55. Erika Greber gestorben

Die Literaturwissenschaftlerin Erika Greber starb am 31.7. im Alter von 59 Jahren. Die Slawistin hatte eine Professur für Komparatistik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Aufsätze über die 1638 gestorbene Barockdichterin Sibylla Schwarz gehören zu den wenigen inspirierenden Arbeiten über die von der Germanistik weitgehend ignorierte Autorin. Ihre Bücher sind spannende Lektüre für Lyrikfreunde. Hier ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis des Buches „Textile Texte“

  • Pletenie sloves vs entrebescar los motz
  • Mythopoetik
  • Die mythopoetische Basis des Anagrammatismus
  • Mythopoetik Mythopoesie und Metapoesie
  • Die Poetik des Wortflechtens und Wortwindens
  • Verschleiernde Textur sensus absconditus
  • Entwurf einer komparatistischen Gattungstheorie und -geschichte
  • Das Spiel mit bouts rimes und die futuristischformalistische Ästhetik
  • EXKURS zur Tradierung der ars combinatoria in Rußland
  • Das Sonett als Gattung des Wortflechtens entrebescar

Erika Greber
Textile Texte
(Band 9 von Pictura et poesis)
Böhlau Verlag Köln Weimar, 2002
ISBN 3412148962, 9783412148966
771 Seiten

54. Mehrwert des Blankverses

Christopher Schmidt sprach mit dem Shakespeare-Übersetzer Frank Günther (Süddeutsche Zeitung 6.8.):

Günther: Die kanonisierte Übersetzung ist die von Schlegel, die ebenso wenig aussterben wird wie die Luther-Bibel. Das hat einen bestimmten Ton, den man mit Shakespeare identifiziert, das ist die Benchmark. Gleichzeitig gibt es in Schlegels leicht trällernden Übersetzungen eine Verniedlichung, die im Original nicht enthalten ist, das immer von Lakonie und Direktheit bestimmt wird. In einem der ‚Heinrich‘-Dramen heißt es bei Schlegel verquast: ‚Reicht Mantel mir und Degen. Freunde, gute Nacht!‘ So was hat noch kein deutscher Muttersprachler freiwillig gesagt. Bei Shakespeare steht etwas ganz Einfaches: ‚Give me my sword and cloak. My friends, good night!‘ Ein ganz simpler Satz, kein Kunstsatz. Warum übersetzt Schlegel das so merkwürdig? Weil er den Blankvers bedienen musste, was ihm nur unter Verdrehung der Syntax gelang.

SZ: Auch Sie behalten den Blankvers, also den fünfhebigen reimlosen Jambus bei – warum?

Günther: Der Mehrwert des Blankverses besteht darin, dass die relative Formlosigkeit eines Prosasatzes eine musikalische Struktur bekommt. Es gibt mehr Möglichkeiten, den Sinn eines Satzes zu verstehen, wenn er über ein Metrum läuft. Denn der Sinn ist ja nicht nur eine rational-semantische Angelegenheit, die Klänge und Rhythmen der Sprache öffnen Deutungsmöglichkeiten für die emotionale Lage, für die Haltung einer Figur, für ihren subtextuellen Unterleib. Der Blankvers ist eine Trägerwelle, auf der ein Gedanke reitet. Man muss das gar nicht theoretisch verstehen, um zu merken, wann ein Satz eine höhere poetische Kraft hat.

Ein Blankvers ist ein syntaktisch normaler Sprechduktus, dessen unterschwelligen Beat man spüren muss, aber nicht merken darf. Aber das ist eigentlich nur noch mein privates Hobby, weil das heute eh keiner mehr versteht.

(o, ein paar Dichter wissen es schon)

53. exemplum

Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». / Ilma Rakusa, NZZ

Eugenijus Ališanka: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 111 S., Fr. 23.90. Eugenijus Ališanka / Aleš Debeljak: Baltische Adria. Zwei Essays. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, A-Ottensheim 2010. 101 S., € 20.–.

 

52. Kranichsteiner Literaturpreis für Jan Wagner

Der mit 20 000 Euro dotierte Kranichsteiner Literaturpreis geht an den Schriftsteller und Übersetzer Jan Wagner.

Wagner erhalte die vom Deutschen Literaturfonds ausgelobte Auszeichnung in Anerkennung für sein Werk, insbesondere für den im Jahr 2010 veröffentlichten Gedichtband «Australien». Seine Lyrik «belebe mit freiem und leichtem Ton klassische Traditionen», urteilte die Jury (Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) laut einer Mitteilung des Literaturfonds.

Die Auszeichnung wird am 25. November in Darmstadt verliehen. Die Laudatio hält Michael Braun.

51. Kolbe im Unterricht

Die 13. Klassen des Christophorus-Gymnasiums Altensteig bekamen im Deutschunterricht Besuch von dem aus Berlin stammenden Lyriker Ulrich Kolbe. …

Auf die Frage, ob die Interpretation eines Gedichtes oder anderer Texte in der Schule Sinn mache, erklärte Kolbe, dass eine Interpretation sinnvoll sei, weil man sich mit Texten beschäftige und man erst dann über sie reden könne.

Zwar könne man sich an der Entstehungszeit und an der Biografie des Dichters orientieren, aber wichtig sei vor allem, dass man genau am Text bleibe. In ein Gedicht dürfe nicht hineininterpretiert werden, sondern nur heraus. Jeder habe seine eigenen Gedanken zu einem Gedicht, es sei nicht möglich, einer genau vorgefertigten Interpretation zu genügen. / Schwarzwälder Bote

50. Dichter der Arbeiterschaft wird Laureate

Philip Levine, der vor allem für seine großherzigen Whitmanesquen Gedichte über die Arbeiterschaft Detroits bekannt wurde, wird Nachfolger von W.S. Merwin als Poet laureate der Vereinigten Staaten. James Billington, der Congress-Bibliothekar, sagte: „Für mich eine außergewöhnliche Entdeckung, er machte mich mit einer völlig neuen Welt bekannt, die ich nie zuvor mit der Poesie verbunden habe. Er ist der Laureate des industriellen Herzlandes, eine sehr amerikanische Stimme.“

Levine hat etwa 20 Gedichtbände veröffentlicht. 1995 erhielt er den Pulitzerpreis für “The Simple Truth”. Mit 83 Jahren ist er einer der ältesten Laureaten.

„Mein frühes Werk hatte mehr Energie, mehr Wut. Wut war ein Hauptantrieb in meinen damaligen Gedichten. Ich schätze, sie wurde durch Ironie und Liebe abgelöst“, schrieb er in einer eMail. Seine frühen Gedichte waren oft in schmalen siebensilbigen Zeilen geschrieben und schilderten das Alltagsleben der Arbeiter.

Streng genommen hat der Poet laureate wenig Pflichten während seiner einjährigen Dienstzeit. In jüngster Zeit starteten die Laureaten Projekte zur Verbreitung der Lyrik. Robert Pinsky gründete sein Favorite Poem Project, das die Amerikaner ermuntern sollte, ihre Favoriten in öffentlichen Lesungen oder Ton- und Videoaufnahmen vorzustellen. Ted Kooser gründete eine kostenlose Zeitungskolumne, in der er bis heute jede Woche ein amerikanisches Gedicht präsentiert.

Mr. Levine sagte, er habe daran gedacht, ein Projekt vorzuschlagen, in dem jeder das häßlichste Gedicht vorstellt. „Mir war klar, daß sie es nicht mögen werden, aber ich dachte mir, man müßte etwas Witziges machen, das die Leute ermuntert, die Lyrik nicht so ernst zu nehmen.“

„Wenn man an die Vorgänger im Amt denkt – die meisten sind verdammt gut. Nicht alle – ich nenne keine Namen – aber die meisten.“

/ CHARLES McGRATH, New York Times 10.8.

Die New York Times zum Thema:

49. Jerusalem frohlocke

Jetzt brachte Wolf den Text, der ihn nie losgelassen hatte. Weil in ihm mächtige Propaganda, Inbegriff befohlener Ordnung und von verordnetem Denken, von einem Ich selbst-bewusst hinterfragt wird. Es war ein Text von Albrecht von Johansdorf: „Die hinnen varen …“ Ein Kreuzzugslied, so heißt die literaturgeschichtliche Schublade, in die man es gesteckt hat. Richtiger wäre: ein Liebeslied zur Zeit der Kreuzzüge, des Ost-West-Konflikts.

Wolf begann, seinen Kram zu erklären: „Die hinnen varen“, das sind diejenigen, die zum Kreuzzug aufbrechen, die zuvor das Zeichen des Kreuzes, einen Lappen aus Wolle, sich haben anheften lassen. Die Bezeichnung Kreuzzug ist im Deutschen erst seit Lessings Zeit bekannt, im Mittelalter spricht man von „hinnen varen“, von peregrinatio, Wallfahrt, von der Reise ins Heilige Land. In diesem Gedicht ist vom bevorstehenden Kreuzzug des Stauferkaisers Friedrichs I. die Rede, jenem Kreuzzug, von dem später Ludwig Uhland treu-teutsch dichten wird: „Als Kaiser Rotbart lobesam / ins heilige Land gezogen kam, /… / sah er zur Rechten und zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.“ 1187 war Jerusalem gefallen, diesmal in die Hände Salah ad-Dins; zuvor 1099, im ersten Kreuzzug, in die Hand der Christen. Bei den Vorbereitungen zur Operation Barbarossa heißt es wieder: Jerusalem laetare, frohlocke, Jerusalem.

Wie dieses „Frohlocken“ aussah, die grausame Realität jener „Wallfahrt“, zeigt ein lateinisches Kreuzfahrer-Lied aus der Zeit des ersten Falls Jerusalems:

Von Blut viel Tränen fließen, indem wir ohn Verdrießen das Volk des Irrtums spießen – Jerusalem, frohlocke!
Des Tempels Plastersteine bedeckt sind vom Gebeine der Toten allgemeine – Jerusalem, frohlocke!
Stoßt sie in Feuersgluten! Oh, jauchzet auf, ihr Guten, dieweil die Bösen bluten – Jerusalem, frohlocke!

/ Rainer Nübel, Kontext:Wochenzeitung

Albrecht von Johansdorf, Kreuzlied III

48. Jandl-Bibliografie

relevant.at veröffentlicht ohne weitere Erklärungen (jedenfalls finde ich keine) eine Reihe von Bibliografien von Klassikern der neueren deutschen Literatur (wie Arno Schmidt, Wolfgang Koeppen, Peter Weiss, Gerhart Hauptmann, Ingeborg Bachmann, Peter Rühmkorf, Peter Huchel…). Nützlich eine von Ernst Jandl, mit langer Liste von Veröffentlichungen auf Tonträgern und Vertonungen.

47. Konzert mit Silja Walters Gedichten

Die so vorgegebene Dreiteilung des vorwiegend durch Einstimmigkeit geprägten Programms bekam durch Bachs Solo-Cello-Suite Nr. 3 C-Dur BWV 1009 ihre stilistisch wohlüberlegte Gliederung. Einer text-literarischen inhaltlichen Ausdeutung gleich war die Hereinnahme der Gedichte der Schweizer Benediktinerin, Silja Walter (1919-2011). Somit standen urchristliche liturgische Texte den Worten einer Gott suchenden Frau aus dem Jetzt gegenüber, die damit das Fenster zu ihrem eigenen Gott-Mensch-Bezug offen hält. / HERMANN WEIGOLD, Schwäbische Post

46. Mühsams Lebensroman

Welche Stellung haben die Tagebücher in seinem Gesamtwerk?
HIRTE: Mühsam ist bekannt für seine politischen Spottverse und seine Lyrik, für seine beißenden Polemiken und seine „Unpolitischen Erinnerungen“. Aber die Tagebücher sind sein Hauptwerk, sein Lebensroman. Ich halte sie auch literarisch für bedeutender und folgenreicher als sein lyrisches Schaffen.

Sie publizieren die Tagebücher parallel auch komplett im Internet. Kannibalisieren Sie damit nicht den Verkauf der Buchausgabe?
HIRTE: Zunächst ist es eine mutige Tat des Verbrecher Verlags, diese Parallel-Edition zu wagen. Das Buch kann man lesen, im Internet kann man mit dem Text arbeiten. Begleitet wird er dort von der kompletten Handschriften-Fassung, einem ausführlichen Register, ergänzenden Materialien und allerlei Verlinkungen ins Internet. So kann die Edition immer auf dem neuesten Stand gehalten und weiter entwickelt werden, auch durch Beteiligung der Leser. Das ist keine Kannibalisierung, sondern eine wunderbare Bereicherung für eine Buchausgabe, die all das nicht leisten kann. Aber man kann sie zu einem erschwinglichen Preis erwerben und lesen wie einen Roman.

Erich Mühsam, Tagebücher Band 1 / 1910-1911, Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens, 352 S., Verbrecher Verlag, Berlin 2011. 28 Euro. Bis 2018 erscheinen jährlich zwei Bände der auf 15 Bände angelegten Edition. Die Tagebücher erscheinen auch im Internet samt Register und der Handschrift unter www.muehsam-tagebuecher.de

Aus der Geschichte der Tagebücher:

Auch Zenzl Mühsam wurde verhaftet und konnte erst 1955 in die DDR ausreisen. Dort ließ sie Mikrofilmkopien vom Nachlass ihres Mannes anfertigen, die aber unter Verschluss blieben. Zenzl Mühsam starb am 10. März 1962. Erst in den 1980er Jahren wurden in der DDR die Tagebücher Mühsams schließlich transkribiert, aber nicht mehr publiziert, da die Mauer fiel.

/ Neue Westfälische

45. Das brennende Archiv

Thomas Kling, der seine ersten Gedicht-Kassiber in die bundesdeutsche Literaturlandschaft in der Zeit der Neuen Subjektivität schickte, grenzte sich von dieser sich ins Innere und private zurückziehenden Literatur von Anfang an ab. Ihn interessierte vielmehr das Brodelnde und Schäumende an der Sprache, ihre unauflösbare Verschränktheit mit der bundesdeutschen Herkunft und Gegenwart, ihre subversive Komplexität und Mehrschichtigkeit. Auch sprachtechnisch ließ ihn jeglicher damals angesagte Mainstream oder gar Bildungskanon kalt. Kling ließ sich lieber von einem wie Oswald Wolkenstein etwas über Sprache erzählen, der in seinen Texten „bis zu einem halben Dutzend verschiedener Sprachen miteinander komprimiert“ habe. Kling interessierten Konrad Bayer, Jean Paul oder Paul Celan und dessen Interesse an Spracharchäologie. Oder Johann Michael Moscherosch, Quirinus Kuhlmann, Kaspar Stieler, die den „konspirativen, zusammenatmenden Austausch“- so Kling – von Jargon und Slang zu schätzen wussten. Denn hier sprachen die „Hebräischreste, Jiddischreste“, eben „Schattenreste“ noch immer. Alle diese Dichter waren Thomas Kling Brüder im Geiste einer intellektuellen Widerständigkeit und Eigensinnigkeit.

Der aus einer Stadt der Werbeagenturen, wie er selbst sagte, stammende Thomas Kling verwendete auch aus medientechnischer Sicht das „Polylinguale“ und Gleichzeitige der verschiedenen Sprachschichten. Schon allein deshalb müsse man eigentlich, wie er mal forderte, „heute das 1879 ausgestorbene Tasmanisch wieder erfinden“.  …

Auf die Frage „Was fehlt mit Thomas Kling?“ antwortet der Herausgeber des aktuellen Schreibhefts, Norbert Wehr: Es fehlt schmerzlich ein Dichter, der so dezidiert wie Kling an historischen Stoffen arbeitete. Es fehlt die Unbedingtheit und Frechheit von einem, der noch immer den Anspruch hatte, Avantgarde zu sein. Der an der Entwicklung von Dichtung und Sprache arbeitete. Der stets versuchte, die Mittel zu reflektieren und an einer bestimmten Tradition weiterzuarbeiten. Jemand wie Kling, der all das dezidiert tat, überzeugend. Bei vielen Autoren der Nachfolgegeneration sehe Wehr große Intelligenz und Begabungen. Aber er wisse oft nicht, warum sie schreiben und was sie umtreibe – ihm seien ihre Stoffe fremd. Doch einer wie Kling, der als Nachkriegskind immer an historischen Stoffen und Motiven brennend interessiert war – eine solch vergleichbare Option ist nicht zu entdecken.

Bei vielen Autoren fehle ganz einfach der Geschmack im Mund – und den hatte der Kling. / Cornelia Jentzsch, DLF

76. Ausgabe von „Schreibheft. Zeitschrift für Literatur“
„Das brennende Archiv“. Bislang Unveröffentlichtes oder zu Lebzeiten des Lyrikers Thomas Kling nur entlegen Publiziertes

Dieses Thomas Kling gewidmete Schreibheft wird im Suhrkamp-Verlag 2012 als Taschenbuch erscheinen

44. Gedicht

Von Thomas Kunst

ICH RISS DEN SCHEISSHAUSFLIEGEN AB UND ZU
Die Flügel raus, von wegen Starallüren,
Mein Wagen mit den aufklappbaren Türen:
Ein Cardinal Red Silver Shadow II.

Metallisch blau, die Tiere brummten, Schäden
Am Motor gab es keine, Matsch und Schnee.
Die Rallye über Sospel, Moulinet.
Die Männer angespannt, du kannst nicht jeden

Für die Strapazen dieser Tour gewinnen.
Ich konnte nie bei allzu langen Strecken
Die Fahrer wechseln, ohne Atempause

Erlebten sie die Landschaften von innen,
Die umgekippten Sessel unter Decken.
Wir hatten keine Teppiche zuhause.

 

(für Max Sessner)

Kauftipp: „Küchen und Züge“ (Droschl, 2005)

43. Prophetische Präzision

Was viele Griechen heute empfinden, hat der größte neugriechische Dichter, Konstantin Kavafis (1863-1933), mit prophetischer Präzision aufgeschrieben. Das 1928 geschriebene Gedicht „In einer großen griechischen Kolonie, 200 v. Chr.“ beginnt so:

Daß in der Kolonie nicht alles zum Besten steht,
Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel,
Obwohl wir Fortschritte machen.
Vielleicht, so meinen nicht wenige, ist die Zeit
Gekommen, einen politischen Reformer einzuladen.

Doch das Ärgerliche, das Schwierige dabei ist,
Daß diese Reformer soviel
Aufhebens um alles machen
(Schön wäre es, wenn wir
Sie nicht brauchten). Sie informieren sich
Bis in die kleinsten Einzelheiten, stellen Fragen,
Umd plötzlich entwerfen sie radikale Reformen,
Die sofort durchgeführt werden müssen.

Zudem sind sie geneigt, Opferbereitschaft zu empfehlen.“

(Konstantinos Kavafis: Das Gesamtwerk. Griechisch und Deutsch. Ü/Hg. Robert Elsie. Zürich: Ammann 1997, S. 237)

(Le Monde zitiert die Übersetzung von Dominique Grandmont, collection Poésie/Gallimard).

/ Alain Salles, Le Monde

(Das Gedicht von Kavafis endet so:

Vielleicht ist die Zeit noch nicht gekommen.
Handeln wir nicht überstürzt. Eile ist eine
Gefährliche Sache. Voreilige Maßnahmen bereut man nur.
Sicherlich läßt vieles in der Kolonie zu wünschen
Übrig, aber wo ist der Mensch, der vollkommen ist?
Und schließlich machen wir doch Fortschritte.)

42. Wahnsinnsding

Seit 21 Jahren erscheint im kleinen Verlag Pre-Textos, Valencia, einem der wenigen, die sich – bis jetzt noch – die Unabhängigkeit bewahren konnten, in regelmässigen Abständen das Tagebuch oder die «novela en marcha» (der Unterwegsroman) von Andrés Trapiello unter dem Gesamttitel «Salón de pasos perdidos». Trapiello (Jahrgang 1953) ist in Spanien auch als Lyriker und Romancier hoch angesehen; hierzuland ist er praktisch ein Unbekannter. Die ersten Bände erschienen mit einer bescheidenen Auflage von 1500 Exemplaren, inzwischen sind es 10 000, dazu Neuauflagen der älteren Bände und eine Taschenbuchausgabe bei Destino-bolsillo: Das «Wahnsinnsding» ist in Spanien zu einem Kultbuch unter den echten Liebhabern der Literatur geworden. / Hans-Jörg Neuschäfer, NZZ

41. Gierstabilität

SWR2 Forum Buch
Redaktion/Moderation: Uwe Kossack

hier zum Nachhören

darin:

Keiner weiß, woher Gedichte kommen
Katharina Schultens: gierstabil.
Gedichte.
Luxbooks
19,80 Euro
(Besprechung von Ulrich Rüdenauer – in der Sendung liest Katharina Schultens 3 Gedichte)

Die 1980 geborene Lyrikerin legt mit „gierstabil“ bereits ihren zweiten Gedichtband vor – nach „Aufbrüche“ (2004) ein radikaler Neuanfang. Schon der Titel deutet auf eines der fundamentalen Motive hin: „Gierstabilität“ bezeichnet den Umstand, daß sich ein Fahrzeug ohne weitere Einflußnahme geradeaus bewegt – zumindest tendenziell. Die Gedichte Katharina Schultens’ bewegen sich mit vehementer Sicherheit, unter Zuhilfenahme von allerlei Fachsprachen, durch die Gegenwart. Was aber nicht bedeutet, daß sie in sich nicht mehrere Achsen aufweisen, um sich kreisen, durcheinanderwirbeln würden. Das Besondere ist die Perspektive, durch die Kurs gehalten wird: Sie ist nämlich nicht stabil, es gibt etliche Wahrnehmungswechsel und -störungen, Dreh- und Kippmomente. Das Ich, von dem aus gesprochen wird, ist eben kein Absolutes – wie könnte es das auch sein. Das geht selbstverständlich bis hinein in die Reflexion der Uneindeutigkeit von Sprache selbst. Der Satz „die möglichkeit einer verwechslung bestünde jederzeit“ etwa inszeniert ein Spiel im Konjunktiv: Sie, die Konjunktive, greifen parallel auf vieles zu.