Nachschrift

In der Ausgabe 48 der Zeitschrift Abwärts! Zweite Stufe der Vorarbeit rufen Henryk Gericke, Andreas Hegewald und Kristin Schulz dem am 16. Mai verstorbenen Lyriker Andreas Koziol nach. Dazu dieses Gedicht von Koziol.

Nachschrift

Herbste haben aufgehört zu malen 
Nackte Ufer. Blätter auf dem Dach 
Nebelwände. Echos von Signalen
Augenlose Träume liegen wach

Wolken wie die Asche großer Tiere
Sterne fallen lautlos in den Müll
Schweigen ist ein Spiel das ich verliere
Heimweg ein romantisches Fossil

Baumskelette. Schwarze Hieroglyphen
Monde narbenglühenden Gesichts
Baugelände wo einst Tote schliefen
Herzerbarmen. Warnung vor dem Nichts

Andreas Koziol, aus: Gedichte, Das Zündblättchen 92, Heft 2, Edition Dreizeichen Meißen, 2019.

DOBROVSKÝS TOD

Jan Skácel 

(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)

DOBROVSKÝS TOD *

Er glaubte er würde im Wald eine Pflanze finden 
die alle Kranken heilen
die Toten zum Leben erwecken könnte

Er selbst glich jenem Gewächs
ließ die tschechische Sprache aus dem Reich der Toten auferstehn

Damals im Winter
als er bei uns in Brünn im Sterben lag 
erblühten rings um die Stadt die Maiglöckchen 
bevor der erste Schnee fiel

Was bleibt über ihn sonst noch zu berichten

Er hatte blaue Augen
trug blaues Schuhwerk Mantel einen blauen Schal

Ein Gelehrter war er und ein schöner Mann

Und mußte doch so einsam sein 
als er in jenem einzigen ganz großen Augenblick

alles zu wissen bekam und alles Wissen für immer verlor

*) Josef Dobrovský (1753- 1829), Literatur- und Sprachhistoriker, verfaßte u. a. eine »Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur« (1792; 1818).

Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel: Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Auf.), S. 21

Kleine Gesten

Jannis Ritsos 

(Γιάννης Ρίτσος Yiannis Ritsos, * 1. Mai 1909 in Monemvasia; † 11. November 1990 in Athen)

Sie sprechen, lachen, schrein, 
streiten sich.
Entrollte Fahnen.
Explodierende Kisten.

Du
löstest dein Haar, 
deponiertest im Schubfach 
deine Uhr, 
legtest dich hin.
Das Bett wuchs
bis zu zwei Drittel der Welt.

Nach dem Beischlaf 
nahmst du wieder deine Uhr, 
schautest darauf.
Nichts war mit der Zeit.

Kleine Gesten, 
unbedeutende, 
internationale, 
und die Nelken 
und dein Blut.

                           Kalamos, 17.10.81

Deutsch von Asteris Kutulas, aus: Jannis Ritsos: Halbkreis. Erotika. Griechisch-Deutsch. (Griechische und deutsche Erstveröffentlichung). Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1989

450. Geburtstag: Theobald Hock

Theobald Hock (oder Hoeck)

(* 23. August 1573, heute vor 450 Jahren, in Limbach bei Homburg; † nach 1624)

Theobald Hock war ein Diplomat und ein Pionier der neueren deutschen Dichtung. Er wollte sie – vor Opitz – durch sein Beispiel reformieren. Ein kräftigerer Dichter war er auch. Dafür spricht dieses, sein wohl bekanntestes Gedicht.

Von Art der Deutschen Poeterey

DIe Deutschen haben ein bsonder art und weise /
Daß sie der fremden Völcker sprach mit fleisse /
Lernen und wöllen erfahrn /
Kein müh nicht sparn /
In jhren Jahren.

Wie solches den ist an ihm selbs hoch zloben /        |  ihm: sich
Drauß man ihr geschickligkeit gar wol kan proben /
Wenn sie nur auch ihr eygene Sprachen /
Nit vnwerth machen /
Durch solche sachen.

Denn ander Nationen also bscheide /
Ihr Sprach vor andern loben und preisen weidte /
Manch Reimen drin dichten /
So künstlich schlichten /
Vnd zsammen richten.

Wir wundern vns daß die Poeten gschriben /
So künstlich Vers vnnd Meisterstück getrieben /
Daß doch nicht ist solch Wunder /
Weil sie gschrieben bsunder /
Ihr Sprach jetzunder.

Den sein Ovidius vnd Maro Glerte /       | M.: Vergil. G.: Gelehrte
Nit gwesen Reimer also hoch geehrte /    | Reimer: Dichter
Die sie in der Mutter Zungen /
Lateinisch gsungen /
Daß jhnen glungen. 

Warumb sollen wir den vnser Teutsche sprachen /
In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen machen /
Und deutsches Carmen schreiben /
Die Kunst zutreiben /
Bey Mann vnd Weiben. 

So doch die Deutsche Sprach vil schwerer eben /
Als ander all / auch vil mehr müh thut geben /
Drin man muß obseruiren /
Die Silben recht führen /
Den Reim zu zieren.    | R.: Vers

Man muß die Pedes gleich so wol scandiren /
Den Dactilum vnd auch Spondeum rieren /    | r.: rühren
Sonst wo das nicht würd gehalten /
Da sein dReim gespalten /
Krumb und voll falten.

Vnd das noch schwerer ist so sollen die Reime /
Zu letzt grad zsammen gehn vnd gleine /    | die Verse sollen hinten reimen 
Das in Lateiner Zungen /
Nit würdt erzwungen /
Nicht dicht noch gsungen.    | d.: gedichtet

Drumb ist es vil ein schwerer Kunst recht dichten /
Die Deutsche Reim alls eben Lateinisch schlichten / 
Wir mögen new Reym erdencken /
Vnd auch dran hencken / d.h.: danach trachten
Die Reim zu lencken.

Niembt sich auch billich ein Poeten nennet /      | N.: Niemand
Wer dGriechisch und Lateinisch Sprach nicht kennet /
Noch dSingkunst recht thut richen /    | ri.: beherrschen
Vil Wort von Griechen /
Ins Deutsch her kriechen.

Noch dürffen sich vil Teutsche Poeten rühmen /
Sich also schreiben die besser zügen am Riemen /
Schmiden ein so hinckets Carmen /    | h.: hinkendes
Ohn Füß vnnd Armen /
Das zuerbarmen.

Wenn sie nur reimen zsammen die letzte Silben /
Gott geb wie die Wörter sich vberstilben /    
Das jrret nicht ihre zotten /   | z.: Gewirr
Ein Handt voll Notten /     | Noten
Ist bald versotten.

O wenn sie sollen darfür an dHacken greiffen /
Vnd hacken Holtz / wenn es nit khride zu Pfeiffen /     | k.: geriete
Khridts doch zu Poltzen selber /       | P.: Taktstock
Sie trügen doch gelber /    | g.: heller, besser
Für Lorber Felber.   | statt Lorbeer Weidenkränze

Aus: Schönes Blumenfeld. Ausgewählte Gedichte, hrsg. Bernd Philippi und Gerhard Tänzer. Frühneuhochdeutscher Text mit einer Version in moderner Schreibweise. Saarbrücken: Conte Verlag 2007, S. 42ff

Dein-und-mein-Lied

Martin Pohl 

(* 28. März 1930 in Festenberg, Schlesien, heute  Twardogóra; † 23. September 2007 in Neubrandenburg)

DAS DEIN-UND-MEIN-LIED
oft gesungen mit Heiner, dem Müllerburschen

Dein Bauch ist ein voller Bauch, 
Meiner ist ein leerer.
Voller Bauch und leerer Bauch
Welcher Bauch ist schwerer?

Dein Schuh ist ein ganzer Schuh, 
Meiner ein entzweier.
Deiner einen Sechser kost', 
Meiner einen Dreier.

Dein Bett ist ein reines Bett, 
Meins ist ein beflecktes.
Du schläfst rein, ich schlafe raus:
Freilich beiden schmeckt es.

Dein Sorg ist 'ne kleine Sorg, 
Meine eine große.
Wenn dir's um den Braten geht, 
Geht's mir um die Soße.

Dein Gott ist ein reicher Gott, 
Meiner ist ein armer.
Deiner ist ein Halsabschneid', 
Meiner ein Erbarmer.

Dein Hund ist ein braver Hund, 
Meiner ist ein böser.
Deiner bellt und meiner pißt
An die Welterlöser.

Aus: Martin Pohl, Gedichte 1950-1995. Berlin: UVA, 1995, S. 16f

Ich

Jörg Fauser 

(* 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München) 

Ich

Ich bin er 
der ihr nicht sein wollt
der Verletzlichste
eingeübt
in das Ungeordnete 
ein Finger
über die Schmerzgrenze gestreckt

und alles
was ihr mir anhabt 
habe ich mir selbst angetan
bin mit meinen Füßen gelaufen
wundenbesohlt
im Traumscheideland

seht mich Abschied nehmen 
und getrost auf Verlassenheit bauen 
meine winzige Hütte 
aus Herbststroh 
und einem Rauchfaden
unausgesprochener Hoffnung
der über die Grenze zieht

1966

Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 35

Fußabdruck im Hirn

Thorsten Krämer

Von Parkplatz zu Parkplatz, lost in 
transition: Für den Passanten beginnt die Dichtung 
beim Aussteigen. Die Zielgerichtetheit der Schritte sei

dagegen eine Fehlinformation, ein Ablenkungsmanöver 
ungewissen Ausgangs. Oder ist das Gehen gar nicht die 
Bewegung, nur deren Auftakt? So sagen es

die rhythmisch leicht Beschränkten, die sich im 
Sicheren wiegen. Doch sie irren. Da ist kein 
Überblick, kein Handlungshorizont. Bloß diese

fatale Neigung zur Halbtotalen, ein Fußabdruck 
im Hirn.







                                                     NASHVILLE, TENNESSEE

Aus: Thorsten Krämer, The Democratic Forest. Gedichte. Berlin: BRUETERICH PRESS, 2018, S. 25

all around

Aus: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik #173/2023 (Rücktitel)

Denn alle Dinge wollen uns ergreifen

Elisabeth Kottmeier

(* 31. Juli 1902 in Sandowitz (Schlesien); † 11. Januar 1983 in Stuttgart)

Stilleben
(Georges Braque)

Sie lassen sich von jeder Hand ergreifen, 
gewöhnlich, zum Gebrauch – die Frucht, der Krug.
Bis einer fühlt: Daß sie sich nie verweigern, 
ist Warten nur, ob anders sie begreifen 
das Auge und die Hand, einmal genug, 
sie ganz in ihres Wesens Sinn zu steigern.
Das ist der Krug: Gefülltsein. Frucht ist: Reifen.

Denn alle Dinge wollen uns ergreifen.

Aus: Elisabeth Kottmeier: Die Stunde hat sechzig Zähne. Gedichte posthum. Ausgewählt und herausgegeben von Reiner Kunze. Mit einem Vorwort von Petra Köhler. Hauzenberg: Edition Toni Pongratz, 1984 (unpag.)

Der Wind mit leichtem Handgepäck

Herta Müller 

(* 17. August 1953 in Nițchidorf, Rumänien)

Aus: Herta Müller, Im Heimweh ist ein blauer Saal. München: Hanser, 2007

Sensible Wege. Reiner Kunze zum 90.

L&Poe Journal #03

Reiner Kunze (* 16. August 1933 in Oelsnitz/Erzgeb.)

1968 erschien als Nummer 11 der Heftreihe Poesiealbum ein Heft mit Gedichten von Reiner Kunze. Es wurde ein Geheimtipp unter Eingeweihten, Verse als Schibboleth:

einladung zu einer tasse jasmintee

Treten Sie ein, legen Sie Ihre 
traurigkeit ab, hier 
dürfen Sie schweigen

Verse als Trost. Von Kunze hatte man Vages gehört, er galt als halb verboten oder zumindest unbequem. Im ersten Gedichtband von Volker Braun, Provokation für mich (1965) gibt es ein Gedicht mit dem Titel R. In einer dem Buch vorangestellten Anmerkung schreibt Braun: „R. ist meinem Freund Reiner Kunze, gebürtig zu Oelsnitz im Erzgebirge, gewidmet.“ Das Gedicht spricht vom Verlorengehen, es endet so:

2
Darf auch nur ein Mensch
Allein treiben im Schiff seiner Lust?
Darf auch nur ein Mensch
Fliegen am Mast seiner Ungeduld?
Darf auch nur ein Mensch
Verlorengehn?

3
Hier?

Lesenlernen konnte heißen, den intertextuellen Verweisungen der Dichter nachzugehen. Speziell bei Volker Braun auch, die Veränderungen von Auflage zu Auflage zu kollationieren (das Wort lernte ich später im Germanistikstudium, aber ich praktizierte es schon). (Manche meiner westdeutschen Freunde mögen meinen Hang zur Philologie für altmodisch-ideologisch halten – ich glaube, dass er im Zwang meiner damaligen Lektüre wurzelt, durch genaues Hinsehen zu verstehen, was kein Lehrer und kein Spiegel erklärte.) 1973 erschien Brauns Band in vierter Auflage, der Waschzettel sagt nur: „Vierte Auflage. Die Sammlung in ihrer endgültigen Gestalt.“ Das Gedicht für Kunze ist noch drin, im Wortlaut unverändert, nur heißt der Titel jetzt „Einer“ statt „R.“ Die Anmerkungen stehen jetzt nicht mehr vorn, sondern hinten im Buch, diese eine lautet jetzt „Einer erinnert an Reiner Kunze.“ Wichtig für den DDR-Leser war nicht, ob die Freundschaft in die Brüche gegangen war, sondern dass der Name noch genannt wird. Das übliche stalinistische Verfahren, das auch im Poststalinismus meiner Jugend noch unverändert praktiziert wurde, war, missliebige Namen zu verschweigen.

Ich lebte in der Provinz, in der Region Weißenfels, Poesiealbum gab es für 90 Pfennig am Zeitungskiosk. Das Poesiealbum 11 wurde übrigens im August 1968 ausgeliefert, exakt am Tag des Einmarsches der „Bruderstaaten“ in die Tschechoslowakei, um den dortigen Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz abzuwürgen. Bestimmt gab es viel Stress im Verlag dann.

Ein weiteres Schlüsselgedicht aus dem Poesiealbum.

sensible wege

Sensibel
ist die erde über den quellen: kein baum darf 
gefällt, keine wurzel 
gerodet werden

Es sei 
bei strafe des versiegens

Wie viele bäume werden 
gefällt, wie viele wurzeln 
gerodet

in uns

Seit jener Zeit habe ich die Angewohnheit, Gedichte so oft zu lesen, dass Fragmente und ganze Gedichte im Gedächtnis haften. So auch dieses. Deshalb stolpere ich jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht in einer anderen Ausgabe als dem Poesiealbum von 1968 lese, über eine kleine Abweichung. In dem bei Rowohlt zuerst 1969 erschienenen Band Sensible Wege (den ich erst viel später kaufen konnte) lauten die Zeilen 5 und 6:

Die quellen könnten
versiegen. 

Kein großer Unterschied, aber mein Rhythmusgedächtnis schlägt Alarm.

Ein paar Jahre später, im Studium in Rostock, gab es einen Literaturklub, eine Freundin arbeitete dort mit. Volker Braun, Bernd Jentzsch, Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries, viele lasen dort. Ich schlug der Freundin vor, Kunze einzuladen. Der Vorschlag wurde angenommen, Träger des Literaturklubs war die Jugendorganisation FDJ (die Macher waren aber eben Studenten). Kunze antwortete auf die Einladung: er sei es nicht gewöhnt, dass die FDJ ihn einlade, und wohl auch, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen könne. Wenige Jahre später wurde er aus dem Land getrieben.

Gut für die Dichter

Volker Sielaff

Poetik VI

Ich frage den Kellner:
 »Kennst du Ismail Kadare?«
»Junge, das ist unser Größter, 
aber lies auch Naim Frashëri!«

Man muss die Leute fragen, 
ob sie ihre Dichter kennen.
Das ist gut für die Dichter:
So wächst ihr Ruhm.

Aus: Volker Sielaff: Ovids Würfelspiel. Epigramme und andere kurze Gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2023, S. 21

Der Osten leuchtet

L&Poe Journal #03

Lyrik zum Schmökern

Das pralle peinliche Leben verdichtet im Kompendium „Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa“, hg. v Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna

Von Paula C. Georges

Im Dorf / bleibt der Mensch mit sich selbst allein  (Gleb Schulpjakow)

Dafür knallt der Schmerz Nummer dreizehn richtig  (Waleri Semskich)

Ein Lesemarathon sei das gewesen. Jedes einzelne in Frage kommende Gedicht abgeschrieben, vorgelesen, der besonderen poetischen Töne wegen, die im Westen so nicht praktiziert würden.

92 Autor:innen mit Wurzeln aus 21 Ländern und ihre Übersetzer:innen haben die Herausgeber schließlich ausgewählt in ein 400 Seiten schweres, großzügig gesetztes Kompendium. Und das Schönste: Es wird nie langweilig zu lesen!

Witz, Wut, Widerstand prägen den Beat dieser erzählenden Verse.

Wortbabys suchten mit dem Mund die Brüste der Dinge.  (Rodica Draghincescu). Und die Dinge phantasmagorieren: Ottó Tolnai, findet in einem Handschuh ein fünfgliedriges Engelsgeschlechtsteil.  Gleb Schulpjakows Mantel macht sich über einen Menschen her: und der Mensch hängt in der Garderobe, /vergessen, nutzlos, / und atmet schwer, / mit dem ausgestreckten / rosafarbenen Futter 

Mütter und Väter werden besungen, Alltag, der Nonsens der Politik.

Meine Mutter ist mein Kind: Lasst uns unsere Mutter wie ein Kind adoptieren […] Lasst sie ihre grauhaarigen Köpfe an unsere Brust lehnen … ein Wiegenlied für die Hände meiner Mutter. ( Likokeli, Albanien)

Der Dichter Nschan Abasjan aus Armenien schreibt ein Gedicht über seinen Vater,  der sich nicht mit wichtigen Weltfragen befasst. Vielmehr versuche er mit einer Kerze die jungen Gemüsepflanzen vor dem Erfrieren zu retten.

Keine Angst vor dem Gewöhnlichen: Ein Apfelstrudelrezept sei die Lyrik, die seine Mutter lese, so Georgi Gospodinov: bäckst du es, wird es Strudel, doch bis dahin ist es ein Gedicht. Grüß dich, Drillbohrer  – Semjon Hanin über eine Kunden-Handwerker-Situation. Nicht aufgeben, nicht aufgeben, ermuntert Jan Faktor einen jungen Georg, dessen leer gebliebene Folgen vergeblicher Lyrikversuche komisch gelistet werden. 

Manche Gedichte entstehen, indem sie ihr Verhindern beschreiben: Selbstironisch zählt Eka Kewanischwili  in einem langen Haushaltstagstext auf, wie ein Gedicht dann schließlich nichtsdestotrotz entsteht: Und wusch / und bügelte und räumte auf / und wischte ab. / Und schrieb dies hier, dieses Gedicht das Eka Kewanischwili / schon den ganzen lieben Tag lang schreiben wollte. 

Staat und Gesellschaft kommen nur despektierlich oder als Tortur vor: in der Nähe tagte das Kroatische Parlament, / deshalb ist mir nur Unsinn eingefallen, / gefährlicher Unsinn. (Marco Pocaĉar)

Andrei Sen-Senkow, berichtet von ausgeklügelten minimalinvasiven Methoden der Stasi, die Menschen in ihren Wohnungen um den Verstand bringen … über Monate hinweg. In Arpi Woskanjans, Seminar über Staatsführung wird vor Rückzug und Einsamkeit gewarnt, weil der einsame Mensch nachdenkt und daraus kein / Nutzen erwächst, sondern nur Gefahr.

Gewalt, Krieg – so präsent,  dass Bela Chekurishvilis Stimmen behaupten: Das ist doch gar kein echter Krieg […] Wir haben uns an diesen Krach gewöhnt./ Sie schießen ja auch nicht rund um die Uhr / und die Milizen lernen langsam, wie man sich benimmt, / sie sind jetzt schon viel netter als am Anfang.

Anna Terék aus Serbien findet die zerschossenen Scheiben /der Autos am schönsten. lma Rakusa betrachtet eine Brille:  ein Flaumgewicht / der es trug, fiel auf  einem / Feld in Galizien neunzehn / hundertsechzehn […] Blicke, die sich in keinem Jenseits treffen.

Diese Nacht, wie Panzer rollt sie / über mein Hirn, schreibt Amanda Aizpuriete, Lettland. Miodrag Pavlović aus Serbien ist sich sicher: sie werden dem neuen Sterben ihre Jugend leihen. Von unseren Sofatruppen spricht der Ukrainer Alexander Kabanow  in Facebook-Post. Aber: wir hören nicht auf zu singen / über dem Abgrund des Krieges, versichert (sich?) der Belarusse Dimitri Strozew.

Eine auf Alkoholismus konditionierte uniformierte Männlichkeit bedroht Frauen, Kinder, Andersartige. Scharen von Neonazis schwankten wie Algen. (Sergej Tenjatnikow). Anna Teréks  Jelena hofft, nie wieder einen Jungen zu bekommen, damit  dieses Kind keinen Schnaps trinken muss.

Für Sergej Tenjatnikow  ist auch der Tourist ein Eroberer und Zerstörer:  du ziehst in  eine Stadt wie der Sieger ein /[…] probierst die Lebensweise eines Aristokraten. 

Den Ländern  des  Balkan sei es unmöglich / das gleiche zu träumen  (Luljeta Lleshanaku). In Georgi Gospodinovs Abzählreim reimt sich: Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher 

Ihr Klagevorrat sei in diesen Tagen wie geplündert, konstatiert Dagmara KrausIn ihrem wehbuch  entwirft die polnisch-deutsche  Lyrikerin einen mehrteiligen Zyklus antiker Klageriten.  Bei einer Staatsbestattung habe man sich professionelle Träner gegönnt, um angemessen durchzujammern.  

Poesie, Tiere und das Vergehen dauern.

In manchen Gegenden gebe es mehr Poeten / als alle Raubtiere zusammen genommen Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis Schmetterling […] beglückt oder beunglückt in Anbetracht / der Tatsache dass er von nirgendwo herflog. Dimitri Wodennikow schreibt seitenlang Verse auf eine Hündin, nach deren Tod sich Gott über ihn beugen werde mit seinem riesigen, listigen Maul wie ein himmlischer Bernhardiner. 

Aber wer schert sich heute noch um Lyrik:  wie schade, dass man wegen Gedichten /nicht mehr verbannt, getötet wird wie früher (Alexander Kabanow) 

So viele Dinge habe man gelernt in diesem Bildungsroman mit Ende, der Tod komme darin nicht vor: zu seinen Schmerzen zu sprechen / an einer Krücke zu gehen / […]  und jetzt geht er / vorbereitet auf etwas / das wir nicht kennen  (Georgi Gospodinow). meine rippen vermache ich gott zu künftigen evas (Faruk Ŝehiĉ). Wir hatten eine kleine Teenytochter, klagt Nese Yasin. Ein Glaubenwollen [..]  Wenn ich sterbe / werde ich so tun als wenn es nicht so wäre / damit du nicht traurig sein musst. 

Die Herausgeber deuten es im Vorwort bereits an. Diese Gedichte würden in den hiesigen Lyrikpreismoden vermutlich eher ignoriert: zu wenig ziseliert, zu wenig Pop, zu wenig autonom von den Mühen und dem Saft des gelebten Lebens. Ich finde sie spannend.

Ralf-Rainer Rygulla / Marco Sagurna (Hge.) Der Osten leuchtet: Poetische Töne aus Europa.  Axel Dielmann-Verlag Frankfurt, 2022 , großformatiges Paperback 400 Seiten, (ISBN 978-3-86638-306-7)

So einfache Sachen

Heute vor 40 Jahren starb der Schweizer Lyriker Rainer Brambach (* 22. Januar 1917 in Basel; † 14. August 1983 ebenda).

Mond

So einfache Sachen wie Kühe melken, 
Begonien begießen, damit sie nicht welken, 
Kopfsprung ins Wasser, Rasen mähen, 
beim Pistonblasen die Backen aufblähen,

beim Überqueren der Straße auf Autos achten

und nachts den Mond wie Klopstock ihn sah 
und nachts den Mond wie Goethe ihn sah 
und nachts den Mond wie Claudius ihn sah 
und nachts den Mond wie Hebel ihn sah, 
betrachten.

Aus: Rainer Brambach: Wirf eine Münze auf. Gesammelte Gedichte. Nachwort Hans Bender. Zürich: Diogenes, 1977, S. 42

Käslob

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen 

(* um 1622 in Gelnhausen; † 17. August 1676 in Renchen, Hochstift Straßburg) 

Lob der guten Käse

Simplex:
Ich kam einstmals in ein Wirtshaus und fand an der Wand das Lob der gute Käse 
in folgenden Reimen, die ich meiner Schreibtafel einverleibte:

Weißer Texter und Holländer
Parmesan-Käs und Friesländer
Grüner Käs ist gut und frisch;
Voigtländischer Kräuter-Käse, 
So sie weich, sind gar nicht böse, 
Alle taugen wohl zu Tisch.

Hiernächst Schaf- und Ziegenkäsen
Bleibt das Lob im frischen Wesen 
Auch den, von der Kuh gemacht, 
Wann sie mit der Milch noch streiten, 
So sind diese allen Leuten
Samt dem Quark für gut geacht.

Eier-Käse wohl gewürzet
Gelb gemacht, in Topf gestürzet, 
Ist belobt, gesund und gut.
Und die runden Käse-Küchlein 
Wohlgebacken können gut sein, 
Machen alle frisch den Mut.

Aus: Poeten tischen auf. Ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwojdrak. Eulenspiegel Verlag Berlin 1978, S. 52