly sententious, or mushy (‚No defeat is made up entirely of defeat – since/the world it opens is always a place/formerly/unsuspected‘), or artless in their honesty:

All women are fated similarly
facing men
and there is always
another, such as I,
who loves them,
loves all women, but
finds himself, touching them,
like other men,
often confused.

(‚To Daphne and Virginia‘)

Collected Poems: Volume I by William Carlos Williams. ed. A. Walton Litz and Christopher MacGowan | Carcanet, 579pp., £12.95, 28 December 2000

Collected Poems: Volume II by William Carlos Williams. ed. A. Walton Litz and Christopher MacGowan | Carcanet, 553pp., £12.95, 28 December 2000

London Review of Books , Volume 24 Number 5 | cover date 7 March 2002

Was rauchte ich Schwaden zum Mond

Das spielerische Element in Koneffkes Lyrik, ihr poetischer Übermut, zeigen sich nicht nur thematisch, sondern auch in der Lust an der Form, an Reimen und gewagten Halbreimen, am furiosen Galopp durch Rhythmus und Klang, am freudigen Einbringen von Wörtern wie Schwuppdiwupp und Papperlapapp, oder, wie Koneffke in „Happy End“ fragt: „was nutzt das sein Pensum abpesen / hopp foppt uns ein Mop und macht Mobbing / und putzt einen putzmunter weg“. Den Eindruck, Koneffke treibe es in manchen Passagen nicht nur auf die Spitze, sondern weit darüber hinaus, wiegt die pure Freude an seinen sprachlichen Kapriolen auf. / FR 6.3.02

Jan Koneffke: „Was rauchte ich Schwaden zum Mond“. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln 2001, 87 Seiten, 19,80 .

Die kurze Geschichte der dt. Literatur

Martin Mosebach widerspricht heftig einer Rezension von Heinz Schlaffers Buch „Die kurze Geschichte der dt. Literatur“ (s. hier ):

Die Bedeutung dieser Werke ist Schlaffer nicht bekannt: herablassend schreibt er von „den Stifters und Mörikes und Eichendorffs “ – allein dieser Plural sollte ein gerichtliches Nachspiel haben. / Süddt. Ztg 5.3.02

Enzensbergers Polemik

Außerdem erfahren wir in der Süddeutschen, daß Hans Magnus Enzensberger den Zorn der norwegischen Journalisten auf sich gezogen hat, indem er sie als provinziell beschimpfte:

„Leider scheint keiner verstanden zu haben“, schreibt „Aftenposten“ („Die Abendpost“) über seinen Auftritt, „dass dieser Mann nur in einem Land eine Rolle spielen kann, dessen Journalismus so schlecht wie der norwegische ist. In einem großen Land wäre er bloß ein Blatt im Wind gewesen, in Afghanistan hätte er sich zu einem Medizinmann auf dem Dorf aufgeschwungen und seine Kunstwerke aus Sand errichten müssen.“/ Süddt. Ztg 5.3.02

Am 7.3.02 druckt die FAZ Enzensbergers Polemik.

Inszenierung von Schrotts Gilgamesh

Gerhard Stadelmaier bespricht die Wiener Inszenierung von Schrotts Gilgamesh:

Nun hat der sehr prätentiöse Schriftsteller Raoul Schrott , Jahrgang 1964, ein gelehrter Poesienerforscher und poeta doctus, aber doch wohl mehr doctus als poeta, die ältere babylonische Fassung mit der Unterweltsreise des Gilgamesh verschnitten und in ein altertümelnd flottes Neudeutsch übersetzt, das dem Epos den Prunkmantel der Gefälligkeit („Enlil schluckte seinen Stolz“, „Was mich betrifft, kann ich schwören“, „Doch kaum hatte er sich auf seinen Hintern gehockt“) mit derartigen Knüffen und Püffen und Nähten so maßschneiderartig umhängt, daß gar nicht groß auffällt, wie sehr die Nachdichtung des Postpoeten Schrott doch oft nur von der Stange kommt. / FAZ 5.3.02
Siehe auch NZZ 5.3.02 (Paul Jandl) / FR 5.3.02 / Die Zeit 11/2002

Gedicht mit Auto

Neben einer Rede von Iso Camartin (über Gott als das Urautomobil) gibt es in der NZZ vom 4.3.02 ein Gedicht mit Auto von Lioba Happe.

Celan

In der FAZ vom 4.3.02 bespricht Ernst Osterkamp u.a.:

Celan , Paul / Einhorn, Erich : „Einhorn: du weißt um die Steine …“ Briefwechsel
Friedenauer Presse, Berlin, 2001, Taschenbuch, 32 Seiten, 9.20 EUR

Celan, Paul : Werke, Band 6, Die Niemandsrose, 2 Teile. Historisch-kritische Ausgabe
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2001, Gebunden, 416 Seiten, 82.00 EUR

Das Recht des Schwans

vom Friederikenhof leitete sich aus der Einsicht ab, dass es mehr schlechte als gute Verse gab und auch andere Poeten das Dichten deswegen nicht aufgaben. Die Leute genossen Kempnersche Verse, oder sie verdammten sie – gleichviel: «Pilz des Glücks ist dieser eine, / Jener Stiefpilz des Geschicks, / Einem sind als O die Beine, / Andern wuchsen sie als X.» / Jost Nolte in der Berliner Morgenpost über Friederike Kempner (4.3.02)

Junggesellenmaschine

Weil das Schöne das Wunderbare ist und zugleich eine
Junggesellenmaschine,
brauchen wir die Surrealisten dringender denn je : So lautet die Botschaft einer wissenschaftlichen Bekenntnisschrift, die im steingrauen Gewand daherkommt. Der fast farblose Umschlag mit dem rätselhaften Titel kennzeichnet dieses Buch als ein Erzeugnis aus dem Hause Klostermann und einen Beitrag in der Reihe „Das Abendland“. Der Umschlag steht außerdem mit der Autorin im Bunde. Grau ist das Packpapier, damit kein Augenschmaus ablenkt von den sinnlichen Ekstasen, die im Innern beschworen werden. Das spröde Design trägt die Beweislast: Es ragt in die Dingwelt und bleibt ihr enthoben. Es ist ein versinnlichtes surrealistisches Symbol. …
In der Tat ist „im Zeitalter der Virtualität ein vor- surrealistisches Verhältnis zu den Dingen nicht mehr denkbar“. Breton, Soupault & Co. inszenierten lustvoll den Schock der Bildüberflutung, der über uns Glasfaserkabelkunden längst hereingebrochen ist. Und Hugo Ball hatte ganz gewiss recht, als er in sein Notizbuch schrieb: „Das Wort hat jede Würde verloren. Das Wort ist zur Ware geworden.“
ALEXANDER KISSLER, Süddeutsche 2.3.02

RITA BISCHOF: Teleskopagen, wahlweise. Der literarische Surrealismus und das Bild. Klostermann Verlag, Frankfurt a. M. 2001. 442 Seiten, 49 Euro.