13. Zu wenig

Etwas erstaunt lese ich diese Begründung für die Veröffentlichung eines Gedichtbands:

„Es gibt so schon wenige Gedichte, in alemannisch noch viel weniger“

Aha. Für Alemannisch habe ich nicht so den Überblick. Wenn euch die Gedichte in anderen Sprachen ausgehen, helfe ich vielleicht aus.

(Aber der DLF-Direktor sagte das ja auch neulich – in seiner Begründung für die Einstellung des Lyrikkalenders!)*

*) vgl Kommentar!

Hier mehr von und über Carola Horstmann

12. Edouard Glissant gestorben

Die Agenturmeldung beginnt mit dem Satz: „Frankreichs Premierminister teilt mit, daß der berühmte martinikanische Dichter Édouard Glissant gestorben ist.“

Der PM mit dem fast poetischen Namen François Fillon* würdigte Glissants Werk, der „Generationen von Denkern und Dichtern“ weit jenseits seiner heimatlichen französischen Karibikinsel prägte. Er starb heute in Paris im Alter von 83 Jahren.

/ Washington Post

Seit mehr als einem halben Jahrhundert inspiriert uns Édouard Glissant, der nie müde wurde, die unumgängliche Dialektik von Politik und Poesie zu erforschen. 1956 schrieb er in „Sonne des Bewußtseins“: „Das Gedicht bietet dem Leser einen Raum für seinen Wunsch nach Bewegung, nach Selbstüberschreitung, nach einer neuen Welt, in der er sich dennoch nicht fremd fühlt.“ 2010 veröffentlichte er die Anthologie „La terre, le feu, l’eau et les vents – une anthologie de la poésie du Tout-monde“ (Die Erde, das Feuer, das Wasser und die Winde – eine Anthologie der Lyrik der Welt – vielleicht eher: der Ganzwelt?) Darin leben Toussaint Louverture, Victor Hugo, Robespierre, Sokrates, Machmud Darwisch, Aimé Césaire, Georges Brassens, Patrick Chamoiseau, Hafis, Linton Kwesi Johnson, Pablo Neruda, Sappho, Sony Labou Tansi, Rutebeuf und viele andere nebeneinander. / L’Humanité

Bücher auf Deutsch (Auswahl):

  • Sturzflug – Das Lied von Martinique. München 1959.
  • Zersplitterte Welten, Der Diskurs der Antillen. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1986
  • Traktat über die Welt. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1999
  • Schwarzes Salz. Gedichte. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002
  • Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Aus dem Französischen von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2005

In L&Poe:

2001 Jul # Lyrikertreffen: „Landkarten der Poesie“ in Berlin; 2006 Sep #39. Poetik der Beziehung gesucht; 2007 Mrz #95. Koloniale Lebenslüge Frankophonie?; 2007 Okt #119. Das archipelische Denken; 2008 Sep #134. Globales Kreolisch; 2010 Apr #117. Vielstimmigkeit

11. Lessingförderpreis für Andreas Heidtmann

Lyrik ist keine Nische, Lyrik ist Welt

Dankesrede zum Lessingförderpreis, mit dem erstmals ein Verleger ausgezeichnet wurde

Erst seit wenigen, wenn auch intensiven Jahren bin ich als Herausgeber und Verleger tätig. In diesen Jahren rückte das Engagement für die junge Literatur ins Zentrum meiner Arbeit. Als Poetenladengründer zähle ich gerade sechs Jahre, als Verleger vier. Es ist auch der Grund der Auszeichnung, der sie für mich zu etwas Besonderem macht. Denn sie gilt ja nicht nur einem Autor, sondern, insbesondere, einem literarischen Vermittler für die „Gestaltung und Bewahrung der literarischen Vielfalt“.

Dass Autoren auch verlegen, ist vielleicht selten, vor allem ist es riskant, aber es ist nicht neu. „Ich habe alles, was ich noch in Vermögen gehabt, bis auf den letzten Heller zusammengenommen und in Gemeinschaft mit einem Freunde allhier eine Druckerei angelegt.“

So schreibt Lessing aus Hamburg. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Bode wollte er den führenden deutschen Verlag gründen, die besten Autoren versammeln, die Buchästhetik erneuern und den Autoren geben, was ihnen zustand. Der Namenspatron dieses Preises war also nicht nur Dichter, Dramatiker, Kritiker und Aufklärer, sondern auch Verleger. Sein verlegerischer Ansatz war kühn und verstand sich als demonstratives Gegenmodell zum etablierten Verlegertum jener Zeit. Erfolg allerdings hatte er nicht. Lessing stieg nach kurzer Zeit Hals über Kopf aus dem Abenteuer des Verlegens wieder aus.

Im Poetenladen erscheinen sowohl Lyrik- als auch Prosatitel, dennoch wird er in der Öffentlichkeit stärker mit seinen lyrischen Themen assoziiert. Das mag am Namen liegen oder an der Herkunft aus dem Internet. Während andere Verlage ihre Webpräsenz ausbauten, mutierte das ehemals reine Literaturportal zum Literaturlabel mit drei eigenstän­digen Bereichen: dem Internet, dem Verlag und dem Literaturmagazin. Es war eine Zeit, in der den Lyrikern die Verlage abhanden kamen und die junge Dichtung sich im virtuellen Raum ausbreitete. Das Netz allerdings ist keine Alternative zum Buch, sondern ein komplementäres Medium, das der literarischen Kommunikation dient.

Es liegt nahe, sich als junger Verlag um weniger umworbene Gattungen zu kümmern. Die Versäumnisse mancher namhafter Verlagshäuser, die ihre Seele dem Gewinnstreben geopfert haben, schafft neue Möglichkeiten für neue Verlage – für die so genannten Independents. So ist für uns Lyrik kein marginales Genre, nur weil es keine Rendite verspricht.

Wonach man sich als Verleger sehnt, sind Buchhändler, Redakteure und Bibliothekare mit lessingschem Geist. Wenn unsere Büchereien beispielsweise den Playboy abonnieren, aber Lyrik als Nische abtun, sind wir im geistigen Souterrain. Wie wollen wir Leser, junge Leser, an gute Literatur heranführen, auch zur Auseinandersetzung mit dem wunderbaren Genre Lyrik animieren, wenn vielerorts diese Literatur gar nicht erst in die Regale gelangt. Lyrik ist keine Nische, meine lieben Bibliothekare, Lyrik ist Welt. Lyrik ist ein Teil der Literatur, der Literatur von jetzt, Lyrik ist essentiell.

Es gibt hinreichend Belege, dass Lyrik sich im Medienspektakel behaupten und auch ihr Publikum finden kann. So startet ein befreundeter Verlag in diesem Monat mit einem Gedichtband auf Platz eins der SWR-Bestenliste. Der Lyrikkalender des Deutschlandfunks erreicht* täglich Zehntausende Hörer. Im März wird der diesjährige Chamissopreis für ein Buch mit Gedichten vergeben, die im poetenladen erschienen.

Ich habe Sachsen als Land mit großer literarischer Vergangenheit, aber auch großer literarischer Gegenwart kennengelernt. Für meine Arbeit erfuhr ich unentbehrliche Unterstützung. Nicht zuletzt gilt mein Dank den Literaten selbst, den unverzagten, unser Leben bereichernden Dichtern hier und andernorts.

Andreas Heidtmann, 2011

––––––––––––––

*) erreichte: leider!


10. Poesiepreis Münster für Ben Lerner und Steffen Popp

Zum 10. Mal vergibt die Stadt Münster ihre bundesweit einmalige Auszeichnung für einen Lyrikband und dessen eigenständige Übersetzung. Dieses Jubiläum nimmt sie zum Anlass, sich nicht – wie bisher – auf europäische Dichter zu konzentrieren, sondern die gesamte internationale Poesie in den Blick zu nehmen: Der Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie geht 2011 an den US-Amerikaner Ben Lerner und an dessen deutschen Übersetzer Steffen Popp. Verliehen wird die mit insgesamt 15 500 Euro dotierte Auszeichnung für den Gedichtband „Die Lichtenbergfiguren“. Die Ehrung erfolgt am 3. April innerhalb des 17. Lyrikertreffens Münster.„Literatur spielt im Kulturreigen der Hochschulstadt eine herausragende Rolle“, so Kulturdezernentin Dr. Andrea Hanke bei der Bekannntgabe der Preisträger vor der Presse. „Verlage, Buchhandel, regelmäßige Lesungen renommierter Autoren beim Literaturverein oder die monatlichen TatWort Poetry Slams mit den deutschlandweit besten Performance-Literaten sind nur einige Beispiele“, unterstrich die Beigeordnete Münsters Anspruch als Kompetenzstandort für Literatur in NRW.

Erstmals „Preis für Internationale Poesie“

Vor allem das Festival der europäischen Gegenwartslyrik und der Poesiepreis besitzen überregional ausstrahlendes Potential. So nutzt die Stadt das Jubiläum nun, um ihren erstmals 1993 verliehenen Poesiepreis internationaler aufzustellen. Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson, mit beratender Stimme Vorsitzende der Jury für die Vergabe des Preises: „Die Juroren können europäische Grenzen verlassen und Dichter weltweit in die Preisdiskussion einbeziehen. Diese Erweiterung eröffnet den `Zugriff` auf attraktive Lyrikerinnen und Lyriker. Das ist für Münster zugleich eine Chance, eine noch größere Aufmerksamkeit auf die Literaturstadt zu lenken“.

Die externe Jury, besetzt mit Literaturkritikern, Herausgebern und Autoren, nutzte sogleich ihren neuen Spielraum. Sie entschied sich für den 1979 in Topeka / Kansas aufgewachsenen Ben Lerner, heute mit Wohnsitz in Brooklyn / New York. Jury-Sprecher Norbert Wehr zur Begründung: „Ben Lerner hat mit seinem furiosen Gedichtband `Die Lichtenbergfiguren` ein Meisterstück moderner Sonett-Kunst vorgelegt, in dem der Zusammenprall der alten klassischen Erhabenheitsrhetorik der Gedichtform Sonett mit den modernen Redeweisen und den profanen Fachsprachen des 21. Jahrhunderts kunstvoll inszeniert wird“. Erschienen ist der Band im Luxbooks-Verlag (Wiesbaden).

Weiter heißt es im Urteil der Juroren: „In 52 Anläufen mit jeweils überraschender Formgebung entwirft Lerner höchst bewegliche, variationsreiche Sonette, in denen sich lyrische Direktheit mit kluger poetologischer Reflexion verbindet. Im physikalischen Sinn sind die `Lichtenbergfiguren` jene farnartigen Verästelungen, wie sie elektrische Hochspannungsentladungen auf isolierten Flächen und Materialien hinterlassen. Dieses physikalische Phänomen der vielfachen Verzweigung eines Impulses manifestiert sich bei Lerner in den vieldeutig funkelnden Denkbildern, poetischen Assoziations-Blitzen und rasanten Dialogen seiner Sonette. (…)“

Lerners` deutscher Übersetzer, Steffen Popp (Berlin), 1978 in Greifswald geboren, gilt der Jury als „einer der begabtesten Köpfe der jungen deutschen Dichtergeneration“. Die Jury schreibt: „Steffen Popp hat für diese funkensprühende Assoziationskraft der Lernerschen `Lichtenbergfiguren` intelligente deutsche Entsprechungen gefunden, die der kontrollierten Sprunghaftigkeit dieses poetischen Bewusstseins gerecht werden (…)“.

Lyrikertreffen zum Thema „Übersetzen“

Ohne große Übersetzerkunst ist eine internationale Poesie nicht möglich. Das Lyrikertreffen (1. bis 3. April) wird zur zehnten Vergabe des Poesiepreises einige seiner Programmteile diesem Thema widmen. So werden zum Auftakt die beiden Preisträger einen Einblick in ihre Arbeit geben. Die Moderation dieses Werkstattgespräches, so kündigt der Künstlerische Leiter des Lyrikertreffens, Hermann Wallmann, an, übernimmt der Lyriker Matthias Göritz, der zum Band „Die Lichtenbergfiguren“ das Nachwort geschrieben hat.

Erstmals ist eine Schule Forum für den Übersetzungsschwerpunkt. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des bilingualen Zweigs am Mariengymnasium diskutieren Ben Lerner und Steffen Popp mit den Schülerinnen das Übersetzen von Lyrik, speziell auch der „Lichtenbergfiguren“ aus der preisgekrönten Publikation.

Kern des Lyrikertreffens bleibt – in großen Lesungen – die Begegnung mit dem Wort. Doch auch im Dialog mit anderen Künsten setzt das Lyrikertreffen Münster 2009 eingeschlagene neue Wege fort. Kulturamtsleiterin Frauke Schnell: „Schon im Vorfeld gibt es ein facettenreiches `Poetry`, eine literarische Programmfolge, die verschiedene Publikumskreise ansprechen will. Mit Slams, Literaturfilmen, Clips, Lesungen und mehr“. Nicht zuletzt öffnet sich das Lyrikertreffen auch Kindern. Dazu zählen eine Gedichtrevue von Jandl bis Morgenstern und ein umfangreiches Lyrik-Angebot für Grundschulen.

Dokumentation „Poesiepreis 1993 bis 2011“

„Poesiepreis 1993 bis 2011“ – dieses Jubiläum wird mit einer Dokumentation gewürdigt. Sie umfasst Gedichte mit Übersetzungen aller Preisträgerinnen und Preisträger. Enthalten sind zudem alle Laudationes. Auch die Laudatio für Ben Lerner und Steffen Popp: Sie wird am 3. April im Erbdrostenhof von der Lyrikerin Monika Rinck gehalten.

Der Poesie-Preis, 1993 zum Stadtjubiläum „1200 Jahre Münster“ vom Rat der Stadt gegründet, wird im Biennale-Rhythmus innerhalb des Lyrikertreffens verliehen. Erste Preisträger waren der Italiener Andrea Zanzotto und seine Übersetzer Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse. Er ist mit insgesamt 15 500 Euro dotiert, Autor und Übersetzer erhalten je die Hälfte. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann Peter Tammen, Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr. 2011 wird aus dem Preis für Europäische Poesie der Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie.

(Fotos entfernt)

9. Steffen Jacobs, Poetikdozent

Doch nicht nur Menschen, auch Gedichte sind für Steffen Jacobs eine „offene Form ihrer Möglichkeiten“, die sie sich im Entstehungsprozess selbst suchen – Reim, Rhythmus, komplizierte Strophenfolgen, oder nichts davon. Und da kennt der TÜV-Prüfer nur ein Gesetz: „Gedichte sollten so einfach wie möglich und so schwierig wie nötig sein“.

Zuletzt kommt er dann interpretierend auf sein eigenes Gedicht zurück und erläutert die „offene Form der Möglichkeiten“ des Ich: Verfehlungen, Irritationen in der Wahrnehmung der Welt und der Menschen, Rollenbilder und Klischees, die Liebe zwischen Mann und Frau als Beispiel eines äußerst lebendigen Wirrwarrs, und zieht das Fazit: „Wenn wir die menschliche Komödie erkennen, entwickeln wir uns weiter“. In diesem Sinne könne Lyrik nicht nur eine Schule der Form sein, sondern auch zu einer Schule der Wahrnehmung werden. Das ist es, was sich Steffen Jacobs wünscht: dass Menschen seine Gedichte nicht nur lesen, sondern ihnen „begegnen“. / Rotraut Hock, Allgemeine Zeitung

Pressemitteilung Poetikdozentur

8. Dancing the Poem

Can a poem be danced? Can the human body capture the dips and beats of a Shakespearean sonnet? Can the body reflect the expressive, sometimes inflammatory voice of the spoken word?

These questions, and many more, were explored Monday night in the Visions & Voices event, Dancing the Poem. /  TIMOTHY CLAYTON · Daily Trojan

 

7. Friedrich-Hölderlin-Preis 2011 für Jan Wagner

Die Universität Tübingen und die Universitätsstadt Tübingen verleihen in diesem Jahr den Friedrich-Hölderlin-Preis an den Lyriker und Übersetzer Jan Wagner (*1971) so das einstimmige Ergebnis der Jurysitzung vom 24. Januar 2011. Der gebürtige Hamburger hat im vergangenen Jahrzehnt neben etlichen Veröffentlichungen in Anthologien und Übersetzungen aus dem Englischen vier eigene Lyrikbände veröffentlicht. Wagner hat in Hamburg, Dublin und Berlin Anglistik studiert und lebt in Berlin. In seiner Tätigkeit als Schriftsteller schreibt er neben Lyrik auch Rezensionen für verschiedene Zeitungen und den Rundfunk und ist außerdem als Übersetzer tätig.

Die sechsköpfige Jury, die aus je zwei Vertretern des Fachbereichs Neuphilologie der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen, des deutschen Literaturarchivs Marbach und der Hölderlin-Gesellschaft besteht, würdigt mit ihrer Wahl Wagners lyrisches Schaffen, das sich durch eine große Vielfalt der Formensprache auszeichnet und künstlerische Virtuosität wie beiläufig darbietet. Die Jury hebt weiter hervor, dass der Lyriker in jedem seiner bisher erschienenen Gedichtbände neue Felder lyrischen Sprechens erschlossen habe. Darüber hinaus würdigt sie ihn mit dem Preis auch als Übersetzer zeitgenössischer anglo-amerikanischer und anglo-irischer Lyrik.

Der mit 10.000 Euro dotierte Friedrich-Hölderlin-Preis wird seit 1989 alle zwei Jahre verliehen. Die Preisverleihung findet traditionell am 21. Oktober statt, dem Tag des Einzugs von Friedrich Hölderlin ins Tübinger Evangelische Stift. Die Laudatio hält der Lyriker, Publizist und Literaturwissenschaftler Professor Harald Hartung.

 

Mit dem Preis sollen gemäß der Satzung Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, „die einen neuen dichterischen Beitrag zur deutschen Sprache geleistet“ haben oder „als Forscher, Schriftsteller, Künstler oder Kritiker dem Werk Friedrich Hölderlins besonders verbunden“ sind.

Bisherige Preisträger:
2009 D. E. Sattler
2007 Harald Bergmann
2005 Andrea Zanzotto
2003 Marcel Beyer
2001 György Kurtág
1999 Thomas Rosenlöcher
1997 Philippe Jaccottet
1995 Prof. Dr. Dieter Henrich
1993 Uwe Kolbe
1991 Michael Hamburger, Litt.D. (h.c.)
1989 Theater Lindenhof Melchingen

Kontakt:
Krishna-Sara Kneer
Universität Tübingen, Hochschulkommunikation
Wilhelmstraße 5, 72074 Tübingen
+49 7071/29 77757
http://krishna-sara.kneer[at]uni-tuebingen.de

6. Origins of poetry

Visuelles Gedicht von Joel Lipman, Poetry magazine

5. Windstoß

Ihre Gedichte kennt fast jede Frau, die sich auf das Wagnis Berufung einzulassen beginnt. Vor allem das „Gebet des Klosters am Rande der Stadt“ ist in seiner literarischen Dichte und theologischen Tiefe wie ein Windstoß, der das Herz auf seinem Weg berührt und die Suchenden sanft weiterzuschieben vermag. / Maria Anna Leenen, Zenit. Die Welt von Rom aus gesehen

4. Anderwelt

„Und kommen wir einst in die Anderwelt / Viel Dunkles wird sonnenklar / Denn alles wartet dort auf uns / Was hier nicht möglich war“

Mit dieser Strophe endet Michael Endes Gedicht „Anderwelt“, das zugleich der Titel der neuen Ausstellung im Klosterforum ist, die am Freitag, 4. Februar, um 19 Uhr mit einer Vernissage eröffnet wird.

Die Künstlerin ist Ulrike Hauck aus Pfalzgrafenweiler, die von 1981 bis 1989 in Horb gelebt und als Lehrerin an der Realschule gearbeitet hat. Sie sieht ihre „Anderwelt“ nicht als ein Jenseits, das man erst nach dem Tod erreicht. „Das Gedicht sagt mir, dass wir uns immer wieder andere Welten schaffen sollen, in denen Dinge möglich sind, die uns heute nicht gelingen.“ / Christof Schülke, Schwarzwälder Bote

Vernissage am 4. Februar ab 19 Uhr im Kloster Horb

3. Freie Radikale

Konstantin Ames, Open Mike-Gewinner des letzten Jahres, eröffnet die Anthologie mit den Zeilen:

du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren auge nase mund

Ames bedient sich bei den unterschiedlichsten Traditionssträngen, sprachlichen Registern, sogar dem Mittelhochdeutschen und nicht zuletzt gehörig bei seiner Fantasie. Das ist Lyrik als sprachliches Spiel, mit fester und einprägsamer Stimme vorgetragen. Ein ähnlicher Ansatz offenbart sich bei Dagmara Kraus, die die Differenz von Graphie und Phonetik und wiederum deren Differenz zum Sinn ständig überdenkt. Das ist in beiden Fällen Dichtung, die immer wieder in Redundanz umzukippen droht, manchmal anstrengend sein kann, sich aber auf dem schmalen Grat zwischen spielerischer Lyrik und unsinniger Pose glänzend behauptet.

(…)

Die sicherlich besten und formal auffälligsten Texte liefert Simone Kornappel, die mit ihren schier unüberschaubaren Verweisen auf Zeitgeschehen, Kunstgeschichte oder Naturwissenschaftliches ihre Leser geradezu zwingt, ihr hinterher zu recherchieren. Dabei entsteht allerdings eine anregende poetische Verfolgungsjagd: Kornappel ist überaus bildlich und dabei dem Leser immer einen Schritt voraus – und doch nie zu weit entfernt. Hier beispielsweise ihre Auseinandersetzung mit Gunther von Hagens Körperwelten:

dann vorbei

an rippenvolieren für teerschwere flügel | zum kontrast die lunge
als asketischer flamingo | phoenix aus der bleiche


Richard Duraj ist bisher wenig in Erscheinung getreten und wird hoffentlich mit seiner einerseits fast wütenden, dann wieder lakonischen, vereinzelt pointiert-witzigen und vor allem durchdachten Lyrik demnächst häufiger zu lesen sein.

Da hat man ihn vielleicht wieder, den Titel. Und er findet bei Duraj durchaus seine Berechtigung, ebenso bei Kornappel, Ames und Kraus. Hier begegnet man Lyrik, die sich Freiheiten herausnimmt gegen das Gewohnte und Gewöhnliche. Doch lässt sich das schon als radikal bezeichnen? Radikal, so Herausgeber Christian Lux, sei Lyrik per se, da sie von jeglichem kommerziellen Druck befreit sei.

/ KRISTOFFER CORNILS, titel-Magazin

Christian Lux (Hg.): freie radikale lyrik. 13 Dichter vor ihrem ersten Buch
Wiesbaden: luxbooks 2010. 154 Seiten. 24 Euro

2. Ein Absagebrief

ist ein Absagebrief usw. Aber mancher versucht sich mehr Mühe zu geben, wie der Verleger Arthur C. Fifield, der an Miss Gertrude Stein schrieb:

FROM ARTHUR C. FIFIELD, PUBLISHER,
13, CLIFFORD’S INN, LONDON, E.C.
TELEPHONE 14430 CENTRAL.

April 19, 1912.

Dear Madam,

I am only one, only one, only one. Only one being, one at the same time. Not two, not three, only one. Only one life to live, only sixty minutes in one hour. Only one pair of eyes. Only one brain. Only one being. Being only one, having only one pair of eyes, having only one time, having only one life, I cannot read your M.S. three or four times. Not even one time. Only one look, only one look is enough. Hardly one copy would sell here. Hardly one. Hardly one.

Many thanks. I am returning the M.S. by registered post. Only one M.S. by one post.

Sincerely yours,

(Signed ‚A. C. Fifield‘)

Miss Gertrude Stein,
27 Rue de Fleurus,
Paris,
France.

Faksimile hier (Dank für den Hinweis an Simone Kornappel!)

1. Dichterin und Ordensfrau Silja Walter tot

Die Dichterin und Ordensfrau Silja Walter ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Dies teilt die Priorin des Klosters Fahr mit. …

Mit über 60 Werken hat Silja Walter eines der reichsten Oeuvres der Schweizer Literaturgeschichte vorzuweisen. / DRS

In L&Poe

Das Gedicht „Tänzerin“, das André Rudolph im Leserkommentar einfügte, steht auch in der Anthologie „Zu Unrecht vergessen“ (Hg. Paul Hühnerfeld, 1957).

In seinen nun ehemaligen DLF-Lyrikkalender hat Michael Braun mindestens 2 ihrer Gedichte eingerückt, darunter dies:

Die 1919 geborene Silja Walter, eine Schwester des Schweizer Schriftstellers Otto F. Walter (1928-1994), lebt seit 1948 als Schwester Hedwig im Benediktinerinnenkloster Fahr bei Zürich. Ihr erstes Gedichtbändchen – so erfährt man in ihren Kindheitserinnerungen „Der Wolkenbaum“ – vergrub sie im Wald unter dem Moos: „für Gott“. Vor ihrer Hinwendung zu einer dezidiert theologischen Poetik hat sie einige zauberhafte Gedichte geschrieben, in denen ein einsames weibliches Ich nach seinem Standort in der Welt sucht.

Mein kleiner weißer Hund und ich,
Wir gehen durch alle Türen.
Wir suchen dich. Wir suchen mich.
Wir weinen und wir frieren.

Der Regen kreiselt groß im See,
Wirft Ringe in die Runde.
Ich weiß nicht, wo ich geh und steh
Mit meinem kleinen Hunde.

Die Welt ist weit. Und weit bist du.
Wo enden Weg und Reise?
Ich hör dem großen Regen zu –
Mein kleiner Hund bellt leise.

Ich find dich nicht. Ich find mich nicht.
Mit dir ging ich verloren.
Mein Hund blickt trüb, und mein Gesicht
Preß ich an seine Ohren.

(Gedichte. Arche Verlag, Zürich 1950 ff.)

Die Suchbewegung des lyrischen Subjekts bleibt hier noch richtungslos. Der einzige Verbündete des Ich in diesem Gedicht, das Ende der 1940er Jahre entstanden sein mag, ist ein „kleiner weißer Hund“. In der zarten, traurigen Melodie des Gedichts schwingt eine Verlorenheit mit, die erst in späteren Texten, nach der geistlichen Bekehrung der Autorin, aufgehoben wird – in Gottvertrauen.

Radio Vatikan schreibt:

Im Kloster wich der strenge, an Volkslieder gemahnende Bau ihrer frühen Gedichte immer stärker moderneren, freieren Rhythmen. Zum Vergleich eine frühe und eine späte Strophe: „Im Walde wiegt der Seidelbast/ Sich leise her und hin./ Seitdem du mich vergessen hast,/ Vergess ich dass ich bin.“ („Der Seidelbast“, 1944, eines der meistgenannten Liebesgedichte im Internet). Dagegen später: „So geh doch/ geh/ du hast dich ja/ bei mir/ vergessen.“

(die Seite hat viel Text und Audiolinks)

127. In den Wörtern Beziehungen

Essay von Bertram Reinecke über ein Gedicht von Johanna Schwedes

Johanna Schwedes
Besuch

ein großfüßiger Dickhäuter
so schlich ich mich zum Tee
der Kiessaum am Weg aber
brannte und züngelte
mir um jeden Zeh

Meisen hielten den Garten in Schach
und seine Käferschluchten
legten dir Pfade in den Mund
chitinrot

Worte ganz Käferspelzen
krochen über den Lippenpelz uns
war nicht ganz wohl mit gerunzelten Brauen
und gelbzähnigem Lächeln
vertriebst du die Meisen
die mir um die Zehen kitzelten raunend:
ruckedigu, ruckedigu …

(Der Essay steht vollständig im Poetenladen, das Gedicht in Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm. Leipzig: Reinecke & Voß 2010)

Auszüge:

1.

Zunächst der Titel, schlicht und anspruchslos, ohne poetisches Spiel. Man kann sich vorstellen, wie die Autorin unter dem Arbeitstitel „Besuch“ versucht ihre Gedanken und Innerungen zu einer singulären Erfahrung zu ordnen. Ein Arbeitstitel eher, ein Arbeitstitel aber auch in anderer Hinsicht. Er verrichtet Arbeit, stellt Beziehung her. Kann man unter einem poetisch schillernden Titel oft nicht mehr erinnern, auf welchen Text sich die schillernde Wortgruppe bezieht, leistet dieser Titel Merkhilfe bei der Bezugnahme, so wie ein Schild auf einer Werkstattschublade: „Schrauben“. Titel, die Gattungen und Themen aufzeigen, sind aus der Mode gekommen, die Tradition kennt sie aber gut.1

Das Gedicht hat also ein Thema, will uns etwas über einen Besuch erzählen, ein Erzählgedicht. Aber es geht anders vor als üblich. Oft versuchen solche Texte eine dem Leser bekannte Situation aufzurufen (als Kind hinten im Auto, allein im Schulflur, zu zweit im Bett). Mit solchen quasi anskizzierten Mythen wird versucht, im Leser Erinnerungen wachzurufen, die er dann zum vertieften Empfinden des Gedichts in die Lektüre einbringen kann. Dies Gedicht verzichtet auf solch einen On-Knopf für die poetische Energieversorgung, sondern geht autark das Wagnis ein, im ungesicherten Raum zu sprechen. Ein ähnlicher Mut dieses Textes liegt im Verzicht auf sozusagen historische Details (Lada, die entgegenkommen, Wandzeitung, das Nachtlicht in den Rollolamellen). Im Gegensatz zu der Mehrzahl anderer Erzählgedichte bleibt er konzentriert auf die sprachliche Verarbeitung des Ereignisses.

Auf den ersten Blick scheint sich das Gedicht auf sein resonantes Vokabular verlassen zu wollen: Nimm große Worte und der Leser wird sich schon irgend etwas Tiefes dabei denken. Aber was denkt man eigentlich bei „chitinrot“, was bei „ruckedigu“? Ersteres hat gar keinen Sinn, sondern der Sinn muss erst vom Gedicht erfunden werden und existiert erst in diesem. Das zweite Wort schafft keine schillernde Aura um den Text. Vielmehr gerät der Leser tiefer hinein in das vom Gedicht Verhandelte, wenn er den Bedeutungsschichten des Wortes nachhängt. Aber langsam:

Wer nicht akzeptiert, dass gute Dichtung eben ihr Geheimnis habe, muss sich auf die Kleinteiligkeit einer Analyse einlassen. Schon die erste Zeile hat es in sich: „Ein großfüßiger Dickhäuter“, vor der Hand eine schlichte Bezeichnung, arbeitet auf vielfältige Weise am Diskurs des Gedichtes mit. Man kann sie in Einzelteilen verstehen (sensu diviso): jemand, der großfüßig (plump) und dickhäutig (unsensibel) ist. Man kann sie aber auch zusammen (sensu composito) auffassen: Ein Elefant, der sich in der nächsten Zeile als ziemlich deplatziert erweist, indem er tut, was Elefanten nicht tun (sollten? Sich zum Porzellan? begeben, das man nicht zerschlagen sollte?). Im Text herrscht eine serengetihafte Artenvielfalt, auch wird Hitze evoziert, und wie hießen die kleinen Vögel doch, die um die Elefanten herum ihr Futter picken? Ob Dickhäuter, ob Elefant, er schleicht und zwar: so. Es scheint auch anders zu gehen? „Tee“ wird getrunken, auch das setzt äußerst ökonomisch einen Marker. Denn außer in Ostfriesland sind es, in Deutschland zumindest, ganz bestimmte Leute, die nicht zum Kaffee laden.

Kein Wunder, dass die Deutung zweier Zeilen schon doppelt so viele Buchstaben braucht wie das ganze Gedicht: Das Geheimnis der Dichtung besteht, wenn es eines gibt, sicher darin, etwas, was in ermüdenden Abhandlungen niemanden interessiert, charmant und schnell in wenigen Worten zu sagen, die betroffen machen.2

1Das bekannte Beispiel von Goethe ist besonders bezeichnend für diese Tradition und ihr Verschwinden. Der „Ein Gleiches“ überschriebene Text heißt ja nur so, weil es sich wie beim Text auf der Nebenseite um ein „Wanderers Nachtlied“ handelt. Wer ihn unter der Überschrift der Ausgabe zitiert oder aufführt, erfindet neuen Text statt, wie er meint, philologische Genauigkeit walten zu lassen.

2Auf eine andere Weise ist dies doch das Zugeständnis, dass ein Gedicht „sagt, was sich anders nicht sagen lässt“. Niemand kann die Gottesperspektive einnehmen, zu entscheiden, ob die Analyse eines Gedichtes nun wirklich das Gleiche aussagt, ob und wie weit man von atmosphärischen Momenten (wie Spannung des Gedichtes /Langeweile der Analyse) absehen kann, oder ob und wie weit diese Momente nicht ebenfalls sinnkonstitutiv wirksam werden. So hat man nie ein Kriterium, endgültig widersprechen zu können, wenn jemand sich darauf versteift, dass das Gedicht aber etwas sage, was die Analyse unterschlägt.

2.

Diese Sichtweise führt uns, nachdem wir das Gedicht durchtaucht haben, zurück zu dem bereits am Beginn des Gedichtes eingenommenen Standpunkt: Eine solche Probe lässt sich mit Proben von anderswo vergleichen.

Diese These wäre allerdings zu rechtfertigen, denn Dichter wie Ulf Stolterfoht unterscheiden streng zwischen Gedichten, die in der dargestellten Weise Proben sind, und solchen, die einen singulären Sinn anstreben (und welcher, allerdings nur mehr oder weniger singuläre Sinn, dies bei diesem Gedicht sein könnte, hatte ich versucht aufzuzeigen). „Gedichte, die uns solchen vermitteln wollen … sind auf seltsame Art sprachlos. Indem sie nämlich auf die Unmittelbarkeit des zentralen Bildes, eben der Epiphanie, vertrauen, und sei sie [sic] sprachlich noch so kunstvoll geformt, haben sie die Lyrik längst in Richtung bildender Kunst verlassen“, so seine heftig angegriffene Diagnose.1

Es lässt sich allerdings zeigen, dass der vorliegende Text, wie stark er auf Sinn auch abzielen mag, die Sprache nicht in Richtung der bildenden Kunst verlässt. Bilder mögen aufblitzen, aber wer versucht, das zentrale Bild, die Epiphanie, zu identifizieren, auf dem die Evidenz des Textes beruhen könnte, wird nichts finden. Jedes Bild rutscht sofort hinüber in etwas anderes, vielleicht Allegorisches. In anderen Fällen ist die metaphorische Komponente bildlich nicht darstellbar. Das gilt für solche Wendungen, wo der veränderte Sinn unmittelbar vom Zitatcharakter der Wendung abhängt, wie bei „ruckedigu“, das gilt für solche Bilder, die die Dichterin selbst herstellt, ebenso: Sitzen sich im Gedicht zwei Menschen an einem Tisch gegenüber? Oder streichelt der eine gar dem anderen die Füße? Man kann seine Lektüre von Vorstellungen begleiten lassen, sie mögen das Gedichterlebnis vertiefen, konstitutiv für den Text sind diese Vorstellungen nicht. Noch deutlicher wird das an anderen Stellen: „Käferspelzen“ wiewohl mit ziemlicher Sicherheit eine Metapher, kann man nicht abbilden, selbst nicht mit ausgefeilter Computergrafik: Wir wissen zwar, wie Spelzen aussehen. Eine Käferspelze im Bild würde im Gegensatz zu einem Käfer im Bild für uns jedoch immer aussehen wie eben ein anderer Käfer (oder andere Käferteile).2

Auf die gleiche Art metaphorisch ohne Bild funktioniert das Wort „chitinrot“, denn welche Farbe ist überhaupt gemeint?3

Die sprachliche Arbeit dominiert hier also zumindest den durch Bilder hineingetragenen Sinn deutlich. Im Sinne Stolterfohts also ein Text, der mangels eines besseren Wortes sich in die Tradition des experimentellen Textes stellen lässt. Er ist wie gezeigt risikobereit und nicht ohne Schroffheiten.4

Fahren wir im Vergleichen unserer Sprachprobe fort, dann stellt sich heraus, dass der vorgestellte Text um einiges suggestiver und plausibel auch für einen weniger geübten Leser ist, als man das von anderen Texten der Tradition sagen kann, in die wir ihn soeben gestellt haben. (Stolterfoht nennt Kling, Bayer usw.) So legt sich ein Verdacht nahe: Wird hier nicht mit (zu) gängiger Münze bezahlt?

Johanna Schwedes nutzt Münzen, die in Umlauf sind, sie nutzt Symbole, die durch die Tradition (schon im Kinderzimmer) Bedeutung erlangt haben, kommt also von einer Utopie der Anwesenheit von Sinn her, mit dem dann nur noch gerungen werden kann oder muss, während die von Bense, Stolterfoht und Co. präferierte Rede von einem Sinn, der erst konstituiert werden muss, eine Utopie der Abwesenheit verkörpert.

1BELLA triste 17 S.189 ff.

2 Dieses Stilmittel ist Programm „mit Augen aus Zelluloid“ heißt es etwa ihrem Text „Warschauer Straße“

3 Auch hier lassen sich Gegenstücke auffinden. Auch „todesrot“ im Text „Märchen“ ist so eine seltsame Unfarbe, auch wenn sie sich hier entschlüsselt als irgendetwas Apfel- und gleichzeitig Blutrotes. Der Bau ist hier nicht ganz so konsequent, benutzt der Text doch hier (noch?) eine lautlich plausibilisierende Stütze „Todesnot“

4 Eine weitere Schroffheit wäre das „ruckedigu“, hier als Terminus der Märchensprache verwendet, wiewohl das Gurren anwesend bleiben dürfte. Wer das Wort noch als onomatopoetische Bezeichnung für den Laut der Taube kennt, wird dies als Härte empfinden. Eine solche Kinderstube, in der ein starkes Interesse für Tiere ausgeprägt wurde, gepaart mit einem falschen pädagogischen Verständnis von Kindgerechtigkeit: „Schau, ein Wauwau!“ dürfte allerdings in unserer urbanen Welt im Aussterben begriffen sein.

Einzugehen wäre ebenfalls noch auf Schwedes` Mut zu Neologismen, die allerdings niemals zu viel Ballast tragen, nie eine sinnhuberische Schwere erlangen.

Weiterlesen

126. American Life in Poetry: Column 306

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

My grandmother Moser made wonderful cherry pies from fruit from a tree just across the road from her house, and I have loved fruit trees ever since. A cherry tree is all about giving. Here’s a poem by Nathaniel Perry, who lives in Virginia, giving us an orchard made of words.

 

Remaking a Neglected Orchard

 

It was a good idea, cutting away
the vines and ivy, trimming back
the chest-high thicket lazy years
had let grow there. Though it wasn’t for lack

 

of love for the trees, I’d like to point out.
Years love trees in a way we can’t
imagine. They just don’t use the fruit
like us; they want instead the slant

 

of sun through narrow branches, the buckshot
of rain on these old cherries. And we,
now that I think on it, want those
things too, we just always and desperately

 

want the sugar of the fruit, the best
we’ll get from this irascible land:
sweetness we can gather for years,
new stains staining the stains on our hands.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Nathaniel Perry, and reprinted from Gettysburg Review, Vol. 23, no. 1, Spring 2010, by permission of Nathaniel Perry and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.