Nur weil sie halt geboren sind

Alfred Kerr 

(* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg)

DAS SCHLIMMSTE

Die Juden haben unbestritten 
Von allen Verfolgten das Schlimmste gelitten:
Nicht weil sie politisch verschworen sind —
Nur weil sie halt geboren sind.

(1936)

Aus: AN DEN WIND GESCHRIEBEN. Lyrik der Freiheit. Gedichte der Jahre 1933-1945. Berlin: Agora, 1982 (4. Aufl.), S. 65.

dass man die gorgo nie wird streicheln können

Anne Martin

poetologie eines bevorstehenden unglücks
 
das geräusch wenn man glascontainer leert
alle farben zusammen kippt
 
als wäre am ende egal
wie die dinge geordnet lagen
 
sich distinktes
scherben von gewürzgurken, hustensaft und wein
 
als dröhnendes geröll entlädt
schädeltektonik zum wanken bringt
 
hinter der stirn zwischen den ohren
alles über mir zusammenbricht
 
die altersflecken der buschwindröschen
dass man die gorgo nie wird streicheln können
 
nicht zu sehen was dein schlaf dir träumt
nicht wissen wie seelen überwintern
 
laubhaufen, fotoalben oder dendriden
wie ich satt werden soll
 

seit du nicht mehr isst
so laut der wind das wasser und das nichts

Erscheint in Kürze beim Verlag parasitenpresse

Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte, 86 S., 12,- € (in Vorbereitung für Herbst 2023)

Lärmstadt

Gerrit Engelke 

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich, gefallen heute vor 105 Jahren, wenige Wochen vor Ende der Kampfhandlungen)

DIE STADT LEBT

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage, 
Vom Zeitwind weggeweht.

Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur, 
Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel, 
Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur 
Den trauergroßen, herben Schlafgesang.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen, 
Ob draußen tost Vergänglichkeit, 
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.

Zuerst erschienen 1923. Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover: Postskriptum, 1979, S. 53

Ich 1983

Gisbert Amm

Jungkommunist ich 1983

Ich wusste alles besser als die Alten.
Die Welt war wissenschaftlich klar und aufgeteilt. 
Hätten wir erst die storren Äste abgebeilt, 
würd uns am blanken Stamm der Zukunft nichts mehr halten.

So dachte ich in glatten Fahnenstangen.
Das weitverzweigte Leben war mir eng.
Das Dasein hatte hart zu sein und streng. 
So würden wir ins Reich der Freiheit langen.

Ich wollte nur druckreife Sätze sprechen, 
trank keinen Alkohol und hatte keine Frau, 
und wusste nichts von Stalins Großverbrechen.

Naiv war ich, mit einem Drahtverhau 
im Kopf und einem Großhirn wie ein Rechen. 
Gefahr den Freunden und erbärmlich schlau.

Aus: Gisbert Amm, Semper. Gedichte. Wien: edition fabrik.transit, 2023, S. 14

Dann schöne Welt Ade

Heute vor 65 Jahren starb der süddeutsche Heimatdichter (ja, ja!) Johannes R. Becher. Zum Anlass die erste Strophe seines Gedichts „Traumtod“ in der ersten Fassung.

Johannes R. Becher 

(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)

Die letzten Nächte sollte man verbringen 
Wo voll der Mond scheint und an einem See, 
Am schönsten wäre es in Überlingen 
Am Bodensee
Und wenn die Vögel singen 
Schon drei Uhr früh 
Dann schöne Welt Ade.

Aus: Johannes R. Becher, Gedichte 1949-1958. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973 (Gesammelte Werke Bd. 6), S. 623

DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben

Joan Maragall 

(* 10. Oktober 1860 in Barcelona; † 20. Dezember 1911 ebenda)

DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben 
und alles ist bewegt, Himmel und Wasser; 
der Himmel glänzend blau; der Wind, wild rasend, 
zerfasert oben alle Wolken, jagt sie, 
lässt Fahnen hier und reines Weiß dort flattern, 
verbiegt, zerzaust die Bäume ohne Gnade; 
von überall her ruft's und lärmt's und leuchtet's:
Getöse und Gewühl, dass einem Angst wird.

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Joan Maragall, Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022, S. 127

AVUI EL MAR té vint-i-vuit colors 
i tot està revolt, el cel i l'aigua;
el cel brillant i blau; el vent furiós
hi escotona els núvols i els empaita, 
fa voleiar banderes i blancors, 
retorç i esbulla els arbres amb gran sanya;
tot són crits i sorolls i lluentors 
amb un fresseig i un bellugueig que espanta.

New York

Léopold Sédar Senghor 

(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich) 

New York
(für Jazzorchester: Trompetensolo)

I
New York! Zuerst war ich verwirrt von deiner Schönheit, von den großen
   goldenen Mädchen mit langen Beinen.
So schüchtern zuerst vor deinen Augen aus blauem Metall, deinem 
   Lächeln aus Reif
So schüchtern. Und die Angst tief in den Wolkenkratzerschluchten
Schlug die Käuzchenaugen auf zur verfinsterten Sonne.
Schweflig dein Licht, bleifarben die Schäfte deren Köpfe den Himmel bestürmen,
Die Wolkenkratzer die den Zyklonen trotzen mit stählernen Muskeln und
   ihrer glattgeschliffenen Steinhaut.
Doch vierzehn Tage auf dem kahlen Pflaster Manhattans
– Am Ende der dritten Woche springt wie ein Jaguar dich das Fieber an – 
Vierzehn Tage ohne Brunnen und Weide und alle Vögel der Lüfte
Fallen tot herab zu der Asche auf den Terrassen.
Kein Lachen blühenden Kindes, dessen Hand meine frische Hand faßt.
Keine Mutterbrust – aber Nylonbeine, Beine und Brüste ohne Gerüche und
   Schweiß.
Kein zartes Wort denn es fehlt an Lippen, nur künstliche Herzen mit harter
   Münze bezahlt
Und nirgends ein Buch der Weisheit. Der Malerpalette entblühen Korallen-
   kristalle.
Nächte der Schlaflosigkeit o Nächte Manhattans! Von Irrlichtern durchzuckt und
   Hupen heulen die Leere der Stunden aus.
Und dunkle Wasser spülen all die hygienische Liebe davon wie angeschwollene
   Flüsse Kinderleichen.
III
New York! Ich sage dir: New York laß schwarzes Blut zufließen deinem Blut
Daß es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste
Daß deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit
   der Lianen.
Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Ver-
   söhnung von Löwe, Stier und Baum,
Der Gedanke der Tat verknüpft, das Ohr dem Herzen, das Zeichen dem Sinn.
Da rauschen deine Flüsse von moschusduftenden Krokodilen und wunder-
   äugigen Lamantinen*. Und die Sirenen braucht man nicht zu erfinden.
Doch es genügt schon die Augen dem April-Regenbogen zu öffnen
Und die Ohren, vor allem die Ohren Gott der aus einem Saxophonlachen
   Himmel und Erde erschuf an sechs Tagen
Und am siebenten Tage schlief er den großen Schlaf des Negers.

Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105

*) Lamantin: robbenartig gebaute Tiergattung aus der Ordnung der Wale und der Unterordnung der Sirenen. Mit fast nacktem Fischleib, bläulich-grauer Haut, wenigen borstigen Haaren, stärker beborsteter Oberlippe und vier kleinen Blattnägeln an den Zehen der Brustflossen. Im afrikanischen Mythos trinken die Lamantine (oder Seekühe) noch immer an der Quelle, wie einst, als sie noch Vierfüßler oder Menschen waren. (Ebd.)

A New-York
(pour un orchestre de jazz: solo de trompette)

I
New-York! D'abord l'ai été confondu par ta beauté, ces grandes filles d'or 
   aux jambes longues.
Si timide d'abord devant tes yeux de métal bleu, ton sourire de givre
Si timide. Et l'angoisse au fond des rues à gratteciel
Levant des yeux de chouette parmi l'éclipse du soleil.
Sulfureuse ta lumière et les fûts livides, dont les têtes foudroient le ciel
Les gratte-ciel qui défient les cyclones sur leurs muscles d'acier et leur 
   peau patinée de pierres.
Mais quinze jours sur les trottoirs chauves de Manhattan
– C'est au bout de la troisième semaine que vous saisit la fièvre en un 
   bond de jaguar
Quinze jours sans un puits ni pâturage, tous les oiseaux de l'air 
Tombant soudain et morts sous les hautes cendres des terrasses.
Pas un rite d'enfant en fleur, sa main dans ma main fraîche
Pas un sein maternel, des jambes de nylon. Des jambes et des seins sans 
   sueur ni odeur.
Pas un mot tendre en l'absence de lèvres, rien que des cœurs artificiels 
   payés en monnaie forte 
Et pas un livre où lire la sagesse. La palette du peintre fleurit des cristaux 
   de corail.
Nuits d'insomnie ô nuits de Manhattan! si agitées de feux follets, tandis 
   que les klaxons hurlent des heures vides
Et que les eaux obscures charrient des amours hygiéniques, tels des 
   fleuves en crue des cadavres d'enfants.
IlI
New-York! je dis New-York, laisse affluer le sang noir dans ton sang
Qu'il dérouille tes articulations d'acier, comme une huile de vie
Qu'il donne à tes ponts la courbe des croupes et la souplesse des lianes.
Voici revenir les temps très anciens, l'unité retrouvée la réconciliation du 
   Lion du Taureau et de l'Arbre
L'idée liée à l'acte l'oreille au cour le signe au sens.
Voilà tes fleuves bruissants de caimans musqués et de lamantins aux yeux de 
   mirages. Et nul besoin d'inventer les Sirènes.
Mais il suffit d'ouvrir les yeux à l'arc-en-ciel d'Avril
Et les oreilles, surtout les oreilles à Dieu qui d'un rire de saxophone créa le ciel 
   et la terre en six jours.
Et le septième jour, il dormit du grand sommeil nègre.

Als Dichter begründete Léopold Sédar Senghor zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch, die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“

Reiche Katze und arme Katze

Orhan Veli Kanık

(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda) 

Geschwänztes Gedicht.

WIR PASSEN nicht zusammen, verschieden sind unsere Wege.
Du Fleischerskatze und ich Straßenkatze.
Dein Futter im verzinnten Napf, 
Meins in des Löwen Rachen.
Du träumst von Liebe, und von Knochen ich.

Aber dein Los ist auch nicht grad leicht, lieber Bruder!
Leicht ist's ja doch nicht,
Den lieben langen Tag nur mit dem Schwanz zu wedeln!
Antwort der Fleischerskatze an die Straßenkatze.

DU SPRICHST von Hungrigsein.
Das heißt, du bist Kommunist.
Das heißt, du bist's, der alle Häuser ansteckt –
Du, die in Istanbul 
Du, die in Ankara ...

Was bist du doch für'n Schwein, du!

Deutsch von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag, 1993, S. 204f

die verscheißerung von gesamteuropa

Papenfußserie #6. 1992 erschien erstmals ein Band von Papenfuß in Gerhard Wolfs neuem Verlag janus press (in Zusammenarbeit mit BasisDruck Berlin). Sein Titel war LED SAUDAUS, er enthielt die zwei Zyklen notdichtung (1988) und karrendichtung (1990). Ein Klappentext des Verlegers spricht von „german graffitis in einer unerwarteten Zeit-Dichtung, wie man sie bisher nicht kannte“.

Notdichtung wird in einem Untertitel „eine weitere säule des gesangs“ genannt – der junge Dichter zeichnet sich selbstbewusst-selbstironisch eine historische Dimension. Weiter enthält die Titelseite des Zyklus ein Mottogedicht und eine Unterzeile, die quasi poetischen Standort und Zeit benennt: „ation-aganda-aranyakas, samain 1988“. Die Wörter kannte man aus früheren Veröffentlichungen oder würde sie später wiederfinden. Hier ein Gedicht aus „notdichtung“.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

die verscheißerung 
von gesamteuropa

unter der last einer kinderschar 
der machenschaften der scharfmache 
einer sexualität in expertenhänden 
sich aufplusternder superstrukturen 
allzu hinlänglicher hangschultern 
kleiner diebe von körpersäften 
von toteis, von totmannknopf 
& eines so weiter, das rädert

mit hilfe jedoch unserer freunde 
lockstoffe, fängigster lebendköder 
blinkendsten zuckens, das sprießt 
des uns über gebühren gebührenden 
des selbsterlesenen selbsterlegten 
des schnees, des schauers & des grauens 
all der senge, die wir beziehen mögen 
& des letzten, was uns übrigbleibt

denn es muß uns doch gelingen 
kernbrennstäben, glut & brut 
blühendem kriege, feuer & blut 
sturen strukturen mit vollem spaß 
einen garaus zu garantieren 
der jedem dachdecker droht 
eine ruhe einzurühren, die umhaut 
& eine sinngebung herbeizusinnen

aus dem vollen – in die vollen

Aus: Bert Papenfuß, LED SAUDAUS notdichtung. karrendichtung. Berlin: janus press, 1991, S. 26

Schwanengesang

Horst Bingel 

(* 6. Oktober 1933 in Korbach; † 14. April 2008 in Frankfurt am Main) 

Schwanengesang

Das Leben, die Dichter, das Ende stets 
in Bronze, der Traum vom Kuß der 
Haselnuß, eine Girlande im 
Wind, das Leben, die 
Dichter, ewig, und 
doch, der letzte 
Kuß, das Denkmal, 
ein Taubenklo.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Herausgegeben von Axel Kutsch. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008, S. 241

Johannes Kühn †

Der saarländische Lyriker Johannes Kühn starb am 3. Oktober im Alter von 89 Jahren. Hier ein Gedicht aus seinem Band „Ganz ungetröstet bin ich nicht“ von 2007.

DORFVERÄNDERUNG

Wiedersehn
mit dem alten Freund halt ich, der kann erzählen 
wie ein Brunnen, doch ich täusch mich, 
denn er klagt, als sei ich zu beschuldigen, fragt, 
wo die alten Kirschbäume hingekommen sind, 
und der alte Landweg mit braven Kieselsteinchen 
wurde schwarz aus Teer.
Der verrohrte Bach 
schickt kein Murmeln mehr.
Vögel sind ausgewandert, 
Gärten eingeebnet zu einem Platz 
für parkende Wagen.
Ja, was hat er denn, 
so sieht es heut aus!
Firmen mit vielen Arbeitern wirkten hier.
Meint er, daß diese Flur, die verschwand, 
mir gehört, mir unterstanden hat?
Ich bin kein Bürgermeister, 
ich ging durchs Dorf 
wohl früher auch beseligt hin.
Stehn ließ ich den Freund.
Unschuldig bin ich.
Lang schon trag ich den Hut des Verlachten.

Aus: Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hrsg. Irmgard und Benno Rech. München: Hanser, 2007, S. 57.

Letzte Buchung

Peter Wawerzinek

Testament

Ich möchte keinen Menschen kennen 
der mir ein Grab schaufelt.
Ich will dass der Totengräber auf Magma trifft.
Ich möchte nicht dass eine Frau 
nach meinem Abgang mein Bett macht.
Ihren Pinscher hineinlebt.
Im Alter möchte ich keine Anerkennung.
Niemanden an meinem Grab sehen.
Ich will keine Ehrenloge. Keinen Platz 
neben besseren Toten.
Jahre in einem Hemd 
immer eine Jeans 
woher der Mantel stammt 
vergessen.

Rotkohl und Stampfkartoffeln. An Jubeltagen 
laute Gesänge und Zähneknirschen. Wie Nebel 
so dick das Gebrüll der Lautsprecher.

Wer hörte die alte Frau im Hausflur Böses reden.
Der Glanz ihrer Haare. Erinnerte an Rauch.

Aus: Peter Wawerzinek: Die letzte Buchung. Gedichte. Hrsg. Urs Engeler und Christian Filips. Magdeburg, Berlin u. Schupfart, September 2023, S. 64

ich weiß

Papenfußserie #5. Noch ein Buch aus dem Jahr 1990.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

w i s s e n  &  m a c h t

ich weiß
daß du weißt 
daß ich weiß
daß du nicht weißt 
& zwar weder ein noch aus
– ach, mach dir nichts draus

du weißt 
daß ich weiß 
daß du weißt 
daß ich nicht weiß 
& zwar weder ein noch aus
– das macht mir nichts aus

weißt du
»was weiß ich« 
daß wir wissen 
daß wir nicht wissen 
& zwar weder ein noch aus
– wie man's macht, macht man's

Aus: Vorwärts im Zorn. Mit Grafiken von Strawalde. Berlin: Aufbau Verlag 1990, S. 53

Der Gast

Sabahettin Kudret Aksal

(* 25. April 1920 Istanbul, † 19. April 1993)

Der Gast.

ES SCHELLTE
Herein kam 
der Kirschbaum.

Aus dem Türkischen von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln:Önel, 1993, S. 216

AI sagt dazu:

„The poem is short and concise. The use of imagery with the arrival of the cherry tree creates a vivid and intriguing scene. The translation by Annemarie Schimmel maintains the essence of the original Turkish poem. Well done!“

warum ist diese welt so schlecht

Konrad Bayer 

(* 17. Dezember 1932 in Wien; † 10. Oktober 1964 ebenda)

marie dein liebster wartet schon 

marie dein liebster wartet schon 
mit einer stange von beton
in seiner guten sanften hand 
im haar trägt er ein seidenband 

er schlägt den prügel dir ums ohr 
da spritzt das blut gar hell empor 
dein neuer hut er ging entzwei 
ihm war das alles einerlei 

warum geht er so eilends fort 
warum spricht er kein einzig wort 
was hat den knaben so bewegt 
dass er dich einfach niederschlägt

er war so still er war so zart 
sein kinn war weich und unbehaart 
wer hätte das von ihm gedacht 
marie er hat dich umgebracht 

hat grausam dir und ohne grund 
zerschlagen deinen rosenmund
nun liegst du hier und kannst nicht fort 
die strasse ist ein schlimmer ort 

zu sterben denn es schickt sich nicht 
dass man im freien augen bricht 
warum ist diese welt so schlecht 
warum war er so ungerecht

Aus: Konrad Bayer, Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Überarb. Neuausgabe 1996. Wien: ÖBV–Kledtt-Cotta, 1996, S. 95