Er war betrunken

Hans Ehrenbaum-Degele 

(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 „gefallen“ am Narew)

Der Dichter

Es neigte sich die Schar der jungen Knechte
Dem wirren Haar und dem zerschlißnen Rock.
Die Straße weiter taperte die Rechte, 
Die Linke hielt sich krampfig fest am Stock.

Scham schlug ihm rot empor: er war betrunken 
Und rang mit seinem Weg; und jäh erblaßt 
War er im Rinnstein stolpernd hingesunken 
Und raffte sich empor in wirrer Hast.

Da kam's, daß er den Blick nach innen schlug, 
Wo er, buntwechselnd wie Geleucht der Meere,
Wuchernder Blumen Fülle in sich trug.
Und atemraubend gab der süße, schwere

Duft seinem Sinn, der wie ein großer Falter 
In ihre tiefen Rätselkelche sank, 
Seltsamen Traum und schuf ihn zum Gestalter, 
Der Lust und Qual in seine Lieder zwang.

So ging er, in sein Fühlen tief versunken, 
Betäubt von Fiebern, Künder schwüler Nächte.
Man wich ihm schonend aus: er war betrunken.
Es neigte sich die Schar der jungen Knechte.

Aus: Versensporn 33: Hans Ehrenbaum-Degele. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 10

O Gedankenspiel

Heute vor 150 Jahren starb der russische Dichter Fjodor Tjutschew.

Fjodor Tjutschew

(russisch Фёдор Иванович Тютчев, wiss. Transliteration Fëdor Ivanovič Tjutčev, * 23. Novemberjul. / 5. Dezember 1803greg. in Owstug im Gouvernement Orjol; † 15. Julijul. / 27. Juli 1873greg. in Zarskoje Selo) 

Der Brunnen

Sieh, wie der lichte Strahl sich ballt, 
Sich zur leibhaften Wolke rundet;
Sich, wie sein feines Sprühen, kalt 
Entflammt, im Sonnenschein verdunstet.
Sieh, die Fontäne steigt und steigt, 
Sie rührt ans Höchste, ans Ersehnte 
Und sinkt dann doch als Staub ganz leicht 
Herab – hienieden muß sie enden.

O menschliches Gedankenspiel –
Fontäne, niemals zu erschöpfen!
Was spannt, was beugt dich, welches Ziel 
Ist dir bestimmt vom unerkannten Schöpfer?
Mit welcher Lust drängst du nach oben!..
Doch des Schicksals unsichtbare Hand
Biegt deinen strammen Strahl zum Bogen, 
In Spritzern sinkst du auf den Brunnenrand.

1836

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 313

Ф. И. Тютчев

Фонтан

Смотри, как облаком живым
Фонтан сияющий клубится;
Как пламенеет, как дробится
Его на солнце влажный дым.
Лучом поднявшись к небу, он
Коснулся высоты заветной –
И снова пылью огнецветной
Ниспасть на землю осужден.

О смертной мысли водомет,
О водомет неистощимый!
Какой закон непостижимый
Тебя стремит, тебя мятет?
Как жадно к небу рвешься ты!..
Но длань незримо-роковая
Твой луч упорный, преломляя,
Свергает в брызгах с высоты.

Und die Seelen?

Irena Habalik

Wenn Tausende ertrinken

Wer zählt sie? Eine Zählmaschine?
Wer vergießt die Tränen? Das Meer?
Wer besingt sie? Die Wellen?
Wer erzählt ihr Leben? Die Fische?
Wo liegen die Leichen? Am Grund? Tief, tiefer?
Wer zündet die Kerzen an? Die Herzen?
Der Gestrandeten? Der Ohnmächtigen?
Und die Seelen? Liegen sie flach, dicht 
am Kadaver geklebt?
Erheben sie sich nachts? Fliegen sie weg?
Zu den anderen Planeten? Mars, Venus?
Wir sehen sie fliehen, flimmern, uns zurufen, 
wir verstehen kein Wort
staunen was soll der Fleck in unseren Augen
Und wer sind wir auf der anderen Seite des Ufers?

Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Frank Liebe, 2017, S. 302

Aber man kriegt damit den Tag rum

Thorsten Nesch

Gedichte sind nur Platzverschwendung

Mario meint
Gedichte seien nur Platzverschwendung
Mag sein
Aber man kriegt damit den Tag rum 
Ich stelle mich öfter vor den Computer
Auch wenn gerade nichts Besonderes anliegt 
Denn mir fällt vieles erst beim Schreiben ein
So dass ich mich zu den Standpunkt hingerissen fühle
»Mein Computer ist kreativer als ich«
So beginne ich zwischendurch
Ein paar Telefonate mit Olli, Ingo, Markus, Conny
Und eine Besoffene hat sich verwählt
Sie will ein Taxi es wäre nett
Wenn ich ihr die richtige Nummer geben könnte
Dann bräuchte sie nicht noch bei der überteuerten Auskunft anzurufen
Solidarität hat einen Körper: meinen
Ich such ihr die Nummer von Thelemann-Mietwagen raus 
Und sie antwortet mit denen fahre sie grundsätzlich nicht
Ein nächster Versuch 
Und ich habe Glück
Meike meint ich wäre so lieb sie würde mich lieben
Sie hätte noch gerne meine Telefonnummer
Tut mir leid ich 
Hab noch was vor
Watt machse n grad?
Gedichte schreiben
Ich lege auf
Und gehe zurück zum Computer
Und bei einem Gedicht weiß ich immer
Wo ich stehen geblieben war

Aus: Kaltland Beat. Neue deutsche Szene. Hrsg. Boris Kerenski & Sergiu Stefanescu mit einem Vorwort von Peter O. Chotjewitz. Ithaka Verlag, 1999, S. 279

Haus am Rande der Sprache

Olaf Trunschke

Und wer sie so hört, die verwitweten Wörter, der könnte wirklich glauben, es gäbe all das noch, was doch nur durch sie, die verwitweten Wörter, eine Weile noch fortwährt, mitten in den Sätzen.

Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Hrsg. Andreas Altmann und Axel Helbig. Leipzig: Poetenladen, 2011, S. 343.

Verwandtschaft

Noch einmal eins der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wem das bekannt vorkommt, kann gerne hier kommentieren. Wenn nicht, auch gut, folgt am Abend die „Auflösung“.

Felix Philipp Ingold

Kaum Sympathie 
Für jenen Fisch
Mit dem die Fut
Verwandtschaft übt.

Der Slip schon feucht 
Wie schwarz vom Blut
Nicht einmal taugt 
Der Hunger trügt.

Sein Monogramm im Falz
Von bloßer Hand
Beweis
Er kann's.

Und er war da
Wer daran rührt
Bekommt die Schrift
Auf Stein diktiert.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 23

Kai Agthe, Wolfgang Koeppen, ein Gemälde Friedrichs betrachtend, bedichtend

Kai Agthe

Wolfgang Koeppen ein Gemälde
Caspar David Friedrichs betrachtend

Die Erinnerung Eldena verbindet des 
Malers fehlende Figuren. Alter Mann, 
endlich heimkehrend in das Gemälde, in

dem er seit langem schon erwartet wurde.
Versunken in einer spröden Landschaft, 
die Pommern heißt und fern nun liegt.

Ein Blick zurück in beider Kindheit, auf 
das baltische Meer, wo der Butt gerufen 
wurde, als das Wünschen noch half.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 33

Ja, da staunt ihr

Kornelia Koepsell

(Geboren 1955 in Gießen)

HER MIT DEM GELBFIEBER

Ich liebe schmächtige Archivare, 
ich liebe kachektische Mönche, 
ich liebe die Gelbfieberkranken.

Ja, da staunt ihr, ihr Wächter des Gebäudeschutts!
Ich meine, daß ich mich so freiweg erkläre.
Ich, die auf der Kommandobrücke nichts zu sagen hat.

Mir ist eben das Stammeln der Hinfälligen lieber 
als der Modegesang lallender Hüpfer.
Ich sage: Her mit dem Gelbfieber auf Kosten der Werkleitung.

Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 329

Geschichte

Ich bleibe noch einmal bei der wunderbaren Sammlung luxbooks.americana (ohne die wir etliche Autorinnen und Autoren gar nicht auf Deutsch hätten und die auch Jahre nach der Geschäftsaufgabe des Verlags nicht nach Gebühr gewürdigt und vermisst wird).

Kevin Prufer

(geboren am 22. Oktober 1969 in Cleveland, Ohio)

History

They put a bottle in my neck
and threw me from the bridge into the river 
where I floated on my back then sank.

I slept for weeks beneath a log, then 
woke to the light flittering through cold water.

Chilled over, thick in the tongue and sweet⎯
I could not speak, so watched instead 
the bits of silt that fell like dead embers

over my eyes.
Geschichte

Man stieß mir eine Flasche in den Nacken 
und warf mich von der Brücke in den Fluss, 
wo ich eine Weile auf dem Rücken trieb, dann unterging.

Ich schlief für Wochen unter einem Holzstamm, dann 
weckte mich glitzerndes Licht durchs kalte Wasser.

Ausgekühlt, die Zunge schwer und süß⎯
ich konnte nicht sprechen, so sah ich stattdessen 
dem Schlick zu, der wie erloschene Glut

auf meine Augen fiel.

Aus: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Susanna Mewe und Norbert Lange. Wiesbaden: luxbooks, 2011 (luxbooks.americana), S. 104f

Dort––da drüben

Anna Rabinowitz

(Geboren am 28. Mai 1933 in Brooklyn)

Dort⎯da drüben⎯neben dem Eisenzaun,
Sich festhaltend, wartend,

Jede Zelle ihres Fleisches ein klarer Kristall,
In Erwartung eines Schnitts⎯was eine andere Facette
Der Erfahrung sein könnte in dem Leben, das noch vor ihr liegt⎯oder eines Risses⎯
Ein Makel in dem, was als nächstes kommt⎯oder eines Herausschneidens, obwohl sie
Jetzt noch nichts weiß über
Ausgänge⎯

Nicht weiß sie, dass Kusinen, Tanten, Onkel, Großeltern
Im alten Land in ein paar Jahren vergast sein werden⎯und sie wird
Nie mit ihnen gesprochen, sie nie berührt oder den Knoblauch in ihrem Atem
Gerochen haben. Während sie posiert weiß sie nicht, dass das Kamerageschick
Die Zukunft negiert und die Vergangenheit freispricht, dass ihr Spielplatz
Gelb wird während Steckrüben in entlegenen Kellern verrotten und aus außergewöhnlichen
Geschehnissen Gift sickert⎯gegen die Vernunft, gegen die Geschichte⎯Häuser, Felder
Himmelschreiend vom Feuer⎯und blaue Flammenklauen fremde Prämissen ersticken.
Endlösungen sind zu Hand während offizielle Verleugnungen die Radiowellen beflittern.

Liebes Kind auf dem in Brooklyn gemachten Schnappschuss⎯für immer am Platz,
Die Arme um Deine polnische Puppe geschlungen⎯

aus dem Da, das nirgendwo ist

Du, die danach brennt hinauszugehen⎯um die Welt zu verbrühen mit Gründen für das Sein.

Aus dem Amerikanischen von Barbara Felicitas Tax. Aus: Anna Rabinowitz, Darkling. Wiesbaden: luxbooks, 2012, S. 21f

http://www.annarabinowitz.com/poems.html

Der Saum

Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Als ich anfing, Gedichte zu lesen, hätte wohl jeder Leser zeitgenössischer Lyrik den Ton und vielleicht das Gedicht erkannt. Und heute? Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.

Felix Philipp Ingold

Der Saum
Weiter als die Pracht
Mit all den Augen . .. Seen.
Sie sterben vor Süße hinüber 
In Eisgang.

Die greinen
Unterm Südfuß.
Wie solche darben 
Halbwert im Staub
Ihr ewig.

Thesen
Ausgesetzt
Vor lauter Herzen
Auf dem wortlosen Weg 
Zu deiner Nächsten.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 41

Vom Beischlag

Erich Ruschkewitz wurde am 16. Juli 1904 in Bütow in Hinterpommern geboren. Am 7. Dezember 1941 wird er mit 26 anderen Danziger Juden deportiert. Der Transport kam zwei Tage später im Lager Riga-Jungfernhof an, dort. verliert sich seine Spur.

Vom Beischlag, der einen anderen Buchstaben hat gewollt

Sehr frei nach Friedrich Rückert

.

.

.

.

.

.

.

Dieses Gedicht, in dem die sonderbare Geschichte von einem Beischlag in der Frauengasse geschildert wird, der partout einen anderen Buchstaben hat gewollt, kann aus angeblichen Gründen der Sittlichkeit nicht veröffentlicht werden. Der Staatsanwalt würde prompt berufliches Interesse an ihm nehmen, wird dem Autor von nächststehender Seite versichert.

Und da besagtem Autor weder besonders viel daran liegt, daß die erste Auflage seines ersten Buches vom Schicksal des Einstampfens ereilt wird, noch überhaupt mit dem Staatsanwalt zu kollidieren, muß wohl oder übel jeder Versuch, in den Besitz des Gedichtes zu gelangen, zwecklos bleiben.

Auch Honorarangebote in beliebiger Höhe können – so schwer, wie es fällt – nicht erfolgreich in Versuchung führen!

Aus: Versensporn 27. Erich Ruschkewitz. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 12

Kaputte Lyrik

Ich weiß nicht, von wem das heutige Gedicht ist. Gefunden habe ich es in der Ausgabe 6 der Zeitschrift (oder des Zines) Pareidolia. Jahreszahl oder Verlagsort gibt es ebensowenig wie Herausgebernamen. Es gibt nur eine Webadresse, https://sternstundendeskapitalismus.de/, dort wird im Impressum Tim Reuscher, Hamburg, genannt (der auch im Heft vertreten ist). Die Zeitschrift stammt aus der Sammlung des Greifswalder Schriftstellers Jürgen Landt. (Landt lebte nach seiner Ausbürgerung aus der DDR in Hamburg). Das Heft ist sicherlich neueren Datums.

Über die Publikation heißt es:

Pareidolia ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts. Die Rechte der einzelnen Inhalte bleiben bei ihren Urhebern, die werden aber nicht allzu böse sein wenn ihr irgendetwas kopiert.

Als Beiträger dieser Ausgabe werden genannt Anna Dmoch, Boris Guschlbauer, Martin Armbruster, Frau Mayer, Jürgen Landt, Pierre D. Lune, Christian Chladny, Saxon de Coce, Clemens Schittko, Panzer Davis, Stefan Kalbers, Gehirnschnecke, Abigail Richter, Benny Dmoch, Tim Reuscher.

Das Gedicht, das ich daraus ausgewählt habe, ist unterzeichnet mit „Die Gehirnschnecke“. Vielleicht weiß jemand mehr? Hier das Gedicht.

Kaputte Lyrik

Ich schreibe kaputte Lyrik.

Ich schreibe kaputte Lyrik und eine defekte Anapher reißt auch nichts mehr,
denn Funktion wird vereinnahmt, benutzt, beschmutzt.

Profitexter haben mir die Jamben zerschlagen.

Ich kann nicht mehr lallen, schreien, schweigen,
denn auch damit wird Joghurt verkauft.

Die Deutsche Einheit™ zerquetschte den Endreim.

Die Dinge nehmen uns die Sprache, die Gedanken werden gefriergetrocknet,
der ewig scheinende zynische Unsinn reproduziert sich in die Unendlichkeit,
ich stehe ohnmächtig da und trockne aus.

Ich schlage mit dem Kopf auf die Tastatur und dfercc

Die Liebe wird zur Waffe gegen den Einsamen.

Ich schreibe kaputte Lyrik, denn ich will die Welt zerschlagen.

Die Gehirnschnecke

es ist viel passiert seitdem

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd

@www.weltlyrik.de

dem trotz zum trotz trotzdem
(von der realität des realisierbaren)

es ist viel passiert seitdem wir uns
das letzte mal trafen nicht dass
wir nur älter geworden sind oder
desillusionierter oder weiser nein
irgendwas hat sich da grundsätzlich
geändert ein unbestimmtes gefühl
das sich bei all den erfolgen kaum
mehr in worten ausdrücken lässt
aber wem sag ich das du erlebst ja
diese ganze entwicklung genau so
wie ich wenn auch von einer etwas
anderen seite was soll ich da sagen?

so viele freunde - so viele!
so viele verkaufte bücher - so viele!
so viele geförderte lesungen - so viele!
so viele projekte im literaturbetrieb - so viele!
so viele preisträger - so viele!
so viele festivals - so viele!
so viele gedichte - so viele!
so viele leser - so viele!
so viele fans - so viele!
so viele follower - so viele!
so viele flüchtlinge - so viele!
so viele tote tiere - so viele!
so viele tornados - so viele!
so viele versprechen - so viele!
so viele versuche - so viele!
so viele gewinne - so viele!
so viele empörte - so viele!
so viele engagierte - so viele!
so viele suizide - so viele!
so viele gerettete - so viele!
so viele neustarter - so viele!
so viele beschützer - so viele!
so viele impulsgeber - so viele!
so viele gebildete - so viele!
so viele studierte - so viele!
so viele debatten - so viele!
so viele beteiligte - so viele!
so viele unbeteiligte - so viele!
so viele experimente - so viele!
so viele kunstwerke - so viele!
so viele neue kunstwerke - so viele!
so viele neue bücher - so viele!
so viele neue preisträger - so viele!
so viele neue politiker - so viele!
so viele neue freunde - so viele!
so viele neue follower - so viele!
so viele neue ideen - so viele!
so viele neue optionen - so viele!
so viele neue funktionen - so viele!
so viele neue begegnungen - so viele!
so viele neue tote - so viele!
so viele neue verwundete - so viele!
so viele neue abkommen - so viele!
so viele neue medikamente - so viele!
so viele neue babys - so viele!
so viele neue betroffene - so viele!
so viele neue trends - so viele!
so viele neue vorreiter - so viele!
so viele neue gutachten - so viele!
so viele neue systeme - so viele!
so viele neue städte - so viele!
so viele neue flussufer - so viele!
so viele neue strände - so viele!
so viele neue menschen - so viele!
so viele neue strahlen - so viele!
so viele neue viren - so viele!
so viele neue entdecker - so viele!
so viele neue moderatoren - so viele!
so viele neue talkshowformate - so viele!
so viele neue debatten über neue formate - so viele!
so viele neue bücher von neuen preisträgern - so viele!
so viele neue impulse von neuen empörten - so viele!

aber wem sag ich das du erlebst ja
diese ganze entwicklung genau so
wie ich wenn auch als unbeteiligte
dennoch betroffene unbekannte
konstante in der weite des alls...

10.7.2023

Landschaftsrepertoire

Die kleine Ingoldserie geht in eine Pause (in den Kommentaren gestern und vorgestern habe ich die Vorlagen der Umdichtungen nachgereicht). Heute etwas Neueres.

Christoph Wenzel

vater, mutter, wald, DAS LANDSCHAFTSREPERTOIRE, 
die ebene, der fluss, ein wasserschloss, die siedlung, 
kreisstraße, siedlung, bach, der garten, die unzerschnittenen 
räume, parzellen, das obst an den bäumen, das ehebett, 
das kinder-, jugend-, gästezimmer, nach der eiszeit
BAUEN WIR DAS LANDSCHAFTSBILD NEU ZUSAMMEN: mutter, das bett, 
das jugendzimmer, die siedlung, kreisstraße, der bach, 
die siedlung, vater, das bett, der wald, die balkone, die zer-
schnittenen räume, die dreifachturnhalle, alle tischtücher, bettlaken, 
nachmittage, feiertage, schuldfragen, die blühenden bäume, die zweige

Aus: Christoph Wenzel, landläufiges lexikon. Wien: Edition Korrespondenzen, 2022, S. 59