88. Anthologie 33: Arthur Rimbaud, Marine / Seestück

Marine

Les chars d´argent et du cuivre –
Les proues d´acier et d´argent –
Battent l´écume, –
Soulèvent les souches des ronces.
Les courants de la lande,
Et les ornières immenses du reflux,
Filent circulairement vers l´est,
Vers le piliers de la forêt,
Vers le fûts de la jetée,
Dont l´angle est heurté par des tourbillons de lumière.

Hafen

Die silbernen, kupfernen Wagen,
Schiffsschnäbel aus Silber und Stahl
Peitschen den Schaum,
Pflügen der Brombeere Ranken.

Die Ströme der Steppe,
Die unendlichen Spuren der Flut
Kreisen nach Osten hin ab,
Zu den Säulen des Walds
Zu den Bohlen der Dämme,
Im Winkel getroffen vom Wirbeln des Lichts.

Gerhard Haug, in: Arthur Rimbaud, Illuminationen. Übertragen u. herausgegeben von Gerhard Haug. Hamburg: Heinrich Ellermann 1947 (=Das Gedicht. Blätter für die Dichtung), S. 24.

Seestück

Wagen aus Silber und Kupfer –
Aus Stahl und Silber der Bug –
Durchpflügen den Schaum, –
Entwurzeln die Brombeerstrünke.
Die Ströme der Heide
Und die unendlichen Spuren der Ebbe,
Ziehen in Wirbeln gen Osten,
Zu den Pfeilern des Waldes –
Zum Holzwerk der Mole,
Gegen deren Balken andrängen Strudel von Licht.

Uwe Grüning, in: Arthur Rimbaud, Gedichte. französisch und deutsch. Hrsg. u. mit einem Essay von Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam 1989, S. 137.

Seestück

Die Wagen von Silber und von Kupfer –
Die Buge von Stahl und von Silber –
Schlagen den Schaum, –
Heben hoch die Strünke der Dornen.
Die Ströme der Heide
Und die Spuren, unermeßlichen, der Ebbe,
Ziehen kreisend gen Osten,
Zu den Pfeilern des Walds,
Zu den Stämmen des Damms,
Dessen Kante gepeitscht wird von Wirbeln von Licht.

Deutsch von Michael Gratz

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1872 ist das erste französische Gedicht in reimlosen freien Rhythmen (und eins von nur zweien dieser Art bei Rimbaud überhaupt). Meine Übersetzung bemüht sich um eine exakte Übertragung der grammatischen Struktur und der Wortfolge, da dies nach dem Wegfall von Reim und Metrum die wichtigsten Ordnungsfiguren des geschlossen wirkenden Textes sind. Lieber nimmt sie eine kleine Bedeutungsverschiebung in Kauf (heurté heißt gestoßen, nicht gepeitscht).

© (Für Auswahl, meine Nachdichtung und Kommentar) Michael Gratz 2000.

Nachtrag 2010

Der grammatische Parallelismus ist das auffallendste formale Merkmal dieses Textes. Vielleicht auch ein Schlüssel zum Verständnis. Hugo Friedrich (Die Struktur der modernen Lyrik) betont die Rätselhaftigkeit: „es ist eine Nicht-Wirklichkeit, eine Vernichtung der Sachunterschiede“ [zwischen den ineinandergeblendeten Ebenen von See- und Landstück]. Aber warum gleich deuten? Paul Verlaine, der die Gedichte der „Illuminations“ zuerst herausgegeben hat, wies darauf hin, daß Rimbaud den Titel englisch verstanden wissen wollte, im Sinne von „coloured plates“, kolorierten Stichen. Kleine bunte Bildchen, nicht „Erleuchtungen“! Man stelle sich vor, hier wird in teils kühnen, teils fast konventionellen Metaphern und Figuren ein Sonnenaufgang über dem Meer „gemalt“. Die Wagen wären dann einfach (silber- und kupferfarbene) Wolken, die am Himmel entlangfahren, die stoßen am Horizont mit der Gischt zusammen und münden in senkrecht hindurchstoßende Lichtwirbel.

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