100. Zensiert

Irans Kulturministerium will nach mehr als acht Jahrhunderten ein berühmtes Liebesepos der persischen Literatur zensieren. Teile des Buchs „Chosrou und Schirin“ sollen nach 831 Jahren verboten werden, berichtete die Nachrichtenagentur Mehr am Montag. Das Liebesdrama um Chosrou und Schirin wurde 1177 von Nesami Gandschawi geschrieben und 1180 veröffentlicht. Seitdem zählt es zu den berühmtesten Epen der persischen Literatur. Gandschawi (1141-1209) seinerseits gilt als einer deren bedeutendster Dichter [sic]- er schrieb auch die Liebesgeschichte „Leila und Madschnun“.

Das Ministerium habe den zuständigen Verlag gebeten, Passagen zu streichen, sagte Fariba Nabati vom Verlag Peydayesh, der das Liebesepos seit Jahren herausbringt. Der Verlag wollte das Layout für die achte Auflage ändern und schickte es an das Ministerium, um die Genehmigung für die Publikation zu erhalten, berichtete Nabati. Sie sei schockiert gewesen, als das Ministerium ihr mitteilte, dass Passagen zensiert werden müssen. Darunter sollen auch Satzteile sein wie „irgendwo hingehen, wo wir alleine sein können“ oder „Hände halten“. / Der Standard 15.8.

99. Slam in Nersingen

Poesie: Bei diesem Wort stellen sich bei vielen Schülern die Nackenhaare auf. Gedichte analysieren ist nicht die größte Stärke der jungen Generation. Bei „Poetry Slams“ sind die Foyers, Gaststätten und Jugendhäuser jedoch regelmäßig voll. / Nina Merkle, Südwest Presse, über den ersten „Poetry Slam“ in Nersingen

98. Mehr Nachworte

In der Wiener Zeitung bespricht Andreas Wirthensohn übersetzte Bücher von John Burnside, Simon Armitage und Eugenijus Ališanka und findet:

Kein Zweifel: Die Lyrik dieser drei Dichter kann durchaus für sich bestehen, aber deutlich mehr Lesefreude hat man, wenn einem zumindest die ein oder andere helfende Krücke gereicht wird. Darum die klare Forderung: Bitte mehr Nachworte!

97. Tätowiert

Hier SIlke Scheuermann auf einem Foto zu einem ihrer Gedichte

96. Goethe-Plakette für Paulus Böhmer

„Mit seinem lyrischen Lebenswerk und seinem Engagement für die Literatur, ganz besonders für junge Autorinnen und Autoren, hat Paulus Böhmer die Literaturszene nicht nur in Hessen nachhaltig geprägt“, sagte Ingmar Jung bei der Feier in Frankfurt. Dafür danke ihm das Land mit der Goethe-Plakette, der höchsten Auszeichnung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

… Seit 1963 veröffentlichte er 25 Gedichtwerke. Böhmer war Mitbegründer und von 1985 bis 2001 Leiter des Hessischen Literaturforums im Frankfurter Mousonturm, das Schriftsteller berät sowie Lesungen und Schreibseminare abhält. Außerdem ist er Ausrichter der hessischen Leseförderung, des hessischen Leseförderpreises und des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Die Goethe-Plakette wird Personen zugesprochen, die durch ihr Lebenswerk in besonderer Weise zur kulturellen Entwicklung des Landes Hessen beigetragen haben, und seit 1949 in unregelmäßigen Abständen verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Max Horkheimer, Paul Hindemith, Carl Orff, Theodor W. Adorno, Marcel Reich-Ranicki, Eva Demski und Emil Mangelsdorff. / hr

95. Hinterm Prellbock auf der Niemandsschneise

Die poetische Umrundung der Welt führt die Leser von OSTRAGEHEGE diesmal über Russland (Olga Sedakova), Tschetschenien (Apti Bisultanov) und Kolumbien (Alberto Vélez) nach Leipzig (Thomas Böhme) und Berlin (Kerstin Hensel und Daniela Seel). Nico Bleutge, der Daniela Seel in der Rubrik „Junge deutschsprachige Lyrik“ vorstellt, konstatiert auch für deren Dichten die Überwindung von Fremdheitserfahrungen: „Am Anfang kann eine ,abstoßung’ stehen, ein Eingang, die ,dämmerung’ … Die Welt, die so vor den Augen und Ohren Gestalt und Laut gewinnt, ist gleichermaßen real und künstlich, eigen und fremd …“

Gleich an zwei Stellen dieser Ausgabe wird der im Frühjahr erschienenen Anthologie sächsischer Gedichte „Es gibt eine andere Welt“ (Poetenladen Verlag) gedacht. Hans-Peter Lühr nähert sich dabei eher kritisch-euphorisch der Gedichtauswahl an. Der im fernen Montpellier lebende Dichter Ulrich Zieger notiert im Ergebnis eines lustvoll-poetischen Umherwanderns im Buch: „Sing, mei Sachse, sing dein stilles, dein trunkenes Lied hinauf in den Sternenlaich über dem treibenden Mondfisch, brenn Dir aber vorher eine an, denn Sanduhren öffnend steht da der Tod mit dem Glasbläsermund … dort hinterm Prellbock auf der Niemandsschneise.“

(viele Links – durchklicken!)

94. Unverziehen

Im Dezember 1994 erschien mein Gedichtband «Metal». Er enthielt ein auf den 26. Juni 1993 – den Folgetag des Konzerts – datiertes Gedicht namens «Unverziehen», eine Hommage an jenen Tag und an das Metallica-Stück «The Unforgiven». Mir bedeutet das Gedicht noch heute so viel wie damals, denn über seine Aussage hinaus erinnert es mich an eines der schönsten Konzerte meines Lebens. Wenn man sich zurückerinnert, ein Lied wieder hört, was schert es einen da, dass siebzehn Jahre vergangen sind! In jedem Augenblick kann ein Lied, ein Gedicht uns die Zeit zurückbringen. Die ja manchmal nur aus Erinnerung besteht.

Murathan Mungan, Neue Zürcher Zeitung 20.8.

Murathan Mungan wurde 1955 in Istanbul geboren. Nach Anfängen als Dramaturg wandte er sich der Schriftstellerei zu; seit 1980 hat er über 30 Romane, Gedichtbände und Erzählsammlungen veröffentlicht. Auf Deutsch sind von ihm der Erzählband «Palast des Ostens», die Romane «Tschador» und «Städte aus Frauen» sowie der Gedichtband «Metall» erschienen. – Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

93. Zu Lorcas Todestag

Er ist eine der Schlüsselfiguren der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts. In anderthalb Jahrzehnten hat Federico García Lorca ein Werk geschaffen, das ihn – neben Cervantes – zum berühmtesten spanischen Schriftsteller hat werden lassen. Zusammen mit seinem Weggefährten Rafael Alberti bildete er ein strahlendes Doppelgestirn der zelebren 27er Generation. Der Gruppenname bezog sich auf den großen Dichter Luis de Góngora (1561-1627), dessen 300. Todestag 1927 in einer überschwänglichen Ehrung gedacht wurde.

Wie Góngora war Lorca ein Bilddichter, der alles Rhetorische und Begrifflich-Blasse instinktiv mied. Die Lyrik beider Autoren speiste sich aus dem kulturellen Quell des maurischen Erbes, und das Metaphorische, in dem Ungewöhnliches und Sinnenhaftes Gestalt erlangten, verband sich mit der Schlichtheit angestammten bäuerlichen Volksguts: »Wenn ich sterbe, / laßt die Balkontür offen. // Das Kind ißt Orangen. / (Ich sehe es vom Balkon.) // Der Schnitter erntet den Weizen. / (Ich spüre es vom Balkon.) // Wenn ich sterbe, / laßt die Balkontür offen!« / Hans-Jürgen Heise, ND 20.8.

Mehr: In Granada geschah der Mord – in seinem Granada! Michael Berger, ND 20.8.

92. Berlin Genf Marzahn

Klingt interessant, aber der Artikel ist nur für Abonnenten. Marzahn, das andere Gesicht Berlins, Lautpoetin, Berlin-Genf-Berlin

Eingeladen vom Kulturzentrum ABC, befragen die Lautpoetin Cosima Weiter und der Videokünstler Alexandre Simon in Text und Bild das architektonische Erbe jener Stadt „marquée au fer des régimes „, vielleicht gezeichnet von eisernen Regimes… im Eisen von Regimen…

Marzahn, l’autre visage de Berlin poète sonore, Berlin Genève-Berlin
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91. Atomdichter und Kunstpoeten

Auch die Isländer haben ihre Surrealisten und Expressionisten, allen voran Halldór Laxness, den Literaturnobelpreisträger des Jahres 1955. Nach seinem Roman „Atomstation“ wurde jene Gruppe jüngerer Dichter benannt, die den Traditionalisten Paroli bot, indem sie – jenseits strenger Versmaße – nach neuen Ausdrucksformen suchten. Die in der Anthologie zahlreich vertretenen „Atomdichter“ beleben bis heute die Szene. …

Gruppierungen mit herausfordernden Namen wie „Die schlechten Kunstpoeten“ beziehen die Umgangssprache in ihre Gedichte ein und brillieren mit fantasievollen Verdichtungen. Aufschlussreich ist das Kapitel mit der 2001 gegründeten Poetengruppe „Nyhil“, für die Open Mike Sessions zum Alltag gehören. Der 1973 geborene Andri Snaer Magnason nimmt den Begriff von Poesie als Lebensmittel wörtlich. Er platzierte seine Verse in der Supermarktkette „Bonus“. Da versprühte er seinen Witz zwischen Rotwein und Erdbeeren. Für den Verfasser hat es sich gerechnet. Er verkaufte sein Buch 10 000 Mal.

Nicht minder einfallsreich zeigen sich Dichterinnen, die sich in jüngster Zeit kräftig Gehör verschaffen. Kristín Ómansdóttir lockt mit „Zitronenbrust“, Gerður Kristný tröstet mit „Nussschokolade“. Eine Schlacht am kalten Buffet?

Silja Aðalsteindóttir u.a. (Hg.): Isländische Lyrik. Insel, Berlin. 224 S., 8,95 Euro.

Die kurzen, pointierten Gedichte des 1961 in Reykjavik geborenen Meisters der Moderne Gyrðir Elíasson verlieren auch in der deutschen Übersetzung nichts von ihrem Facettenreichtum. Mal gleichen sie melancholischen Seufzern, mal einem Gedankenpuzzle über Freiheit in der Demokratie. …

Der Lyriker beschreibt die Anwesenheit morbider Dinge und den Prozess ihres Verschwindens. Dabei erfasst er blitzschnell Bewegungen. Im Gedicht hält er sie für einen Moment an: „Jemand geht / am Felsenrand / und springt / Er ist noch auf dem Weg / hinab“ („Anarstapi“).

Gyrðir Elíasson: Einige allgemeine Worte über die Erkaltung der Sonne. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer. Kleinheinrich, Münster. 130 S., 40 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt

90. Der Lyriker Meister

Neue Perspektiven taten sich auf. Meister wechselte von der kleinen Eremiten-Presse zum großen Limes-Verlag. 1962 schrieb Walter Jens über Meister in der Zeit: „Es gibt nicht viele Verkannte in unserem Land; aber einige gibt es, und einer von ihnen ist der Lyriker Meister.“ Solche Statements halfen mit, Meister in der größeren Literaturszene Deutschlands zu etablieren. …

Das Schmallenberger Dichtertreffen 1956 bedeutete einen Wendepunkt in der westfälischen Literatur. Damals begehrte eine junge Autorengeneration um Hans Dieter Schwarze und Paul Schallück gegen die seinerzeit gefeierten westfälischen Heimatdichter auf, die vielfach NS-belastet waren. Die Jüngeren forderten den Anschluss an die moderne Dichtung und hatten dabei die „Gruppe 47“ im Hinterkopf. Es kam zu einem Eklat und jahrelangen Diskussionen über das „Westfälische in der Literatur“ und literarisches Heimatbewusstsein. Meister hielt sich aus diesen wütenden Kontroversen heraus, er verkörperte aber mit seinen abstrakten und teilweise hermetischen Gedichten ein neues literarisches Formbewusstsein. Für die jungen Rebellen war Meister so etwas wie eine Galionsfigur. Man kann also sagen, dass mit Ernst Meister die Moderne Einzug in die westfälische Literatur hielt. Und am Rande: In Schmallenberg las Meister erstmals vor großem Publikum – es hatten sich über 1000 Besucher in der Schützenhalle versammelt. / Walter Gödden, WAZ

89. Ganze Sätze und Adjektive

Die hier vorliegende Auswahl zeigt ihn als einen popmodernen politischen Dichter, der den gegenwärtigen Alltag Amerikas an den Demokratie-Entwürfen der Väter misst. In seinen auf ganze Sätze bauenden Versen erfindet er Bilder und Geschichten, die den „American Dream“ zu bewahren suchen. …

Prufers Ars Poetica spielt auf der Flöte eines an seinen Rändern messerscharfen Knochens Wahrheit, der dennoch „die Süße fortsingt“. Er schreibt Liebesbriefe ins Nichts. Trotz schwergewichtiger Themen leben die Verse von der Karikatur und vom Witz.

Kevin Prufer: Wir wollten Amerika finden. A. d. Engl. v. Susanna Mewe u. Norbert Lange. Luxbooks, Wiesbaden. 220 S., 24 Euro.

Sinnlich vollkommenen Gesang vernimmt man nicht. Das verhindern nicht zuletzt die verzwickten Adjektive.

Im sprachlichen Bewegungsraum zwischen Finnland und Deutschland hört man es knirschen: „auf harschstege treffen grate aus granit“ („Die Wildpartitur“). Mit lebhaften Bewegungen reist die Dichterin in vielerlei Wort-Varianten durch äußere und innere Landschaften und hält sich dabei an einen die „Leibsprache“ prägenden Rhythmus. Nichts Abschließendes soll die Beweglichkeit einschränken. So spielt Grünzweig unverdrossen auf der Sonnenorgel und bezieht dabei finnische Wort- und Klangfolgen ein.

Dorothea Grünzweig: Sonnenorgeln. Wallstein, Göttingen. 240 S., 22,90 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt

88. „Aus dem Nichts“?

Mittlerweile reibt sich die Fachwelt erstaunt die Augen. Wie aus dem Nichts kamen die Entdeckungen, Ideen und großartigen Bücher. Auch und besonders im Bereich der Lyrik. Sie ist traditionell geschätzt, hoch gelobt – gilt aber nach wie vor als schlecht verkäuflich und ein wenig verstaubt. Komplett daneben, meinen die jungen Verleger. Denn den Zwanzigjährigen erscheint das Gedicht attraktiver und zeitgemäßer als je zuvor. Fürs Literaturforum war Silke Behl unterwegs und besuchte das große Fest der kleinen Verlage am Berliner Wannsee, veranstaltet vom Literarischen Colloquium Berlin. / Folgen (Sehr-)Kurzporträts von Kookbooks, Luxbooks und Poetenladen, Radio Bremen (Überschrift: Großartige Bücher aus dem Nichts. Wie junge Verlage das literarische Leben aufmöbeln. Naja, „aus dem Nichts“! Wo sie nicht sind, stellen sie sich das Nichts vor))

87. «Der Dichter arbeitet»

«Der Dichter arbeitet.» Dieses Schild habe Saint-Pol-Roux, so André Breton im «Surrealistischen Manifest», an seine Haustür gehängt, bevor er sich schlafen legte. Damit meinte er nicht, man solle ihn nicht beim Nichtstun stören, sondern beim Träumen. Denn nicht der «wache», seinen Stoff bewusst organisierende und beherrschende Autor sei der richtige Dichter, sondern der träumende. Der, der gleichsam gedichtet wird. / Samuel Moser, NZZ 18.8. (über Albert Ostermaier)

86. Ausnahmedichter

Zweifelsohne jedoch bereichern seine Gedichte die deutschsprachige Lyrik. Weil sie mutig sind, sich nicht scheuen, Pathos zu bedienen, allenthalben von „Herz“ und „Blut“ sprechen und trotzdem authentisch klingen und nie in den Kitsch abrutschen. Weil sie das Pathos durch Wendungen und Wechsel der sprachlichen Register sogleich in ein neues Licht rücken, ohne sie dabei ins Lächerliche zu ziehen: „Ich trinke dir zu, komm, / wir tauschen Possessivpronomen aus“. Das sind zwei der Pole, die Kriers Vielseitigkeit ausmachen. In den Gedichten trifft mit voller Wucht Gegensätzliches aufeinander, hoher Stil und Slang stehen sich gegenüber und doch nebeneinander.

Von diese Diskrepanzen lebt „Herzens Lust Spiele“. Die Differenzen schaffen gleichermaßen den Humor wie das immense Verstörungspotenzial, das Kriers Sprachmontagen innehaben.  Seien es lakonisch-zynische Verknappungen wie „Apparaten entgegen u Tod“, der elliptische Charakter von Versen wie „ich bin die Wunde, in die der Finger“ oder graphische Zerstückelungen wie die des Titels, die ständig neue Assoziationen freisetzen. …

Wirklich negativ ins Auge fällt in „Herzens Lust Spiele“ nur die latente Selbstreferenzialität, die ständig wiederkehrenden Verweise auf die Schreibsituation. Gepaart mit Kriers Hang zu kalauernahen Wortspielen kann das auch mal in peinliche Betretenheit resultieren. „Schluss nun mit Vögeln“ ist letztlich ein ziemlich flacher Abschluss für ein erotisches Gedicht. Krier wird sich aber davon nicht abbringen lassen. Er gehört definitiv nicht zu der Sorte Mensch, die sich viel reinreden lassen. Das macht ihn zu dem Ausnahmedichter, der er ist, sein Werk zu einer Bereicherung. / Kristoffer Cornils, fixpoetry.com

Jean Krier: Herzens Lust Spiele. Poetenladen. Leipzig 2010.