In der Ausgabe 48 der Zeitschrift Abwärts! Zweite Stufe der Vorarbeit rufen Henryk Gericke, Andreas Hegewald und Kristin Schulz dem am 16. Mai verstorbenen Lyriker Andreas Koziol nach. Dazu dieses Gedicht von Koziol.
Nachschrift Herbste haben aufgehört zu malen Nackte Ufer. Blätter auf dem Dach Nebelwände. Echos von Signalen Augenlose Träume liegen wach Wolken wie die Asche großer Tiere Sterne fallen lautlos in den Müll Schweigen ist ein Spiel das ich verliere Heimweg ein romantisches Fossil Baumskelette. Schwarze Hieroglyphen Monde narbenglühenden Gesichts Baugelände wo einst Tote schliefen Herzerbarmen. Warnung vor dem Nichts
Andreas Koziol, aus: Gedichte, Das Zündblättchen 92, Heft 2, Edition Dreizeichen Meißen, 2019.
Jan Skácel
(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)
DOBROVSKÝS TOD * Er glaubte er würde im Wald eine Pflanze finden die alle Kranken heilen die Toten zum Leben erwecken könnte Er selbst glich jenem Gewächs ließ die tschechische Sprache aus dem Reich der Toten auferstehn Damals im Winter als er bei uns in Brünn im Sterben lag erblühten rings um die Stadt die Maiglöckchen bevor der erste Schnee fiel Was bleibt über ihn sonst noch zu berichten Er hatte blaue Augen trug blaues Schuhwerk Mantel einen blauen Schal Ein Gelehrter war er und ein schöner Mann Und mußte doch so einsam sein als er in jenem einzigen ganz großen Augenblick alles zu wissen bekam und alles Wissen für immer verlor
*) Josef Dobrovský (1753- 1829), Literatur- und Sprachhistoriker, verfaßte u. a. eine »Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur« (1792; 1818).
Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel: Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Auf.), S. 21
Jannis Ritsos
(Γιάννης Ρίτσος Yiannis Ritsos, * 1. Mai 1909 in Monemvasia; † 11. November 1990 in Athen)
Sie sprechen, lachen, schrein,
streiten sich.
Entrollte Fahnen.
Explodierende Kisten.
Du
löstest dein Haar,
deponiertest im Schubfach
deine Uhr,
legtest dich hin.
Das Bett wuchs
bis zu zwei Drittel der Welt.
Nach dem Beischlaf
nahmst du wieder deine Uhr,
schautest darauf.
Nichts war mit der Zeit.
Kleine Gesten,
unbedeutende,
internationale,
und die Nelken
und dein Blut.
Kalamos, 17.10.81
Deutsch von Asteris Kutulas, aus: Jannis Ritsos: Halbkreis. Erotika. Griechisch-Deutsch. (Griechische und deutsche Erstveröffentlichung). Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1989

Theobald Hock (oder Hoeck)
(* 23. August 1573, heute vor 450 Jahren, in Limbach bei Homburg; † nach 1624)
Theobald Hock war ein Diplomat und ein Pionier der neueren deutschen Dichtung. Er wollte sie – vor Opitz – durch sein Beispiel reformieren. Ein kräftigerer Dichter war er auch. Dafür spricht dieses, sein wohl bekanntestes Gedicht.
Von Art der Deutschen Poeterey DIe Deutschen haben ein bsonder art und weise / Daß sie der fremden Völcker sprach mit fleisse / Lernen und wöllen erfahrn / Kein müh nicht sparn / In jhren Jahren. Wie solches den ist an ihm selbs hoch zloben / | ihm: sich Drauß man ihr geschickligkeit gar wol kan proben / Wenn sie nur auch ihr eygene Sprachen / Nit vnwerth machen / Durch solche sachen. Denn ander Nationen also bscheide / Ihr Sprach vor andern loben und preisen weidte / Manch Reimen drin dichten / So künstlich schlichten / Vnd zsammen richten. Wir wundern vns daß die Poeten gschriben / So künstlich Vers vnnd Meisterstück getrieben / Daß doch nicht ist solch Wunder / Weil sie gschrieben bsunder / Ihr Sprach jetzunder. Den sein Ovidius vnd Maro Glerte / | M.: Vergil. G.: Gelehrte Nit gwesen Reimer also hoch geehrte / | Reimer: Dichter Die sie in der Mutter Zungen / Lateinisch gsungen / Daß jhnen glungen. Warumb sollen wir den vnser Teutsche sprachen / In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen machen / Und deutsches Carmen schreiben / Die Kunst zutreiben / Bey Mann vnd Weiben. So doch die Deutsche Sprach vil schwerer eben / Als ander all / auch vil mehr müh thut geben / Drin man muß obseruiren / Die Silben recht führen / Den Reim zu zieren. | R.: Vers Man muß die Pedes gleich so wol scandiren / Den Dactilum vnd auch Spondeum rieren / | r.: rühren Sonst wo das nicht würd gehalten / Da sein dReim gespalten / Krumb und voll falten. Vnd das noch schwerer ist so sollen die Reime / Zu letzt grad zsammen gehn vnd gleine / | die Verse sollen hinten reimen Das in Lateiner Zungen / Nit würdt erzwungen / Nicht dicht noch gsungen. | d.: gedichtet Drumb ist es vil ein schwerer Kunst recht dichten / Die Deutsche Reim alls eben Lateinisch schlichten / Wir mögen new Reym erdencken / Vnd auch dran hencken / d.h.: danach trachten Die Reim zu lencken. Niembt sich auch billich ein Poeten nennet / | N.: Niemand Wer dGriechisch und Lateinisch Sprach nicht kennet / Noch dSingkunst recht thut richen / | ri.: beherrschen Vil Wort von Griechen / Ins Deutsch her kriechen. Noch dürffen sich vil Teutsche Poeten rühmen / Sich also schreiben die besser zügen am Riemen / Schmiden ein so hinckets Carmen / | h.: hinkendes Ohn Füß vnnd Armen / Das zuerbarmen. Wenn sie nur reimen zsammen die letzte Silben / Gott geb wie die Wörter sich vberstilben / Das jrret nicht ihre zotten / | z.: Gewirr Ein Handt voll Notten / | Noten Ist bald versotten. O wenn sie sollen darfür an dHacken greiffen / Vnd hacken Holtz / wenn es nit khride zu Pfeiffen / | k.: geriete Khridts doch zu Poltzen selber / | P.: Taktstock Sie trügen doch gelber / | g.: heller, besser Für Lorber Felber. | statt Lorbeer Weidenkränze
Aus: Schönes Blumenfeld. Ausgewählte Gedichte, hrsg. Bernd Philippi und Gerhard Tänzer. Frühneuhochdeutscher Text mit einer Version in moderner Schreibweise. Saarbrücken: Conte Verlag 2007, S. 42ff
Martin Pohl
(* 28. März 1930 in Festenberg, Schlesien, heute Twardogóra; † 23. September 2007 in Neubrandenburg)
DAS DEIN-UND-MEIN-LIED oft gesungen mit Heiner, dem Müllerburschen Dein Bauch ist ein voller Bauch, Meiner ist ein leerer. Voller Bauch und leerer Bauch Welcher Bauch ist schwerer? Dein Schuh ist ein ganzer Schuh, Meiner ein entzweier. Deiner einen Sechser kost', Meiner einen Dreier. Dein Bett ist ein reines Bett, Meins ist ein beflecktes. Du schläfst rein, ich schlafe raus: Freilich beiden schmeckt es. Dein Sorg ist 'ne kleine Sorg, Meine eine große. Wenn dir's um den Braten geht, Geht's mir um die Soße. Dein Gott ist ein reicher Gott, Meiner ist ein armer. Deiner ist ein Halsabschneid', Meiner ein Erbarmer. Dein Hund ist ein braver Hund, Meiner ist ein böser. Deiner bellt und meiner pißt An die Welterlöser.
Aus: Martin Pohl, Gedichte 1950-1995. Berlin: UVA, 1995, S. 16f
Jörg Fauser
(* 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)
Ich Ich bin er der ihr nicht sein wollt der Verletzlichste eingeübt in das Ungeordnete ein Finger über die Schmerzgrenze gestreckt und alles was ihr mir anhabt habe ich mir selbst angetan bin mit meinen Füßen gelaufen wundenbesohlt im Traumscheideland seht mich Abschied nehmen und getrost auf Verlassenheit bauen meine winzige Hütte aus Herbststroh und einem Rauchfaden unausgesprochener Hoffnung der über die Grenze zieht 1966
Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 35
Thorsten Krämer
Von Parkplatz zu Parkplatz, lost in
transition: Für den Passanten beginnt die Dichtung
beim Aussteigen. Die Zielgerichtetheit der Schritte sei
dagegen eine Fehlinformation, ein Ablenkungsmanöver
ungewissen Ausgangs. Oder ist das Gehen gar nicht die
Bewegung, nur deren Auftakt? So sagen es
die rhythmisch leicht Beschränkten, die sich im
Sicheren wiegen. Doch sie irren. Da ist kein
Überblick, kein Handlungshorizont. Bloß diese
fatale Neigung zur Halbtotalen, ein Fußabdruck
im Hirn.
NASHVILLE, TENNESSEE
Aus: Thorsten Krämer, The Democratic Forest. Gedichte. Berlin: BRUETERICH PRESS, 2018, S. 25
Elisabeth Kottmeier
(* 31. Juli 1902 in Sandowitz (Schlesien); † 11. Januar 1983 in Stuttgart)
Stilleben (Georges Braque) Sie lassen sich von jeder Hand ergreifen, gewöhnlich, zum Gebrauch – die Frucht, der Krug. Bis einer fühlt: Daß sie sich nie verweigern, ist Warten nur, ob anders sie begreifen das Auge und die Hand, einmal genug, sie ganz in ihres Wesens Sinn zu steigern. Das ist der Krug: Gefülltsein. Frucht ist: Reifen. Denn alle Dinge wollen uns ergreifen.
Aus: Elisabeth Kottmeier: Die Stunde hat sechzig Zähne. Gedichte posthum. Ausgewählt und herausgegeben von Reiner Kunze. Mit einem Vorwort von Petra Köhler. Hauzenberg: Edition Toni Pongratz, 1984 (unpag.)
L&Poe Journal #03
Reiner Kunze (* 16. August 1933 in Oelsnitz/Erzgeb.)
1968 erschien als Nummer 11 der Heftreihe Poesiealbum ein Heft mit Gedichten von Reiner Kunze. Es wurde ein Geheimtipp unter Eingeweihten, Verse als Schibboleth:
einladung zu einer tasse jasmintee Treten Sie ein, legen Sie Ihre traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen
Verse als Trost. Von Kunze hatte man Vages gehört, er galt als halb verboten oder zumindest unbequem. Im ersten Gedichtband von Volker Braun, Provokation für mich (1965) gibt es ein Gedicht mit dem Titel R. In einer dem Buch vorangestellten Anmerkung schreibt Braun: „R. ist meinem Freund Reiner Kunze, gebürtig zu Oelsnitz im Erzgebirge, gewidmet.“ Das Gedicht spricht vom Verlorengehen, es endet so:
2 Darf auch nur ein Mensch Allein treiben im Schiff seiner Lust? Darf auch nur ein Mensch Fliegen am Mast seiner Ungeduld? Darf auch nur ein Mensch Verlorengehn? 3 Hier?
Lesenlernen konnte heißen, den intertextuellen Verweisungen der Dichter nachzugehen. Speziell bei Volker Braun auch, die Veränderungen von Auflage zu Auflage zu kollationieren (das Wort lernte ich später im Germanistikstudium, aber ich praktizierte es schon). (Manche meiner westdeutschen Freunde mögen meinen Hang zur Philologie für altmodisch-ideologisch halten – ich glaube, dass er im Zwang meiner damaligen Lektüre wurzelt, durch genaues Hinsehen zu verstehen, was kein Lehrer und kein Spiegel erklärte.) 1973 erschien Brauns Band in vierter Auflage, der Waschzettel sagt nur: „Vierte Auflage. Die Sammlung in ihrer endgültigen Gestalt.“ Das Gedicht für Kunze ist noch drin, im Wortlaut unverändert, nur heißt der Titel jetzt „Einer“ statt „R.“ Die Anmerkungen stehen jetzt nicht mehr vorn, sondern hinten im Buch, diese eine lautet jetzt „Einer erinnert an Reiner Kunze.“ Wichtig für den DDR-Leser war nicht, ob die Freundschaft in die Brüche gegangen war, sondern dass der Name noch genannt wird. Das übliche stalinistische Verfahren, das auch im Poststalinismus meiner Jugend noch unverändert praktiziert wurde, war, missliebige Namen zu verschweigen.
Ich lebte in der Provinz, in der Region Weißenfels, Poesiealbum gab es für 90 Pfennig am Zeitungskiosk. Das Poesiealbum 11 wurde übrigens im August 1968 ausgeliefert, exakt am Tag des Einmarsches der „Bruderstaaten“ in die Tschechoslowakei, um den dortigen Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz abzuwürgen. Bestimmt gab es viel Stress im Verlag dann.
Ein weiteres Schlüsselgedicht aus dem Poesiealbum.
sensible wege Sensibel ist die erde über den quellen: kein baum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden Es sei bei strafe des versiegens Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns
Seit jener Zeit habe ich die Angewohnheit, Gedichte so oft zu lesen, dass Fragmente und ganze Gedichte im Gedächtnis haften. So auch dieses. Deshalb stolpere ich jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht in einer anderen Ausgabe als dem Poesiealbum von 1968 lese, über eine kleine Abweichung. In dem bei Rowohlt zuerst 1969 erschienenen Band Sensible Wege (den ich erst viel später kaufen konnte) lauten die Zeilen 5 und 6:
Die quellen könnten versiegen.
Kein großer Unterschied, aber mein Rhythmusgedächtnis schlägt Alarm.
Ein paar Jahre später, im Studium in Rostock, gab es einen Literaturklub, eine Freundin arbeitete dort mit. Volker Braun, Bernd Jentzsch, Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries, viele lasen dort. Ich schlug der Freundin vor, Kunze einzuladen. Der Vorschlag wurde angenommen, Träger des Literaturklubs war die Jugendorganisation FDJ (die Macher waren aber eben Studenten). Kunze antwortete auf die Einladung: er sei es nicht gewöhnt, dass die FDJ ihn einlade, und wohl auch, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen könne. Wenige Jahre später wurde er aus dem Land getrieben.


Volker Sielaff
Poetik VI Ich frage den Kellner: »Kennst du Ismail Kadare?« »Junge, das ist unser Größter, aber lies auch Naim Frashëri!« Man muss die Leute fragen, ob sie ihre Dichter kennen. Das ist gut für die Dichter: So wächst ihr Ruhm.
Aus: Volker Sielaff: Ovids Würfelspiel. Epigramme und andere kurze Gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2023, S. 21
L&Poe Journal #03
Lyrik zum Schmökern
Das pralle peinliche Leben verdichtet im Kompendium „Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa“, hg. v Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna
Von Paula C. Georges
Im Dorf / bleibt der Mensch mit sich selbst allein (Gleb Schulpjakow)
Dafür knallt der Schmerz Nummer dreizehn richtig (Waleri Semskich)
Ein Lesemarathon sei das gewesen. Jedes einzelne in Frage kommende Gedicht abgeschrieben, vorgelesen, der besonderen poetischen Töne wegen, die im Westen so nicht praktiziert würden.
92 Autor:innen mit Wurzeln aus 21 Ländern und ihre Übersetzer:innen haben die Herausgeber schließlich ausgewählt in ein 400 Seiten schweres, großzügig gesetztes Kompendium. Und das Schönste: Es wird nie langweilig zu lesen!
Witz, Wut, Widerstand prägen den Beat dieser erzählenden Verse.
Wortbabys suchten mit dem Mund die Brüste der Dinge. (Rodica Draghincescu). Und die Dinge phantasmagorieren: Ottó Tolnai, findet in einem Handschuh ein fünfgliedriges Engelsgeschlechtsteil. Gleb Schulpjakows Mantel macht sich über einen Menschen her: und der Mensch hängt in der Garderobe, /vergessen, nutzlos, / und atmet schwer, / mit dem ausgestreckten / rosafarbenen Futter
Mütter und Väter werden besungen, Alltag, der Nonsens der Politik.
Meine Mutter ist mein Kind: Lasst uns unsere Mutter wie ein Kind adoptieren […] Lasst sie ihre grauhaarigen Köpfe an unsere Brust lehnen … ein Wiegenlied für die Hände meiner Mutter. ( Likokeli, Albanien)
Der Dichter Nschan Abasjan aus Armenien schreibt ein Gedicht über seinen Vater, der sich nicht mit wichtigen Weltfragen befasst. Vielmehr versuche er mit einer Kerze die jungen Gemüsepflanzen vor dem Erfrieren zu retten.
Keine Angst vor dem Gewöhnlichen: Ein Apfelstrudelrezept sei die Lyrik, die seine Mutter lese, so Georgi Gospodinov: bäckst du es, wird es Strudel, doch bis dahin ist es ein Gedicht. Grüß dich, Drillbohrer – Semjon Hanin über eine Kunden-Handwerker-Situation. Nicht aufgeben, nicht aufgeben, ermuntert Jan Faktor einen jungen Georg, dessen leer gebliebene Folgen vergeblicher Lyrikversuche komisch gelistet werden.
Manche Gedichte entstehen, indem sie ihr Verhindern beschreiben: Selbstironisch zählt Eka Kewanischwili in einem langen Haushaltstagstext auf, wie ein Gedicht dann schließlich nichtsdestotrotz entsteht: Und wusch / und bügelte und räumte auf / und wischte ab. / Und schrieb dies hier, dieses Gedicht das Eka Kewanischwili / schon den ganzen lieben Tag lang schreiben wollte.
Staat und Gesellschaft kommen nur despektierlich oder als Tortur vor: in der Nähe tagte das Kroatische Parlament, / deshalb ist mir nur Unsinn eingefallen, / gefährlicher Unsinn. (Marco Pocaĉar)
Andrei Sen-Senkow, berichtet von ausgeklügelten minimalinvasiven Methoden der Stasi, die Menschen in ihren Wohnungen um den Verstand bringen … über Monate hinweg. In Arpi Woskanjans, Seminar über Staatsführung wird vor Rückzug und Einsamkeit gewarnt, weil der einsame Mensch nachdenkt und daraus kein / Nutzen erwächst, sondern nur Gefahr.
Gewalt, Krieg – so präsent, dass Bela Chekurishvilis Stimmen behaupten: Das ist doch gar kein echter Krieg […] Wir haben uns an diesen Krach gewöhnt./ Sie schießen ja auch nicht rund um die Uhr / und die Milizen lernen langsam, wie man sich benimmt, / sie sind jetzt schon viel netter als am Anfang.
Anna Terék aus Serbien findet die zerschossenen Scheiben /der Autos am schönsten. lma Rakusa betrachtet eine Brille: ein Flaumgewicht / der es trug, fiel auf einem / Feld in Galizien neunzehn / hundertsechzehn […] Blicke, die sich in keinem Jenseits treffen.
Diese Nacht, wie Panzer rollt sie / über mein Hirn, schreibt Amanda Aizpuriete, Lettland. Miodrag Pavlović aus Serbien ist sich sicher: sie werden dem neuen Sterben ihre Jugend leihen. Von unseren Sofatruppen spricht der Ukrainer Alexander Kabanow in Facebook-Post. Aber: wir hören nicht auf zu singen / über dem Abgrund des Krieges, versichert (sich?) der Belarusse Dimitri Strozew.
Eine auf Alkoholismus konditionierte uniformierte Männlichkeit bedroht Frauen, Kinder, Andersartige. Scharen von Neonazis schwankten wie Algen. (Sergej Tenjatnikow). Anna Teréks Jelena hofft, nie wieder einen Jungen zu bekommen, damit dieses Kind keinen Schnaps trinken muss.
Für Sergej Tenjatnikow ist auch der Tourist ein Eroberer und Zerstörer: du ziehst in eine Stadt wie der Sieger ein /[…] probierst die Lebensweise eines Aristokraten.
Den Ländern des Balkan sei es unmöglich / das gleiche zu träumen (Luljeta Lleshanaku). In Georgi Gospodinovs Abzählreim reimt sich: Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher
Ihr Klagevorrat sei in diesen Tagen wie geplündert, konstatiert Dagmara Kraus. In ihrem wehbuch entwirft die polnisch-deutsche Lyrikerin einen mehrteiligen Zyklus antiker Klageriten. Bei einer Staatsbestattung habe man sich professionelle Träner gegönnt, um angemessen durchzujammern.
Poesie, Tiere und das Vergehen dauern.
In manchen Gegenden gebe es mehr Poeten / als alle Raubtiere zusammen genommen Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis Schmetterling […] beglückt oder beunglückt in Anbetracht / der Tatsache dass er von nirgendwo herflog. Dimitri Wodennikow schreibt seitenlang Verse auf eine Hündin, nach deren Tod sich Gott über ihn beugen werde mit seinem riesigen, listigen Maul wie ein himmlischer Bernhardiner.
Aber wer schert sich heute noch um Lyrik: wie schade, dass man wegen Gedichten /nicht mehr verbannt, getötet wird wie früher (Alexander Kabanow)
So viele Dinge habe man gelernt in diesem Bildungsroman mit Ende, der Tod komme darin nicht vor: zu seinen Schmerzen zu sprechen / an einer Krücke zu gehen / […] und jetzt geht er / vorbereitet auf etwas / das wir nicht kennen (Georgi Gospodinow). meine rippen vermache ich gott zu künftigen evas (Faruk Ŝehiĉ). Wir hatten eine kleine Teenytochter, klagt Nese Yasin. Ein Glaubenwollen [..] Wenn ich sterbe / werde ich so tun als wenn es nicht so wäre / damit du nicht traurig sein musst.
Die Herausgeber deuten es im Vorwort bereits an. Diese Gedichte würden in den hiesigen Lyrikpreismoden vermutlich eher ignoriert: zu wenig ziseliert, zu wenig Pop, zu wenig autonom von den Mühen und dem Saft des gelebten Lebens. Ich finde sie spannend.
Ralf-Rainer Rygulla / Marco Sagurna (Hge.) Der Osten leuchtet: Poetische Töne aus Europa. Axel Dielmann-Verlag Frankfurt, 2022 , großformatiges Paperback 400 Seiten, (ISBN 978-3-86638-306-7)
Heute vor 40 Jahren starb der Schweizer Lyriker Rainer Brambach (* 22. Januar 1917 in Basel; † 14. August 1983 ebenda).
Mond So einfache Sachen wie Kühe melken, Begonien begießen, damit sie nicht welken, Kopfsprung ins Wasser, Rasen mähen, beim Pistonblasen die Backen aufblähen, beim Überqueren der Straße auf Autos achten und nachts den Mond wie Klopstock ihn sah und nachts den Mond wie Goethe ihn sah und nachts den Mond wie Claudius ihn sah und nachts den Mond wie Hebel ihn sah, betrachten.
Aus: Rainer Brambach: Wirf eine Münze auf. Gesammelte Gedichte. Nachwort Hans Bender. Zürich: Diogenes, 1977, S. 42
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
(* um 1622 in Gelnhausen; † 17. August 1676 in Renchen, Hochstift Straßburg)
Lob der guten Käse Simplex: Ich kam einstmals in ein Wirtshaus und fand an der Wand das Lob der gute Käse in folgenden Reimen, die ich meiner Schreibtafel einverleibte: Weißer Texter und Holländer Parmesan-Käs und Friesländer Grüner Käs ist gut und frisch; Voigtländischer Kräuter-Käse, So sie weich, sind gar nicht böse, Alle taugen wohl zu Tisch. Hiernächst Schaf- und Ziegenkäsen Bleibt das Lob im frischen Wesen Auch den, von der Kuh gemacht, Wann sie mit der Milch noch streiten, So sind diese allen Leuten Samt dem Quark für gut geacht. Eier-Käse wohl gewürzet Gelb gemacht, in Topf gestürzet, Ist belobt, gesund und gut. Und die runden Käse-Küchlein Wohlgebacken können gut sein, Machen alle frisch den Mut.
Aus: Poeten tischen auf. Ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwojdrak. Eulenspiegel Verlag Berlin 1978, S. 52
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