Und ich bin froh, dass ich mich so wunderbar geirrt habe. Ich glaubte nämlich immer, dass die Mauer länger hält als Wolf Biermann, und wusste ganz genau, dass ich es nicht mehr erleben werde. Aber ich bin froh darüber, dass ich doch einiges dazu beigetragen habe mit meinen Liedern und Gedichten in der DDR, dass ich so schön unrecht behielt, dass also die Mauer doch noch kaputtging, bevor ich sterbe. Das ist doch wunderbar! Mehr kann man nicht verlangen von der Weltgeschichte.
Heinemann: Das Gespräch mit Wolf Biermann haben wir vor dieser Sendung aufgezeichnet, Sie können dieses Interview abermals hören oder nachlesen unter dradio.de.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Jürgen Völkert-Marten
Vogelflug
Hunderter Flügel ruhiger Schlag,
stetig, ohne Zaudern, einer Richtung folgend
und einer dieser Vögel ist mein Leben.
Eine Umkehr? Erst im nächsten.
Jäger, Strom und Fallensteller auf der langen Reise,
Gefährten, Lieben, Glück und Kämpfe ebenso.
Die Träume werden kleiner im Verlauf des Fluges
und ankommen heißt immer: Tod.
Warum dieses Gedicht? Was soll daran faszinieren? Es hat keine einheitliche Struktur, keinen Rhythmus, keine schönen Metaphern, keine modernen Verschlüsselungen.
Allein die Schlichtheit der Aussage überzeugt. Die schiere Beschreibung einer Beobachtung am Himmel. Die nüchterne Schlussfolgerung. Die geradezu beamtenhafte Niederschreibung einer Szene mit knappster emotionaler Wertung. Fast kein Gedicht, eher die Anmutung eines Aufsatzes. Fast.
Dabei beginnt der Text eher traditionell, ja überkommen:
„Hunderter Flügel ruhiger Schlag“.
wird sprachlich fast neutral: „stetig, ohne Zaudern, einer Richtung folgend“
bleibt dabei mit konkrekter Behauptung: „und einer dieser Vögel ist mein Leben.
Und hier beginnt die Story.
Der Autor bleibt kühl, gelassen, Beobachter. Keine Sentimentalitäten.
Ein Leben bildmäßig an einem Vogelzug angelehnt. Der Anfang ruhig und gelassen. Das Ende ruhig und gelassen. Dazwischen mehrere Ereignisse. Eigentlich nicht der Rede wert.
Und dann das ebenso schlichte Fazit : „und ankommen heißt immer: Tod.“
An diesem Text, flüchtig gelesen, wäre nichts bemerkenswert.
Bliebe da nicht der Effekt, ständig an diesen Vogelflug denken zu müssen. Warum?
Diese so einfache Metapher des Lebens, gespiegelt im Flug der Vögel, diese so schlichte, emotionslose Beschreibung. Diese so nüchterne, nackte Tatsache. So einfach auf den Punkt gebracht. Jürgen Völkert-Marten ist seit Jahrzehnten bekannt für seine treffenden, knappen Texte. „Vogelflug“ ist ein typisches Beispiel davon, wie Gedichte ohne Pomp, Verfremdung, Verbilderung ein großes Geschehen auf kleinstem Raum darstellen können und nachhaltig wirken.
Peter Ettl
So überschreibt die FAZ von gestern die Kurzmeldung über den Kranichsteiner Literaturpreis für Jan Wagner.
Uns bleibt nachzutragen: Marion Poschmann erhält ein zehnwöchiges Stipendium im Deutschen Haus der New York University und Sudabeh Mohafez eins an der Queen Mary University of London.
Die Preise werden am 25.11. in Darmstadt überreicht. Am gleichen Tag bewerben sich Nino Haratischwili, Judith Zander und Max Scharnigg bei einer öffentlichen Lesung um den Kranichsteiner Literaturförderpreis in Höhe von 5.000 €.
Der Dichter Mohamed Ajedad erhält den ersten Preis des regionalen Wettbewerbs der Amazigh-Poesie in Ifrane (Marokko). Der zweite Preis geht an El Houssine Aferiou und der dritte zu gleichen Teilen an Ali Abbouchi und Said Makaoui.
An dem Wettbewerb nahmen etwa 20 Amazigh-(Berber-)Dichter teil. / biladi.ma
Wenn Sindiwe Magona eines ihrer Gedichte rezitiert, leuchten ihre Augen. Die schmächtige, 1,60 Meter große Frau füllt jeden Raum mit ihrer Persönlichkeit. Sindiwe Magona ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen Südafrikas. Sie hat Gedichte, Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht und hat sich damit auch international einen Namen gemacht. Ihre Muttersprache ist Xhosa, die Sprache mit den vielen verschiedenen Klicklauten. Aber obwohl mehr als jeder fünfte Südafrikaner Xhosa als Muttersprache spricht, findet es in der Literatur kaum statt.
„Außer in der Schule wird Xhosa-Literatur nicht gelesen. Und das ist erschreckend. Die Menschen, die in unserem Bildungssystem Entscheidungen treffen, wissen entweder nicht viel über Literatur, mögen keine Literatur und interessieren sich nicht dafür. Mit dem Schreiben von Xhosa-Büchern lässt sich definitiv keine Karriere machen. Man schreibt Bücher ausschließlich für den Schulmarkt, denn dort werden Schüler gezwungen, zu lesen. Außerhalb der Schule liest niemand.“ …
Dabei gab es auch gute und produktive Zeiten für Xhosa-Literatur, während der Apartheid-Zeit zum Beispiel. Schriftsteller konnten damals Texte auf Xhosa veröffentlichen, die auf Englisch niemals von der Regierung gebilligt worden wären. Aber kaum ein Weißer hat Xhosa gesprochen. Und so war es Schriftstellern möglich, regierungsfeindliche Botschaften in ihren Geschichten zu verstecken. Heute allerdings kann kein Schriftsteller, der in afrikanischen Sprachen schreibt, davon leben. Einzig Bücher in Afrikaans, die Sprache, die fast 60 Prozent der weißen Südafrikaner sprechen, verkaufen sich gut.
„Afrikaans-Sprechende Menschen sagen nicht einfach nur, sie sind stolz auf ihre Kultur. Sie unterstützen ihre Künstler tatsächlich. Schriftsteller, Tänzer, Musiker – ganz egal. Sie geben wirklich Geld für Kunst und Kultur aus. Das sind stolze Afrikaner, die ihre Kultur bewahren wollen und deshalb sie ihre Künstler unterstützen. In unsere Kultur passiert das nicht. Wir Xhosa-Menschen sagen zwar, dass unsere Kultur nicht aussterben darf, aber wir kaufen trotzdem keine Xhosa-Bücher.“
Wenn sie Ministerin für Kunst und Kultur wäre, sagt Sindiwe Magona würde sie jede Mutter mit einem Stapel Bücher ausstatten. Und Eltern würden von ihr keine finanzielle staatliche Unterstützung bekommen, wenn sie nicht nachweisen, dass sie ihren Kindern vorlesen. / Kerstin Poppendieck, DLF
Ein halbes Jahrhundert danach hat nun das „Schreibheft“, die nach wie vor lehrreichste Zeitschrift zur Wiedererweckung der literarischen Moderne, in der aktuellen Nummer 77 ein umfangreiches Dossier zu dem eigensinnigen Weltpoeten Charles Olson zusammengestellt. Unter der Federführung von Norbert Lange und Gerd Schäfer sind hier instruktive Essays und Kommentare zu Olsons Werk versammelt und erstmals auch zentrale Teile von Olsons opus magnum „Maximus“ in deutscher Übersetzung zu lesen. Im Focus des Interesses steht hier die Zeit nach dem Ende der Dichterschule des „Black Mountain College“, als Olson 1957 von North Carolina nach Massachusetts umgezogen war und sich dort nach Gloucester zurückgezogen hatte, ein kleines Fischerstädtchen am nordöstlichen Rand der Vereinigten Staaten. Der Ort Gloucester wird im Großgedicht „Maximus“ zum dichterischen Kosmos und zum Kraftzentrum alles Lebendigen. Als Übersetzer ausgewählter Teile von „Maximus“ agieren mit Norbert Lange, Konstantin Ames, Ron Winkler und Uljana Wolf die experimentierfreudigsten Köpfe der jungen Dichtergeneration. Dazu treten mit Jürgen Brôcan, Rainer G. Schmidt, Ulf Stolterfoht und Gerhard Falkner sehr inspirierte Dichter und Übersetzer, die dafür gesorgt haben, dass diese Wiedererweckung Charles Olsons zu einem aufregenden literarischen Ereignis geworden ist.
Zu „Hammer und Bolzen des Versbaus“ hat Olson die Silbe erklärt – und es ist ein lehrreiches Vergnügen, die kongenialen Nachdichtungen der Übersetzer zu studieren, die den „offenen Vers“ Olsons, der typographisch den ganzen Raum der Seite in weit ausschwingenden Langzeilen ausnutzt, in ganz unterschiedliche Tonarten transferieren. Mal liest sich Olsons „Maximus“ wie eine hymnische Schöpfungsgeschichte, in der der „tiefwirbelnde Okeanos“ alle Dinge „durch alles“ steuert, dann wieder wie eine Rhapsodie auf „Dogtown“, einen Weltenwinkel in Massachusetts. Grundiert werden diese Rhapsodien durch eine Lobpreisung eines neuen Gesellschaftsideals, einer Apologie auf die neue „polis“. Olson selbst verstand sich eigentlich nicht als Dichter oder Schriftsteller, sondern als „Archäologe des Morgens“, zudem als Sänger der erdgeschichtlichen Fakten und der Freisetzung aller menschlichen Möglichkeiten. / Michael Braun, Poetenladen
Schreibheft 77
Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 160 Seiten, 13 Euro.
Ken Graydon verdiente seinen Lebensunterhalt durch Autoreparaturen. Aber seine Leidenschaft war das Schreiben von Gedichten und Liedtexten und Erzählen von Geschichten.
Für jemanden, der sich unter Dichtern kleine, schüchterne intellektuelle Typen vorstellt, war Graydon ein Schocker.
Er war 1,95 groß und wog in seinen besten Zeiten 100 Kilo. Seine Stimme war ein kräftiger Bariton, und er geizte nicht mit Lob für andere Versschmiede.
Graydon, der mit Reimen Geschichten von Männern erzählte, die im Freien mit ihren Händen arbeiten, die in seinen Augen das Rückgrat Amerikas waren, starb am 30.7. in seinem Haus in Fallbrook, Kalifornien, nach monatelangem Kampf gegen Krebs mit 77 Jahren.
Die Figuren in seinen Gedichten sind oft eine Mischung von Heiliger und Sünder, wie wirkliche Menschen. / Tony Perry, Los Angeles Times 10.8.
Bedarf Dorianne Laux’ Antiklage wirklich einer Auslegung oder gehört es einfach zu jenen glücklichen Gedichten, die nichts anderes sein und sagen wollen als sie eben sind und sagen? Eher denn zu einem Kommentar ermuntert mich dieses Gedicht zu einer persönlichen Antwort, etwa als säße ich der Autorin bei einer Tasse Kaffee gegenüber und erzählte ihr nun meinerseits von all den Peinlichkeiten und Missgeschicken, die man gemeinhin schamhaft vor sich selbst und seiner Umwelt verbirgt, und die dennoch das Unterfutter eines jeden Lebens ausmachen. / Stefanie Golisch übersetzt und kommentiert das Gedicht Antilamentation von Dorianne Laux, fixative
Er ist einer der großen deutschen politischen Gegenwartsschriftsteller: In einem Gedicht thematisiert Rolf Hochhuth den Mauerbau. ZEIT ONLINE veröffentlicht es exklusiv.
Schreibt ZEIT ONLINE. Das Gedicht reimt Berlin auf Dauerruin / Bulganin, Hitlersoldaten auf Siegerparaden und Adenauer auf Mauer und ist auch sonst apart.
Hier (junge Welt) ein Gedicht von Gerd Adloff
(Rezension von Kristoffer Cornils, erschienen in junge Welt 11.8.)
Wer im dichterischen Gestus zwischen Zeige- und Mittelfinger changiert, bekommt schnell Vorwürfe zu hören. Vor allem den der Eindeutigkeit, Plattitüdenhaftigkeit. Je höher die (gesellschafts-)kritische Aufladung der Texte, desto unpoetischer sind sie, ist ein beliebtes Vorurteil. Es gibt Gegenbeispiele genug, es gibt aber auch Lyrik, die sich sprachlich selbst aushebelt und ihre Grundhaltung unterläuft. Dazu gehört auch Florian Voß‘ mittlerweile vierter Lyrikband. Auch an dem könnte man die Apparatur der vorschnellen Verdikte bedienen: Man könnte die Texte mit ihrem raubeinigen Sarkasmus und ziemlich deutlichen Absichten als Meinungsmache abkanzeln, als Entmündigung des Lesers.
Sieht man aber über die offensichtlichen Kritik und die Polemiken hinweg, die »Datenschatten Datenströme Staub« überwiegend ausmachen, bleibt die Sprache eine Materialschlacht, die zum Friendly fire wird. Voß bedient sich dem Medien- und Alltagssprech, verwendet technische Termini und ist selbst preziösen Genetivmetaphern wie „Der ausgekippte Rosé der Sonne“ nicht abgeneigt, was Vorbilder aus dem expressionistischen Jahrzehnt erahnen lassen. Und analog zu den geistigen Vorfahren versucht Voß die Menschheitsdämmerung an den großstädtischen Dönerstand zu zeichnen. Andererseits wirft er mit sperrigen Begriffen um sich, Schlagworten, die sich nicht zusammenfügen oder im schlimmsten Fall dem zureden, was er zu kritisieren meint. Komposita wie „Karstadt-Gedanken“, „Laden-Mädchen“ oder „Maggi-Gesichter“ sind nicht nur ziemlich platt, die Pointen kopieren sogar die Manier der Boulevardpresse bis in die Orthographie hinein und sind vielleicht noch als Rezeption dieser zu verstehen, aber nicht wirklich kritisch weiterzudenken. Die Impulse, die die Gedichte liefern könnten, bleiben so aus.
Es liegt dann eben alles zu offen da: Der Stumpfsinn des Konsumentenlebens, die zu absoluter Apathie führenden medialen Mindfucks und der digitale Eskapismus, die Voß‘ Hauptthemen ausmachen, sind eher erdrückend als eindringlich gezeichnet. Die Provokation, die von Zeilen wie die vom „Spielplatz / auf dem besoffene Kinder sich / die Knüppel übern Schädel ziehen“ ausgehen soll, oder überzynische Appelle wie „Laßt [sic, im Buch wird die neue Rechtschreibung verwendet. Anm. K. C.] uns Kinder abtreiben / und sie bei Oliver Geissen hochhalten“ verpuffen sehr schnell. Anstatt also die Perversion des 21. Jahrhunderts zu demaskieren, tragen die Texte noch eine weitere Schicht auf.
Stärker zeigt sich Voß beim Rückzug ins Private. Im Mittelteil findet der Band seinen Höhepunkt in Texten, die sich überwiegend mit dem Tod von Familienangehörigen auseinandersetzen, bevor er sich in literaturhistorisch ausgerichteten Texten wieder verliert. Voß‘ Stärken liegen nicht unbedingt in der kritischen Auslassung, sein Umgang mit der Sprache steht ihm, selbst bei den vielleicht besten Intentionen, zu sehr im Weg: Für ein geschmackloses Celan-Echo wie „Hellgraue Milch des verhangenen Vormittags / wir trinken dich und fragen uns: / hat da jemand reingeascht?“ gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr.
Florian Voß: Datenschatten Datenströme Staub. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S., 13,90€.
(hier Cornils Text mit fast 8 Minuten Audio: Voß liest Gedichte – darunter gleich eingangs das mit dem Milchzitat)
Vgl. L&Poe #38. Paul Celan-Anspielungstest
Mohits Sujet-Verlag in Bremen ist heute eine Erfolgsgeschichte. Was zunächst in einem Keller mit einer alten Druckmaschine beginnt, ist heute ein Verlag, der bereits 72 Bücher publiziert hat. Besonders am Herzen liegt dem Verleger die Lyrik. „Sie ist für mich die schönste literarische Form.“ Leider sei der Markt dafür jedoch sehr klein. Ein Traumprojekt wäre für ihn eine Veranstaltungsreihe über deutsche und iranische Lyrik in zwei Sprachen. Bislang ist dies jedoch an der Finanzierung gescheitert. / Johannes Schnös, Süddeutsche Zeitung
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Here is a lovely poem by Robert Cording, a poet who lives in Connecticut, which shows us a fresh new way of looking at something commonplace. That’s the kind of valuable service a poet can provide.
Old Houses
Year after year after year
I have come to love slowly
how old houses hold themselves—
before November’s drizzled rain
or the refreshing light of June—
as if they have all come to agree
that, in time, the days are no longer
a matter of suffering or rejoicing.
I have come to love
how they take on the color of rain or sun
as they go on keeping their vigil
without need of a sign, awaiting nothing
more than the birds that sing from the eaves,
the seizing cold that sounds the rafters.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Robert Cording from his most recent book of poetry, Walking with Ruskin, CavanKerry Press, Ltd., 2010. Reprinted by permission of Robert Cording.
Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Noch bis zum 15.8. kann man für die Nominierung zur Hotlist der 10 besten Bücher aus unabhängigen Verlagen abstimmen. Aus diesen werden dann 2 Preisträger gewählt. Unter den 30 nominierten Büchern sind auch 3 Gedichtbände:
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