Hamid Jassim Al-Khakani

Vor 22 Jahren verließ Hamid Jassim Al-Khakani den Irak. Als regimekritischer Journalist musste er vor den Polizisten Saddam Husseins fliehen und hat seine Heimat seither nicht wiedergesehen. Seit 1980 lebt er in Halle, lehrt an der Universität moderne arabische Literatur und islamische Mystik – und er schreibt Gedichte. Unter dem Titel „Deine Seele gleicht umher irrenden Pferden“ wird er am Mittwoch in Halle aus seinen Werken lesen.
Meist sind Al-Khakanis Texte von melancholischem Inhalt. Babylonische Klagelieder nennt er sie. Das eigene Schicksal liefert ihm die Themen: Es geht um Menschen, die hin und her gerissen sind zwischen zwei Welten – der längst vergangenen Welt der Kindheit und dem Leben im Hier und Jetzt. So verarbeitet Al-Khakani seine eigene Geschichte, aber auch Elemente der Kultur und der Mythen seiner Heimat. / Mitteldt. Zeitung 23.1.02

Althochdeutsches Hohelied

Wer kennt schon Williram von Ebersberg ? Eigentlich nur Altgermanisten und Mittelalterhistoriker. Man tut dem Leiter der Klosterschule St. Michael in Bamberg, der vor seinem Tod (1085) als Mönch das bedürftige Kloster Ebersberg wie seine weit ausstrahlende Bamberger Schule ebenfalls zur Blüte bringen wollte, Unrecht. Denn er schrieb neben einer Vita des Hirsauer Heiligen Aurelius, einigen lateinischen Gedichten und einer Ebersberger Chronik in seinen letzten Jahren einen zweisprachigen Hohe-Lied- Kommentar, d. h. genauer: Er liess seine drei einander entsprechenden Teile, den lateinischen Text des «Canticum Salomnis» genau in die Mitte, einen lateinischen Kurzkommentar links und die umfangreichste Ausdeutung in einer deutsch-lateinischen Mischsprache rechts, anordnen. … Willirams Text vermag jedenfalls dank seiner Unmittelbarkeit noch heutige Leser in seinen Bann zu ziehen. / NZZ 23.1.02

Radio- und Fernsehtip

Oskar Pastior liest Gedichte des rumänischen Surrealisten Gellu Naum . DLF Lesezeit Mi 23.1.02 20.30/ Mi 30.1.02 20.30

T. S. Eliot-Preis

Die kanadische Dichterin Anne Carson gewinnt den T. S. Eliot-Preis für 2001 meldet BBC :

Ms Carson’s poetry describes the death of a marriage through poetry that is „tart, lyrical, erotic, plain-spoken and highly charged“, according to Helen Dunmore, chair of the panel of judges.

Siehe auch The Times ,22.1.02:

Anne Carson , who has been hailed by Michael Ondaatje as “the most exciting poet writing in English today”, won the £10,000 T. S. Eliot Prize with a collection about the breakdown of a marriage.

Alois Hergouth

In Graz ist am vergangenen Donnerstag der Dichter Alois Hergouth im Alter von 76 Jahren gestorben. Der vielfach ausgezeichnete Lyriker war u. a. maßgeblich an der Gründung des „forum stadtpark“ und der Literaturzeitschrift „manuskripte“ beteiligt.
Alois Hergouth wurde am 31. Mai 1925 in Graz geboren. Seine frühe Jugend war von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs bitter geprägt. Ab 1954 arbeitete er als Assistent an der Universität bei Viktor von Geramb, erste Gedichte („Neon und Psyche“, „Schwarzer Tribut“) wurden veröffentlicht . / Wiener Zeitung 22.1.02

E. E. Cummings wird Jazz

Es ist nicht nötig, Edward Estlin Cummings einmal eines seiner eigenen Gedichte vortragen gehört zu haben, aber es hilft. Wie er Pausen setzt, die Wörter über seine Stimmbänder gleiten lässt, die Vokale zum Klingen bringt – Musik ist das, nichts anderes. Leute wie Leonard Bernstein, Morton Feldman oder Philip Glass merkten das und vertonten Gedichte des amerikanischen Lyrikers. Jetzt hat das Cummings-Fieber auch auf Jazz und Pop übergegriffen. Auf der aktuellen Björk-Platte „Vespertine“ finden sich Zeilen des Dichters ebenso wie auf dem bemerkenswerten internationalen Platten-Debüt der Schweizer Jazz-Sängerin Susanne Abbuehl bei ECM. /
Josef Engels, Die Welt 22.1.02

Gertrude-Stein-Projekt

Über ein musikalisches Gertrude-Stein-Projekt in Bremen berichtet die taz Bremen , 22.1.02

Deutsch-jüdische Symbiose?

Im September 1933 – George lebte inzwischen in der Schweiz – wollte der Jude und Mussolini-Anhänger Karl Wolfskehl den Meister bitten, etwas zu Gunsten der Juden zu sagen. Der ließ seinem alten Gefährten durch seinen Jünger Frank Mehnert, der mit den Nationalsozialisten sympathisierte, mitteilen, er sei krank und könne ihn nicht empfangen. Das von einigen erwartete Schelt- und Absagegedicht gegen die Nazis hat George nicht geschrieben. / Süddeutsche 21.1.02

Rosen und Kognak

Über ein seltsames Geburtstagsritual für Edgar Allan Poe informiert die New York Times am 19.1.02:
BALTIMORE (AP) — A small crowd gathered at the old church where Edgar Allan Poe lies buried, waiting, as they do every year, for the arrival of a stranger.
A black-clad man arrived at 2:59 a.m. Saturday, marking the poet’s birthday with the traditional graveside tribute: three red roses and a half bottle of cognac. Only this and nothing more.
It is a rite that has been carried out by a mysterious stranger every Jan. 19 since 1949, a century after Poe drank himself to death in Baltimore at age 40. – Deutsche Meldung: Kurier 20.1.

Gerard Manley Hopkins

In der Washington Post schreibt Edward Hirsch über Gerard Manley Hopkins:

Gerard Manley Hopkins’s sonnet „God’s Grandeur“ is one of the poems that many readers, including poets, have been reciting with special intensity since Sept. 11. … Hopkins’s poem is an argument of praise. Praise restores us to the world again, to our luckiness of being. It is one of the permanent impulses in poetry. Praise is clearly inscribed in the Egyptian Pyramid Texts, the oldest lyrical fragments in existence. It is a defining motive in The Iliad (the praise poem of Achilles) and in Genesis (the praise poem of Yahweh). „Rühmen, das ists!“ Rainer Maria Rilke exclaims in the seventh sonnet to Orpheus: „To praise, that’s it!“
/ Washington Post Sunday, January 20, 2002; Page BW12

Robert Burns

Über kontroverse Debatten um Robert Burns (gehört er noch zum Kanon?) berichtet der Guardian 20.1.02 – Passend dazu: Besucherrückgang bedroht das Geburtshaus des Dichters. / Sunday Mail 20.1.02

Archive für die Zukunft

Michael Buselmeier bespricht für die FR Literaturzeitschriften ( hier manuskripte, Wespennetz, Theater heute und kolik).

Als im November 2000 die Grazer manuskripte 40 Jahre alt wurden und zugleich deren 150. Ausgabe erschien, stellte Alfred Kolleritsch, der verantwortliche Herausgeber und Redakteur, im Editorial die rhetorische Frage, ob die wenig beachteten Literaturzeitschriften nicht vielleicht doch, hochgemut gesprochen, etwas vom „Geist der Literatur“ und von der „Freiheit des Schreibens“ aufbewahrten. Sind sie nicht „Archive für die Zukunft?“. Vorausgegangen war die Nummer 149 mit einer umfangreichen Dokumentation, die deutlich machte, wie eng die manuskripte vor allem mit der avancierten österreichischen Poesie der Wiener und der Grazer Gruppe verknüpft sind und wie genau sie als eine Art deutschsprachige Literaturgeschichte der letzten 40 Jahre gelesen werden müssen. Selbst das unvermeidliche Altern der Avantgarden hat zu keiner Qualitätseinbuße geführt. Denn immer wieder gelingt es Kolleritsch, obwohl er keine Honorare zahlt, blutjunge Autoren an abenteuerlich wechselnden Wohnsitzen aufzuspüren und deren Gedichte und Prosa mutwillig unter die Texte der längst Etablierten zu mischen. Nach wie vor ist man dem poetischen, mehr auf Sprache und Rhythmus als auf eine spannende Handlung vertrauenden Schreiben verpflichtet. / FR 19.1.02

Auf dem Trödelmarkt

Steffen Jacobs kommentiert in seiner „Welt“-Kolumne ein Gedicht von Kerstin Hensel :

Auf dem Trödelmarkt

Bietet einer die Liebe an
Für kein Geld und keinen Betrug. Die Leute
Gehen vorbei. Mein Geliebter
Am Nebenstand
Kauft einen goldenen Ring.

Aus: Kerstin Hensel, „Bahnhof verstehen“. Luchterhand, München 2001. 115 S., 8,50 Euro. / Die Welt 19.1.02

Hölderlin fragmentarisch

Reinschriften, sofern sie nicht Überarbeitungen zeigen, scheinen fertig zu sein. Das Homburger Folioheft und die Handschriften, die darum herum liegen, also nach 1802, nach der Rückkehr aus Stuttgart bis hinein in den Tübinger Turm 1807, zeigen eine andere Form der Notation. In ihnen bildet Hölderlin sozusagen den abendländischen Orbis nach, wie er sich gerade in seiner Jugend nun erst darstellte. Es ist das Zeitalter der Entdeckungsfahrten, es werden die Inseln entdeckt, es gibt nicht mehr den antiken ptolemäischen Orbis, wo Afrika, Europa und Asien eine einzige zusammenhängende Landmasse bilden mit Delphi im Zentrum oder mit Jerusalem oder mit Rom. Jetzt ist es tatsächlich eine Inselwelt. Insofern spricht Hölderlin davon, dass seine Dichtung die Gestalt des Erdballs annimmt. / D.E. Sattler im Gespräch über seine Edition der „Hesperischen Gesänge“, NZZ 19.1.02

Dort außerdem eine Besprechung der Bände 7/8 der Frankfurter Hölderlinausgabe durch Ralf Müller:

Die Frankfurter Ausgabe macht einen modernen Schriftsteller lesbar, der die Sprache nicht einfach wie ein Werkzeug zu einem Zweck benutzt, der Gedicht heisst. Immer wieder korrigiert Hölderlin seine Zeilen, streicht oder überschreibt, verändert auch vermeintlich Fertiges. Alles scheint im Fluss der Schrift, nichts endgültig. Hölderlins Manuskripte zeigen mitunter die verwirrende Schönheit mittelalterlicher Palimpseste.

Friedrich Hölderlin: Historisch-Kritische Ausgabe. Hrsg. von D. E. Sattler. Band 7/8: Gesänge I/II. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main, Basel 2001. Zus. 1023 S., Fr. 386.- (Subskriptionspreis bei Abnahme aller Bände Fr. 335.-).
Ders.: Hesperische Gesänge. Hrsg. von D. E. Sattler. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 144 S., Euro 24.60.
D. E. Sattler: Am Euphrat. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 96 S., Euro 18.60.

Hölderlin Italienisch

Wie soll der Übersetzer reagieren, wenn Hölderlin nicht «weht», sondern «wehet» sagt? Und wie fängt er den Ton des stolz Sichbescheidenden auf, mit dem das Gedicht «An die Parzen» ausklingt: «Einmal / Lebt ich, wie Götter und mehr bedarfs nicht»? Bei Lupi heisst das: «una volta / Vissi qual dio, e più non bramo» («und mehr verlange ich nicht»); bei Reitani: «vissi / Una volta, come gli Dei, e tanto basta» («und das genügt»); wörtlicher, aber am Rand des Platten. Mitunter nimmt der italienische Text den Charakter einer Interlinearübersetzung an. «Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch» – «Ma dove è il pericolo, cresce / Anche ciò che dà salvezza»: der Vers ist hier kaum mehr zu hören (Lupi: «Anche ciò che ci salva»). / NZZ 19.1.02

Über die italienische Ausgabe schreibt auch Wolfram Groddeck:

Selbst der von D. E. Sattler herausgegebenen Frankfurter Ausgabe – ohne deren bahnbrechende Innovationen die italienische Ausgabe freilich gar nicht möglich gewesen wäre – hat sie etwas voraus, was den deutschen Editoren bisher noch nicht eingefallen ist: Reitani unterscheidet nämlich die von Hölderlin zu Lebzeiten in Zeitschriften publizierten Gedichte strikt von seinem nachgelassenen Werk. Das Ergebnis ist verblüffend. Aus den ersten 350 Seiten von Reitanis Edition wird ersichtlich, dass Hölderlin keineswegs wenig und dass er vor allem kontinuierlich publiziert hat. Man wird gewahr, dass sein veröffentlichtes lyrisches Werk durchaus eine innere Struktur erkennen lässt, auf welche sich der zweite, weitaus umfassendere Teil der nachgelassenen Gedichte und Gedichtentwürfe immer wieder beziehen lässt. Es wird hier, gegenüber einem ins Zeitlose stilisierten Seher-Dichter, sozusagen der Schriftsteller Hölderlin zur Kenntlichkeit gebracht.