Reservat Poesie

Betreten erbeten. Heute ist UNESCO Welttag der Poesie.

Die Aufmerksamkeit richtet sich damit auf eine schützenswerte, weil aussterbende Gattung. Statt die Poesie jedoch als «Essenz der Kultur» heilig zu sprechen, bringen verschiedene Projekte sie im täglichen Leben wieder zur Geltung.
Zum UNESCO Welttag der Poesie muss man sich wohl auf das Verschwinden dieser Literaturgattung gefasst machen. Der nächste Schritt wird sein, sie zum Weltkulturerbe zu ernennen: Ankor Wat, Quedlinburg, Gizeh, Poesie. Man erinnert sich an Erzählungen der Großeltern, die etwas von Birnen im Havelland murmelten, und staunt über staatlich geschützte und alimentierte Dichter, die in mutigen Städten als Stadtschreiber hausen. Nicht füttern, warnt ein Hinweisschild – wenn doch, dann höchstens mit ein wenig Käse und Rotwein. / Netzeitung 21.3.01

Über die Exilgedichte des chinesischen Lyrikers Bei Dao schreibt die Süddeutsche am 21.3.

Janz und Anders

Die Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband „Unter Strom im Frühlicht“. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel „Wolkenlesen“.

Donnerstag, 22.3., 20.00 Uhr  Gohliser Schlößchen, Leipzig
Angelika Janz, geboren 1952 in Düsseldorf, lebt jetzt in Aschersleben (Vorpommern). Sie ist Autorin (Lyrik und Prosa) und bildende Künstlerin mit zahlreichen Ausstellungen. Ein bevorzugter Aufenthaltsort liegt für sie zwischen den Stühlen: sei es im Grenzbereich der Künste (visuelle Poesie, Bild-Text-Arbeiten, Fragmenttexte, Performance, Hörspiel) , sei es im Spannungsfeld zwischen ihrer West- (Rheinland) und Ost-Heimat (Vorpommern). Sie arbeitet im Landkreis Ucker-Randow seit Jahren an sozialen und kulturpolitischen Aufgaben und verarbeitet ihre west-östlichen Wahrnehmungen in Gedichten und Prosa (Barackenleben, Die Implodierten).

Richard Anders, geboren 1928 in Ortelsburg (Ostpreußen), lebt in Berlin. Prägend für sein literarisches Schaffen wurden – nach erster Bekanntschaft mit surrealistischer Literatur und Kunst in den 40er Jahren – Begegnungen mit Hans Henny Jahnn (50er Jahre) und André Bretons Surrealistenkreis (60er Jahre). 1998 erhielt er als erster Preisträger den Greifswalder Wolfgang-Koeppen-Preis. Er schreibt Gedichte, Prosa (autobiographischer Roman, Kurzprosa), Essays für Zeitschriften und Rundfunk und übersetzt aus dem Englischen und Französischen.  In der Edition des Wiecker Boten erscheint: Wolkenlesen. Essays und Rezensionen über Surrealismus und hypnagoge Bilder.

Offene Ränder

Ingrid Fichtners Gedichte wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten.

Wie so oft in der Sparte Lyrik, gilt es ein Bändchen anzuzeigen, dessen äussere Eigenschaft das Adjektiv schmal bezeichnet. Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht nur um ein schmales, sondern zugleich auch um ein schönes Buch: Das Atelier Bodoni in Frauenfeld hat Ingrid Fichtners „Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe“ im Handpressendruck produziert. Die individuelle Gestaltung gibt auch den unscheinbaren unter den Gedichten einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können. Denn Platz braucht diese Lyrik – bedingt durch ihr hervorstechendstes Merkmal, offene Ränder zu haben. / Philipp Gut , Tages Anzeiger 21.3.01

haariges bein so sehr behaart

Ulrike Draesners reicher Gedichtband „für die nacht geheuerte zellen“

Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit „exakter Fantasie“. Die epilierten Haare verwandeln sich zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: „Wer das lesen könnte.“

Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein „fußballgedicht“, Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit. / FR 21.3.01 Rolf-Bernhard Essig

Türschild

TÜRSCHILD

Vorsicht, bissige Stille, was knarrt
sind nur ein paar verzogene Jahresringe,
die Königssuite einer Bruchbude ist hier,
und jeder Tag hat vierundzwanzig Überstunden.

Türschild ist ein im Dezember 2000 entstandenes, bislang unveröffentlichtes Gedicht des 1960 geborenen Walle Sayer, der so überhaupt nicht in die Schablonen bundesrepublikanischer Wirklichkeiten passt. Wohl deswegen sind ihm bereits eine ganze Reihe literarischer Preise verliehen worden, denn die saturierten Niemandslandwohlstandsbildungspolitiker mögen es, wenn statt ihrer der eine oder andere ein wenig aus der Reihe tanzt: alter ego? Wer weiß… / Theo Breuer, Titel , Magazin für Literatur, Film und Crossover

2001 Mrz

Konflikte zwischen Christentum und indigenen Religionen

In der Weltkultur hat sich Afrika im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts langsam, aber sicher seinen Platz erobert. Nun sind es die Afrikaner selbst, die auf Grund religiöser Differenzen die einheimischen Werte torpedieren und zerstören. Der nigerianische Lyriker und Journalist Obi Nwakanma berichtet aus eigener Erfahrung
Eine neue Furie ist in Afrika am Werk: ein religiöser Fundamentalismus, der sich aus Armutund Verelendung, aus der Bedrohung durch Gewalt und tödliche Krankheiten – Aids, Ebola,Tuberkulose – nährt. In ihrer Verzweiflung stürzen sich die Menschen in extreme Glaubensformen, die sie im Extrem leben – um den Preis, die eigene Vergangenheit auszulöschen. Wenn ich heute mein Heimatdorf besuche, verspüre ich eine Art Fremdheit, eine Leere, einen kalten und unfreundlichen Lufthauch – als hätten unsere Vorfahren tatsächlich ihre heiligen Stätten verlassen, und uns damit. /NZZ 20.3.01


„Das große deutsche Gedichtbuch “ .

Conradys Gedicht-Sammlung ist Band des Jahres
Weßling (rpo). Der Kölner Germanistikprofessor und Herausgeber Karl Otto Conrady hat das Gedichtband des Jahres 2001 geschrieben. Die Sammlung „Das große deutsche Gedichtbuch“ist der Gedichtband des Jahres.
Die Redaktion „Das Gedicht“ hatte im Zeitraum von Herbst 1999 bis Frühjahr 2001 rund 600 Neuerscheinungen im Bereich der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung ausgewertet, teilte der in Weßling bei München beheimatete Herausgeber Anton G. Leitner am Montag mit.
„Der Neue Conrady“ versammelt mehr als 2000 Gedichte aus über 1000 Jahren, vom berühmten „Wessobrunner Gebet“ bis hin zum Liebesgedicht „Kleine Einladung“ des 1974 geborenen Slam-Poeten
Bastian Böttcher. Die im Düsseldorfer Artemis & Winkler Verlag erschienene Anthologie (1307 Seiten, DM 78,–) lädt nach Meinung der Lyrik-Experten zu einer „poetischen Zeitreise ein und vermittelt einen plastischen Eindruck vom nahezu unermesslichen Formen- und Perspektivenreichtum unserer Lyrik“./ Neuß-Grevenbroicher Zeitung 19.3.01

Neu aufgenommen sind u.a. Ch. W. Aigner, Wilhelm Bartsch, Marcel Beyer, Thomas Böhme, Zehra Cirak, F.J. Czernin, Roza Domascyna, Anne Duden, Jan Faktor, Franzobel, F. Ph. Ingold, Kito Lorenc, Heiner Müller, Said, Werner Söllner, Peter Waterhouse, Unica Zürn.


Drei Stunden Lyrik im ZDF

Eine „Lange Nacht der Poesie“ mit Volker Panzer und Gaesten
Mainz (ots) – Aus Anlass des UNESCO Welttages der Poesie gibt es am Mittwoch, 21. März 2001, von 0.00 bis 2.30 Uhr ein ZDF-„nachtstudio“ der besonderen Art: „Die Stimme kommt zum Text“ heißt es dann bei Volker Panzer und seinen Gästen, die gemeinsam die „lange Nacht der Poesie“ bestreiten.  Die Veranstaltung, Lyrik-Lesungen, Performances und Diskussionen über Poesie, zeichnet das ZDF bereits am Samstag, 17. März 2001, ab 20.00 Uhr im glasbedeckten Atrium im Hauptstadtstudio Unter den Linden vor Publikum auf. Zu Gast sind Lautpoeten, experimentelle Dichter, Wortkünstler und Slamer aus Deutschland, der Schweiz, den USA, Holland und dem Irak: Oskar Pastior (Deutschland), Adolf Endler (Deutschland), Gerhard Rühm (Deutschland), Monika Lichtenfeld (Deutschland), Christian Uetz (Schweiz), Michael Lentz (Deutschland), Sapphire (USA), Uwe Kolbe (Deutschland), Amal Al-Juburi (Irak), Jan Off (Deutschland), Serge van Duijnhoven (Holland), Valerie Scherstjanoi (Deutschland), Hilde Kappes (Deutschland),  Die modernen Formen der Lyrik haben sich geweitet und geben nicht nur Raum für Worte und Laute, sondern auch für körperbetonte Ausdrucksweisen. Über die theoretischen Hintergründe dieser Entwicklung und die Auswirkungen für die Lyrik in der Zukunft diskutiert Volker Panzer mit Michael Lentz (Lyriker), Oskar Pastior (Lyriker), Thomas Wohlfahrt (Leiter der LiteraturWERKstatt Berlin), Claudia Schmölders (Kulturwissenschaftlerin, Humboldt Universität, Berlin) und Reinhart Meyer-Kalkus (Literaturwissenschaftler, Wissenschaftskolleg Berlin).  „Die lange Nacht der Poesie“ ist – wie schon im Vorjahr – eine Gemeinschaftsveranstaltung von ZDF, DeutschlandRadio Berlin und der LiteraturWERKstatt Berlin.


„Celan“,

Peter Ruzickas erste Oper. Die Zwei-Stunden-Oper, die am nächsten Sonntag an der Semperoper in Dresden uraufgeführt wird, ist Abschluss und Krönung von Ruzickas rund 30-jähriger intensiver Auseinandersetzung mit Celans verstörender Poesie. Qualvoll suchte dieser Heimatlose, der sich 1970 in Paris das Leben nahm, Halt in der Sprache, Poesie für das Unfassbare, Unvergessbare des Holocaust. Peter Ruzicka war 20, als er nach Tönen für die „Todesfuge“ tastete. Wenig später traf er den zermürbten Dichter in Paris. „Damals war ich sehr jung, ein Parsifal, und Celan schien mit seinen Gedanken schon in einer anderen Welt. Doch das wortlos-wortreiche Gespräch, das wir führten, hat mein Leben geprägt.“ / Die Welt 18.3.01


Neue Publikationen über und von Paul Celan

bespricht Christiane Zintzen:
Paul Celan zwischen Trauerarbeit, Infamie und Idolatrie: Aus Distanz betrachtet, erweist sich die Rezeption seines Werkes als Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Seit immer mehr Privates öffentlich wird, ist das Interesse am Dichter neu erwacht. Eine kürzlich erschienene Dokumentation zeigt die ganze Niedertracht der «Goll-Affäre» auf, während sich mit Jean Bollack und Otto Pöggeler wieder einmal zwei Exegeten einen Kampf um die «wahre» Interpretation liefern.
Und konstatiert: Celans Dunkel leuchtet auch weiter – trotz oder gerade wegen der Fackelträger seiner Erhellung. / NZZ 17.3.01
Mehr Celan
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„Die Verse sind so schön

wie einfach wie schrecklich. Nirgends sonst hat Storm, als Lyriker häufig sentimental und konventionell, die Konventionen lyrischer Rede vom Tod so radikal durchbrochen – mit sprachlich konventionellen Mitteln. Mancher lyrische Bastler und Neutöner muss davor erblassen.
Storms Gedicht, das Gedicht eines Hypochonders und Melancholikers, ist 1864 ohne markanten biographischen Anlass entstanden und 1868 veröffentlicht worden. Das sagt nicht, dieses Gedicht sei kein Erlebnisgedicht. Auch der hypochondrisch imaginierte Tod kann erlebt werden. 1888, zwanzig Jahre später, ist Storm an Magenkrebs gestorben.“ / Gerhard Kaiser, NZZ 17.3.01


Wenn wir nun die Meßlatte von Adonis´ Dichtung und ihres – an Hölderlin und Heidegger geschulten – Selbstverständnisses an die dürftige Zeit … anlegen, so äußert sich deren Armut und Armseligkeit ebendarin, daß Pathos und Vision unglaubwürdig, ja verächtlich geworden sind. (Schreibt Stefan Weidner über den syrischen Dichter. / FAZ 17.3.01


Osterglocken (Golden daffodils):

„When Wordsworth wrote his poem , most daffodils weren’t golden ? they were a very pale straw yellow, nearly white ? and many had a red rim round the cup in the middle,“ she says.
„The most prolific was called the Lent Lily ? Narcissus pseudo narcissus ? and it grew wild. We have always assumed this was the one Wordsworth saw. These days, growers will tell you they don’t bother with them because they don’t live long in a vase, are papery and floppy and they don’t sell.“
But the poem may be responsible for the choices daffodil breeders have made since it was written, because it became so well-known so quickly it affected the way people thought daffodils should look. / The
Independent 3.3.01


In der Frankfurter Anthologe vom 17.3. erinnert Marcel Reich-Ranicki daran, daß er vor 40 JahrenTucholsky nachdrücklich gelobt hat und gesteht ein mögliches Fehlurteil. (Also auch darin unschlagbar, Donnerwetter) FAZ 17.3. – Reinhard Lauer bespricht: Thun, Nyota: „Ich – so groß und so überflüssig.“ Wladimir Majakowski – Leben und Werk. Grupello Verlag, Düsseldorf 2000


Ein wenig versteckt – auf den Berliner Seiten der FAZ – berichtet Annett Gröschner von ihrer Zeit bei der Prenzlauer-Berg-Zeitschrift Sklaven resp. Slavenaufstand (die inzwischen zum Gegner geworden ist, siehe Zeitschriftenschau ). / FAZ 17.3.01


Das neue Gedicht: Peter M. Gräf über ein Gedicht des irakischen Lyrikers Sargon Boulus / Die Welt 17.3.01


Der paradigmatische Text hierfür sind einige berühmte Verse vom Schluss der Achten Pythischen Ode: „Eintagswesen! Was ist wer, was ist wer nicht? Eines Schattens Traum / ist der Mensch. Doch wenn Glanz, von Gott gegeben, sich einstellt, / dann ist strahlendes Licht bei den Männern, und lieblich ihre Lebenszeit.“ Was Wunder also, dass kein Gedicht so häufig erwähnt wird wie dieses – die Antithese zwingt griechischen Pessimismus und griechische Hoffnung auf engsten Raum zusammen.
Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit. Verlag C.H. Beck, München 2000. XVIII und 1 094 S., 98 Mark. / Berliner Zeitung 17.3.01


Netzeitung-Antholigie: Jürgen Theobaldy, Ein Orakel in der Nähe / NZ 17.3.01


In der Süddeutschen vergleicht Alexander Menden die Bahandlung des Schweins in deutscher und englischer Dichtung (Töten, töten. Dichter können das Schweineschlachten auch feiern) / SZ vom 17.03.2001


Der Mond als „gelber Spötter“,

Libellen als „blaue Nadeln der Luft“ und der Bergmann ein   „Metzger am Bullen Fels“: Solche Metaphern kann man nur bei Johannes Kühn entdecken · in   seinem jüngstem Lyrikband „Mit den Raben am Tisch“, der eine Summe seines bisherigen   Schaffens zieht: In elf Abteilungen enthält er 180 Gedichte, die meisten eine Auswahl aus den   13 bisher publizierten Gedichtbänden, darunter aber auch 46 neue, bislang noch nicht in   Buchform publizierte Gedichte. Zu ihr gehören unter anderem Naturbilder,   Tageszeitimpressionen, Tierbetrachtungen und Beobachtungen von Menschen im Alltag,   Exzerpte des Gasthaus-Zyklus oder Eindrücke aus der Arbeitswelt. …
Nachdem die Resonanz auf seine frühen Gedichte ausblieb (dem ersten Gedichtband von 1955 folgte erst   1970 ein zweiter), resignierte Kühn, zog sich zurück und verstummte ab 1980 völlig. Dass es dabei nicht blieb,   hat man der Initiative und Rührigkeit seiner engen Freunde Benno und Irmgard Rech zu verdanken, die ihm den   Weg zum „Nachruhm zu Lebzeiten“ ebneten, indem sie seine Gedichte auf dem Speicher in gestapelten   Kartons aufstöberten, sichteten und zur Edition auswählten. Mit dem neuen Buch liegt im Hanser Verlag nun   bereits der fünfte Kühn-Titel vor · und weitere werden folgen
Johannes Kühn:
Mit den Raben am Tisch. Ausgewählte und neue Gedichte, Carl Hanser Verlag München, 208 Seiten, 28 Mark. Johannes Kühn liest Gedichte und ein Märchen, Gollenstein Hörbuch 2000, CD, 70 Minuten, 24 Mark. / Walter Buckl,  Donaukurier 16.3.01


Die Sterndeuter (7)

Was alt ist, ist neu Lyrikerin Inger Christensen über Zweifel an der Dichtung
Ich bin keine Sterndeuterin, ich bin eher eine Handwerkerin. Die Dichtung ist ja auch nur eine Stimme unter den vielen Stimmen der Welt. Und sie ist auch kein Medium, das besonders geeignet ist, auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber man kann ja hoffen, dass Dichtung vielleicht ein Gesamtgefühl der Zustände erfahrbar machen kann. Dann und wann hat man den Eindruck, dass aus den vielen Punkten der Vergangenheit, aus den vielen Schichten des Lebens heraus etwas ausgedrückt werden kann, wovon man kaum etwas weiß. Ich glaube vor allem, dass man gerade deswegen schreibt, weil die Unlesbarkeit der Welt vorhanden bleibt. Man schreibt weiter. Während des Schreibens denkt man, dass man etwas entdeckt hat, man denkt, alles wird klar werden. Aber eigentlich ist es ja so, dass man nur schreibt, weil man weiß, dass alles unlesbar ist und bleibt. Man liest die Welt, um weiter zu lesen, und dabei bleibt immer dieser Rest. Über die Zukunft der Menschheit dagegen lässt sich überhaupt nichts sagen. Aber in jedem Moment gibt es eine Konstellation von Gedanken und Ausdrücken, die den Einzelnen auf die Spur von etwas bringen kann, das der Zukunft eine Form gibt. SZ vom 15.03.2001 Münchner Kultur


Literarischer März 2001

Anja Utler und Silke Scheuermann sind, 1973 geboren, die jüngsten Teilnehmerinnen, Mirko Bonné, Jahrgang 1965, der älteste. Außerdem werden Thomas Heinold, Thomas Klees, Maik Lippert, Hendrik Rost, Sabine Scho, Volker Sielaff und Jan Wagner zum öffentlichen Wettbewerb nach Darmstadt eingeladen. Am 23. und 24. März lesen sie ihre Gedichte in der Centralstation, wo die Veranstaltung zum ersten Mal ausgetragen wird; „eine publikumsfreundliche Ortswahl“, hofft Peter Benz. Der Raum wechselt, der Ablauf bleibt. Zur Eröffnung am Freitag (23.) um 17 Uhr wird der Lyriker Thomas Kling als Ehrengast gewürdigt, der Kritiker Hubert Winkels wird eine Laudatio auf den Dichter halten. Danach lesen die Kandidaten in einer Reihenfolge, die durchs Los bestimmt wird. Im Anschluss an jeden der Auftritte diskutiert die Jury öffentlich. Die Entscheidung darüber, wer am Samstagabend die 15 000 Mark des Leonce-und-Lena-Preises erhält und welche Autoren sich die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (insgesamt ebenfalls 15 000 Mark) teilen, fällt in nichtöffentlicher Sitzung. Wieder hat Wilfried F. Schoeller die Leitung der Jury und die Moderation der Veranstaltung übernommen. Der Jury gehören die früheren Preisträger Dieter M. Gräf und Raoul Schrott an, außerdem die Kritikerin Sibylle Cramer, der Lyriker und Herausgeber Anton G. Leitner sowie die Übersetzerin und Lyrikerin Ilma Rakusa./ Darmstädter Echo 15.3.01


Die kubanische Dichterin

Rafaela Chacon Nardi ist in Havanna im Alter von 75 Jahren gestorben. Ihr erster Gedichtband war 1948 unter dem Titel «Viaje al sueño» (Reise zum Traum) erschienen. Ihre Werke wurden ins Englische, Französische und Russische übersetzt. (sda) Neue Zürcher Zeitung, Ressort Feuilleton, 14. März 2001

Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen

Spricht man von sorbischer Literatur, so fällt der Name Kito Lorenc. Er ist ihr Hirn und, was er ungern zeigt, ihr Herz. «Man kann die Heimat gar nicht zu viel lieben» heisst ein Poem voller mokanter Reimereien. Es steht im schattig blauen handgehefteten Auswahlband «An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten» und zählt auf, was es an dieser Heimat so alles zu lieben gibt, «den Lurch in der Furch», den «Laich in ihrem Teich», «den sauren Regen . . . ohne zu überlegen», daneben «beim Heimspiel ins Reimziel» sogar «ihre Fussballelfen . . . um fünf vor zwölfen»

Kito Lorenc: An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten. Mit einem Nachwort von Christian Prunitsch und Original-Holzschnitten von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, A-4100 Ottensheim 2000. 54 S., Fr. 90.-.

/ Beatrice von Matt  NZZ 20.3.01

Alles umsonst, alles unsagbar

Alles umsonst, alles unsagbar. Karel Hynek Mácha, der Heine der Tschechen, mit einer Auswahl aus Prosa, Poesie und Tagebüchern

Mácha, in Prag geboren, wuchs in kleinen Verhältnissen auf. 1829 veröffentlichte er – noch auf Deutsch – seinen ersten Gedichtband, beeinflusst von der Lektüre Goethes, Schillers, aber auch der fantastischen Romantiker. Im darauf folgenden Jahr erheben sich die Polen gegen die russische Vorherschaft. Nach Niederschlagung ihres Aufstandes unterstützt Mácha in Prag flüchtige Freiheitskämpfer. Er lässt sich von ihnen und den Werken der polnischen Romantiker politisch wie ästhetisch inspirieren. Mácha begreift sich als national gesinnter Schriftsteller. Die Pflege der Volkssprache wird ihm zur vorrangigen Aufgabe. Er vertieft und erweitert sie, spielt vor allem in der Lyrik mit ihren Doppeldeutigkeiten – und ist so ein Vorläufer der literarischen Moderne. Den Heine der Tschechen nennt ihn Klabund. / Süddeutsche Zeitung 20.3.01

Petersburger Nonkonformist

Am 17. März 2001 ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte.  / NZZ 20.3.01

 Konflikte zwischen Christentum und indigenen Religionen

In der Weltkultur hat sich Afrika im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts langsam, aber sicher seinen Platz erobert. Nun sind es die Afrikaner selbst, die auf Grund religiöser Differenzen die einheimischen Werte torpedieren und zerstören. Der nigerianische Lyriker und Journalist Obi Nwakanma berichtet aus eigener Erfahrung

Eine neue Furie ist in Afrika am Werk: ein religiöser Fundamentalismus, der sich aus Armutund Verelendung, aus der Bedrohung durch Gewalt und tödliche Krankheiten – Aids, Ebola,Tuberkulose – nährt. In ihrer Verzweiflung stürzen sich die Menschen in extreme Glaubensformen, die sie im Extrem leben – um den Preis, die eigene Vergangenheit auszulöschen. Wenn ich heute mein Heimatdorf besuche, verspüre ich eine Art Fremdheit, eine Leere, einen kalten und unfreundlichen Lufthauch – als hätten unsere Vorfahren tatsächlich ihre heiligen Stätten verlassen, und uns damit. / NZZ 20.3.01

Drei Stunden Lyrik im ZDF

Eine „Lange Nacht der Poesie“ mit Volker Panzer und Gaesten

Mainz (ots) – Aus Anlass des UNESCO Welttages der Poesie gibt es am Mittwoch, 21. März 2001, von 0.00 bis 2.30 Uhr ein ZDF-„nachtstudio“ der besonderen Art: „Die Stimme kommt zum Text“ heißt es dann bei Volker Panzer und seinen Gästen, die gemeinsam die „lange Nacht der Poesie“ bestreiten.  Die Veranstaltung, Lyrik-Lesungen, Performances und Diskussionen über Poesie, zeichnet das ZDF bereits am Samstag, 17. März 2001, ab 20.00 Uhr im glasbedeckten Atrium im Hauptstadtstudio Unter den Linden vor Publikum auf. Zu Gast sind Lautpoeten, experimentelle Dichter, Wortkünstler und Slamer aus Deutschland, der Schweiz, den USA, Holland und dem Irak: Oskar Pastior (Deutschland), Adolf Endler (Deutschland), Gerhard Rühm (Deutschland), Monika Lichtenfeld (Deutschland), Christian Uetz (Schweiz), Michael Lentz (Deutschland), Sapphire (USA), Uwe Kolbe (Deutschland), Amal Al-Juburi (Irak), Jan Off (Deutschland), Serge van Duijnhoven (Holland), Valerie Scherstjanoi (Deutschland), Hilde Kappes (Deutschland),  Die modernen Formen der Lyrik haben sich geweitet und geben nicht nur Raum für Worte und Laute, sondern auch für körperbetonte Ausdrucksweisen. Über die theoretischen Hintergründe dieser Entwicklung und die Auswirkungen für die Lyrik in der Zukunft diskutiert Volker Panzer mit Michael Lentz (Lyriker), Oskar Pastior (Lyriker), Thomas Wohlfahrt (Leiter der LiteraturWERKstatt Berlin), Claudia Schmölders (Kulturwissenschaftlerin, Humboldt Universität, Berlin) und Reinhart Meyer-Kalkus (Literaturwissenschaftler, Wissenschaftskolleg Berlin).  „Die lange Nacht der Poesie“ ist – wie schon im Vorjahr – eine Gemeinschaftsveranstaltung von ZDF, DeutschlandRadio Berlin und der LiteraturWERKstatt Berlin.

Band des Jahres 2001

Das große deutsche Gedichtbuch “ . Conradys Gedicht-Sammlung ist Band des Jahres

Weßling (rpo). Der Kölner Germanistikprofessor und Herausgeber Karl Otto Conrady hat das Gedichtband des Jahres 2001 geschrieben. Die Sammlung „Das große deutsche Gedichtbuch“ist der Gedichtband des Jahres.

Die Redaktion „Das Gedicht“ hatte im Zeitraum von Herbst 1999 bis Frühjahr 2001 rund 600 Neuerscheinungen im Bereich der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung ausgewertet, teilte der in Weßling bei München beheimatete Herausgeber Anton G. Leitner am Montag mit.

„Der Neue Conrady“ versammelt mehr als 2000 Gedichte aus über 1000 Jahren, vom berühmten „Wessobrunner Gebet“ bis hin zum Liebesgedicht „Kleine Einladung“ des 1974 geborenen Slam-Poeten Bastian Böttcher. Die im Düsseldorfer Artemis & Winkler Verlag erschienene Anthologie (1307 Seiten, DM 78,–) lädt nach Meinung der Lyrik-Experten zu einer „poetischen Zeitreise ein und vermittelt einen plastischen Eindruck vom nahezu unermesslichen Formen- und Perspektivenreichtum unserer Lyrik“./ Neuß-Grevenbroicher Zeitung 19.3.2001

Neu aufgenommen sind u.a. Ch. W. Aigner, Wilhelm Bartsch, Marcel Beyer, Thomas Böhme, Zehra Cirak, F.J. Czernin, Roza Domascyna, Anne Duden, Jan Faktor, Franzobel, F. Ph. Ingold, Kito Lorenc, Heiner Müller, Said, Werner Söllner, Peter Waterhouse, Unica Zürn.

2001 Mrz

Wulf Kirsten in Hannover.

So ganz an die Präzision seiner Lyrik – Kirsten liest auch ein paar Gedichte aus dem Buch „Wettersturz“ – kommt die Prosa allerdings nicht heran. Da geht es auch um das Bewahren bedrohten sächsischen Wortschatzes. Aber die Metaphern sind genauer, etwa zu Beginn des Gedichts „Erdlebenbilder“: „geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind / hinterm haus“ … Wie er die DDR überstanden habe? Nun, sagt Kirsten, er sei halt als Naturdichter abgestempelt gewesen, als ungefährlich. Natur ist tatsächlich seine Leidenschaft, wenngleich eine tragische: „Es gibt keine mehr“, sagt Kirsten. Nur noch bearbeitete oder zerstörte Natur.“ Ein bisschen von der alten, echten Natur hat er in seinen Texten bewahrt./ Hannoversche Allgemeine 13.3.01


Else Lasker-Schülers «Balladen» in der Handschrift

Der Autographenkatalog 617 des Auktionshauses Stargardt verzeichnet für die Auktion vom 20. und 21. Februar 1979 unter der Nr. 201 lakonisch: «Eigenhändiges Gedichtmanuskript mit Titelzeichnung. 18 S. folio. Auf Kartonblättern, in schlichtem Pergamentband mit rotem Rückenschild». Das schmale Werk aus Papier, Tinte und Buntstift war einst ein selbst gefertigtes Verlobungsgeschenk Else Lasker-Schülers für die Bankierstochter Lucie von Goldschmidt-Rothschild

Hebräische Balladen in der Handschrift von Else Lasker-Schüler. Hrsg. v. Norbert Oellers. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2000. 61 S., Fr. 33.-. . / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung , 13. März 2001


Wiederbelebung der  Sammlung Luchterhand mit 6 Lyriktiteln

… die  ersten sechs Bände der neuen Sammlung Luchterhand, die in  diesen März-Tagen ausgeliefert werden, sind ausschliesslich  Lyrik-Titel – und der Editionsplan für 2001 und 2002 kündigt  neben Klassikern des Hauses (Jandl und Christa Wolf) weitere  Lyrik-Originalausgaben an! In ihrer äusseren Gestalt, dem  asketisch strengen Weiss des Umschlags, auf den ein Zitat aus  dem jeweiligen Band gedruckt ist, knüpfen die Bände an alte  Luchterhand-Traditionen an. Aus dem Programm der alten  Sammlung Luchterhand hat man Auswahlbände der  JahrhundertpoetenWilliam Butler Yeats und Pablo Neruda neu  aufgelegt, nebst einer klugen Sammlung mit Gedichten des  russischen Unglücksdichters Sergej Jessenin, dessen Werk  bislang im Luchterhand-Schwesterverlag Volk & Welt erschienen  ist. – Neben diese drei Dichter der klassischen Moderne treten drei  prägnante Temperamente der lyrischen Gegenwart mit  Originalausgaben: Die experimentierfreudige Lyrikerin Ulrike  Draesner legt nach ihren sehr eigenwilligen  Shakespeare-Übersetzungen neue Gedichte vor («für die nacht  geheuerte zellen»), die erneut ihren kühnen Umgang mit dem  Formenrepertoire der Tradition bezeugen. Der Dichter Norbert  Hummelt ist auf seinem Weg zur romantischen  Wiederverzauberung der Welt noch einen Schritt weiter gegangen  – und erprobt beim Entziffern der «Zeichen im Schnee» einen  hohen Sehnsuchts-Ton. Die Portalfigur bei der Eröffnung der  neuen Sammlung Luchterhand ist der tote Ernst Jandl, an dessen  «künstlichem Baum» sich die Reihe einst emporrankte. Mit den  «Letzten Gedichten» dieses grossen, verzweifelten Dichters, der in  minimalistischer Lapidarität und oft obszöner Selbstanklage die  Vernichtung des eigenen Werks heraufbeschwört, beginnt –  vielleicht – eine neue Ära des literarischen Taschenbuchs. Michael  Braun, Basler Zeitung 13.3.01


Wera Pawlowa

ist Trägerin des diesjährigen Apollon- Grigorjew-Preises für russischsprachige Lyrik. Die Autorin  konnte die mit 25 000 Dollar dotierte Auszeichnung – die höchste  ihrer Art in Russland – für den im letzten Jahr erschienenen  Gedichtband «Der vierte Schlaf» im Moskauer Puschkin-Museum  entgegennehmen. In deutscher Übersetzung wurde Wera Pawlowa  erstmals vonder Zeitschrift «Akzente» (Heft 1, 2000) mit einer  umfangreichen Lyrikauswahl vorgestellt. Id. /NZZ  13. März 2001


Die Bekundungen von Zeitgenossen lassen zusammen mit den vielen eingestreuten Texten des Dichters ein eindringliches Gesamtbild von seiner Eigenart entstehen. Heym, der an Baudelaire und Rimbaud anknüpfte, verband seine neuartige Großstadtlyrik mit kühnen Sprachbildern, verwendete dabei aber traditionelle Mittel wie den Reim und Vierzeiler mit fünfhebigen Jamben. Gerade dieser Kontrast von Inhalt und Form bewirkt jene kunstvolle Verfremdung, die von der frühen Kritik nicht gleich bemerkt wurde, heute aber evident und als besondere Qualität des Dichters anerkannt ist.

Nina Schneider: Am Ufer des blauen Tages. Georg Heym. Sein Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen Verlag Hans-Jürgen Böckel, Glinde, 223 S., zahlreiche Abb., DM 48,– ISBN 3-923793-25-1) / Peter Engel,  Bocholter-Borkener Volksblatt13.3.01


Literarische Sterbehilfe oder:“Fleisch wucherte rum“ – Rolf Dieter Brinkmann – Nacht

Etwas Positives gleich am Anfang: Die Volksbühne in Berlin war richtig gut besucht an diesem 14. Februar, obwohl Rolf Dieter Brinkmann sicher nicht ein Autor des Volkes war und ist. Aber das Konzept der Organisatorin Elettra de Salvo [ www.elettradesalvo.de ], Brinkmann eine Hommage aus Lesung, Vortrag, Hörspiel, Film und Performance zukommen zu lassen, las sich offenbar für viele überzeugend. Und das ein Jahr nach seinem 60. Geburtstag bzw. 25. Todestag – zu spät also? Für Brinkmann ist es nie zu spät. …

Der von Jim Morrison und „The Doors“ besungene und von Brinkmann gerne zitierte Versuch „Break on through to the other side“ wurde demonstriert von einer sich vergeblich gegen biegsame, halbdurchsichtige, aber nicht nachgebende Barrieren drückenden, wälzenden, nackten männlichen Person. Ein schöner Kontrast zur ätherischen wirkenden, weiß gekleideten Di Salvo. Diese wiederum stand im Kontrast zu dem den bösen schwarzen Mann gebenden, sich leider zu häufig selbst inszenierenden und zu selten in Brinkmanns Wortkaskaden vergessenden Blixa Bargeld. Der Durchbruch hätte hier gelingen können, so aber wurde die Performance eher ein zunehmend zäher Mach-uns-den-Brinkmann-Contest.

Den Abschluss der Nacht bildete eine Party, laut Programm getragen von einem „Brinkmann-kompatiblen Soundtrack“, mixed by DJ Rygulla. Auch hier waren viele nur mit dem Kopf dabei, der nickte nämlich im Takt, aber nicht mit dem Bauch, dem Herzen, dem Rest, der völlig unbewegt blieb. Auf diese Weise sahen sie so deplaziert aus, wie Eltern auf der Party ihrer Kinder. – Die Unanpassbaren sterben, und zurück bleiben nur die Zeitzeugen.

Nächste Aufführung: 21. März 2001, Frankfurt/M. im Club U 60311

Jeremy Bartels Olaf Selg André Wunstorf, titel – Magazin für Literatur, Film und Crossover


Many critics, among them the admirably rigorous William Logan (who was inspired by A Gilded Lapse of Time to call Schnackenberg „the most talented American poet under the age of 40”), admired this sprawling tripartite epic of artistic and religious crisis and redemption. To my mind, there was more crisis than redemption. The exhaustingly spun-out sentences, the vatic obscurities („Rumors lash the angel’s robes/Into transitory statues/ Madly overturned/But they disappear without breaking”), the ambitious, rather mandarin (indeed, Eliotic) allusions to great monuments of literature (the Commedia, Osip Mandelstam ) and painting (Mantegna, Piero della Francesca), and to historical personages (Augustus, Herod, Stalin, Tiberius, Constantine)—all this smacked of a poet desperately attempting to break through an agonizingly long case of writer’s block („Years I could only thumb the page/Into featureless velvet…”) by means of sheer excess.

(…)

As small a sound
As a housefly alighting from Persia
And stamping its foot on a mound
Where the palace once was;
As small as a moth chewing thread
In the tyrant’s robe;
As small as the cresting of red
In the rim of an injured eye; as small
As the sound of a human conceived—

A human conceived, an injured eye, a fallen palace: here, before the poem has barely begun, you’re given the whole arc of Oedipus’ story, sketched with almost bleak economy.

The Throne of Labdacus  by Gjertrud Schnackenberg

Supernatural Love:Poems 1976-1992  by Gjertrud Schnackenberg/ DANIEL MENDELSOHN, New York Review of Books


Deliberate Prose, the long-awaited collection of Ginsberg’s essays and criticism.

At the time of his greatly memorialized death in 1997, Allen Ginsberg was the most famous poet in America, to the digital Gilded Age of the 1990s what Robert Frost had been to the affluent and optimistic Camelot of the 1960s, an elder poet from an earlier age, whose insights and historical signature, acquired over long decades of public and private life, are widely sought and honored. He was an icon, and as such was famous for many reasons, his poetry being only one among them. As the most politically immersed and faithfully outspoken poet in American history, he has long been associated with Left politics and a variety of causes, ecological, aesthetic, sexual, psychological, and, on some occasions, purely rhetorical. As a poet advocating expressiveness and probity in art, he has also long been imitated and quite openly copied by his disciples across these American states. As Helen Vendler wrote in The New Yorker, Ginsberg’s political actions „make him a significant cultural figure, but it is the poetry that makes him a significant literary figure.“ / nowCulture März 2001


Am 21. März findet der 2. Unesco-Welttag der Poesie statt

Dichter verschiedener Sprachen werden den 2. Unesco-Welttag der Poesie am 21. März in Berlin mit einem Lyrikertreffen begehen. Die Autoren italienischer, amerikanischer, französischer, flämischer, griechischer und deutscher Sprache werden vom 17. bis 21. März in der deutschen Hauptstadt gemeinsam ihre Gedichte übersetzen, teilte die Literaturwerkstatt Berlin mit.

Jeder Schriftsteller hat jeweils zehn Texte vorgelegt, die vorab übersetzt wurden. In Berlin soll jeder Dichter nun mit jedem seiner Kollegen Nachdichtungen erarbeiten. Am Welttag der Poesie, am 21. März, stellen die Autoren ihre Texte vor und berichten über die Erfahrungen der Zusammenarbeit. Die Texte sollen anschließend auch auf der Internetplattform www.lyrikline.org präsentiert werden.

Neben dem Berliner Uwe Kolb e gehören die Autoren Donate Berra (Mailand), Sapphire (Ford Ord/Kalifornien), Phlippe Beck (Straßburg), Bernrad Dewulf (Brüssel) und Kostas Koutsourelis (Athen) zu den Teilnehmern des Lyrikertreffens. Das Internet-Angebot wird durch weitere Autoren wie Günter Saalmann, Lutz Rathenow und Jutta Richter bereichert, die neue Lyrik für Kinder präsentieren. / N 24 , 11.3.01 City-Lyrik in Berlin und Köln

meldet die „Welt“ vom 11.3. so: Wird Lyrik, wie schon von unseren antiken Ahnen, zur Behandlung moralischer und seelischer Haltungsschäden verwendet, geschehen Wunde. Wie erfreulich, dass gleich zwei Städte sich ihren „Lokalneurotikern“ mit Lyrikangeboten nähern möchten: Die Berliner Literaturwerkstatt lädt zum „Lyriktreffen “ ein, (17.-21.3.) und in Köln findet “ lit.Cologne“ statt (21.-25.3.), ein Fest, wie es in Deutschland so noch nicht gefeiert wurde. Mit 60 Dichtern aus 20 Ländern, Stars wie Nick Hornby und Raoul Schrott inklusive.

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The long and winding ode. Lyrik von Paul McCartney

He wrote poetry before he wrote songs, and after Linda’s death he produced a torrent of verse. Now his lyrics and poems have been published – although Paul McCartney thinks his words look naked on their own. …

Then, after Linda died, closing their long and passionately close marriage, he wrote poetry in her memory, ‚poetry out of grief and deep emotion‘. Some of those poems are in Paul McCartney’s new book, outpourings of the heart, elegiac love songs and prayers to God. They sit alongside some of the most famous lyrics in the world, since Mitchell persuaded him to gather the past and the present together under the simple title Blackbird Singing: Poems and Lyrics 1965-1999 (it’s not, he says, meant to look like an epitaph on a tombstone; he’s not dead yet).

Recent poems are sandwiched between ‚Yesterday‘ and ‚Hey Jude‘. It’s the first time he has allowed his old songs to be reproduced like this: ‚They look a bit naked, don’t they?‘ And perhaps this marks his growing acceptance of his mythological past, a willingness to embrace what he for many years turned away from. The recent Anthologies, the return last year to the Cavern in Liverpool where he began, and now this splicing together of the Sixties with the rest of his life suggest a moving out of the extraordinary and intimidating shadow.

McCartney’s favourite self-penned poem

Her Spirit

Her spirit moves wind chimes
When the air is still
And fills the room
With fragrance of lily
Her eyes blue green
Still seem
Perfectly happy
With nothing
Her spirit sets
The water pipes a-humming
Fat lektronic forces be with ya sound
Her spirit talks to me
Through animals
Beautiful creatures
Lay with me
Bird that calls my name
Insist that she is here
And nothing
Left to fear
Bright white squirrel
Foot of tree
Faces me
With innocent gaze
Her spirit talks to me

Blackbird Singing by Paul McCartney is published by Faber & Faber at £14.99

/ Nicci Gerrard Sunday March 11, 2001 The Observer


Ernst-Meister-Preis für Lyrik an zwei Autoren

Hagen – Die Autoren Brigitte Oleschinski und Jochen Winter sind am Sonntag mit dem Ernst-Meister-Preises für Lyrik der Stadt Hagen geehrt worden.

Am Sonntag nahmen die Berliner Zeithistorikerin und der in Paris lebende Autor die mit insgesamt 25 000 Mark dotierte Auszeichnung entgegen. Mit dem Preis solle das Bemühen der beiden Schriftsteller um die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Sprache und Poesie honoriert werden, hiess es in der Begründung.

Die mit jeweils 3000 Mark dotierten Förderpreise gingen an den Dortmunder Jürgen Wiersch, Helwig Brunner aus Graz und Sabine Scho aus Hamburg. Der Lyrikpreis wird seit 1981 im Andenken an den Hagener Dichter Ernst Meister (1911-1979) vergeben. Die Autoren werden jetzt in zweijährigem Turnus ausgezeichnet. Zuvor war der Ernst-Meister- Preis nur alle vier Jahre verliehen worden. Neu sind auch die Förderpreise für drei Nachwuchslyriker, von denen einer aus Westfalen stammen soll.

/ news.ch 11.3.01 – la (Quelle: sda)


Hätte ich einen eigenen Verlag…

Lyrik auch mal in der taz: Welche Bücher ich gerne verlegen würde(4): Rebekka Göpfert, Leiterin des Literaturprogramms im C. H. Beck Verlag

Hätte ich einen eigenen Verlag und läge der wunderbare Sonnettzyklus „Das Schmetterlingstal/ Sommerfugledalen “ der dänischen Lyrikerin, Essayistin und Romanautorin Inger Christensen nicht bereits in zwei (!) sorgfältig edierten Ausgaben auf Deutsch vor – einmal im Kleinheinrich Verlag zusammen mit einer CD, auf der die Autorin selbst liest (ein Hörgenuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte), und einmal bei Suhrkamp, versehen mit einem hervorragenden Nachwort von Thomas Sparr, in beiden Fällen in der meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel – dann würde ich keine Sekunde zögern und dieses Buch als Haupttitel ins Programm aufnehmen. …

Inger Christensen greift hier den Sonnettkranz auf, eine relativ strenge Zyklusform, die eigentlich aus dem Barock stammt. Der Kunstgriff der Autorin – und darin ist gleichzeitig die Faszination ihres Werkes auf mich begründet – liegt in der Zusammenführung von Logik und Mathematik mit der vermeintlichen Unordnung von Sprache: Sie schafft daraus ein Labyrinth, das seiner ganz eigenen Ordnung gehorcht. Mit unglaublicher Leichtigkeit gelingt es ihr, das Muster des Sonetts plötzlich zum Tanzen zu bringen und vor dem Leser ein eigenes, entferntes, vielleicht schon fast vergessenes Land auferstehen zu lassen.

Inger Christensen schildert einen dänischen Sommer, gefüllt vom Summen der Insekten, vom Duft der Blumen, vom Rauschen eines sanften Windes. Vor diesem Hintergrund erzählt sie uns die Geschichte ihrer Vorfahren, ihrer Großmutter und ihres Vaters, die Geschichte vom Leben, an dessen Ende der Tod steht. Und gleichzeitig – der Rahmen ist hier mehr als nur ein Vorwand – entsteht eine Poetologie, die, wenn man sich einmal darauf einlässt, die Welt neu ordnet und erklärt. Das, was man uns immer zu trennen gelehrt hat, kommt plötzlich neu zusammen: Traum und Wirklichkeit, Chronik und Märchen, Ding und Idee, Chaos und Ordnung. (mit Link auf eine Christensen- Lese- und Hörseite !) / taz 10.3.01

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Eine phallische Reise

Wer sich in der Literatur auf Reisen begibt, läuft kaum Gefahr, am Touristenklassensyndrom zu erkranken. Eher droht man, sich in der Weite der Andeutung zu verlieren. Raoul Schrott hält sich an fremden Orten an die Erinnerung und klassische Motive.

iv

ist die erinnerung noch überrascht daß
es so heißt hundert lira auf dem tisch
pallas athene vor dem olivenbaum auf
ihren speer gestützt das jahr die zahl
und die ganze italienische republik
was bleibt ist was die anderen erzählen
im mund gewechselte worte während
ich mit dem kleingeld in der tasche spiele

casa di rosa, anacapri, 14.6.1992

So kurz Raoul Schrotts Gedicht auch ist, es enthält trotzdem wichtige Motive der Lyrik; ein wenig, als sei es eine Parodie, die mit den Möglichkeiten des Genres spielt. Gelungene Dichtung ist jedoch häufig parodistisch, Stimmen und Motive werden übernommen und nachgeahmt. Der Katalysator, den sie dabei durchlaufen, die Person des Dichters, wandelt sie so um, dass das Endprodukt neu und eigenartig ist. Einer Gebrauchsanweisung kommt der Vers gleich: «was bleibt ist was die anderen erzählen» ? aber nur solange, bis man es selbst erzählt hat und darüber ein anderer geworden ist. / Hendrik Rost, NETZEITUNG 10.3.01


Lyrik heiße nicht „quälende Unverständlichkeit“, meint „Die Welt“; vielmehr sei sie kurz und voller Erfahrungen – wie das Leben . Gesagt getan, zwei Welt-Lyrik-Leben-Beiträge:

1. Steffen Jacobs: Ja sicher, ich bin Lyriker. Was ich sage, wird wahr

Die Lyrik kann davon nicht unberührt bleiben. Ihr Gegenstand ist ja das Subjektive, Private, Menschliche. Ebendies erfährt nun im Eiltempo eine Umwertung, wie sie selbst die schärfsten Kritiker der sogenannten „Neuen Medien“ in den achtziger Jahren schwerlich vorausgesehen haben. So ertappe ich mich in letzter Zeit immer öfter bei kulturpessimistischen Gedanken, die mir früher völlig fern lagen. Von Seiten der Medien, denke ich in solch schwachen Momenten, ist ein Dialog mit der Lyrik auf absehbare Zeit wohl nicht mehr zu erwarten. …

Wer glaubt, die magisch-rituelle Herkunft der Lyrik habe mit dem heutigen Lyrikbetrieb wenig zu tun, irrt. Die fruchtbarste Verwendung von rituellen und schamanistischen Elementen habe ich zwar öfter bei Musiker-Poeten als bei Lyrikern gefunden (beim frühen Leonard Cohen oder dem späten Tom Waits). Das Beispiel Peter Rühmkorfs zeigt jedoch, wie gegenwärtig auch Lyrikern die Problematik ist: Rühmkorfs Abhandlung „agar agar zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ hält anregenden Lesestoff zur Geschichte der Assonanz bereit. Parallelen finden sich in je individueller Ausgestaltung im expliziten Schamanismus eines Ted Hughes und in der theatralischen Inszenierung des Lautlichen bei Ernst Jandl. / Die Welt 10.3.01

2. Warum Lyrik, Herr Conradi? Verleger-Frage

Die Lyrik flüstert, aber oft trägt Flüstern weiter als jedes Gebrüll. Wer sich der Lyrik öffnet, wird mit einer Intensität belohnt, die andere Literaturformen nur selten aufzubieten vermögen. Denn die Lyrik setzt der allgemeinen Flüchtigkeit textlicher Rezeption eine Präzision entgegen, die zur genauen Lektüre zwingt, und diese Wachheit für jede Nuance des sprachlichen Ausdrucks belohnt sich selbst. Ebd .

3. Es geht nicht ohne Jandl

Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001. 48 S., 24 Mark.

Zum Neustart der Sammlung Luchterhand erscheint Ende des Monats aus dem Nachlass Jandls „Letzte Gedichte“ (128 S., 18,50 Mark). / Ulrich Weinzierl Die Welt 10.3.01

(mit letzten Gedichten von Jandl)


2001 Mrz

Als wir alle Brandstifter waren

Der Lyriker Charles Simic über seine Joschka-Jahre

Andere warfen mir Zynismus vor, wenn ich mich über die Gedichte lustig machte, die bei Antikriegsdemonstrationen verlesen wurden. Aber schlechte politische Lyrik ist leider genauso schlimm wie schlechte religiöse Dichtung: Sie führt den Zuhörern nur all das vor Augen, woran sie sowieso schon fest glauben. Von all diesen endlosen pazifistischen Rezitationsabenden ist mir nur ein einziges Gedicht im Gedächtnis geblieben, das mir gefallen hat. Es handelte von Präsident Johnson, der eines Nachts in der Küche des Weißen Hauses saß und versuchte, seine Sicht des Krieges in einem Gedicht auszudrücken.

…Meine Studenten interessieren sich nicht wirklich für Politik oder für soziale Ungerechtigkeit. Sie käuen nur die modischen Phrasen des Multikulturalismus und des Feminismus wieder, um nicht ernsthaft über die Welt nachdenken zu müssen. –

Der amerikanische Lyriker Charles Simic, 1938 in Belgrad geboren, lebt in New Hampshire. Im vorigen Jahr erschien sein Gedichtband „Grübelei im Rinnstein“, der Übersetzungen Hans Magnus Enzensbergers enthält..

/ FAZ 10.3.01

Mehr Simic 1 /


Himmelhoch, zutode.

In „Bilder und Zeiten“ erinnert sich Volker Braun an Kindheitslandschaften und die Zeiten, als er in der DDR sein „Trotzki“-Stück schrieb und von der Stasi überwacht wurde. Sagt „Perlentaucher“. Und (füge ich hinzu) entwirft dieses Szenario:

Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.

Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution./ FAZ 10.3.01


In der „Frankfurter Anthologie“ stellt Walter Hinck das Gedicht  „Datum“ von Sarah Kirsch vor, „ein Beispiel hoher lyrischer Kunst“. Ebd. – Außerdem in der FAZ: Hubert Spiegels Laudatio auf Radek Knapp zum Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (wobei Chamissos Gedicht „Tragische Geschichte“ mitspielt).


Moderne argentinische Lyrik

Seit einigen Jahren wird die moderne argentinische Lyrik im deutschen Sprachraum allmählich bekannter und somit auch differenzierter wahrgenommen. Das führt dazu, dass nicht nur das Gesamtwerk des einen Grossschriftstellers Jorge Luis Borges (1900-1986) erforscht, übersetzt und veröffentlicht wird, sondern auch andere bedeutende Stimmen der poetisch fruchtbaren Literaturszene von Buenos Aires auftauchen. Zuletzt waren es die aphoristischen «Stimmen» von Antonio Porchia (1886-1968) und die «Vertikale Poesie» von Roberto Juarroz (1925-1995), aber auch die sephardischen Gedichte «Darunter» von Juan Gelman (Jahrgang 1930). Ein besonderes Interesse gilt dem jüdischen Hintergrund etlicher Autoren, hier ist vor allem die legendäre Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936-1972) zu erwähnen. Lange Zeit war es in Argentinien gefährlich und verpönt, von ihren jüdischen Wurzeln offen zu sprechen und erst recht diese in ihrem Werk aufzuspüren.

Eine zweisprachige Auswahl von Pizarniks Gedichten ist nun unter dem Einzeltitel «Fremd die ich war» erschienen. Der Band enthält einen Auszug aus dem Zyklus «Baum der Diana» (1962),dem Octavio Paz einen wunderbaren Prolog widmete. Paz charakterisiert diesen lyrischen Baum unter chemischen, botanischen, mythologischen, ethnographischen, heraldischen und physikalischen Gesichtspunkten, um den Lesenden einzustimmen auf «ein Naturinstrument geistigen Schauens» – Gedichte. Die imaginative Intensität war seit je eine Stärke der argentinischen Poesie, auch und gerade bei Alejandra Pizarnik . /  Tobias BurghardtNZZ 10.3.01


Neu bei Ammann: Manfred Peter Hein, Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993 – 2000. Nachwort Andreas F. Kelletat. 112 S., ca. 34 DM.  Leseprobe


Sie sind zwei im tiefsten Inneren verwandte Seelen, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Albert Vigoleis Thelen, der Prosaist, Lyriker, Übersetzer und Verfasser des pikaresken Mallorca-Romans Die Insel des zweiten Gesichts und Teixeira des Pascoaes, der portugiesische Dichter und Mystiker, der seine poetischen Exerzitien in den Dienst der Erforschung der seelischen Kräfte des Menschen stellte. / Cornelia Staudacher FR 8.3.01


Vom Jazzpianisten Thelonius Monk stammt das  Diktum, das Wichtigste sei, was man nicht spiele.  Einen ähnlichen Sinn für Raum besitzt der in  Liechtenstein und Wien lebende 44-jährige Lyriker und  Prosaist Michael Donhauser. Sein letzter Gedichtband  hiess «Sarganserland». Der geographische Ort ist darin  weniger wichtig als die Räume, die er für die Dinge (ein  Stück Strasse, ein Wegbord beispielsweise) schafft.  Räume, in denen die räumlichen die Geschichte der  zeitlichen Dinge (Erinnerungsbilder einer Beziehung,  einer Liebesgeschichte vielleicht) zu erzählen  vermögen. Donhausers Gedichte erinnern an die  ruckenden alten Filme – es fehlen immer ein paar  Bilder. Manchmal müsste man sonst Angst haben: Wie  kann einer aus Wörtern wie «sanft», «Wunde», «warm»  ein gestochen scharfes Gedicht machen. Aber  Donhauser setzt die Wörter aus, nimmt ihnen die  sentimentale Aura. Seine Strophen sind fragil und  stabil zugleich, wie Trockenmauern: Die Wörter reden  miteinander, geben sich Raum, schaffen Passagen. / Samuel Moser NZZ 6.3.01


Neue Haikus von Uli Becker

«Erste Zeile fünf, / die zweite sieben Silben – / dritte wieder fünf!»: Mit diesem als «Trick 17» apostrophierten Haiku erklärt der Lyriker Uli Becker die Form des japanischen Kurzgedichts, die er auch in seinem neuen Band, «Dr. Dolittles Dolcefarniente», strikt einhält. Andere formale Vorgaben wie die Verwendung eines die Jahreszeit bezeichnenden Worts vernachlässigt er; schliesslich schreibt er, wie schon der Untertitel seiner 1993 erschienenen Sammlung «Fallende Groschen» erläuterte, entweder «Asphalthaikus» oder aber (wie hier) Botschaften aus dem ländlichen Italien, in denen Rorschachtests, T-Shirts und Keilriemen ebenso vorkommen wie Hirschkäfer, Vipern und Fledermäuse.

Uli Becker: Dr. Dolittles Dolcefarniente. In achtzig Haikus aus der Welt. Marco-Verlag, Augsburg 2000. 96 S., Fr. 22.-.  / Neue Zürcher Zeitung , 6. März 2001


British Asian poets‘ anthology

The first anthology of contemporary poetry written by British South Asian poets has been launched in the United Kingdom.

More than seventy poets have contributed to the work.

The anthology is a diverse collection by first and second generation immigrants living in Britain.

The poets are of Indian, Pakistani, Bangladeshi and Sri Lankan origin, as well as from African and Carribbean countries which experienced substantial migration during the years of the Raj.

Their themes include growing up in an Asian household in the English suburbs, of being split between cultures and of feeling an outsider.

From the newsroom of the BBC World Service  6 March, 2001


«Objet trouvé»

Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne wird damit erneut zugänglich und darüber hinaus – durch die im «Eventail (für Stéphane Mallarmé)» beigefügten Materialien – in erweitertem Kontext lesbar gemacht. Werkgeschichtlich ist die Erweiterung insofern relevant, als nebst einem einschlägigen (freilich bereits anderweitig erschienenen) Essay von Werner Dürrson eine Auswahl aus Mallarmés «Aufzeichnungen, das „Buch“ betreffend» in den Band aufgenommen wurde, Texte mithin, die jenes oft beschworene, niemals vollendete Opus magnum – das «absolute Buch» – punktuell vergegenwärtigen, welches der Dichter, ständig schwankend zwischen der Erhabenheit und der Lächerlichkeit des Vorhabens, dem Universum gleichzusetzen gedachte und zu dem der «Würfelwurf» eine erste, gewissermassen embryonale Präfiguration darstellt. / Felix Philipp Ingold , NZZ 3.3.01

«Objet trouvé» (zwei Bände in nachtblauer Kartonschachtel): Stéphane Mallarmé: «Ein Würfelwurf / Un Coup de dés». Übersetzt und erläutert von Marie-Louise Erlenmeyer. Walter-Verlag, Olten/Freiburg 1966, 134 S.; «Eventail (für Stéphane Mallarmé)». Dichtungen, Essays und Übersetzungen von Stéphane Mallarmé, Thomas Schestag, Werner Dürrson, Manfred Bauschulte, Louis-René des Forêts, Maurice Blanchot, Peter Natter, Joë Bousquet, Francis Ponge, Michael Donhauser. Hrsg. von Alma Vallazza. «edition per procura», Wien/Lana 2000. 143 S., Fr. 120.-.


Es gibt sie noch, die wagemutigen Verleger,

die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern. (…)

In eine vollständig andere Dimension entführt Elke Erb (*1938)), eine leiderprobte Lyrikerin aus der ehemaligen DDR. Sie versteht es, Erlebnisse aus dem vorsprachlichen Raum zu holen und in Sprache umzusetzen. Sie geht auch sonst, immer wieder nachhakend, der Sache auf den Grund. Nicht alles ist sofort eingängig, einiges sträubt sich im Nachvollzug. Ihr Aufruf «leibhaft lesen», sich mit Seele und Leib in die Sprache, dieses «Puzzle-Gebilde», hinein zu begeben, ist ernst zu nehmen. Dass auch ein Autor, der viel über Sprache und ihre Möglichkeiten und Grenzen nachgedacht hat, bei Urs Engeler Aufnahme findet, belegt Hans-Jost Frey (*1933) mit seinen «Vier Veränderungen über Rhythmus». Es ist wohltuend, einem derart gründlichen und subtilen Denker und Formulierer zu begegnen. Alle vier Essays («Verszerfall», «Der Gang des Gedichts», «Vertonung», «Das Unsagbare») untersuchen in einer intensiven Auseinandersetzung das Phänomen Rhythmus. / Der Bund 3.3.01

Mehr Erb 1 /


Largely through the mediation of Coleridge, Schiller  became an important source for English Romanticism. It has been shown, for  example, that Wordsworth’s famous definition of poetry as „emotion recollected in  tranquillity” has its source, via Coleridge, in a phrase from Schiller. / The New Criterion Vol. 19, No. 7, March 2001  — Außerdem in der neuen Ausgabe: Four Poems by Rainer Maria Rilke,translated & with an introduction by Martin Greenberg


Zwei isländische Gedichtbände,

die nicht nur ins Deutsche übersetzt worden sind (und zweisprachig präsentiert werden), sondern auch ? von dem Maler Bernd Koberling ? in Wasserfarben: ein Diptychon aus großformatigen Büchern mit jeweils einem Lesebändchen für die Wörter und einem für die Farben. Das Gedicht „Sumpfschnepfe“ von Snorri Hjartarson (1938 ? 1986) ist auch ein Bild für die synästhetischen Anwandlungen, die den Leser und Betrachter überkommen: „Eine Sumpfschnepfe fliegt / unter deinen Füßen auf ins Blau // du erschrickst / lauschst // ist es das Herz in deiner Brust / oder ihr Wiehern in einer Wolke. “ Und auch bei Baldur Óskarsson (geboren 1938) gibt es das Gedicht „Untiefe“, das belegt, wie genau Bernd Koberling seinen Dichtern „zugehört“ hatte. „Lippengrün trinkt die Tiefe des Himmels aus, / in dunkelblauen Trank ? füllt schwarz sich die Kehle. / Still, aber kalt ist die Luft. / Du hängst dein Auge / in die Tiefe des Himmels, am Faden aus Schwarz. ? / Über deine Schulter schiebt sich Abendrot, diese Zunge. / Ausatmen geht übers Wasser, / die Augen platzen entzwei. “ / Süddeutsche 3.3.01


Lieber rauchgeschwärzte Trümmer.

Wie sich das Gift des Nationalismus in Osteuropa ausbreitete

Plötzlich waren sie nicht mehr lediglich Lyriker, sondern auch Kämpfer. Ein deutscher Dichter aus Marburg, Ottokar Kernstock, dessen subtile Verse über Herzensdinge damals so mache Seele berührten – besonders beliebt war sein Band «Aus dem Zingergartlen» -, liebte lyrische Stimmungen, aber hasste aus dem Grunde seines Herzens seine slowenischen Mitbürger in Stadt und Land. Neben vielen sanften und schmachtenden Versen hat er auch diese verfasst:

Lasst die wilden Slawenheere
nimmermehr durch Marburgs Tor,
lieber rauchgeschwärzte Trümmer
als ein windisch Maribor.

/ Drago Jancar, NZZ 3.3.01


Dichter der Diskretion und militanter  Kritiker: Giovanni Raboni

Mit leiser Beharrlichkeit sucht der 1932  geborene italienische Dichter Giovanni Raboni  im Alltäglichen nach dem Anderen: einem Davor  oder Danach. In Fragmenten des simplen und  gewöhnlichen Lebens entdeckt er geheime  Linien, hört er «die dumpfen Schläge des  Wassers von unten». / Christine Wolter, NZZ 3.3.01


Poetisch korrekt. Die neue «Anthologie de la poésie  française» in der Pléiade / NZZ 3.3.01


Es begann mit einem Skandal. Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“. / Christoph Schröder, FR 3.3.01 Mehr Borchers 1 /


Das Frankfurter Literaturhaus ehrte Elisabeth Borchers zu ihrem 75. Geburtstag.

75 Jahre alt ist sie am 27. Februar geworden, Elisabeth Borchers, eine der großen Frauengestalten der Nachkriegsliteratur. Und das Literaturhaus ehrte sie standesgemäß mit Reden zu ihrem Werk und ihrer Person. Natürlich aber auch mit einer Lesung. Eine große Öffentlichkeit erreichte die Borchers, die im Elsaß aufgewachsen ist, als die 34-Jährige ihr surrealistisches Gedicht „Eier Wasser regnet Schlaf“ veröffentlichte. Eine Diskussion begann, die der westdeutschen Nachkriegslyrik zu der Erkenntnis verhalf, dass die herkömmliche Form des Schreibens der Moderne nicht mehr gerecht wurde. Im selben Jahr erschien ihr erster Gedichtband. Tätig war sie als Lektorin beim Luchterhand-Verlag, den sie nach zehn Jahren verließ, um fortan 25 Jahre für Suhrkamp zu arbeiten. Dass sie trotz ihrer Verlagsarbeit noch Zeit und Muße fand, selbst zu schreiben, ist bewundernswert. Entstanden sind so viel gerühmte Kinderbücher, Hörspiele, Übersetzungen aus dem Französischen und vor allem immer wieder Lyrik. Auch als Herausgeberin von Anthologien hat sie sich einen Namen gemacht. Aus ihrem soeben erschienenen Band „Alles redet, schweigt und ruft“, der neben einem Überblick über ihr lyrisches Schaffen auch zahlreiche unveröffentlichte Gedichte aus jüngster Zeit enthält, las sie dann, zerbrechlich, doch gefasst wirkend, vor den vielen Gästen. Die verschiedenen Phasen ihrer Poesie, vom Surrealen über den Versuch, sich den Reim zu gewinnen, bis hin zu den aussparenden Momentaufnahmen der letzten Jahre, spann sie den Faden. Bilder wie „Die Liebenden liegen als Feuer vor der Stadt“, und Einsichten wie „Und was du weißt/hat keinen anderen Ort“ prägen sich sofort im Gedächtnis ein. Und dass sie es versteht, „erschütternd einfach“ zu dichten, wurde durch Zeilen wie „die hellen Stufen, die abwärts führen/ins Gedicht“ deutlich. Der Beifall zeigte der großen Literatin, dass sie und ihre Worte Widerhall gefunden hatten. (HH) © Frankfurter Neue Presse, 3.3. 2001


Polnischer Konstruktivismus .

Vor hundert Jahren wurde Julian Przybos geboren

In einem Brief an einen jungen Dichter schrieb Julian Przybos (1901-1970) einmal: «Erzähle nicht, beschreibe nicht, besinge nicht; reflektiere nicht, räsoniere nicht; beichte nicht, mach nicht Stimmung; schrei nicht, verkünde nicht, blase nicht in das rhetorische Horn. Drücke aus – das heisst, bilde Sprache!» Mit diesem Ratschlag hat Przybos auch gleichzeitig sein eigenes poetisches Programm umrissen: Als dichterische Ursünde gilt ihm die selbstverständliche Verwendung von Sprache. Mit Nachdruck forderte Przybos eine Rhetorik des gedrängten Ausdrucks: «Poesie ist die Einheit einer Vision, die ein Maximum von Vorstellungen in einem Minimum von Wörtern komprimiert.» …

Przybos‘ Lyrik zeichnet sich durch einen eigentümlichen Optimismus aus. Der Tod, der moralische Bankrott der abendländischen Zivilisation nach dem Zweiten Weltkrieg, die Problematik einer totalitären Gesellschaft – alle diese Motive finden sich kaum bei Przybos, obwohl er als Pole mit dem Geburtsjahr 1901 gewissermassen im Brennpunkt der zerstörenden Energien dieses Jahrhunderts stand. Der Grund für diese Besonderheit ist in seiner Ablehnung des literarischenRealismus zu suchen. Immer wieder hob er hervor, dass das Verstehen von anspruchsvoller Lyrik wie das Erlernen einer neuen Sprache sei – Gedichte stehen nicht in einem Abbildungsverhältnis zur Wirklichkeit, sondern versuchen «das Unmögliche zu realisieren». / NZZ3.3.01

Hier gibts ein Gedicht von Przybos


«I am a drifter», sagt Charles Plymell (*1935  Holcomb, Kansas), ein Spätgeborener der  Beat-Generation. Tatsächlich kam Plymell als  Verleger, Herausgeber und Beiträger diverser  Underground-Publikationen, als Handwerker, Collagist  und Dichter weit herum, auch wenn er nie so berühmt  werden sollte wie seine älteren Freunde Neal Cassady  und Allen Ginsberg, die er beide auf ausgedehnten  Autotouren begleitete. Nun liegt auf Deutsch eine  Gedichtauswahl aus den neunziger Jahren vor, die er  unter dem Titel «Liebesgesänge» sowohl der  Beat-Generation als auch der Generation X gewidmet  hat: als «Brückenschlag über die Kluft zwischen den  Generationen – in der Hoffnung, jene zu inspirieren, die  neu auf der Bildfläche erscheinen und den Versuch  wagen, die Welt zu retten». / NZZ 3.3.01


Die Literaturzeitschrift „orte“ lädt dazu ein, die moderne spanische Lyrik neu zu entdecken.

Wenn Literatur übersetzt wird, vermehrt sich unsere eigene Literatur. Am grössten ist der Gewinn vielleicht, wenn es um fremde lyrische Stimmen geht. Sie sind das, was uns in der Fremdsprache sonst am schwersten zugänglich ist – wer wagt sich da schon heran -, und zugleich enthalten sie die grösste Dichte an neuer Welt. Freilich ist auch die Schwierigkeit am grössten, nicht nur wegen des verlegerischen Risikos, sondern auch, weil es eben den Glücksfall braucht, dass jemand zugleich Dichter und in zwei Sprachen völlig zu Hause ist. Für die spanische Dichtung gibt es in der Schweiz einen solchen Glücksfall: den seit langem in Luzern lebenden Lyriker Hans Leopold Davi. / René Scheu, Tagesanzeiger 3.3.01


Eine neue Nachdichtung des Verspoems «Der Dämon» von Michail Lermontow (1814-1841) ? dem neben Alexander Puschkin wichtigsten Dichter der russischen Romantik ? bespricht die NZZ am 27.2.01


Andrew Motion besingt die Volkszählung

Ben Jonson war 1616 der erste englische Hofdichter gewesen – der erste Lyriker jedenfalls, dem Seine Majestät mit einem «butt of canary wine» den Alkohol verschrieb. Am Amt des «poet laureate» änderte sich seither einzig die Besoldung: Als Andrew Motion im Frühjahr 1999 zum neuen Hofdichter ernannt wurde, erhielt er nebst einem Fass Kanarienwein jedes Jahr 5000 Pfund zugesichert. Als Gegenleistung soll der Hofdichter – mit Versen eben – bedeutende nationale Ereignisse zelebrieren. Aber war Motion dazu der richtige Mann? So fragten vor zwei Jahren schon englische Pressestimmen. Zwar beschrieb ihn ein Blatt als «a nice fellow»; seine Gedichte aber kommentierte eine andere Zeitung mit «a bag of shite», und der «Guardian» sah Motions Berufung als «an insult to the country’s intelligence». / NZZ 3.3.01

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Ingrid Fichtner

Die in Zürich lebende Lyrikerin Ingrid Fichtner legt ihren vierten  Gedichtband vor: Texte wie ein Mobile von Calder.

Was «Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe» ist, weiss man  nach der Lektüre von Ingrid Fichtners neuestem gleichnamigem  Gedichtband zwar nicht, dass aber daran etwas Wahnsinniges ist, weiss man dafür umso mehr.

Ingrid Fichtner: Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe. Bodoni Druck 45. limitierte, nummerierte und von der Autorin signierte Edition. Waldgut Verlag, Frauenfeld 2000, Fr. 30.- / Tagblatt 3.3.01

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Den Alltag in Schönheit zu verwandeln, ist eine Hoffnung, die mit Gedichten verbunden wird ? und eine Forderung. Der junge Lyriker Jan Wagner hält einen Abschied fest, der mit der ersten heftigen Begegnung beginnt. / Netzeitung 3.3.01

Vom Jazzpianisten Thelonius Monk

stammt das  Diktum, das Wichtigste sei, was man nicht spiele.  Einen ähnlichen Sinn für Raum besitzt der in  Liechtenstein und Wien lebende 44-jährige Lyriker und  Prosaist Michael Donhauser. Sein letzter Gedichtband  hiess «Sarganserland». Der geographische Ort ist darin  weniger wichtig als die Räume, die er für die Dinge (ein  Stück Strasse, ein Wegbord beispielsweise) schafft.  Räume, in denen die räumlichen die Geschichte der  zeitlichen Dinge (Erinnerungsbilder einer Beziehung,  einer Liebesgeschichte vielleicht) zu erzählen  vermögen. Donhausers Gedichte erinnern an die  ruckenden alten Filme – es fehlen immer ein paar  Bilder. Manchmal müsste man sonst Angst haben: Wie  kann einer aus Wörtern wie «sanft», «Wunde», «warm»  ein gestochen scharfes Gedicht machen. Aber  Donhauser setzt die Wörter aus, nimmt ihnen die  sentimentale Aura. Seine Strophen sind fragil und  stabil zugleich, wie Trockenmauern: Die Wörter reden  miteinander, geben sich Raum, schaffen Passagen. / Samuel Moser NZZ 6.3.01